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»MOTIVATION HÄNGT ZUSAMMEN MIT BEGEISTERUNGSFÄHIGKEIT, MIT VISIONEN, UND ZWAR AUS DEM AKTEUR SELBST HERAUS«


Hohe Luft - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 08.07.2021

Artikelbild für den Artikel "»MOTIVATION HÄNGT ZUSAMMEN MIT BEGEISTERUNGSFÄHIGKEIT, MIT VISIONEN, UND ZWAR AUS DEM AKTEUR SELBST HERAUS«" aus der Ausgabe 5/2021 von Hohe Luft. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

ER SELBST NENNT SICH einen Abenteurer. Für viele ist er der berühmteste Bergsteiger der Welt. Reinhold Messner bestieg gemeinsam mit einem Bergkameraden erstmals den Mount Everest ohne Flaschensauerstoff. Er bezwang als Erster einen Achttausender allein, und er war der Erste, der alle 14 Achttausender bestieg – alle ohne künstlichen Sauerstoff. Sein vielleicht größtes Kunststück ist aber, dass er überhaupt noch lebt. Die Hälfte aller Profibergsteiger stirbt bei der Ausübung ihres Berufs. Im Gespräch mit HOHE LUFT verrät der 76-Jährige, was ihn zu seinen überragenden alpinistischen Leistungen motiviert hat und was er daraus fürs Leben gelernt hat.

HOHE LUFT: Herr Messner, bei der ersten Alleinbesteigung des Mount Everest im Jahr 1980 sind Sie beim Aufstieg auf 7000 Meter Höhe in eine Gletscherspalte gefallen – und dennoch weitergestiegen. Was hat Sie dazu angetrieben?

REINHOLD MESSNER: Der Sturz in ...

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... die Gletscherspalte war ein momentaner Schock. In der Spalte war es dunkel, meine Lampe war kaputtgegangen, ich musste sie erst mal wieder flicken. Ich blickte hinauf – etwa acht Meter über mir sah ich das Loch, wo ich eingebrochen war. Es gab keine Möglichkeit hochzusteigen, weil die Spalte nach unten auseinanderging. Ich dachte, wenn ich da wieder rauskomme, dann nichts wie nach Hause. In meiner Verzweiflung suchte ich einen Weg die Spalte entlang. Nach 80 Metern – kriechend, steigend, gehend – gelangte ich schließlich wieder an die Oberfläche. Ich wollte absteigen. Doch irgendwas ging mit mir aufwärts …

Dieses »irgendwas« ist es, was uns interessiert. Was ist das?

Das ist angestaute Motivation. Wenn Sie sich über zwei Jahre lang darauf vorbereiten, den Everest allein anzugehen, dann leben Sie mit diesem Projekt Tag und Nacht. Und da entsteht angestaute Motivation, konzentrierte Energie. Sie speichert sich in der langen Zeit des Wartens, des Hoffens, der Hingabe. Motivation hängt zusammen mit Begeisterungsfähigkeit, mit Visionen, und zwar aus dem Akteur selbst heraus. Erst wenn ein Ziel mit Leidenschaft gefüllt ist, verselbstständigt es sich. Indem ich mich ganz auf eine Idee, ein Projekt einlasse, entsteht eine Identifikation mit diesem Ziel, und zugleich Sinnhaftigkeit. Mit jedem Gedankengang, den ich dem Projekt widme, und wenn auch nur im Halbschlaf, lege ich Sinn in das Projekt hinein. Das kann der ganzen übrigen Welt völlig gleichgültig sein, für mich ist es in diesen Monaten das Sinnvollste, was ich machen kann – und daraus nehme ich auch die Motivation.

Als Sie sich aus der Spalte wieder befreit hatten: Was ging in diesem Moment in Ihrem Denken vor?

Das hat sich nicht in meinem Denken abgespielt, sondern auf der emotionalen Ebene. Natürlich war da auch ein Aufatmen: Ich bin herausgekommen, wollte absteigen. Dann der Gedanke: Jetzt habe ich wieder alle Möglichkeiten offen – also warum sie herschenken? Ein solches Projekt ist ja auch eine Selbstbestätigung, wenn es gelingt – die will ich auch haben. Das Geschenk dafür ist am Ende Selbstmächtigkeit. Weil ich anschließend weiß: Ich habe etwas gekonnt; ich habe es auf die Beine gestellt; ich hatte genügend Motivation. Und ich bin sogar über die Krise des Spaltensturzes hinweggekommen, weil ich emotional gut vorbereitet war.

