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Morgendämmerung der Neuzeit


Sonah - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 10.06.2020

„… Lorenzetti, Perugino, Botticelli …“ und unsere Region


Artikelbild für den Artikel "Morgendämmerung der Neuzeit" aus der Ausgabe 3/2020 von Sonah. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sonah, Ausgabe 3/2020

Sandro Botticelli (Werkstatt), Madonna mit Kind und Engeln, um 1480-90, Lindenau-Museum Altenburg


Es war eine besondere Epoche des Aufbruchs, die als „Renaissance“ in wohlhabenden Städten Italiens wie Florenz, Siena oder Perugia ihren Anfang nahm – die damals dort entstandenen Gemälde sind bis heute weltberühmt. Einige davon zeigt das Saarlandmuseum zurzeit in der Ausstellung „… Lorenzetti, Perugino, Botticelli …“. Doch lassen sich die Entwicklungen der Zeit auch in hiesigen Malereien erkennen? Ein Blick auf die Bilder der Ausstellung und unsere ...

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... Region.

Der junge Pietro Perugino begab sich als angehender Maler nach „Florenz, voll Verlangen, durch Tüchtigkeit ein ehrenvolles Ziel zu erreichen. Dort blieb er viele Monate, ohne auch nur ein Bett zu haben, schlief in einem Kasten, verwandelte Nacht in Tag und widmete sich pausenlos den Studien seines Berufes. Dies ward ihm zur Gewohnheit, er kannte kein anderes Vergnügen mehr, als sich immer in seiner Kunst zu mühen und immer zu malen.“ Ähnlich soll es Sandro Botticelli ergangen sein: „Sandro, der viel Geschick besaß und sich ausschließlich mit Zeichnen beschäftigte, wurde – durch jenen Umgang – von Liebe zur Malerei ergriffen und fasste den Entschluss, sich ganz ihr zu widmen. (…) hierbei strengte er sich nach Kräften an, alle Meister seiner Zeit (…) zu übertreffen“. Wenn Giorgio Vasari dies um 1550 auch nur durch Hörensagen über Perugino und Botticelli niederschreiben konnte, so besteht doch über eines kein Zweifel: Das Italien des 15. Jahrhunderts brachte Künstler hervor, die ihr Schaffen anders als ihre Vorgänger nicht mehr als bloßen Beruf betrachteten, sondern beseelt von einem neuen Bildungseifer und persönlichem Ehrgeiz danach strebten, Ungeahntes zu erreichen. Giorgio Vasari, selbst Künstler und zudem so etwas wie ein früher Kunsthistoriker, berichtet von ihnen in seiner Schrift „Lebensläufe der berühmtesten Baumeister, Maler und Bildhauer“ – außer von Perugino und Botticelli auch etwa von Luca Signorelli, Filippo Lippi oder Domenico Ghirlandaio. Diesen sowie weiteren meisterhaften Malern der Epoche, außerdem Wegbereitern aus früheren Jahrhunderten, begegnet man in der Ausstellung „… Lorenzetti, Perugino, Botticelli …“, die die Stiftung Saarländischer Kulturbesitz zurzeit in der Alten Sammlung des Saarlandmuseums am Saarbrücker Schlossplatz zeigt. Zu sehen sind insgesamt 60 Exponate, allesamt Leihgaben des Lindenau-Museums im thüringischen Altenburg, das eine der weltweit größten und bedeutendsten Sammlungen zur italienischen Malerei des 13. bis 15. Jahrhunderts besitzt. Dass ein Teil davon im Saarland weilt, nehmen wir zum Anlass, die Malerei dieser Zeit etwas genauer zu betrachten – in Italien wie auch bei uns in der Region. Findet man auch hier den neuen Geist der damals aufstrebenden Kunstzentren wie Florenz, Siena oder Perugia? Wir waren in der Ausstellung und haben gemeinsam mit Kurator Thomas Martin die Altenburger Schätze besucht.

