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MUS-IC-ON! KLANG DER ANTIKE


Antike Welt - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 14.01.2020

Eine Sonderausstellung in der Antikenabteilung des Martin von Wagner Museums


Musik ist zweifellos ein Momentum, mit dem sich alle Kulturen, ob vergangene oder gegenwärtige, auseinandersetzen. Musikausstellungen scheinen derzeit Konjunktur zu haben (z. B. LouvreLens: «Musiques!» – 2017, Brandenburg «Archæomusica» – 2018, Frankfurt «Big Orchestra», New York: «Play it Loud!» – beide 2019), und das, obwohl aufgeführte und an auditive Sinne gerichtete Musik per se nicht visuell ausstellbar ist. Können seit dem späten 19. Jh. Musikaufführungen durch Tonaufnahmen aufgezeichnet und so langfristig erhalten ...

Artikelbild für den Artikel "MUS-IC-ON! KLANG DER ANTIKE" aus der Ausgabe 1/2020 von Antike Welt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Antike Welt, Ausgabe 1/2020

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... werden, so ist dies für frühere Epochen unvorstellbar. Die Musik antiker Kulturen ist für alle Zeiten verklungen. Auch wenn in öffentlichen Medien, ja selbst in wissenschaftlichen Beiträgen zuweilen der Eindruck erweckt wird, dass die Reproduktion erhaltener Musikstücke mit frühen Formen von Notation die antike «Musik» wiederbeleben würde.

Ohne das Vorhandensein akustischer Aufzeichnungen bleiben alle diese Einspielungen experimentelle und viel- fach einem subjektiven Musikempfinden angepasste Annäherungen. Doch was sind die Inhalte einer Ausstellung zu antiker Musik, wenn diese für alle Zeiten verklungen und nicht reproduzierbar ist?

Musik ausstellen!

Musik ist weitaus mehr als ihre reine Performanz oder der Genuss ihrer Klänge. Gestern wie heute ist sie ein wichtiger Teil von «Kultur» und bildet damit eine Grundlage von gesellschaftlicher Identität, Kommunikation und schließlich Tradition. Ist die antike Musik auch verklungen, so beliefert uns ihre Dokumentation in den antiken Bildern und Schriften mit einem reichen Informationsschatz, an dem der hohe Stellenwert der Musik in den verschiedenen antiken Kulturen wiederentdeckt werden kann. Immer noch fassbar sind nicht nur vielfältige Einsätze in nahezu allen Lebensbereichen, sondern auch eine hoch entwickelte theoretische Beschäftigung mit verschiedenen Musiksystemen. Augenfällig ist in allen Bereichen die Interkulturalität von Musik. So ist der Austausch von Musikern, von Musikinstrumenten und ihren Klängen, ja selbst von Ton- und Notationssystemen ein Wesensmerkmal, das nicht auf die Moderne beschränkt bleibt.

Aus dieser Idee der interkulturellen Begegnung und der verbindenden Kraft von Musik ist die Würzburger Ausstellung «MUS-IC-ON! Klang der Antike» geboren, die bis zum 12. Juli 2020 in der Antikensammlung des Martin von Wagner Museums zu sehen ist (vgl. Plakat auf S. 1). In ihrem Fokus stehen die vier großen Kulturen der Antike: der Vordere Orient, Ägypten, Griechenland und Rom. Beginnend mit den frühesten historischen Epochen wird das mannigfache Musikleben in einem Zeitraum von mehr als 5000 Jahren präsentiert.

Ein Rundgang durch die Ausstellung

Angelehnt an die Wanderausstellung «Archӕomusica» des von der EU geförderten European Music Archaeology Project (EMAP) setzen sich die Kuratoren von «MUS-IC-ON!» zum Ziel, die Klänge der Antike verstärkt über das eigene Spiel der Musikinstrumente den Besuchern erlebbar zu machen. Neben unzähligen Replikaten, die im Zuge der Arbeiten vom EMAP hergestellt und der Würzburger Ausstellung zur Verfügung gestellt wurden, konnten weitere, unter anderem auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Nachbauten für die Ausstellung hergestellt werden. Nicht zuletzt wird hierdurch die Möglichkeit geboten, zumindest die «Klänge» antiker Musikinstrumente zu neuem Leben zu erwecken. Ganz bewusst wird in der Ausstellung auch auf die Vermittlung absoluter Wahrheiten verzichtet. So jung die interdisziplinäre musikarchäologische Forschung nämlich ist, so lebendig wird diskutiert und so offen sind die Lö sungen für Probleme, die erst als solche benannt wurden.