Die Motivation entsteht also durch das Projekt.

Das Projekt ist anfangs ja nur eine Idee. Es ist kein Lichtblitz, keine geniale Tat. Es muss wachsen. Ich habe 1970 den ersten Achttausender bestiegen; 1972 den zweiten; 1975 den dritten – wobei ich erstmals eine ganz revolutionäre Sache gemacht habe: Wir verzichteten damals auf fast alles: Hochträger, Sauerstoffgeräte, Lager und Fixseile. Wir sind einfach »im Alpenstil« hinaufgestiegen. Wieder zusammen mit Peter Habeler ist mir das dann auch am Mount Everest gelungen, zunächst in kleiner Gruppe. Die nächste Frage war natürlich ein nächster Schritt, der sich aus dieser Entwicklung ergeben hat: Geht auch der Alleingang am höchsten Berg der Welt? Ist das überhaupt möglich? Ich habe es 1980 gemacht.

»Ich brauche immer ein Projekt, das mich fesselt, das mich ausfüllt und fokussiert – ein Projekt, mit dem ich lebe.«

Brauchen Sie also immer ein Projekt, mit dem Sie sich identifizieren?

Ich brauche immer ein Projekt, das mich fesselt, das mich ausfüllt, fokussiert – ein Projekt, mit dem ich lebe. Das können auch mal zwei Projekte gleichzeitig sein. Als ich Grönland durchquerte, habe ich eines meiner Museen eingerichtet, im Kopf. Wenn es nicht schwierig war und schönes Wetter herrschte, hatte ich in dieser unendlichen Eiswüste den ganzen Tag über Zeit, darüber nachzudenken. Ich war dann so fokussiert, hatte die Räume im Kopf und meine Kunstwerke darin verteilt. Mit diesen Projekten zu leben, ist mir Lebensinhalt und auch Lebensfreude. Wenn sie umgesetzt sind und funktionieren, interessieren sie mich nicht mehr, ich kann sie abgeben, Platz machen für Neues. Nicht das Haben, das Machen schenkt Glück.

Wie wichtig ist es für Sie, das Ziel als Erster zu erreichen?

Das Wichtigste für mich ist, in eine Welt hineinzugehen, die wir noch nicht kennen, die mir noch relativ unbekannt ist. Ich habe meinen Alpinismus immer als Abenteuer gesehen. Wir gehen dorthin, wo alle anderen nicht waren oder sind – und haben nun herauszufinden, wie wir dort überleben können. Jede Generation versucht das, was die Generation davor als unmöglich deklariert hat, möglich zu machen. Ich hatte das Glück, in eine Zeit hineingeboren zu sein, in der sehr viele Herausforderungen noch offen waren. Seither ist das Bergsteigen, das Klettern immer mehr zum Sport oder Tourismus geworden. Die Leute gehen nicht mehr dorthin, wo die anderen nicht sind, sie gehen dorthin, wo alle anderen schon sind – auf den präparierten Everest zum Beispiel. Dort stehen sie dann im Stau. Das hat mit Alpinismus wenig zu tun. Da sind nicht Eigenverantwortung und Freiraum drin. Der Aufstieg ist von anderen präpariert, da haben hundert Sherpas vorher den Weg gebahnt. Nur die traditionellen Abenteurer und Bergsteiger gehen nach wie vor in die Wildnis, in die ungezähmte Natur.

Heute gehen die Leute als Pauschalreisende auf den Everest, denen fehlt also das, was Sie vorhin beschrieben haben – sich einem Projekt zu verschreiben. Wenn Ihnen jemand gesagt hätte, ich nehme Ihnen die ganze Planung aus der Hand, Sie müssen da nur noch hochsteigen: Hätte Ihnen dann die Motivation gefehlt?

