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MORITZ BLEIBTREU


deadline - das Filmmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 83/2020 vom 30.09.2020

ZU SEINEM REGIEDEBÜT CORTEX


IM GESPRÄCH MIT


»Politik hat für mich im Kino nichts verloren.«


Artikelbild für den Artikel "MORITZ BLEIBTREU" aus der Ausgabe 83/2020 von deadline - das Filmmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: deadline - das Filmmagazin, Ausgabe 83/2020

DEADLINE: Wie bist du auf die Idee zu CORTEX gekommen, und wie schreibst du einen Film mit verschiedenen, komplexen Zeitebenen?

MORITZ BLEIBTREU: Zunächst schreibe ich stringent den ganzen Film so, wie er am Ende auch geschnitten sein soll. Dann lege ich aber noch genau die Handlungen auf den beiden Zeitachsen fest, sodass diese chronologisch funktionieren. Das macht man, um Logic Holes vorzubeugen und die Zeitachsen nicht zu weit auseinanderdriften zu lassen.

Die erste Idee hatte ich schon vor sehr langer Zeit, aber ...

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... durch meine kontinuierlichen Schauspielengagements bin ich lange nicht dazu gekommen, das Drehbuch zu schreiben. Wenn ich spiele, kann ich nicht schreiben, das muss ich für mich trennen. Aber dann kamen irgendwann Warner Bros. auf mich zu und meinten, dass sie das gar nicht so verkehrt fänden, was ich da vorhabe, und so ging es dann ernsthaft los.

DEADLINE: Und dann hast du dich auch für die Hauptrolle besetzt.

MORITZ BLEIBTREU: Ich hab das Drehbuch ursprünglich auf keinen Fall für mich geschrieben. Ich hatte (leider) beim Schreiben noch keinen bestimmten Schauspieler für die Figur im Kopf. Dann habe ich lange gecastet, bis es nur noch vier Wochen bis zum Drehbeginn waren und ich immer noch niemanden gefunden hatte, bei dem es wirklich klick gemacht hatte. Da wurde ich dann immer mehr damit belagert, dass doch da ein gewisser Moritz Bleibtreu sei und ich doch den nehmen solle - da blieb mir dann irgendwann nichts anderes übrig, als selbst einzuspringen. (lacht) Aus verschiedenen Gründen war das aber wohl die richtige Entscheidung, und mittlerweile habe ich auch damit meinen Frieden gefunden.

DEADLINE: Was war für dich neu?

MORITZ BLEIBTREU: Was den Prozess angeht, habe ich dabei auch gleich gelernt, wie wichtig es ist, dass man von Anfang an an alles denkt. Ein Film ist wie ein Zug, wenn der einmal abgefahren ist, fährt er. Den kann man unterwegs nicht anhalten, weil einem noch was fehlt. Was man vergessen hat, ist passé. An der Geschichte kann man durchaus auch während des Drehs noch feilen, aber essenzielle Sachen wie die Besetzung müssen von Anfang an stimmen. Da kann es dir schon passieren, dass du dann merkst, dass du was falsch entschieden hast. Aber dann musst du eben entscheiden, ob du mit dem, was du hast, weitermachst oder alles auf den Kopf stellst. Von diesen praktischen Problemen weiß man zu Beginn als Regisseur einfach viel zu wenig. In Berlin hatten wir zum Beispiel die Drehgenehmigung für einen Nachtdreh verloren. Das war natürlich der Horror! So was wird ja sonst an einen als Schauspieler gar nicht rangetragen.

DEADLINE: Wie ist es, unter dir selbst Schauspieler zu sein? Wer gibt dir Feedback?

MORITZ BLEIBTREU: Für mich war in dem Moment, als wir gesagt haben, dass ich mitspiele, klar, dass ich eine Bezugsperson für meine Szenen brauchen würde. Ich muss mich ja auch mal fallen lassen können. Deshalb wollte ich den Film unbedingt mit Thomas Kiennast machen. Der Mann ist nicht einfach nur ein Kameramann, sondern ein Filmemacher durch und durch. In den Momenten, in denen ich vor der Kamera stand, habe ich die Regie komplett an ihn abgegeben. Anders wäre das gar nicht gegangen. Ich hätte mich selbst nicht dirigieren können, und das hätte auch viel zu lange gedauert. Bei einem Budget von unter vier Millionen hat man nicht so viel Zeit - und ich bin stolz, dass wir den Film für das Geld machen konnten.

DEADLINE: Kamen vonseiten der anderen Darsteller häufig Fragen zum Verständnis des Films?

MORITZ BLEIBTREU: Klar, immer wieder. Nadja Uhl kam zu mir und meinte, dass sie das gar nicht so richtig verstanden habe, was da passiert. Aber das fand ich eigentlich ganz gut und überhaupt nicht schlimm. Das gibt ja dem Film auch seine Ambivalenz. Ich habe mich schon immer für Filme begeistert, die ich vielleicht nicht in ihrer Gänze verstehe. Es gibt dann zwei Arten, damit als Zuschauer umzugehen: Entweder fühlt man sich übergangen und ist sauer, dass man Geld für etwas bezahlt hat, das man nicht versteht; oder man findet gerade das geil und mag es, immer wieder ausgesetzt und abgeholt zu werden. CORTEX ist für mich ein Film, den ich selbst gerne auf einer deutschen Leinwand sehen würde.