Nachbauten prähistorischer Flöten aus der Geißenklösterle-Höhle und der Hohle Fels-Höhle der Schwäbischen Alb.


Bereits über ihre Namen, «Ursprünge » – «Spurensuche» – «Werkstatt » – «Musikwelten» – geben die vier Ausstellungsräume eine Idee von den Inhalten, die den Besucher dort erwarten. Einblicke in die Anfänge von den ersten, von Menschenhand erzeugten künstlichen Klängen und schließlich der Entstehung von Musik erhält der Besucher im Raum «Ursprünge ». Präsentiert werden hier unter anderem Nachbauten vieler prähistorischer Objekte, die von den Anfängen des Musikinstrumentenbaus erzählen. Dazu gehören unter anderem die bislang ältesten, aus Knochen und Bein gefertigten Flöten aus der Schwäbischen Alb, die in die Aurigna- cien-Zeit (42 000−38 000 v. Chr.) datiert werden können (Abb. 1).

Auf die «Spurensuche» begibt sich der Besucher beim differenzierten Blick auf die verschiedenen Quellen zur antiken Musik, seien es Bild- und Schriftmedien wie griechische Münzen oder mesopotamische Keilschrifttafeln oder auch Überreste und Einzelteile der originalen Musikinstrumente.

Mit dem Wissen der Prinzipien der Klangerzeugung ausgestattet werden in der «Werkstatt» prominente antike Musikinstrumente vorgestellt und deren räumliche und zeitliche Entwicklung vor Augen geführt. Darüber hinaus werden die unterschiedlichen Methoden für den Weg vom archäologischen Fundstück zum spielbaren Instrument aufgezeigt und für die Frage nach der Bedeutung des Instruments auch die archäologischen Fundumstände einbezogen.

Liegt mit dem Fund der berühmten stierförmigen Leiern aus den Königsgräbern von Ur (Irak) eine umfassende Dokumentation originaler Instrumente vor, wonach ein adäquater Nachbau erfolgen kann, so ist das bedeutendste Instrument der griechischen Antike, die Kithara, ausschließlich in Bildquellen dokumentiert. Bedingt durch die vielfältigen Möglichkeiten ihrer Interpretation werden in der Ausstellung gleich mehrere Nachbauten dieses Instruments präsentiert. Die jüngste Deutung sei- ner Konstruktion von Dr. Ralf Gehler (Schwerin) konnte über einen neuen, für die Ausstellung angefertigten Nachbau realisiert werden (Abb. 2).

MUS-IC-ON! KLANG DER ANTIKE – Eine Sonderausstellung in der Antikenabteilung des Martin von Wagner Museums

Abb. 2 Neue Rekonstruktion der griechischen Kithara.


Abb. 3 a.b Rekonstruktion der übermannshohen anatolischen Leier.


Einsatz und Wirkmacht antiker Klangwerkzeuge

Mit dem Wissen über die vielfältigen Hindernisse, mit denen sich Archäologen, Philologen, Instrumentenbauer und Musiker bei der Rekonstruktion antiker Klänge konfrontiert sehen, begibt sich der Besucher in die «Mu- sikwelten», dem Herzstück der Ausstellung «MUS-IC-ON!», von der Frage geleitet: Zu welchem Zweck wurden die Instrumente eingesetzt und welche Wirkung sollten diese Klänge erzielen?

Die Grenzen dieser Welt überschreitet Musik im Bereich des «Überirdischen ». Tief surrende Leiern und hell klingende Sistren und Zimbeln dienen der Kommunikation mit den Göttern oder zur Vertreibung von Dämo- nen. Ein Highlight ist hier der für die Ausstellung angefertigte Nachbau der übermannshohen Kastenleier aus Anatolien, die lediglich von einer reliefierten Vase bekannt ist (Abb. 3 a.b). Daneben ist aber auch der irdische Einsatz von Instrumentalklängen bedeutsam, ob als «Signal» bei der Schlacht oder Schalmeien- und Harfenklänge bei «Fest und Ekstase». Am Höhepunkt dieser für die Ausstellung konzipierten Entwicklung steht das «Konzert», bei dem Musik, einzig dem Kunstgenuss verpflichtet, durch den Musiker und Virtuosen ihren höchs- ten Ausdruck findet