Der Drang der italienischen Künstler, neue Wege zu gehen, kam nicht von ungefähr, sondern hatte eine Vorgeschichte, die bereits im Mittelalter ansetzt. Damals begegneten Bilder den Menschen so gut wie nur in den Kirchen. Sie zeigten Christus, Maria oder die Heiligen und zwar als unnahbare, anbetungswürdige Figuren – statisch, flächig, regungslos und vor goldenem oder einfarbigem Hintergrund, der verdeutlichte, dass sie nicht unserer Welt angehören, sondern einer übergeordneten Sphäre jenseits von Raum und Zeit. Bestimmte Kleidung oder Attribute wie beispielsweise ein Schlüssel oder ein Buch wiesen auf die zugehörige Legende hin und machten die Figuren so identifizierbar. Es handelte sich um Kultbilder, reduziert auf das Wesentliche. Ein Beispiel dafür ist unter den Bildern der Ausstellung etwa Lippo Memmis „Thronende Maria mit Kind“ (ca. 1320/22). Das Schimmern des Goldhintergrundes wird hier in den Heiligenscheinen sowie rahmenartig an den Bildrändern noch intensiviert durch „Punzierung“, das heißt feine, eingeprägte Muster.

Ab dem 13. Jahrhundert bahnte sich eine Veränderung an, woran die Bettelorden, vor allem die Franziskaner, großen Anteil hatten. Sie propagierten eine neue Spiritualität, ausgerichtet auf Armut, echte innere Verbundenheit mit Gott und damit insbesondere Mitleiden mit dem gekreuzigten Christus. Im Sinne dieses neuen Glaubensverständnisses rückten die Wundertaten und Auferstehung Christi in den Hintergrund, sein Leiden am Kreuz und seine menschliche Seite in den Vordergrund. Passionsdarstellungen wurden neben Mariendarstellungen zum beliebtesten Thema. Um die Gläubigen wahrhaft zu berühren, waren die erhabenen, unnahbaren Andachtsbilder jedoch wenig geeignet und so änderte sich die Darstellung: Emotionen kehrten in das Bild ein – bei der Kreuzigungsszene zeigen die Anwesenden nun Trauer und Entsetzen, so in der Ausstellung beispielsweise bei dem der Sienesischen Schule zugeordneten „Christus am Kreuz“ (ca. 1370/80). Doch dies war nur ein erster Schritt. Damit die Betrachter sich mit den Figuren in den biblischen Lebenswelten wirklich identifizieren konnten, mussten diese in unsere diesseitige Welt von Raum und Zeit eintreten: Sie wurden mehr und mehr von Landschaftselementen wie Pflanzen und Felsen oder von Architektur umgeben. Oft wurden sie nun nicht mehr nur mit Attributen ausgestattet, sondern in das Geschehen ihrer Legende hineinversetzt. Mehrere Darstellungen des Heiligen im selben Bild geben dabei erstmals zeitliche Abläufe wieder. Eine solche irdische Umgebung zeigt etwa Luca Signorellis „Christus am Ölberg“ (ca. 1507). Die Bettelorden forderten zudem, dass dem Gläubigen das Gebet auch zu Hause möglich sein müsse, vor einem privaten Altar mit Andachtsbild. Diese Idee traf den richtigen Nerv in einer Zeit, in der Menschen wegen gesellschaftlicher Veränderungen und der Pestepidemie einige Ängste auszustehen hatten. So eroberte das Bild langsam auch den privaten Wohnraum.

Sienesische Schule, Christus am Kreuz, um 1370-80, Lindenau-Museum Altenburg; Lippo Memmi, Thronende Madonna mit Kind, um 1320-22, Lindenau-Museum Altenburg; Luca Signorelli und vermutlich Girolamo Genga, Christus am Ölberg, um 1507, Lindenau-Museum Altenburg


