Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 9 Min.

MOTO GUZZI V85 TT: LÄSSIGE LANDUNG


Motorrad ABENTEUER - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 14.08.2019

Moto Guzzi, die Marke mit dem Adler, ließ vor zwei Jahren auf der EICMA mit der V85 TT überraschend eine Reiseenduro steigen. Jetzt muss die harte Test-Realität zeigen, ob sie das Zeug hat, der dahinsiechenden Marke zu neuen Höhenflügen zu verhelfen.


Artikelbild für den Artikel "MOTO GUZZI V85 TT: LÄSSIGE LANDUNG" aus der Ausgabe 5/2019 von Motorrad ABENTEUER. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Feld, Wald und Wiese: Die fesche Italienerin – und ihr Fahrer – fühlen sich auf nahezu jedem Terrain gut aufgehoben.


Fotos: T. Kohlmey, T. Kozik, J. Zell

Für diese Test-Idee braucht es wahrlich keinen gedanklichen Geniestreich, dieser Trip liegt praktisch auf der Hand: Mit einem mitten in Europa gebauten Motorrad im Rahmen einer ausgiebigen Testtour zu seinen ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Motorrad ABENTEUER. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 5/2019 von AKTUELL: NEUER EXTREMIST. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AKTUELL: NEUER EXTREMIST
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von MAUT ZAHLEN OHNE WARTEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MAUT ZAHLEN OHNE WARTEN
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von ERSTER EINDRUCK KAWASAKI VERSYS 1000 SE GRAND TOURER: GREEN GO. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ERSTER EINDRUCK KAWASAKI VERSYS 1000 SE GRAND TOURER: GREEN GO
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von KOLA: KOLA LIGHT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
KOLA: KOLA LIGHT
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von ON TOUR CHECK KTM 690 / 790: REISEFERTIG?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ON TOUR CHECK KTM 690 / 790: REISEFERTIG?
Titelbild der Ausgabe 5/2019 von BEKLEIDUNG / AUSRÜSTUNG / OUTDOOR: WAS WAR DABEI?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BEKLEIDUNG / AUSRÜSTUNG / OUTDOOR: WAS WAR DABEI?
Vorheriger Artikel
ERSTER EINDRUCK KAWASAKI VERSYS 1000 SE GRAND TOURER: GREEN GO
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel KOLA: KOLA LIGHT
aus dieser Ausgabe

... Wurzeln zurück fahren. Klingt erst einmal nicht besonders spannend, wären da nicht zwei Dinge: Zum einen entstehen Moto Guzzis bekanntlich am Rande des Comer Sees, und die Routen dorthin sind extrem attraktiv. Doch besonders das Motorrad lockt: Moto Guzzis V85 TT zählt ohne Zweifel zu den interessantesten Modellen des 2019er Jahrgangs.

Das liegt nicht nur an der Marke, die über eine unglaublich loyale Fangemeinde verfügt, sondern vor allem am Konzept der V85 TT, die sich als Gegenentwurf zu den überzüchteten und dickleibigen Reiseenduros aus Bayern und Österreich versteht. Das tut sie nach außen kund durch gemütliche Rundungen bis zu den bauchigen Seitenteilen der Tankattrappe, wo andere auf technoide Kantigkeit setzen. Auch die farbenfrohe Aufmachung unterstützt dieses Ansinnen, die – wie eigentlich fast alles bei Moto Guzzi – einen Bezug zur Historie darstellt: Die gleiche gelb-weiß-schwarze Farbkombination mit rotem Rahmen zierte schon die modifizierte V65, auf der sich Privatfahrer Claudio Torri 1985 in das Abenteuer Paris-Dakar stürzte. Sein Motorrad von damals steht natürlich im Guzzi-Museum auf dem Werksgelände.

