Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

Müllfrei leben: ZERO WASTE!


Visionen Good Life - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 29.03.2019

Wer Müll vermeidet und generell seinen Konsum zurückfährt, hilft wertvolle Ressourcen zu erhalten und gewinnt an Lebensqualität. Denn Besitz kann auch belasten.


Artikelbild für den Artikel "Müllfrei leben: ZERO WASTE!" aus der Ausgabe 1/2019 von Visionen Good Life. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Visionen Good Life, Ausgabe 1/2019

Ein Projekt wird zum Lebensstil, ein Schlagwort zum Lebensmotto: Zero Waste. Seit mittlerweile 4½ Jahren leben Stefanie Kießling und ihre Familie die Müll-Diät. Dass dies funktioniert und keine Utopie ist, beweisen die Fünf aus dem oberbayerischen Bruckmühl Tag für Tag …

Es ist ein ganz normaler Morgen im Badezimmer der Kießlings: Mutter Stefanie geht unter die Dusche, nimmt sich einen Shampoo-Riegel und wäscht ihre Haare. Vater Daniel rasiert ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Visionen Good Life. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2019 von WELCOME: Liebe Leserinnen, liebe Leser,. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WELCOME: Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von GOOD LIFE: Natürlich Nachhaltig Fair: Was uns im Frühjahr bewegt!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GOOD LIFE: Natürlich Nachhaltig Fair: Was uns im Frühjahr bewegt!
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von RAUS AUS DER Fast Fashion Falle!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
RAUS AUS DER Fast Fashion Falle!
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von STELLA SUPERSTAR. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
STELLA SUPERSTAR
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von ALLES VEGAN!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ALLES VEGAN!
Titelbild der Ausgabe 1/2019 von GREEN Fashion:ECO IST DAS NEUE COOL!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GREEN Fashion:ECO IST DAS NEUE COOL!
Vorheriger Artikel
Das Glück in der Schüssel
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel WANDERPARADIES HAUTE PROVENCE
aus dieser Ausgabe

... sich mit dem guten alten Rasierhobel. Im Anschluss kommt selbstgemachtes Aftershave aus Rum, Tee aus Weidenrinde und Hamamelis-Extrakt ins Gesicht. Derweil putzen sich die Kinder die Zähne mit recyclebaren Bambuszahnbürsten, darauf ist selbstgemachtes Zahnpulver aus Schlämmkreide, Birkenzucker, Kokos-und Minzöl. Und dann das Frühstück: Selbstgemachtes Knuspermüsli, in dem die verwertete Matschbanane der Matchwinner ist. Dazu Kindercappuccino aus – natürlich – selbst gemahlenem Kaba-Pulver.

All dies verursacht so gut wie keinen Müll und bereitet der Familie inzwischen schon längst keine Mühe mehr. Denn das „Zero Waste”-Prinzip ist seit vielen Jahren ganz selbstverständlich in ihren Alltag integriert.

Das war nicht immer so. Denn am Anfang war da zwar viel Entschlossenheit. Doch es gab auch jede Menge Unsicherheit: Müllfrei leben, ein ganzes Jahr lang – geht das überhaupt? Was einsparen, was behalten, was weggeben, wo ein kaufen? Für Stefanie Kießling und ihre Familie stellten sich damals im Sommer 2014 viele Fragen. Die Antworten darauf kamen nicht immer sofort, doch Stück für Stück wurden die Kießlings eins mit ihrem Projekt. Täglich fanden sie neue Lösungen, änderten sie Verhaltensmuster, und schon bald war für sie klar: Der zuerst für ein Jahr gedachte Versuch wurde zu ihrem Alltag, zu ihrem neuen Leben, und dem sind sie bis heute treu geblieben.

Wie aber sieht es aus in einem Haus, in dem eine Zero-Waste-Familie lebt? Gemütlich, schlicht und schnörkellos, dominiert von Pflanzen und Holz. Ob im Wohn-Schlaf-oder Kinderzimmer: Man trifft auf solide unbehandelte Möbel, kein verklebter Billigpressspan, keine mit Kunststoff überzogene Regale oder Schränke. Das hat vor allem gesundheitliche Aspekte. Leni, die älteste Tochter, bekam im Kindergarten stets Asthma und allergische Hautreaktionen, wenn sie mit Stoffen in Berührung kam, mit denen viele Möbel behandelt waren. Also reagierte die Familie zuhause schon früh, noch ehe die müllfreie Zeit begann.