Ausloten neuer Möglichkeiten

Das Irdische in biblischen Szenen wurde also darstellungswürdig, außerdem erlangten neben sakralen Themen bald auch mythologische Szenen künstlerische Daseinsberechtigung und sogar zeitgenössische „Sterbliche“ - im Porträt. Dies ging einher mit bedeutenden gesellschaftlichen Umwälzungen in einer Zeit, die heute als Beginn der Neuzeit betrachtet wird. Das ausgehende Mittelalter war geprägt von bedeutenden Veränderungen wie der Erfindung der mechanischen Uhr oder der Entdeckung Amerikas. Das Denken war beseelt vom Erweitern der Möglichkeiten, wobei ein Interesse am verschütteten Wissen der Antike erwachte. Außerdem waren die Veränderungen eng verbunden mit dem Aufstieg des Bürgertums: Ab dem 13. Jahrhundert erlebten die italienischen Städte einen wirtschaftlichen Aufschwung, dank einer florierenden Industrie, vor allem Wolltuchindustrie, und regen Fernhandels mit Gütern aus dem Nahen und Mittleren Osten. So entwickelte sich eine frühkapitalistische Wirtschaftsorganisation mit Trennung zwischen Produktion und Handel, modernem Geldverkehr und Banken. Die als Geburtsstunde des Kapitalismus geltende Erfindung der Doppelten Buchführung fällt in diese Zeit. Handwerker, Kaufleute und Bankiers mussten nun das Lesen, Schreiben und Rechnen beherrschen – der Bürger bildete sich. Hatten bisher Adel und Klerus die Geschicke geleitet, so stieg nun das Bürgertum zu einer dritten Größe auf. Es entwickelte Selbstbewusstsein und wurde auch zum Förderer von Kunst und Kultur, zum Auftraggeber und Mäzen. Adel und reiches Bürgertum ließen sich zunehmend in Porträts abbilden. Das brachte mit sich, dass individuelle Gesichtszüge für die Maler ein Thema wurden. Überhaupt mussten diese sich, um die veränderten Ansprüche ihrer Kundschaft zu bedienen, fortbilden und neue Wege gehen, wobei die Kenntnisse der Antike zur wichtigsten Quelle wurden. Mit den Kunstwerken änderte sich auch das Selbstverständnis der Künstler. In einem neuen Selbstbewusstsein wetteiferten sie miteinander und versuchten sich gegenseitig zu übertreffen.

Eine der wichtigsten wiederentdeckten Errungenschaften der Antike war das Verständnis für Proportionen und Anatomie des menschlichen Körpers. In der Folge wurden die Figuren plastischer, lebensechter und lösten sich aus ihrer Starre. Ebenso bedeutend war die Perspektive mit Fluchtpunkt: In mittelalterlichen Gemälden war die Bedeutungsperspektive üblich gewesen, das heißt, wichtige Motive wurden groß, weniger wichtige kleiner dargestellt. Jetzt aber wurde ein Bildraum geometrisch konstruiert und jedes Motiv darin verortet – nähere erscheinen größer, entferntere kleiner und alle wirken durch die Ausrichtung auf den Fluchtpunkt wie in der natürlichen Ansicht. Bei Signorellis „Ölberg“ wurde dies folgerichtig angewandt, außerdem die „Verblauung“ der Atmosphäre – man hatte beobachtet, dass Landschaftspartien mit zunehmender Entfernung blauer und blasser wirken. Der so entstehende dreidimensionale Tiefeneindruck wird noch verstärkt durch Licht und Schatten. So wirkt etwa die Wandnische der „Heiligen Margarethe“ von Pietro Perugino (ca. 1505/06) fast real. Gleichzeitig erhöht sich die Stofflichkeit, das heißt, die Beschaffenheit von Materialien wird besser erkennbar. Bei der Heiligen glaubt man fast, die kalte, harte Steinwand und den dagegen weichen, warmen Umhangstoff fühlen zu können.

Pietro Perugino, Heilige Margarethe von Antiochia, um 1505/06, Lindenau-Museum Altenburg


Die Martinskirche in Püttlingen-Kölln (© Maurice Jelinski) und Malereien im Chorbogen.


Der vielleicht bekannteste Vertreter der Frührenaissance, der diese Stilmittel meisterlich beherrschte, war Sandro Botticelli – beim Klang seines Namens taucht bei vielen etwa „Die Geburt der Venus“ vor dem inneren Auge auf. In Saarbrücken sind seine Werke „Bildnis einer Dame“ (ca. 1475) und „Madonna mit Kind und Engeln“ (ca. 1480/90) zu sehen. Ersteres, als Zeugnis für das sich verbreitende Porträt, zeigt eine weibliche Vertreterin der reichen florentiner Oberschicht (später übermalt zur Heiligen Katharina) in strenger Profilansicht, eine damals schicke Darstellungsweise. Botticellis Madonna derweil verdeutlicht die Entwicklung seit Lippo Memmis Madonna: Die ältere erscheint in ehrwürdiger Starre, die jüngere in lebendigerer Pose. Die Engel in ihrer lockeren Interaktion wirken fast wie Messdiener und das Jesuskind zeigt kindliches Verhalten, indem es an der Umhang-Schleife der Mutter spielt. Es scheint sogar auf den Betrachter zu reagieren, indem es sich, wie gerade auf ihn aufmerksam geworden, umwendet.