Auch die inneren Werte unterscheiden sich gewaltig vom üblichen Reiseenduro-Angebot: Guzzi bereichert das Segment um den markentypischen längsliegenden 90-Grad-Vau, luftgekühlt und an den seitlich herausstehenden Zylindern schon von weitem erkennbar. Die Konfiguration mit zwei Ventilen, untenliegender Nockenwelle, Stößeln und Stößelstangen verströmt nicht gerade Hightech, und doch ist der V85-Antrieb eine komplette Neukonstruktion mit versteiftem Gehäuse, Semi-Trockensumpfschmierung mit überarbeitetem Ölkreislauf, 30 Prozent leichterem Kurbeltrieb und gewichtsreduziertem Ventiltrieb. Aus dem einigermaßen langhubig ausgelegten Hubraum von 853 cm3 bei 84 Millimeter Hub zu 77 Millimeter Bohrung schöpft der Zweiventiler nominell 80 PS und 80 Newtonmeter Drehmoment – spätestens jetzt wird klar, dass die V85 in einer ganz anderen Liga spielen will als die mit mindestens 130 PS antretenden GS, Adventure & Co. Doch Fahrspaß korreliert bekanntermaßen nicht mit Leistung, also machen wir uns frohgemut auf in Richtung Mandello del Lario, der Heimstatt aller Guzzis.

Leider war das Guzzi-Originalzubehör noch nicht verfügbar, doch die Alternative aus dem Hause Hepco & Becker (Seitenkofferträger zu 219,95 Euro mit 38 Liter großen Xceed Aluminiumkoffern zu je 389 Euro) konnte überzeugen: Die Deckel lassen sich vorn wie hinten öffnen, dadurch sind die Koffer gut beladbar und nachweislich wasserdicht, nur die Schlüssel sollten stabiler ausfallen.


Der enge Knieschluss ist Geschmackssache, auch wenn er dem Fahrer eine sehr gute Fahrzeugkontrolle vermittelt


So vorbereitet, empfängt uns die Italienerin mit offenen Armen, es gibt keinerlei Eingewöhnungsphase. Das schmale Polster erlaubt kleineren Staturen einen sicheren Bodenkontakt im Stand, während die niedrigen Rasten auch bei größeren Fahrern für entspannte Kniewinkel sorgen. Der enge Knieschluss im hinteren Tankbereich ist Geschmackssache, auch wenn er zusammen mit dem breiten Alu-Lenker eine sehr gute Fahrzeugkontrolle vermittelt. Hoch und gerade nah genug zum Fahrer montiert, stellt dieser eine aufrecht-entspannte Oberkörperhaltung sicher – fürs Touren perfekt: Hier hält man es locker vier bis fünf Stunden im Sattel aus, bevor das Hinterteil zart nach einer Pause quäkt.

Bei der elektronischen Ausstattung herrscht Basisniveau – es gibt nur das, was sein muss. Deshalb muss zum Starten der Zündschlüssel im etwas verbauten Lenk-/Zündschloss rumgedreht und aufs Anlasserknöpfchen gedrückt werden. Der Startfreude ist das nicht abträglich. Der Vau-Zwo erwacht unter deutlichem Schütteln zum Leben und versetzt zum Beweis alle beweglichen Teile in ein fröhliches Geräusch-Orchester. Gasstöße im Stand quittiert der Vau mit einem leichten Rechtsdrall infolge der quer zur Fahrtrichtung rotierenden Kurbelwelle.

Unser Weg führt uns nicht direkt nach Mandello, schließlich wollen wir die Guzzi noch auf unbefestigtes Terrain in die Vogesen führen. Besohlt ist die bunte Version mit ziemlich laut abrollenden Michelin-Anakee-Adventure-Reifen – die einfarbigen V85 TT-Modelle tragen asphaltlastigeren Metzeler Tourance Next – im für Straßen-Enduros üblichen Größenmix von 19 Zoll vorn und 17 hinten. Das unterscheidet die Guzzi klar von »echten« Geländegängern mit 21-Zoll-Vorderrad und relativiert ihren Namenszusatz: Das TT steht für »Tutto Terreno«, also jegliches Gelände. Doch die Offroad-Fähigkeiten beschränken sich tatsächlich klassenüblich auf leichtes Gelände und unbefestigte Feldwege. Dort funktioniert die Guzzi selbst mit den eher straßenorientierten Pellen tadellos. Schwereres Geläuf wollten wir ihr – und uns – wegen des doch beachtlichen Gewichts von 240 Kilogramm nicht antun. Ach ja: Fürs stehende Fahren im Gelände könnte die Lenkstange für Großgewachsene noch einen Tick höher sein.


