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MOTORRAD-ARCHETYPBERATUNG: DU FÄHRST DAS FALSCHE MOTORRAD


Walter Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 03.07.2020

Jeder Motorradfahrer liebt seinen Hobel. Doch Liebe macht blind. Häufig passt die vermeintliche Liebe des Lebens ganz schlecht zu Körper, Geist oder Gemüt des Fahrers. Das merkt er erst, wenn er etwas Anderes probiert - am besten etwas, das zu seinem Arsch passt wie der sprichwörtliche Eimer.


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Bildquelle: Walter Magazin, Ausgabe 3/2020

FOTOS Hersteller


Manfred sah sich mit Alukoffern voller Allzweckmesser vor der Oase stehen


Es gibt eine große Lüge, die sich jeder von uns erzählt: „Ich lese alle Fakten, und dann entscheide ich mich für das beste Auto.“ Kurz darauf kauft er einen BMW M2. „Ja, aber bei mir ist das WIRKLICH so“, widersprechen jetzt ...

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... rund 100 Prozent der Leser im Geiste. Nein. Menschen sind sich stets ähnlicher, als sie denken, und vor allem sind sie nicht so einfach gestrickt. Wir wollen Dinge. Dann lesen wir Fakten, bis diese Dinge gut argumentierbar sind, nicht nur gegenüber uns selbst, sondern auch gegenüber, sagen wir: dem „Baddnah“, wie der Franke zu jedweder Art von Intimpartner sagt. Es passiert aber wirklich so herum, nicht andersherum, auch wenn es sich im Kopf anders anfühlt: Wir wollen etwas und (er)finden dazu im Nachhinein eine Rechtfertigung.

Das wird umso wichtiger, umso mehr Emotionen im Spiel sind. Solange meine Waschmaschine in jeder Hinsicht günstig wäscht, kann ich sie nach Fakten aussuchen, nach kühlen Parametern. So suche ich aber nicht meine Baddnahrin aus; so suche ich nicht mein Motorrad aus. Deshalb sehen wir auf Fahrtrainings so viele Menschen, die sich mit Maschinen quälen, die sie unbedingt wollten, obwohl sie überhaupt nicht zu ihnen passen. Dackelbeinchen auf hochbeinigen Enduros. 50-kg-Frauen auf 400-kg-Goldwings. Cruisergeister auf 200-PS-Superbikes. Am tragischsten sind die Fälle, in denen die Person sich das Ding nicht selbst aufschwatzte, sondern es sich vom Baddnah aufschwatzen ließ. Diesen Fällen können wir hier vielleicht helfen, indem wir beschreiben, wie einfach Motorradfahren sein kann, wenn die Maschine passt.

Den meisten Motorradfahrern kann man so nicht helfen. Sie müssen vom Leben lernen, durch Schmerz. Ich weiß das, denn ich wollte wider jede Beratung unbedingt als zweites Motorrad meines Lebens ein italienisches Superbike. Ich liebte diese Maschine heiß und innig. Ihr Kauf retardierte jedoch meine Fahrfertigkeits-Lernkurve um Jahre, und dass ich das heute schreibe, statt mich mit meiner Mille in einen LKWKühlergrill gematscht zu haben, war ziemlich viel Zufall. Im Folgenden destilliere ich also 15 Jahre persönliche Beratung zum optimalen Motorrad in einen Text, den niemand ernst nehmen wird. Daher vorab der Satz aller erfahreneren Menschen: Macht eure eigenen Erfahrungen. Anders ging es bei mir auch nicht. Doch eure Baddnah könnte die folgende Archetypberatung retten. Welcher Typ Motorrad eignet sich für wen?

REISEENDURO

Beginnen wir mit der aktuell beliebtesten Klasse von Fahrzeugen, der Reiseenduro. Sie ist das SUV des Motorradmarktes, denn sie vermarktet sich gern mit etwas Dreck am Seitenständer, hat aber fast immer ein Straßenfahrwerk, weil sie fast immer auf Straßen fährt. Zwar wirkt die Werbung im Kopf, in der sich Manfred mit Alukoffern voller Allzweckmesser kurz vor der Sahara-Oase sieht, doch diese Erklärung fasst zu kurz. Um Reiseenduros zu verstehen, muss man ihre real existierenden Vorteile beschreiben - auch das ist wie beim SUV.