Als Höhepunkt der Renaissance wird die Zeit zwischen 1500 und 1520/30 betrachtet. Danach, bis etwa 1600, schließt sich der Manierismus an, in dem die Künstler die neuen Möglichkeiten teils mit ironischem Augenzwinkern auf die Spitze trieben. Charakteristisch sind etwa Überdrehungen und Überlängungen von Körpern oder optische Täuschungen.

Begeisterung mit Verzögerung

Während die Kunst Italiens sich derart veränderte, wie sah es zu dieser Zeit in unserer Region aus? Viele Bauten aus jener Zeit wurden in Kriegen zerstört oder haben wegen des späteren barocken Zeitgeschmacks nicht überdauert. Doch trotz spärlicher Zeugnisse ist sicher, dass die Veränderungen auch bei uns einsetzten, allerdings deutlich später und in etwas anderer Form als in Italien.

Dass in Deutschland der Funke nicht sogleich übersprang, lag wohl einerseits an der räumlichen Entfernung und dem begrenzten Informationsfluss über die Alpen hinweg. Andererseits aber empfand man hier die Kunst und Kultur des Mittelalters auch nicht in gleichem Maße als Niedergang gegenüber der Antike wie in Italien. Dort hatte man sich mit dem in Frankreich und Deutschland so verbreiteten mittelalterlichen Stil der Gotik nie ganz anfreunden können und ihn nur zurückhaltend aufgegriffen. Der eingangs zitierte Giorgio Vasari bezeichnete ihn um 1550 als „gotico“, als „fremdartig, barbarisch, roh“, und prägte damit die heutige Bezeichnung. In Deutschland hingegen fühlte man sich diesen Formen zugetan – selbst als die Renaissance hier Fuß fasste, gab man sie nicht auf, sondern kombinierte oftmals beide Stile.

In Deutschland entfaltete sich die Renaissance fast ein Jahrhundert später als in Italien. Der Anstoß kam dabei nicht ausschließlich aus Italien, sondern etwa auch vom Niederländischen Realismus sowie hiesigen Veränderungen. Auch hier leiteten Ideen wie die der Franziskaner und später des Humanismus Umbrüche ein. Außerdem brachen den Künstlern in den reformierten Gebieten die kirchlichen Auftraggeber weg, weil Luther einen Glauben ohne Bilder predigte.

Weltliche Landschaftsbilder und Porträts entstanden stattdessen, vorangetrieben ebenfalls von einem aufstrebenden Bürgertum. Deren neue Macht bekam auch die Saarbrücker Grafenfamilie zu spüren, vor allem über ihre Familienmitglieder in den Bischofsämtern von Worms, Mainz und Speyer, die dort auf die selbstbewusste Kaufmannsschicht der rheinischen Städte trafen.

Eng verbunden ist die Renaissance in Deutschland, was die Künstler betrifft, vor allem mit dem Nürnberger Albrecht Dürer, der übrigens einen blauen Farbstoff aus Saarlouis-Wallerfangen verwendet haben soll (s. Sonah Nr. 2-2017). Er reiste nach Italien, um dort Perspektive und Anatomie zu studieren und wendete sich bereits früh auch weltlichen Motiven zu. Ein besonderer Bruch mit den Konventionen war sein Selbstporträt in bisher nur von Christus-Darstellungen bekannter Pose. Auch weitere Maler wie Mathias Grünewald gingen neue Wege. Dass dies auch für freilich weniger bekannte Maler unserer Region gilt, darauf gibt es noch Hinweise: In der evangelischen Martinskirche zu Kölln in Püttlingen-Köllerbach wurden 1957 mittelalterliche Malereien freigelegt. Sie stammen aus dem 15. Jahrhundert, in dem der Chorbereich neu gemauert worden war. Vor allem die wahrscheinlich jüngsten Darstellungen im Chorbogen prägen deutlich fortschrittliche Tendenzen: Die linke Szene zeigt Martin von Tours auf dem Pferd sitzend, links von ihm kauert ein Bettler mit Krücke, rechts von ihm nimmt ein Bettler aus seiner Hand ein Mantelstück entgegen. Die Figuren befinden sich in einer natürlichen Landschaft, mit einem perspektivisch glaubwürdig wiedergegebenen Gebäude. Auch die zeitliche Abfolge hat Einzug gehalten, denn bei dem linken und rechten Bettler handelt es sich um die gleiche Person: Martin von Tours begegnet ihm zunächst, kurz darauf reicht er ihm das Mantelstück. Im rechten Teil des Chorbogens setzt sich die Szene fort. Der Heilige sitzt mit der Bischofsmitra auf einem erhöhten Stuhl, rechts von ihm ist der Abt Reiner von Wadgassen, links Graf Simon III. von Saarbrücken zu sehen.