Auf den wunderschönen Kurven und Kehren von Julier-und Malojapass legen wir jede Zurückhaltung ab


Auf der anschließenden Verbindungsetappe in und durch die Alpen muss die Italienerin ihre Reisequalitäten unter Beweis stellen – was sie eindrucksvoll tut: Neben der langstreckentauglichen Ergonomie bietet die mit Werkzeug in der Neigung verstellbare Frontscheibe einen überraschend guten Schutz vor Wind und Wetter. Gute Nachricht für diejenigen, die auf dem Motorrad Zweisamkeit nicht ablehnen: Hinten bietet die Guzzi ein komfortables Plätzchen gerne auch für länger, mit der Zuladung von 208 kg sollte man hinkommen. Einmal in der Schweiz, erlangt der Tempomat seine Existenzberechtigung – wer möchte schon den Eidgenossen die Pensionskasse mit überhöhten Strafgebühren füllen?

Doch auf den wunderschönen Kurven und Kehren von Julier-und Malojapass legen wir die selbst auferlegte Zurückhaltung ab – es wäre ja auch zu schade, dieses einmalige Motorradrevier nicht artgerecht zu genießen! Am Kurvenausgang schiebt der Vau-Zwo zunächst zögerlich und zurückhaltend voran, bis der runde Drehzahlmesser im TFT-Display knapp 4000/ min anzeigt; erst dann geht‘s spürbar vorwärts. Kurze Kontrolle im Display: ja, der Motor arbeitet im »Road«-Fahrmodus mit dem aktivsten Ansprechverhalten und nicht etwa in »Rain« oder »Offroad«, bei dem sich das ABS auch vorne deaktivieren lässt – dem im unbefestigten Vogesen-Areal präferierten Modus. Aber die 80 PS haben es eben mit 240 Lebend-Kilo plus Fahrergewicht zu tun, das merkt man dem Triebwerk an.

Beim Beschleunigen durch alle Gänge flutschen die Zahnräder bei passenden Anschlüssen exakt und unter deutlich hörbarem Klacken ineinander, die Seilzugkupplung ist wunderbar leichtgängig – die neu entwickelte Sechsgangbox ist fraglos die beste der jüngeren Guzzi-Geschichte – auch wenn bei gezogener Kupplung die Ganganzeige im Cockpit entfällt.

1


2


3


4


5


6


7


1Ladestation: Neben dem Cockpit befindet sich ein USB-Anschluss für Navi, Handy & Co.2Gewichtsoptimiert: Der Kardanantrieb wirkt geradezu filigran, die klassischen Stereo-Federbeine mit Ausgleichsbehälter stellen vernünftige 170 Millimeter Federweg am Hinterrad bereit.3Lässig: Unbefestigte Wege meistert der Guzzi-Pilot mit einem Grinsen im Gesicht.4Lichtorgel: Das Cockpit mit dem farbigen TFT-Display wirkt verspielt, die Anzahl der gleichzeitig angezeigten Elemente ist etwas zuviel – weniger würde die Ablesbarkeit verbessern.5Praktisch und wasserdicht: Schwarze Xceed-Alu-Koffer von Hepco&Becker.6Schaffen Vertrauen: Ausgezeichnet dosierbare, effektive Vierkolben-Festattelzangen von Brembo.7Schlecht gemacht: Wipp-Druckschalter für das Cockpit-Menü und Notaus-Schalter sind nur schlecht bedienbar.

Moderates Offroad-Vergnügen: Über unbefestigte Kammstraßen in den Vogesen gleitet die Guzzi geradezu dahin.


Beim herrlichen Rauf und Runter, durch Links-wie Rechtskurven und in sämtlichen Fahrzuständen zeigt die Italienerin eindrücklich, dass eine gelungene Fahrwerks-Grundkonfiguration wertvoller als die Möglichkeit mannigfacher Variationen sein kann. Die konventionelle Konstruktion, basierend auf einem stabilen, den Motor mittragend integrierenden Gitterrohrrahmen, liefern Kayaba-Federelemente mit überschaubaren Abstimmungsmöglichkeiten einen richtig guten Kompromiss aus Stabilität und Handlichkeit.

Dieses Motorrad fährt genau so, wie es sein Fahrer vorgibt. Harmonisch, erstaunlich agil und in jeder Lage nachvollziehbar. Lenkbefehle werden präzise und folgsam, aber nicht hektisch umgesetzt, Kurskorrekturen in Schräglage sind kein Problem, von Aufstellneigung beim Bremsen keine Spur. Übelwollende Verwerfungen und Buckel verarbeitet die sensibel ansprechende Gabel tadellos und sorgt so für einen ausgezeichneten Fahrkomfort auf allen Wegen.