Der erste Vorteil ist die Sitzposition. Kopf oben, Füße unten, darauf hat die Evolution unseren Gleichgewichtssinn optimiert. Umso besser, wenn dann auch die alternden Knie im entspannteren Winkel stehen. Der Lenker liegt zur Hand im selben Winkel wie die Computermaus im Büro, und er ist breit. Ein breiter Lenker baut Hebelwirkung auf, die vor allem die vielen Fahrer benötigen, die noch ohne Lenkimpulstechnik lernten (wie man ein Motorrad wirklich lenkt, war früher nicht Bestandteil der Fahrschulausbildung). Der hohe Schwerpunkt der Reiseenduro hilft ihr zudem bei einer Form von Handling: Der leichtere Unterbau lenkt unter der Hauptmasse weg wie eine zierliche Kellnerin unter einem Berg von Geschirr. Das alles kann sich zum Reiseenduro-Aha-Erlebnis aufsummieren: SO sollte es für mich sein!

Wer so ein Erlebnis hatte, will es gleich allen aufschwatzen, zuallererst der Baddnahrin, doch haltet ein! Es gibt ebenso gute Gründe, keine Reiseenduros zu fahren: Sie sind schwer, hoch und breit, eignen sich also weniger für Schwächere, weniger für Kleinere, weniger für die Stadt. Ihre hohe Bauweise, ihre Federwege, ihre Dämpferabstimmung und ihre Reifenauswahl machen Rennstreckenausflüge oberhalb eher bescheidener Geschwindigkeiten zu mehr Frust als Spaß. Und häufig kriegst du alle erlebten Vorteile in besser auf einem Allrounder, vor allem beim Umstieg von einem Superbike.

SUPERSPORTLER

Vergessen wir einmal die Rennklassen-Unterscheidung zwischen „Superbike“ und „Supersport“ und fassen für diese Besprechung unter „Supersportler“ alle verkleideten echten Sportmotorräder zusammen, die am Ende der Parabolika in Hockenheim über 250 km/h schaffen, ohne dass sie dann nach der Bremszone in die Auslaufzone fahren müssen.

Am Neumarkt sind diese Motorräder selten geworden, aus einem einfachen Grund: Die Motorradfahrer werden immer älter, Supersportler sind jedoch immer für die Jugend am interessantesten. Die kann sich nichts Neues leisten. Man vergleiche die Verkaufszahlen am Neumarkt mit dem Gebrauchtmarkt. Der junge Mensch kauft das aus Liebe. Für alle älteren Menschen wie mich möchte ich den dringenden Tipp äußern: Kauf das nur, wenn du damit (zumindest manchmal) auf die Rennstrecke gehst. Ansonsten wirst du dir auf engen Landstraßen unnötig schwertun mit einem Gerät, das schon im ersten Gang über 150 km/h fährt und mehr PS als kg vollgetankt hat. Der Bußgeldkatalog wurde soeben weiter verschärft.

Wer genug Platz und Geld hat, kann sogar darüber nachdenken, einen Supersportler nur für die Rennstrecke zu kaufen. Dann erledigt sich das Gezwittere mit Auspuffanlage, ECU, Kennzeichen, Spiegel und Beleuchtung. Ein Leichtbau-Projekt für die Rennstrecke kann jeder (einfach bei jedem Teil „brauch ich das?“ fragen). Leichtbau für die Landstraße, naja: schwieriger. Da sagt dir der Staat, was dran sein muss.

Und nun die bittere Pille für viele Supersportler-Liebhaber: Du musst ein Mindestmaß an Körperspannung aufbauen können, um das einigermaßen zu fahren. Das hat wenig mit deinem Fettmantel zu tun, solange darunter kräftige Rumpfund Beinmuskulatur liegt. Aber wenn du draufsitzt und dich wie beim Liegestütz auf dem Lenker abstützen musst, den du ja locker führen sollst, wenn der Rücken nach 100 Kilometern zwackt oder die Schultern, dann mach dich entweder fit oder nicht unglücklich und kauf was Anderes. Es gibt genügend sportliche Allrounder.