Auf ähnliche Weise zeigt die Glasmalerei der Kirchenfenster von Saint-Marcel im Lothringischen Zetting den Übergang zu neuen Formen. Die Kirche aus dem 15. Jahrhundert ist bekannt für ihre Fenster mit leuchtenden Glasmalereien, die Heilige, die Kreuzigung des Heiligen Marcel sowie biblische Szenen zeigen. Die Personen befinden sich dabei in natürlicher Interaktion miteinander und in irdischer Umgebung. Architekturelemente, Bäume und andere Pflanzen tauchen auf, außerdem eine Innenraumszene. Das jüngste unter den Fenstern scheint das Zentralfenster zu sein, das in Farbgebung und Perspektive die Neuerungen am deutlichsten aufgreift. Eine für Glasmalerei recht hohe Stofflichkeit, durch faltenreiche Gewänder oder detailliert definierte Bärte fällt auf. Ein besonderes Kleinod ist auch die reich bemalte Kirche Saint-Martin in Sillegny, die oft als „Sixtinische Kapelle Lothringens“ bezeichnet wird. Sie stammt aus dem 14. Jahrhundert, die Malereien von etwa 1460 bis 1540. Zuerst fällt die gewaltige, sich über 42 Quadratmeter ziehende Darstellung des Jüngsten Gerichts ins Auge – zu dieser Zeit in unserer Region ein beliebtes Bildthema, jedoch nach italienischer Gepflogenheit auf der Innenwand der Fassade. Gezeigt sind Christus, flankiert von Maria und Johannes. Engel bringen die Seelen zu Christus, der sie entweder ins Himmlische Jerusalem (linker Bildbereich) oder in die Hölle (rechter Bildbereich) schickt. Hier gut nachvollziehbar ist die mittelalterliche Bedeutungsperspektive: Christus ist am größten dargestellt, etwas kleiner die Muttergottes und Johannes, nochmals kleiner die Engel und am kleinsten die menschlichen Seelen. In weiteren Bildern werden Heilige und biblische Szenen gezeigt.

Saint Marcel in Zetting und ein Ausschnitt der Glasmalereien. © OT Sarreguemines


Jüngstes Gericht und Legende des Heiligen Hubertus in St. Martin in Sillegny. © M. Laurent/ Lorraine Tourisme


Die Heiligenbilder sind meist im mittelalterlichen Stil verhaftet, mit Gold- oder einfarbigem Hintergrund. Anders jedoch die Darstellung des Saint Hubert, die den Heiligen in seine Legende hineinversetzt: In einem von vielen Tieren bevölkerten Wald wird die Jagd gezeigt sowie Hubertus beim Innehalten und Beten. Dahinter steckt folgende Erzählung: Hubertus führte als junger Mann ein wildes Leben, kümmerte sich nicht um sein Seelenheil und ging gerne auf die Jagd. Eines Tages, als er einen Hirsch verfolgte, erblickte er in dessen Geweih ein strahlendes Kruzifix und vernahm die Stimme Gottes, die ihm den rechten Weg wies. Er ließ sich taufen und schwor der Jagd ab (nach anderer Version mäßigte sich vom zügellosen zum christlichen Jäger).