Ob in den Alpen oder im Mittelgebirge, ihre Gelassenheit macht diese Guzzi überlegen: Wer sie auf einem runden Strich unter Zug hält, ist selbst ohne sportive Ambitionen schneller als viele stärker motorisierte Zweiradler unterwegs – und fühlt sich dabei noch sicherer. Denn die vorzügliche Bremsanlage verströmt die gleiche Unaufgeregtheit: Statt initialem Brachialbiss steigert sich die Bremsleistung analog zum Hebelweg am Bremsanker und sorgt für ein äußerst transparentes Bremsgefühl.

Ohne Schwung hängt man am Kurvenausgang aber in der Luft. Volles Öffnen der Einzeldrosselklappe macht nur Krach, dazu setzt die Leistungsentfaltung nur zögerlich ein. Das gilt es auch bei Überholmanövern zu berücksichtigen. Aber im Grunde genommen ist das zweitrangig, denn bis zur Ankunft im Guzzi-Werk in Mandello haben sich andere Vorzüge herauskristallisiert: Der erquickende, unproblematische Fahrspaß sowie veritable Langstrecken-Qualitäten. Zu der bereits erwähnten Ergonomie und dem Windschutz gesellt sich der sparsame, laufruhige Motor, der zusammen mit dem großen 21-Liter-Spritfass Reichweiten von deutlich über 400 Kilometern realisiert.

Mithin hat Moto Guzzi mit der V85 TT eine klassische Reiseenduro von echtem Schrot und Korn auf die Speichenräder gestellt, die mit 12.300 Euro für die mehrfarbige Variante auch nicht überteuert daher kommt – und dazu nicht an jeder Ecke steht.

TECHNISCHE DATEN*

Motor: Leistung 59 kW (80 PS) bei 7750 /min, max. Drehmoment 80 Nm bei 5000/min, luftgekühlter 90°-V-Zweizylinder, Hubraum 853 cm3, Bohrung x Hub 84 x 77 mm, Verdichtung 10,5:1, eine unten liegende Nockenwelle, über Zahnkette angetrieben, zwei Ventile je Zyl. per Stößel, Stößelstangen und Kipphebel betätigt, Zünd-/Einspritzelektr., eine Drosselklappe, Ø 52 mm, Semi-Trockensumpfschmierung, Einscheiben-Trockenkupplung, sechs Gänge, Kardan

Fahrwerk: Stahl-Gitterrohrrahmen, Stahlrohrheck geschweißt, v. USD Gabel, Ø 41 mm, Federvorsp. und Zugstufendämpfung einst., h. Alu-Zweiarmschwinge, direkt angelenktes Federbein, Federweg v./h. 170/170 mm, Kreuzspeichenräder, v. 2.50 x 19, h. 4.25 x 17, Bereifung Michelin Anakee Adventure, v. 110/80 R19, h. 150/70 R17, v. 320-mm-Doppelscheibenbremse m. Vierkolbenfestsätteln, h. 260-mm-Scheibenbremse mit Doppelkolben-Schwimmsattel, ABS

Maße und Gewichte: Radstand 1530 mm, Lenkkopfwinkel 62°, Nachlauf 128 mm, Sitzhöhe 830 mm, Gewicht fahrfertig 240 kg, Tank 23 l

Preis: ab 11.990 Euro

Farben: Grau, Blau, Rot, Rot-Weiß-Schwarz, Gelb-Weiß-Schwarz

* Hersteller-Angaben

MOTO GUZZI WERKSBESUCH

1


2


3


1Vor dem alten Eingangstor kommt nicht nur bei langjährigen Guzzi-Mitarbeitern Wehmut auf. Dahinter verbirgt sich das frei zugängliche Museum.2Während des Rundgangs erläutert Guzzi-Werksleiter Nello Mariotti (links) jeden einzelnen Arbeitsschritt wie die Vormontage am roten Rahmen der V85 TT.3Am Ende der Fertigungsstraße wartet auf alle fertigen Modelle der Rolling Test mit Überprüfung sämtlicher Vitalfunktionen, von der Motorleistung bis zum Antiblockiersystem.

Echte Guzzi-Fans haben den legendären Stammsitz in Mandello del Lario am Ufer des Comer Sees schon mehrmals besucht. Hier stellt Moto Guzzi seit Gründung des Unternehmens anno 1921 Motorräder her – und nirgends sonst auf diesem Planeten. Darauf sind die Verantwortlichen der seit 2004 zum Piaggio-Konzern gehörenden Marke besonders stolz.