(NEO-)KLASSIKER

„Da kommen die Jungen als Nachwuchs!“, schrieben wir, als die Retrowelle rollte. Mittlerweile ist die Welle gebrochen. Wir können im Spülsaum die Daten lesen. Es waren gar nicht vorwiegend junge Leute, die retro kauften, sondern es war vorwiegend die Kohorte so um die 50, die sich an ihre Jugend erinnerte und wieder aufs Motorrad stieg. Die konnten sich auch leisten, ihre Jugendträume perfekt eingestellt und restauriert zu kaufen oder gleich eines der Neoklassik-Angebote der Hersteller: Moderne Motorräder mit klassischer Gestaltung.

Diese Neoklassiker von Ducati Scrambler über BMW R nineT bis hin zu Triumphs Klassik-Palette fahren mittlerweile alle recht modern. Die Scrambler gehört sogar zu den Einsteiger- freundlichsten Ducatis, mit einem Preis wie die kleinste Monster 797. Wenn dir das gefällt und ergonomisch passt, spricht nichts gegen diese Maschinen, denn es sind unter ihrer Gestaltung meistens solide bis sehr gute Allrounder.

Der echte Klassiker ist eine andere Nummer. Vor allem wollen die meisten ja dann doch keine Eighties-Honda mit einem Eighties-Spritzlappen hinten, sondern etwas aufgechictes. Wer von so etwas träumt, muss eines dringend wissen: Du musst schrauben. Am besten sollte dir diese Tätigkeit also a) gefallen und b) solltest du wenigstens wissen, warum dein erfahrener Schrauberfreund so schmerzerfüllt schaut, wenn du mit der Ratsche auf deiner verrosteten Auspuffklemme herum- hämmerst. Ich kenne unzählige Schicksale von Motorradniemehrfahrern, die den Schrauberaufwand des Klassiker-Schätzchens unter- und die eigenen Fähigkeiten überschätzten. Geheimtipp für alle, die sich keinen neuen Neoklassiker leisten können oder wollen: Die Neunzigerjahre werden unterschätzt und boten zudem schon viel Siebzigerjahre-Retro an.

ALLROUNDER (NAKED BIKE)

Aus erzähltechnischen Gründen habe ich mir den wichtigsten Tipp fürs Ende aufgehoben. Die meisten Menschen, die ein Problem mit ihrem aktuellen Motorrad haben, setze ich auf eine Triumph Street Triple. Dieses kleine Dreizylindermotorrad kann einfach alles: Urlaub in den Alpen inklusive Schotterpässe, Landstraßenfegen, Rennstrecke (es gibt sogar einen Cup), fährt fast 240 km/h auf der Autobahn, bringt dich immer zuverlässig nach Hause. Dazu kommt ihre Freundlichkeit. So leicht kann das sein mit dem Motorradfahren, denkt sich der frisch Draufgesetzte und fährt mit der fremden Maschine sofort schneller und sicherer als mit dem alten, lange gewohnten Hobel. Dabei ist die Streety weder langweilig noch glattgebürstet. Heulender Dreizylinder-Sound, der an alte Porsche-Boxermotoren erinnert. Eigenwillige Gestaltung. Hochinteressante Markenhistorie. Wem eine Street Triple ergonomisch passt, muss nicht weitersuchen. Ein besseres Gesamtpaket kommt nimmer.

Die Streety ist jedoch nur ein besonders gelungenes Beispiel aus einer Klasse, die in Zeiten starker Spezialisierung unterschätzt wird: die Allrounder. Man sagt auch: „Naked Bike“, weil meistens nur wenig Verkleidung an der Maschine hängt. Kinder sagen ebenso schlicht wie richtig: „Motorrad“ zu dieser häufigsten, archetypischsten Art von Kraftrad. Jeder Hersteller hat sie im Angebot, von etwas hochbeiniger (Yamahas MT-Reihe) über sehr Nineties-klassisch (Hondas „Neo-Cafe“- Reihe) bis hin zu gut, lustig, günstig mit der Kawasaki Z 650 / ER-6. Es gibt fast alle Allrounder in verkleideten Varianten für die Tourenfahrer, und aufgrund der Verkaufszahlen ist der Zubehörmarkt der größte. Es ist die alte GTI-Story: Mit einem Golf GTI wirst du auf engen Landstraßen mehr Freude haben als mit einem Lamborghini Aventador, und dir bleibt viel, viel mehr Geld für Benzin. Vor allem jedoch möchte ich die Weisheit einer Rennfahrerin weitergeben, die ewig wahr bleibt: „Um gut zu fahren, musst du dich zuerst wohl fühlen.“ Sprich mal mit dem Baddnah.