DEADLINE: Gab es feste Inspirationen für dich?

MORITZ BLEIBTREU: Wir haben das eigentlich nie wirklich diskutiert. Klar ist da vielleicht etwas David Lynch, und das sehe ich jetzt auch, aber in der Vorbereitung war das nie Thema. Der Vergleich ist natürlich nicht schlimm (lacht), aber wir haben uns beim Stil - zumindest bewusst - nicht an irgendwen angelehnt.

Wenn es vielleicht einen Film gab, der für die Struktur relevant war, dann MEMENTO. Das ist für mich damals - und bis heute - ein Film, der das komplette Drehbuchschreiben auf den Kopf gestellt hat. Da haben alle gedacht: Was ist denn jetzt los? Und das macht Nolan bis heute. Ich habe gerade erst TENET gesehen und war sehr erstaunt, wie viele Parallelen es da zu meinem Film gibt. Dabei wusste ich, als wir gedreht haben, gar nichts über TENET.

DEADLINE: Kennst du den französischen Film DIE MASCHINE mit Gérard Depardieu?

MORITZ BLEIBTREU: Na klar. Lustig, dass du den nennst. Das stimmt, dass der atmosphärisch und thematisch meinem Film ähnelt. Die Assoziation passiert beim Schreiben oder Drehen aber nicht bewusst. Generell hat es im französischen Kino diese Genre-Ausflüge ja immer gegeben.

DEADLINE: Wie bist du generell auf das Thema der Träume und des Schlafes gekommen?

MORITZ BLEIBTREU: Schwer zu sagen. Es gab da zwei Gedanken: zum einen das Ein-anderersein-Wollen. Kinder spielen Cowboy und Indianer. In Blankenese sitzen Kids mit einem hellblauen Hemd und wollen Haftbefehl sein. Da ist der und wäre lieber jener und so weiter … Ich sehe einfach immer wieder ganz viele Menschen, die nicht das Leben leben, das sie gerne hätten. Sie flüchten sich dann in eine Gewöhnung, und man fragt sich, woran sie eigentlich festhalten und warum sie nicht loslassen und ihre eigenen Wege gehen. Für mich ist das natürlich als Schauspieler besonders interessant. Ich versuche in meinem Beruf mein ganzes Leben lang so zu tun, als ob ich ein anderer wäre. Manchmal sehe ich das als eine traurige Realität: Wir denken, wir hätten den freien Willen und totale Freiheit, machen aber eben nicht das, was wir wollen.

Das ist auch in der Kunst interessant. Zum Beispiel »New Hollywood«, Mitte der Siebziger bis Mitte der Achtziger. Das war die Reagan-Ära, eigentlich eine restriktive Zeit. Und doch entstanden da die interessantesten und persönlichsten Filme, die eine Reibung hatten, die anstießen. Das deutsche Kino war zuletzt in den späten 90ern und frühen 2000ern am stärksten, als wir zum ersten Mal als Land etwas zusammengewachsen waren. Es gab plötzlich eine gemeinsame Identität und Filme wie LOLA RENNT, KNOCKIN’ ON HEAVEN’S DOOR, die Detlev-Buck-Filme wie WIR KÖNNEN AUCH ANDERS, die Filme von Tom Tykwer und Fatih Akin, das X-Filme-Kollektiv. Wo sind heute die jungen Tykwers und Akins? Den Drive von damals haben das Land und die Filmbranche heute einfach nicht mehr. Wir sind vielleicht zu satt, haben zu viel Wohlstand. Den Leuten geht es gut, und es gibt eben kaum noch radikales Kino. Es geht ja gar nicht darum, dass man bewusst ein Risiko eingehen soll. Man soll einfach nur das machen, was man selbst gerne sehen würde, und nicht nach der Pfeife der anderen tanzen.

DEADLINE: Wie beurteilst du die aktuelle Filmlandschaft?

MORITZ BLEIBTREU: Das, was gerade im Kino passiert, ist geprägt von den Gesprächen über Diversität, von Instanzen, die Einfluss auf das Kino ausüben wollen. Das lehne ich ganz bewusst ab. Politik hat für mich im Kino nichts verloren. Kino muss ein Raum der Fantasie sein, ohne Regeln, Rassismus, Vorurteile und politische Korrektheit. Der menschliche Geist und die Kreativität sollen sich einfach entfalten können.