Die Dimension des 58.000 m2 großen Firmengeländes stammt noch aus den glorreichen Fünfziger Jahren, als weit mehr als 1000 Mitarbeiter in dem weitläufigen Areal tätig waren. Aus dieser Zeit stammt auch der weltweit erste Windkanal zur Entwicklung von Motorrädern und ist heute noch zu besichtigen. Die bald nicht mehr genutzten Werkshallen wurden abgerissen und eine riesige Brachfläche entstand im zentralen Bereich. Das berühmte alte Eingangstor mit dem Guzzi-Schriftzug in der Via Parodi sieht zwar schön aus, dient aber nur noch repräsentativen Zwecken. Die heutzutage viel größeren LKW gelangen über einen neuen, modernen Zugang in der Via Baraggia aufs Firmengelände.

Mittlerweile montieren hier noch 160 Mitarbeiter die Motorräder im Ein-Schicht-Betrieb, von der einstmals über 90-prozentigen Fertigungstiefe ist nichts mehr geblieben. In der Motorenfertigung setzen die Arbeiter auf zwei Montagelinien entweder den großen 1400er-Motor von California, Eldorado, Audace und MGX-21 oder die Motoren von V7, V9 und eben V85 TT aus allen Einzelteilen zusammen. Übers Jahr betrachtet machen die kleinen Hubräume 90 Prozent des gesamten Produktionsvolumens aus. Viele Komponenten wie die Gehäuse fertigt die Metallbearbeitung im Piaggio-Stammwerk in Pontedera, andere Bauteile stammen von Zulieferern aus der Region: Beispielsweise kommen die Kolben vom Spezialisten Gilardoni, dessen Firmensitz ebenfalls in Mandello in Sichtweite des Guzzi-Werkes liegt.

Pro Tag laufen 80 Motoren vom Band, die allesamt einem kalten Funktionstest und einem ersten echten Motorenlauf unterzogen werden. Dabei ermitteln die Prüfstände für jeden Motor die individuellen Leistungs-und Drehmomentangaben. Ist alles innerhalb der Toleranzen, erhalten die Zylinderköpfe passgenaue grüne Kunststoff-Schutzkappen und gelangen von der Motorenmontage quer über das Werksgelände am verwaisten Areal vorbei zur Endfertigung in ein Gebäude an der gegenüberliegenden Seite.

Im ersten Stock befinden sich wiederum zwei Montagebänder, von denen nur eines aktiv ist. Das für die Fertigung der V7-und V9-Modelle ausgelegte Band steht still, auf dem anderen können die großen 1400er oder – wie aktuell – die V85 TT endmontiert werden. Am Ende eines jeden Tages sollten 75 Motorräder vom Band gerollt sein, die ein Aufzug in den darunterliegenden Versand bringt. Die Differenz zu den 80 gefertigten Motoren holen die Endmontierer an einem regelmäßigen freien Tag der Motorencrew auf. Die fertigen Modelle gelangen per Spedition ins Piaggio-Zentrallager nach Scorzè, von wo aus alle europäischen Moto-Guzzi-Händler – auch der lokale Händler nebenan – beliefert werden. Nach Übersee erfolgt der Versand direkt aus Mandello.

Mit dieser Art der Produktion ist Moto Guzzi sehr flexibel aufgestellt und kann schnell auf sich ändernde Marktbedingungen reagieren. Beispielsweise haben die Planer ihre Prognose für die 2019er Produktion der V85 TT noch vor dem Verkaufsstart Anfang April deutlich anheben müssen. Übrigens zulasten der übrigen Guzzi-Modelle – bei unserem Besuch in Mandello lief kein anderes Modell von den Bändern. Mit der modernisierten Modellpalette stiegen Produktion und Verkauf seit 2011 kontinuierlich an und die V85 stärkt die Absatzerwartungen zusätzlich: Produzierte Guzzi im Jahr 2011 gerade mal 5000 Motorräder, liefen im letzten Jahr schon rund 9000 Einheiten vom Band. Für dieses Jahr erwarten die Verantwortlichen wieder fünfstellige Absatzzahlen. Sollte die Nachfrage noch weiter steigen, wäre bei gleicher Arbeitsorganisation im Werk Mandello eine deutliche Produktionssteigerung auf über 100 Motorräder pro Tag kein Problem. Maximal ist die Fertigung im Ein-Schicht-Betrieb auf 200 Motorräder ausgelegt.