Plastikflut als Auslöser

Das Thema „Zero Waste” überfiel Stefanie Kießling nicht über Nacht. Müllvermeidung war für sie schon immer ein Thema. Sie erinnert sich: „In meiner Kindheit war es üblich, wenig Fleisch zu kaufen. Die Wurst haben wir uns beim Metzger in Lebensmitteldosen geben lassen und beim Einkaufen hatten wir immer Jutetaschen dabei.” Das hat sich mit den Jahren geändert, in den Supermärkten hat die Plastikflut eingesetzt. Die 38-jährige Journalistin war darüber not amused und versuchte, im Alltag möglichst viel Plastik einzusparen.

Stefanie und Daniel Kießling besorgten sich zuerst Literatur zu diesem Thema, wurden dabei nur in den USA fündig – und waren erst einmal enttäuscht. „Wir dachten, dass das vielleicht in den Vereinigten Staaten funktionieren kann, aber nicht bei uns hier in Oberbayern auf dem Land. Die meisten Tipps waren für uns nicht umsetzbar”, sagt Stefanie Kießling. Wie auch? Damals waren Läden, in denen man Produkte unverpackt kaufen kann, noch völlig unbekannt.

Also gingen die Kießlings erst einmal auf Entdeckungsreise durch die Geschäfte in ihrem Umkreis. Sie schauten, wo man vielleicht das eine oder andere Produkt ohne Verpackung bekommen kann, welche Alternativen es gibt. Das war zwar zuerst mühselig, doch so langsam kam eins zum anderen. Sie entdeckten eine Mühle, in der sie die meisten Getreidesorten und Hülsenfrüchte unverpackt in mitgebrachte Gefäße abfüllen konnten. Sie entwickelten eigene Rezepte, um Dinge wie Putzmittel, Deos oder Cremes herzustellen.

Stephanie Kießling freut sich: der Restmüll von sieben Monaten passt in ein Einmachglas. Übersichtlicher Badezimmerschrank mit selbstgemachten Cremes, Zahntabletten und Bambus-Zahnbürsten.


Weniger ist mehr

Und sie trennten sich von vielen Dingen. Denn: „Zero Waste bedeutet auch, minimalistisch zu denken”, erklärt Stefanie Kießling. „Je weniger Dinge man hat, desto weniger Müll entsteht hier schon mal zwangsläufig. Dazu kommt – wenig zu haben macht frei.” Dieses Denken zeigt sich auch bei Familienfesten wie Geburtstagen oder Weihnachten. „Wir schenken immer weniger materielle Dinge.” Den Grund dafür schiebt sie gleich nach: „Oder wer erinnert sich noch daran, was er zu seinem neunten Geburtstag bekommen hat?” Generell, so sagt sie, denken wir in unserer Gesellschaft immer noch viel zu materiell. „Viele Leute kaufen Kindern schnell noch ein Spielzeug, damit sie Ruhe geben.”

Stefanie Kießling sitzt am großen Wohnzimmertisch in ihrer Doppelhaushälfte. Auf dem Tisch: Getränke, selbst verständlich in Glasflaschen. Auf dem Boden: eine hölzerne Kinderburg, mehrere Spielautos aus Holz und – ein Hubschrauber aus Plastik! Sie grinst. „Der ist nur ausgeliehen. Aber prinzipiell sind wir vor allem bei den Kindern nicht überall pedantisch. Im Kinderzimmer gibt es tatsächlich Legos. Das ist aber unser einziges Plastikspielzeug, und das kaufen wir gebraucht.” Dabei gilt in der Familie die Regel: Wenn ein neues kommt, muss ein altes gehen. Das wandert dann in der Regel auf Tauschbörsen.

Nicht nur bei den Kindern stößt Stefanie Kießling an Grenzen. „So kenne ich wenig Medikamente, die ohne Blister-Verpackung auskommen”, sagt sie. „Doch da sage ich mir auch: wenn man sie braucht, muss man sie eben nehmen. Verpackungsmüll hin oder her.” Sie gibt freimütig zu, dass ein hundertprozentiges Zero Waste bei ihnen noch nicht funktioniert: „Zero Waste funktioniert bei uns zu sichtbaren 95 Prozent. Tatsächlich sind es aber wohl 90 Prozent.”

Auch Papier ist Müll

Sichtbar und unsichtbar? „Bei allem, was man im Alltag benutzt, muss man auch daran denken, was es bewirkt”, erklärt sie. „Papier ist auf den ersten Blick vielleicht kein Müll, den man als schädlich einstuft, da es ja recycelt wird. Und doch verändert und verschlechtert jeder Recycling-Prozess die Papier-Struktur. Deshalb müssen frische Papierfasern zugefügt werden. Für den weltweiten Verbrauch muss dafür jährlich eine Waldfläche abgeholzt werden, die dreimal so groß ist wie die Schweiz. Es geht also nicht nur um Plastik und Verpackung. Es geht um alle Ressourcen.”

