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Museen ohne Kunstwerke


Kunst und Auktionen - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 07.02.2020

Wenn Häuser von der Politik vereinnahmt werden, gerät die Kunst ins Hintertreffen


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Bildquelle: Kunst und Auktionen, Ausgabe 2/2020

Das „Haus der Geschichte Österreich“ lässt Geschichte erst im 19. Jahrhundert beginnen


Wie steht es um die Museen? Die Publikumszahlen steigen - 2018 wurden in deutschen Ausstellungshäusern 118 Millionen Besucher gezählt. Aber etwas anderes geschieht: Waren herkömmlicherweise das Sammeln, Erhalten, Präsentieren und Erforschen von Kunstwerken und Artefakten die wesentlichen Aufgaben der Bildungsinstitutionen, so ist man gerade im Begriff, diesen Kanon rasant zu dekonstruieren. Von der Presse unbemerkt - oder zumindest unkommentiert -, wird an einer radikalen Erneuerung der Museumsaufgaben gearbeitet: Es soll in Zukunft nicht mehr um die Darstellung der Bedeutung und Geschichte des Patrimoniums gehen, sondern vor allem darum, die Probleme und Aufgaben der Gesellschaft von heute diskursiv zu erörtern. Also Migration, Mobilität, Rassismus, Kolonialismus, Sustainability, Gender, Klima, Inklusion, Teilhabe, Minoritäten, Communities etc. - kurz: Museen sollen Foren für Fragen der Zeitgeschichte werden.

Diese Bewegung hat bereits über 50 Prozent der Institutionen erfasst und dringt jetzt von den Kommunalmuseen in die Landesmuseen vor. Der Paradigmenwechsel ist weit fortgeschritten. Die Politiker der meisten Parteien sekundieren. So spricht der Koalitionsvertrag anerkennend vom „materiellen Erbe, das in unseren Museen, Bibliotheken und Archiven bewahrt wird“, stellt dann aber ohne zu zögern das „immaterielle Erbe“ in den Vordergrund und weist den Institutionen als Hauptaufgaben die Erforschung von Provenienzen, die Restitution von NS-Raubkunst, die Rückführung kolonialer Objekte sowie die Pflege der kulturellen Hinterlassenschaften in Mittel- und Osteuropa zu. Das ist natürlich alles richtig und gut - kann aber nicht mit Ausschließlichkeit betrieben werden. Denn das Museum ist weder eine sozialpädagogische Anstalt noch ein politisches Instrument.


Kunst ist heute dem Diktat der Inszenierung unterworfen


Das Missverständnis kam auf, als sich Museen in den Neunzigerjahren anheischig machten, gemeinsam mit Parteipolitikern „Museumspolitik“ zu betreiben - mithilfe von Ausstellungen Einfluss auf die gesellschaftlichen Meinungen zu gewinnen. Thesen wurden aufgestellt, Themen bestimmt, Konzepte verfasst. Die historischen Kunstwerke gerieten dabei zunehmend ins Hintertreffen: Es geht nicht mehr um die Dinge, sondern um die Menschen heute. Und so ist Kunst heute dem Diktat der Inszenierung unterworfen, findet sich im gleißenden Licht von Konturstrahlern und inmitten anderer origineller Einfälle wieder. Enge Labyrinthe verhindern das Sehen im richtigen Abstand und Winkel. Erklärungen und Texte werden in Leaflets, Foldern und Flyern verborgen. Und wer einen der vielen Museumspädagogen einmal „We have to teach, to teach, to teach again“ hat rufen hören, versteht, dass gegenwärtig Doktrinen und Vereinfachungen vor allen Einsichten und Erkenntnissen stehen. Manchmal nimmt die Didaktik der Häuser geradezu diktatorische Formen an: „We want the people to understand“, verkünden Aktivisten.

Auch der Zeithorizont verengt sich zusehends - Geschichte scheint neuerdings überhaupt erst im Jahr 1800 zu beginnen. Die Dauerausstellungen vieler historischer Museen jedenfalls beschränken sich ohne Not auf das 19., 20. und 21. Jahrhundert - so beispielsweise im Frankfurter Stadtmuseum, im Wiener „Haus der Geschichte Österreich“, im Regensburger „Haus der bayerischen Geschichte“. Und auch das Münchner Stadtmuseum wird sich mit seiner neuen Dauerausstellung bald in diese Reihe stellen. Thomas Nipperdeys Satz „Am Anfang war Napoleon“, mit dem der Historiker 1983 seine Deutsche Geschichte 1800 - 1866. Bürgerwelt und starker Staat einleitete, ist zum Schlagwort geworden - frühere Jahrhunderte liegen schon im tiefen Schatten.

Deutschland nimmt also Abschied von der langen Geschichte - und damit auch vom Verständnis des Landes im europäischen Kontext. Und Deutschland nimmt Abschied von Formen der Kunst, die vor dem Nationalismus, der Industrialisierung und dem Kapitalismus galten. Kunstwerke aus Mittelalter, Renaissance, Barock, Aufklärung und Klassizismus werden mit leichter Hand aufgegeben. Ab ins Depot damit! Wer vermisst sie schon? Man kann sie ja im Internet betrachten. Das „Zukunftsteam“ im Museum erkennt hier keinen Bedarf mehr. Es zählt nur das Jetzt, das sich um ein Morgen sorgt - Vergangenheit existiert nicht mehr. Die moderne Gesellschaft kann ohne Erinnerungen besser auskommen. Für sie sind Kunstwerke im vulgären Verständnis nur noch Zeichen von Luxus - Objekte des Repräsentationsgebahrens. Denn die Pressure-Groups können sich auf kein kulturelles Erbe einlassen, das in seiner Vieldeutigkeit der gegenwärtigen Ideologie der subjektiven Meinungen und des „Story-Telling“ widerstrebt. Und so verschwinden die Dinge …


Abb.: Herta Hurnaus

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