Ja, völlig richtig. Ich würde es auch nie tun. Ich würde mir nie von jemandem ein Abenteuer vorbereiten lassen, um es dann zu konsumieren. Das Abenteuer beginnt mit dem Ausdenken, im Vorausvollzug. Dieser kreative Akt ist mindestens so wichtig wie die Besteigung selbst. Ich sehe mich auch der Kunst mehr zugewandt als dem Sport. Mein Tun ist kein Vergleichskampf, man kann es nicht messen. Es ist wirkliches Umsetzen von Ideen – ähnlich wie das, was der Künstler macht, ob er nun schreibt oder malt. Er hat eine Vorstellung, eine Idee, er will eine Aussage machen. Das passiert in seinem Tun. Aber die Vorbereitung, das Sich-Hinwenden, das Finden einer Herausforderung, die dann ein Projekt wird, das ist wesentlicher Teil meiner erlebten Geschichten. Mein Erfolg ist nicht, dass ich schneller wäre oder besser klettern könnte als andere. Es ist die kreative Seite und die Gabe, mich vielseitig auszudrücken.

Es geht ums Können, darum, sich selbst zu zeigen, dass man es kann. Was hätte es für Sie bedeutet, wenn Sie tatsächlich umgekehrt wären?

Dann wäre ich umgekehrt und hätte es vielleicht nochmals versucht, oder auch nicht. Ich bin ja tatsächlich oft umgekehrt, habe es wieder versucht oder aus meinen Plänen gestrichen. Wie zum Beispiel die Nordpol-Transversale von Sibirien über den Nordpol nach Kanada. Das Projekt ist am Anfang an einer Eispressung gigantischen Ausmaßes gescheitert. Ich habe mir gesagt: Das tue ich mir nie wieder an, es ist mir zu gefährlich. Am Everest ist es gut gegangen. An den großen Bergen habe ich ab und zu drei-, viermal angesetzt, bis mir ein Projekt gelungen ist. Als ich 1973 versuchte, den Nanga Parbat alleine zu besteigen, war ich bestens vorbereitet. Ich wollte bei der ersten Krise in der Wand aufwärtsgehen. Es gab keinen rationalen Grund, umzukehren. Obwohl ich aber aufwärtssteigen wollte, stieg ich abwärts und ließ es zu. Denn ich bin nicht so stur, dass ich meine Ratio über meine unterbewussten Entschlüsse stelle. Erst fünf Jahre später ist mir die Solobesteigung dann gelungen.

Was ist in solchen Krisensituationen entscheidend?

Am Ende zählt bei diesen harten, anstrengenden Touren die mentale Kraft, nicht die rein physische. Wenn ich unterm Everest-Gipfel nur mehr ein, zwei Schritte machen kann und dann rasten muss – aufgrund des geringen Sauerstoffpartialdrucks in der Luft –, muss ich es schon vorher gewusst haben, dass es so ist. Wenn ich das nicht weiß, ist es beim ersten Mal sicher schwierig, damit zurechtzukommen. Dass man so unendlich viel langsamer wird, das ist das Problem. Aber wenn ich das einmal weiß, dann ist es eine Frage der mentalen Kraft, sich nach zwei Schritten zu sagen, ich weiß, es gehen noch zwei Schritte. Am Ende geht dann noch ein letzter Schritt.

Wie erwirbt man diese mentale Kraft?

Ich muss mir beigebracht haben zu erkennen, was ich kann. Ich darf nur das machen, was ich wirklich kann. Und wenn ich ab und zu mit der Nase gegen die Wand stoße, wenn ich etwas nicht schaffe, dann habe ich nicht genug trainiert, nicht lange genug im Vorfeld mit meinem Projekt gearbeitet.

Das »Können« ist des »Dürfens« Maß – ist primär nicht eine Frage der Kraft, der Geschicklichkeit oder Logistik. Es ist in erster Linie eine Frage der psychischen, inneren Sicherheit: Ich kann das! Wenn wir es nicht können, ersticken wir zum Glück im Vorfeld an unseren Ängsten.

Sind es Ihre Projekte, für die Sie leben?

Ja, durch meine Projekte drücke ich mich aus. Bei der Umsetzung erlebe ich gelingendes Leben. Ich frage mich dabei nicht mehr, ist das richtig oder falsch, bringt mir das etwas oder nicht. Was ich wirtschaftlich mache, brauche ich im Grunde nur, um meine Projekte zu finanzieren, mein Leben und um bestimmte Spielräume zu haben für mein Tun. Für mein Museum brauchte ich mehr Geld als für alle 8000er zusammen. Ich musste es mir erarbeiten, aber es ging mir nicht darum, diese Objekte zu haben. Mir ging es immer nur darum, im Hier und Jetzt ein gelingendes Leben zu leben, und das gelingt nur, wenn ich Visionen umsetzen kann. Und mein Glück hängt zusammen mit diesem gelingenden Leben. Diese Glück versprechenden Bücher – alles Humbug.