Ausdruck findet. Auf dem Rückweg, am Ende seines Rundgangs, wird der Besucher abschließend mit den Themen Forschungsgeschichte, Rezeption und Interkulturalität von Musik konfrontiert. Dies geschieht anhand von historischen, europäischen sowie rezenten, arabisch-orientalischen und afrikanischen Musikinstrumenten. Ein wesentliches Merkmal der Ausstellung ist es, dem Besucher mannigfaltige Wege zur Begegnung mit antiken Klängen und den Konzepten ihrer Musik zu bereiten. Erste Neugierde wird über ein Entdecken von Details an bildlichen und schriftlichen Zeugnissen geweckt. Klänge werden über das eigene Spiel erlebbar, aber auch im Audioguide und über Soundinstallationen hörbar. Grundlagen zu Organologie und Spieltechnik können an entsprechenden haptischen Stationen erprobt werden

Dieses Ansinnen erfüllt die Ausstellung nicht zuletzt über die Sichtbarmachung der Funktionsweise des sicherlich technisch anspruchsvollsten Instruments, der antiken Wasserorgel (Hydraulis), die im späten 3. Jh. v. Chr. vom Mechaniker Ktesibios aus Alexandria entwickelt wurde. An drei archäologisch überlieferten Instrumenten haben sich vor allem Teile der Pfeifen und des Spieltisches mit Registratur erhalten, für Funktionsweise von Windwerk und Windlade hingegen sind wir auf die schriftlichen Quellen angewiesen. Zu dieser kombinatorischen Rekonstruktion kommen noch Bilder hinzu, die weitere Details überliefern. Der hydraulische Mechanismus der Windanlage scheint dabei derart komplex, dass selbst der antike Architekturtheoretiker und sonst so wortgewandte Schriftsteller Vitruv nach der Beschreibung der Bauweise eine praktische Kenntnis der Hydraulis fordert. Diesem Ratschlag folgend wurde für die Ausstellung «MUS-ICON! » ein transparentes und spielbares Funktionsmodell angefertigt, an dem die komplizierte Technik jedem Laien verständlich wird (Abb. 4).

Abb. 4 Funktionsmodell der Hydraulis.


Fazit

Novum der Ausstellung ist die Verknüpfung von «klingenden» – den Musikinstrumenten – und «stummen» – den Bildern und Schriften – Zeugnissen bei der Präsentation antiker Musikkulturen. Möglich wurde dies nicht zuletzt mit Unterstützung der zahlreichen Sammlungen, die großzügig ihre Exponate der Ausstellung zur Verfügung stellen, darunter selten gesehene Objekte aus dem Saalburgmu- seum (Bad Homburg), der Frau ProfHWialprrkeac-hSta-Smammmlulnugn g(H(Jeeindae)l,b deerrg)U, rduekm/. Ägyptischen Museum – Georg Steindorff (Leipzig) oder der Antikensammlung des Instituts für Klassische Archäologie Tübingen.

Jeder Besucher kann somit mit allen Sinnen in die antiken Klangwelten und in die Musikkulturen des Vorderen Orients, Ägyptens, Griechenlands und Roms eintauchen. Stellt er seinen eigenen Empfänger auf «ON!», wird die kulturell verbindende Kraft der Musik bis in die Gegenwart hinein spürbar sein.

Adresse der Autoren

Dr. Florian Leitmeir Lehrstuhl für Klassische Archäologie
Dr. Dahlia Shehata Lehrstuhl für Altorientalistik Universität Würzburg Residenzplatz 2 Tor A D97070 Würzburg

Bildnachweis

Abb. 1. 2. 4: Foto: Oliver Wiener; 3 a.b: Ralf Gehler und T. Özgüç, inandiktepe: eski Hitit caginda önemli bir kült merkezi, Ankara 1988.

Literatur

R. GEHLER, Die große griechische Kithara. Zur Ergologie eines antiken Saiteninstruments, in: F. Leitmeir / D. Shehata / O. Wiener (Hrsg.) MUSICON! Klang der Antike. Begleitband zur Ausstellung im Martin von Wagner Museum (2019) 37−48.

M. MARKOVITS, Die Orgel im Altertum (2003).

T. ÖZGÜÇ, İnandıktepe: eski Hitit çağında önemli bir kült merkezi (1988).

S. RÜHLING, Imponieren, Brillieren und Musizieren – Orgelklänge für Gott, Kaiser und den Sport, in: F. Daim / D. Heher / C. Rapp (Hrsg.), Menschen, Bilder, Sprache, Dinge. Wege der Kommunikation zwischen Byzanz und dem Westen. 1: Bilder und Dinge (2018) 105−123.

D. SHEHATA, Eine mannshohe Leier im altbabylonischen IštarRitual aus Mari (FM 3, no. 2), in: Altorientalische Forschungen 44 (2017) 68–81.

L. WOOLLEY, Ur excavations, Band 2, The royal cemetery (1934).