Ein Besuch der Ausstellung

Wer der Kunst von Mittelalter und Renaissance näher kommen will, sollte die Gelegenheit nutzen, „… Lorenzetti, Perugino, Botticelli …“ und Co einen Besuch abzustatten. Dass die weltberühmten „Italiener“ im Saarland weilen, ist übrigens einem besonderen Umstand zu verdanken, wie Kurator Thomas Martin erklärt: Das Lindenau-Museum in Altenburg ist wegen umfassender Renovierungsarbeiten geschlossen. Glück für das Saarland, dass die Stiftung Saarländischer Kulturbesitz bereits seit längerem mit dem Museum in Kontakt steht und bereits bei früheren Leihgaben das Vertrauen des Teams gewinnen konnte. In der Ausstellung im Saarlandmuseum wird denn auch, als eine Art Widmung, das befreundete Museum im ersten Ausstellungsraum vorgestellt und ein Schlaglicht geworfen auf dessen umfangreiche Sammlungen, die Werke von der Antike bis in die Moderne umfassen. Sie gehen zurück auf den sächsischen Juristen, Minister und Kunstfreund Bernhard August von Lindenau (1779 bis 1854), der ihren Grundstock zusammentrug: neben Gemälden auch Gemäldekopien, Skulpturen und Gipsabgüsse sowie Architekturmodelle. Sein Anliegen war es, jungen Leuten damit Anschauungsmaterial für eine gute Allgemeinbildung bereitzustellen, wofür er auch eine umfangreiche Bibliothek zusammentrug. Nach seinem Tod nahm der Staat Sachsen-Altenburg das Erbe an und sammelte weiter. Der heutige Museumsbau stammt aus dem 19. Jahrhundert.

In Altenburg sind die Gemälde nach Malerschulen geordnet, was dem Interesse der dortigen Besucher, vor allem Fachleute und Kunststudenten, entgegenkommt. Für Saarbrücken wollte Martin dieses Konzept jedoch nicht übernehmen: „Es war mir wichtig, dass man mit den Werken auch ohne umfangreiche Vorkenntnisse etwas anfangen kann.“ Gerade auch deshalb, weil die Renaissance-Tafelmalerei in Temperatechnik für die Region etwas Außergewöhnliches sei, die Vermittlung daher eine besondere Aufgabe – der Schwerpunkt der Alten Kunst liegt hier sonst eher auf der höfischen Kunst des 18. Jahrhunderts. Martin hat sich für eine Hängung orientiert an der Fortentwicklung der Malerei entschieden: „Was bedeutet Renaissance? Was hat sich verändert?“ Die Entwicklung mit eigenen Augen anhand der meisterlichen Originale selbst nachzuvollziehen, ist nicht nur spannend, sondern auch ein optischer Genuss: Überall glitzert das Gold oder schimmern edelste Farben, nach 500 bis 800 Jahren noch immer mit beeindruckender Leuchtkraft. Dabei gibt es einiges Unerwartetes zu entdecken, beispielsweise ein Reise-Andachtsbild mit Klapptürchen oder humorvolle Details in den Bildern – kleine Besonderheiten, durch die man sich den großen Künstlern auch menschlich ein Stückchen näher fühlt.

Saarlandmuseum – Alte Sammlung (Kreisständehaus am Schlossplatz)
Geöffnet: Di bis So 10 – 18 Uhr, Mi 10 – 20 Uhr;
noch bis 15. November
Infos und Kontakt: Tel. 06 81 – 9 54 05 – 0;
info@kulturbesitz.de; www.kulturbesitz.de
Der Ausstellungskatalog ist für 19,95 Euro erhältlich.

Kunst jener Zeit in unserer Region ist auch zu sehen in den Kirchen von Keßlingen, St. Wendel, Medelsheim oder Großbundenbach (Pfalz).

Verwendete Literatur: Beiträge von Thomas Martin, Stefan Heinlein und Roland Krischke in: Frédéric Bußmann, Roland Mönig (Hrsg.): „‚… Lorenzetti, Perugino, Botticelli …‘ Italienische Meister aus dem Lindenau-Museum Altenburg“ (Ausstellungskatalog); Joachim Conrad: „Die evangelische Martinskirche in Köllerbach und ihr historischer Friedhof“; P. Mouzard: „L’église de Zetting“; Philippe Martin: „Église de Sillegny“ und andere.
Verwendete weitere Infos: Thomas Martin