Es geht also um Ziele um ihrer selbst willen …

Das Geschenk ist im Grunde die Idee. Dem gelingenden Leben in der Auseinandersetzung mit dieser Idee, mit dem Willen und der Begeisterung, es auch umzusetzen, folgt das Glück. Das Wichtige ist am Ende die Tat. Das ist die westliche, auch griechische Lebenshaltung, die asiatische Lebenshaltung ist eine andere.

Das Ziel liegt also einfach darin, das Abenteuer zu bestehen …

Während des Tuns ist die Frage nach dem Glück aufgehoben. Unwichtig, ob es am Ende etwas bringt, geht es nur mehr um das Umsetzen. Ich bin dann emotional nur noch in dieser Geschichte – wie wahr wird, was ich ausgedacht habe. Vorher war sie nur eine Vorstellung, daraus wird eine greifbare Realität, auch wenn ich dabei nur einen Berggipfel erreiche. Viel Realität lasse ich dabei ja nie zurück, höchstens die Fußspuren, die der Wind wieder zuweht. Bei einem Museumsprojekt ist es etwas anderes, ähnlich beim Bücherschreiben.

Welchen Unterschied macht es für Ihre Projekte, ob Sie mit einem Partner oder allein unterwegs sind?

Wenn man mit Partnern unterwegs ist, muss man zunächst einmal mit der oder dem anderen zurechtkommen. In schwierigen Situationen, weit weg von der Zivilisation, ist das für niemanden einfach. Aber wenn es nicht gelingt, ist die Expedition gescheitert. Wenn nicht, gilt es zunächst, die Partner auf das Projekt einzuschwören. Das ist eine Art Manipulation. Nicht alle sind wir beeinflussbar über den Willen, den Verstand. In den unterbewussten Ebenen, die wir kurzfristig beeinflussen können, liegt der Speicher für den Erfolg …

Wie funktioniert diese »Manipulation«?

Meine Partner bei großen Touren müssen am Ende glauben, dass mein Projekt auch ihre Idee war, obwohl sie die Idee vorher gar nicht hatten. Nur das gemeinsame Ziel trägt! Wenn Sie jemanden dabeihaben, der nach drei Wochen Antarktisdurchquerung sagt: »Warum soll ich mich hier schinden, damit der Messner sich wichtig machen kann mit der Antarktisdurchquerung?«, steigt er aus. Dann ist es vorbei. Man muss gemeinsam für das Ziel trainieren, sich gemeinsam damit beschäftigen, um das Zusammenspiel zu üben. Bei uns Grenzgängern zählen in erster Linie die Fähigkeit, einen Partner aus einer momentanen Lethargie, aus seiner Müdigkeit, aus seiner Hoffnungslosigkeit herauszuholen. Ich bin übrigens lieber in kleinen Gruppen als allein unterwegs. Ich finde dieses Spiel zwischen Partnern sehr interessant. Aber ich habe auch diese Selbstprüfung gebraucht: Kann ich es auch allein? Habe ich die Selbstmächtigkeit, um Grenzgänge allein durchzustehen – mit allen Zweifeln und Ängsten, die dazugehören? Ohne einen Partner?

»Es ist ein rein egoistisches Tun. Ein Mensch, der kein Egoist ist, kann das gar nicht machen.«

Würden Sie auf ein Teammitglied verzichten, um Ihr Ziel nicht zu gefährden?

Es gab in der Antarktis einen Moment – dauerte aber keine zehn Minuten – der Krise. Wir hätten uns beinahe getrennt, weil mein Partner nicht mehr weiterwollte und sagte, er bleibe, warte auf die Abholung. Mit einem Trick gelang es mir, das Scheitern zu vermeiden.

Was war das für ein Trick?

Indem ich den Schlitten geladen, alles eingepackt habe – und gegangen bin.

Ihre Abenteuer waren immer auch mit Lebensgefahr verbunden – welche Rolle hat das für Ihre Motivation gespielt?