Kampf gegen die Müllberge: die Deutschen produzieren pro Kopf jedes Jahr eine halbe Tonne Abfall. Das ergibt einen Berg, der so hoch ist wie der 1.141 Meter hohe Brocken im Harz.


All ihre Erfahrungen und Erkenntnisse teilt die Familie gerne mit anderen Menschen und Gleichgesinnten. Auf der Inter netseite www.zerowastefamilie.de gibt Stefanie Kießling Einblick in ihr müllfreies Leben, garniert mit jeder Menge praktischer Tipps. Zudem hat sie seit dem Zero-Waste-Start einen Blog ins Leben gerufen, auf dem sie ihren Weg dokumentiert und sich direkt mit interessierten Leuten austauschen kann. Was bestens funktioniert: Mittlerweile hat sie täglich rund 1.000 Besucher auf ihrer Seite. Die Sogwirkung bleibt da nicht aus. „Im Monat melden sich im Schnitt acht bis zehn Familie, die mir mitteilen, dass sie jetzt durch unser Beispiel ebenfalls Zero Waste machen.”

Prophet im eigenen Land …

Für sie ist klar: Man muss die Entwicklung hin zu einem müllfreien Dasein auch als Prozess sehen, bei dem nicht immer alles von heute auf morgen geht. Ihre Empfehlung:

„Jeder muss da sein eigenes Tempo finden.” Bei ihr und ihrer Familie ging es zum Beispiel am Anfang ziemlich schnell. „Im ersten Jahr war das sehr euphorisch. Wir haben nicht damit gerechnet, dass das alles so gut hinhaut.” Deutschlandweit und auch in Europa gab es da ziemlich schnell mediale Beachtung, nur daheim in der Region waren sie anfangs noch eine Kuriosität. „Inzwischen sind wir für die Mitmenschen hier aber ganz normal”, sagt Stefanie Kießling, die in der örtlichen Bücherei ein Regal mit Zero-Waste-Literatur und -Medien etabliert hat. Zudem ist sie aktiv am Repair-Café in der Gemeinde beteiligt, und sie hält Vorträge zum Thema „Zero Waste” bei der VHS oder beim Gartenbauverein. So hilft sie anderen Leuten mit über den Müllberg. Auch die Tatsache, dass Zero Waste mehr ist, als nur Müll vermeiden, ist der Bruckmühlerin ebenfalls wichtig. „Der Begriff bedeutet auch, Null Verschwendung’.” Auf ihrer Homepage erklärt sie die sechs Regeln von Zero Waste. Es sind die sechs „R’s”: Refuse, Reduce, Reuse, Repair, Recycle, Rot. Auf deutsch: Vermeiden, reduzieren, wiederverwerten, reparieren, recyceln, kompostieren. Die Kießlings machen das, sie leben das. Und sie wollen, dass noch viel mehr Menschen das Thema in ihrem Bewusstsein nach vorne stellen. Für sie ist auch klar: Nicht jeder muss ab jetzt ein komplett müllfreies Leben führen. Oft reichen schon kleine Veränderungen, wie zum Beispiel besser geplante Einkäufe. Denn noch immer werfen wir viel zu viel weg – bei einem Privathaushalt sind das monatlich etwa 30 Prozent aller gekauften Lebensmittel.

Doch angesichts gigantischer Müllberge, die weltweit anfallen und ihrer katastrophalen Auswirkungen auf die Umwelt, ist ein Umdenken bei jedem Einzelnen dringend erforderlich. Stefanie Kießling rechnet vor: „In Deutschland ist der jährliche Müllberg so hoch wie Norddeutschlands höchster Berg, der 1.141 Meter hohe Brocken. Pro Kopf ist das eine halbe Tonne Müll pro Jahr, eine vierköpfige Familie hinterlässt 13 Kilogramm Müll pro Woche – ohne Elektroschrott und Altkleider. Doch es ist unsere Aufgabe, nachhaltig zu leben und den nächsten Generationen nicht einen Berg an Müll und Giftstoffen zu hinterlassen.”

Ohne Plastik drumrum: Stefanie Kießling kauft ihre Lebensmittel bevorzugt in „Unverpackt-Läden.



„Jeder muss in Sachen Zero Waste sein eigenes Tempo finden.”



FOTOS:GettyImages; Stefanie Kießling privat