Ich finde Themen wie Diversität ja sehr wichtig, dennoch betrachte ich die Entwicklung mit Sorge. Wenn Institutionen und Produzenten anfangen, bestimmte Elemente und Anteile in Filmen vorschreiben, haben wir ein Problem. Und genau das passiert gerade. Fatih Akin hat dazu mal den schönsten Satz gesagt: »Alles im Kino ist politisch.« Und damit hat er vollkommen recht. Filme sind an sich ein Statement, ohne dass sie darauf hin geformt und geeicht werden müssten. Ich war zum Beispiel auch nie Freund des Brecht-Theaters. Ich will kein Theater, das Leute erzieht.

Das sieht die junge Generation aber vielleicht anders. Die wollen politisch sein und etwas bewusst verändern. Das bin aber nicht ich. Für mich ist das Kino nicht dazu gemacht, Veränderungen herbeizuführen oder Missstände anzuprangern. Zumindest nicht vordergründig.

Ich hatte zum Beispiel immer ein Problem mit dem Film FREE RAINER, in dem ich gespielt habe. Der prangert Missstände im Fernsehen an, gleichzeitig können wir aber in Deutschland kaum Filme ohne die Unterstützung der Sender machen. Wir können nicht in die Hand beißen, die uns füttert. Entweder wir sagen uns davon total los oder wir spielen das Spiel mit. Alles andere ist scheinheilig und falsch. Man muss sich zumindest bewusst sein, dass man Teil eines Systems ist.

Wenn Danny Boyle SLUMDOG MILLIONAIRE macht und dann bei den Oscars über den roten Teppich läuft, finde ich das schwierig. Man hat mit den Filmen, die man macht, eine Verantwortung, und die sollte man nicht je nach Belieben und Profit vergessen. Dann sage ich lieber, dass wir doch bei der Fantasie bleiben sollten. Wenn wir in unserer Gesellschaft wirklich etwas verändern wollen, können wir sofort auf die Straße gehen und damit anfangen. Dafür brauchen wir den Film gar nicht. Früher hieß das Salon-Bolschewismus. Baader hatte man das vorgeworfen. Einerseits für die Sache eintreten, andererseits davon profitieren wollen. Da reagiere ich sehr empfindlich, das mag ich nicht.

DEADLINE: War für dich mit CORTEX dein erster Film als Regisseur befriedigender als zum Beispiel deine am meisten gefeierte Rolle als Schauspieler?

MORITZ BLEIBTREU: Total. Und wenn ein Film fertig ist, ist es nicht schlecht, wenn er nicht genau so geworden ist, wie man ihn sich zu Beginn vorgestellt hat. Das ist etwas Gutes. Aber das musste ich erst lernen. Am Anfang dachte ich: Oh mein Gott, es wird ganz anders, als ich es wollte! Es gleitet mir aus den Händen! Aber dann habe ich verstanden, dass mir ja gar nichts aus den Händen gleitet, sondern es anders werden musste. Es ist ein Prozess mit vielen beteiligten Künstlern. Das, was ich mir hier vorstelle, ist meins. Aber dann macht einer die Kamera, einer die Musik, jemand spielt diese oder jene Rolle, und schon wird es zu etwas ganz anderem. Und das ist gut. Das muss man erkennen, umarmen und es geil finden. Man gibt den Rahmen vor, das Spielfeld, aber was dann passiert, kann man nur bis zu einem bestimmten Grad bestimmen. Ich werde hoffentlich immer ein Regisseur sein, der Dinge abgibt. Und wenn das, was die anderen machen, meinen Film scheinbar massiv verändert, aber trotzdem gut ist, kann der Film davon nur profitieren. Dafür hat man ja die tollen Leute um sich herum.

Es gibt da natürlich auch ganz andere Ansätze: Die Egomanen wollen pedantisch genau ihre Vision erfüllt sehen und nicht auch nur um ein Haarbreit davon abweichen. Das kann auch Kraft entfalten und beeindruckend sein, aber es ist sehr anstrengend und einsam. Das habe ich gelernt. Dann musst du alles selbst machen und machst dir unentwegt Feinde. Aber diese Art Filmemacher wird immer seltener. Am Ende des Tages machen wir »nur« Filme, es ist es gar nicht wert, sich deswegen aufzureiben und zu vereinsamen. So wichtig kann mir ein Film gar nicht sein, dass ich mit jemandem breche, den ich eigentlich mag.

Die Filme, die die Gesellschaft am meisten geprägt haben, sind die, bei denen die Macher sich überhaupt nicht dafür interessiert haben. Die wollten einfach ihren Film machen. Picasso hat sich nie gefragt, wer wie seine Bilder rezipiert, das Gleiche bei Van Gogh, der musste einfach diese Kornblumen malen. Und so eben auch Kubrick, dem war das eigentlich egal, ob das jemand guckt. So ähnlich geht es mir auch. (lacht)


»DIE FILME, DIE DIE GESELLSCHAFT AM MEISTEN GEPRÄGT HABEN, SIND DIE, BEI DENEN DIE MACHER SICH ÜBERHAUPT NICHT DAFÜR INTERESSIERT HABEN.«


DEADLINE: Finden wir gut! Danke für das Interview!

MORITZ BLEIBTREU UND LEONHARD ELIAS LEMKE