Das ist wohl die Schlüsselfrage, die Außenstehende nicht verstehen können. Dieser Widerspruch lässt die allermeisten den Kopf schütteln: Wir gehen ja wirklich dorthin, freiwillig und in Eigenverantwortung, wo wir umkommen könnten. Wir gehen dorthin, um nicht umzukommen! Und dieses Nichtumkommen ist die Kunst und nur eine Kunst, weil wir umkommen könnten. Wenn ich a priori weiß, alle Gefahren sind nur gedacht, also nicht real, dann ist das etwas ganz anderes als das, was ich gemacht habe. Die Möglichkeit, umzukommen, gab es bei jeder meiner größeren Expeditionen. Aber ich bin immer mit dem Vorsatz gestartet, alles zu tun, um nicht umzukommen. Was mir dann 1970 am Nanga Parbat passiert ist, mit dem Tod meines Bruders, mit Erfrierungen und Nahtoderlebnissen, waren und bleiben die Schlüsselerlebnisse meines bisherigen Lebens.

Inwiefern haben diese Momente Ihr Leben geprägt?

Es war nicht nur der Tod meines Bruders, die anschließende Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit, mit der klaren Erkenntnis: Ich werde sterben. Solange aber der Selbsterhaltungstrieb meine letzten Reserven noch annagen konnte, bin ich weitergegangen – und am Ende auch gerettet worden, von Einheimischen. Nach dieser Geschichte haben mich daheim alle gedrängt, die Eltern, die Brüder, die Freunde, das Klettern zu lassen. In meiner Trauer und Unsicherheit wusste ich dann lange nicht, wie ich weitermachen soll. Nach einem halben Jahr hatte ich mich entschieden, dort weiterzumachen, wo mein Bruder und ich aufgehört hatten.

Wie haben Sie danach weitergemacht?

Felsklettern konnte ich nicht mehr so gut wie vor dem Nanga Parbat. Wegen der verlorenen Zehen. Ich habe mich dann ganz auf das Höhenbergsteigen eingelassen. Das war bald meine zweite Lebensphase. Sie entstand aus dieser Nahtodsituation heraus; sie war die Basis für den Umstieg. Es war mein Wunsch, wieder Grenzerfahrungen zu haben, ohne dabei umzukommen. Nach den 14 Achttausendern habe ich dann entschieden: Ich bleibe beim Abenteuer, wiederhole mich aber nicht an den großen Bergen, das Höhenbergsteigen war »ab-erlebt«. Ich ging dann in die großen Eis- und Wüstenregionen. Dann erst kamen Ideen, das Abenteuer auf ganz andere Felder auszudehnen.

Ich habe in meinem Leben immer fokussiert, konsequent gelebt, um mich Schritt für Schritt weiterzuentwickeln.

Führt das Leben für derart extreme Projekte nicht zwangsläufig zur Vereinzelung? Sind Sie nicht letztlich auch allein, wenn Sie mit anderen unterwegs sind?

Allein nicht. Aber vereinzelt, das ist eine Tatsache. Das ist schon daheim, in der Familie, so. Diese merkt schon Wochen oder Monate vor der Abreise, wenn irgendein Projekt über dem Esstisch schwebt. Sich mehr und mehr zu fokussieren, in der Nacht aufzuwachen, Probleme zu wälzen, die kommen könnten, sich damit auseinanderzusetzen, Ängste abzubauen mit mehr Training oder das Prüfen von Ausrüstungsgegenständen – gehört alles dazu. Es ist sicher nicht einfach, mit einem Menschen zu leben, der sukzessive kühnere Ideen entwickelt, sich daran verliert – und dann in die Umsetzung verschwindet.

Ihr früherer Kletterpartner Peter Habeler ist noch mit 74 Jahren durch die Eigernordwand gestiegen, geführt von dem Spitzenkletterer David Lama, der später bei einem Lawinenunglück in Kanada ums Leben kam. Verspüren Sie auch den Wunsch, solche Sachen heute noch zu machen?

Nein, ich werde einen Teufel tun und heute etwas vortäuschen, was ich in Eigenverantwortung nicht mehr kann. Als ich 1974 mit Peter Habeler durch die Eigernordwand gestiegen bin, war das ein starkes Erlebnis. Wenn ich mich heute durch die Wand führen ließe, wäre ich sicher langsamer als Peter, der ja immer noch eine glänzende Kondition und hohe Geschicklichkeit besitzt. Ich könnte das in Eigenregie nicht mehr machen. Und wenn ich jemanden hätte, der mir die Verantwortung abnimmt, würde die Exposition fehlen, die der Schlüssel für die Stärke eines Erlebnisses ist. Wenn ich jemanden habe, der mich führt, der mir hilft oder die Biwak- Ausrüstung nachbringt, ist das schön und gut, nur nicht Grenzgang. Ich will leben mit den Gebrechlichkeiten, die im Prozess des Alterns zum Leben dazugehören. Ich will wissen, wie das Leben wirklich funktioniert, nicht wie es scheinbar zu schaffen wäre.

Was bedeutet es für Sie, dass Sie bestimmte Dinge heute nicht mehr können?

Ich erlebe das Altern immer deutlicher. Was ich früher spielend gemacht habe an Gleichgewichtsturnereien am Berg, wird langsam schwierig. Das Aufwärtsgehen wird mühsam, dabei gehe ich vielleicht ein Drittel so schnell aufwärts wie in meinen besten Jahren. Natürlich ist es nicht angenehm, aber ich stehe dazu, es gehört zum Prozess des Alterns, der auch gelernt sein will. Ich muss mich zufrieden geben mit den Bewegungsspielräumen und Möglichkeiten, die ich heute noch habe. Auch das ist Teil meiner Lebenshaltung. Als Menschen haben wir damit zurechtzukommen, dass unser Leben begrenzt ist.

Ist ein Leben als Abenteurer und Grenzgänger nicht letztlich ein egoistisches Tun?

Ja. Es ist ein rein egoistisches Tun. Ein Mensch, der kein Egoist ist, kann das gar nicht machen. Natürlich ist auch Empathie dabei, wenn ich mit Partnern unterwegs bin. Ich habe für Partner das gleiche Auge wie für mich selbst, und sie umgekehrt für mich. Aber der Selbsterhaltungstrieb ist unser stärkster Trieb. Und wer erlebt hat, wie er funktioniert, der weiß, dass wir zum Glück auch eine egoistische Dimension haben. Wir haben allerdings auch eine empathische Dimension, weil wir mit Partnern leichter überleben als ohne. Aber den eigenen Angehörigen, den Eltern gegenüber, ist es radikal egoistisch, was wir tun. Alle Eltern haben Angst, wenn ihre Söhne oder Töchter extreme Touren machen. Wenn ich die alpine Geschichte studiere, steht fest: Fast die Hälfte der absoluten Topbergsteiger ist alt und im Bett gestorben, die andere Hälfte am Berg oder in der Wildnis. Dazu müsste jeder vernünftige Mensch sagen: Das extreme Bergsteigen müsste man eigentlich verbieten. Ich würde es nicht verbieten, ich sage nur, so ist es.

Haben Sie sich nie gefragt: Wenn ich das so weitermache wie Hermann Buhl, der Erstbesteiger des Nanga Parbat, der 1957 im Karakorum verunglückte – dann ende ich womöglich auch so?

Hermann Buhl ist im Nebel über eine Wechte getreten, hätte mir auch passieren können. Ich hatte ein paarmal auch Glück. Als ich anfing, die alpine Geschichte kritisch zu hinterfragen, war ich schon 30 Jahre alt. Und ich begann im Narrativ zum Alpinismus auch Philosophie zu entdecken. Das Extrembergsteigen, das Abenteuer am Berg, war meine Form gewesen, mich auszudrücken. Ich bin dabei geblieben, obwohl ich erkannt hatte, wie egoistisch das Ganze ist. Und ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich ein Egoist bin. Trotzdem will ich das Narrativ zum traditionellen Alpinismus als unser Erbe weitergeben an die nächste Generation. •

[LEKTÜRE]

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REINHOLD MESSNER

Über Leben

NG TASCHENBUCH, 2016 Der Extrembergsteiger blickt zurück auf sein Leben und denkt nach über Begriffe wie Mut, Angst und Tod

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REINHOLD MESSNER

Mein Leben am Limit

PIPER, 2005 Eine Autobiografie in Gesprächen mit »Spiegel«-Reporter Thomas Hüetlin.

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REINHOLD MESSNER

Der nackte Berg

PIPER, 2003 Reinhold Messner über die Tragödie am Nanga Parbat 1970, bei der sein Bruder in einer Lawine umkam.