Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 5 Min.

MUSIK: „Erfinde keine Ausreden“


L-MAG - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 26.06.2020

Das Rock-Pop-Trio Dream Wife hat sich innerhalb kürzester Zeit zu einem L-MAG-Liebling hochgespielt – und aufs Cover dieses Hefts. Die Band verkörpert eine Mischung aus schmissiger Musik mit Message und dem souveränem Auftreten junger Frauen. Im Interview bestätigen sie erneut, dass sie feministisch, unangepasst und musikalisch ambitioniert bleiben


Artikelbild für den Artikel "MUSIK: „Erfinde keine Ausreden“" aus der Ausgabe 4/2020 von L-MAG. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: L-MAG, Ausgabe 4/2020

Pop-Trio mit Tiefgang und Schlagkraft: Sängerin Rakel Mjöll, Bassistin Bella Podpadec und Gitarristin Alice Go (v. l. n. r.) sind feministisch, laut und einfach absolut stark


Die britisch-isländische Band Dream Wife, bestehend aus Leadsängerin Rakel Mjöll, ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von L-MAG. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2020 von INTRO: L.MAG Juli/August 2020: Mythos Zwanziger Jahre. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
INTRO: L.MAG Juli/August 2020: Mythos Zwanziger Jahre
Titelbild der Ausgabe 4/2020 von LESERIN: Leserin des Monats. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LESERIN: Leserin des Monats
Titelbild der Ausgabe 4/2020 von MAGAZIN: Mehr Luft zum Atmen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MAGAZIN: Mehr Luft zum Atmen
Titelbild der Ausgabe 4/2020 von L.MAG vor 10 Jahren. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
L.MAG vor 10 Jahren
Titelbild der Ausgabe 4/2020 von POLITIK: Was bleibt nach Corona?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
POLITIK: Was bleibt nach Corona?
Titelbild der Ausgabe 4/2020 von POLITIK: Zwischen Sichtbarkeit und Sicherheit. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
POLITIK: Zwischen Sichtbarkeit und Sicherheit
Vorheriger Artikel
COMING SOON FILME+SERIEN
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel MUSIK: Unter gutem Einfluss
aus dieser Ausgabe

... Gitarristin Alice Go und Bassistin Bella Podpadec, formierte sich 2014 in Brighton, Großbritannien. Damals allerdings gedacht als einmalige Kunstperformance, die den Status Quo ihrer Universität, an der alle drei Bildende Kunst studierten, in Frage stellen sollte. Zum Glück blieb es nicht beim Uniprojekt. 2018 erschien ihr Debütalbum und in der Folge tourten die drei Frauen mit Bands wie Garbage, Sleigh Bells und The Kills. Nicht ohne Grund war der Song „F.U.U.“ von ebendieser Platte auch in der 6. Staffel von „Orange Is The New Black“ zu hören. Denn die Frauenband erhebt konsequent die Stimme für die LGBT-Community und setzt sich für die Rechte von Frauen, queeren sowie nicht-binären Menschen ein. Dabei legt sie ein besonderes Augenmerk auf die Musikindustrie, in der die Quote weiblicher Akteurinnen immer noch erschreckend gering ist. Bei bloßen Lippenbekenntnissen bleibt es dabei nicht. Rakel, Alice und Bella setzen um, was sie predigen. Davon überzeugen kann man sich nicht nur auf ihrem neuen Album „So When You Gonna …“, das nach punkigem 80er-Jahre-Sommer klingt und unter dessen Oberfläche es brodelt, sondern auch im Interview mit L-MAG.

L-MAG: Wie geht‘s euch gerade? Was macht ihr während dieser Monate, in denen ihr nicht auftreten könnt?
ALICE: Wir gärtnern fleißig (lacht). Daneben verbringen wir viel Zeit miteinander, spielen zusammen und tüfteln an neuen Songs. So verarbeiten wir die Krise und fragen uns gleichzeitig, ob die Musik es durch unsere offenen Fenster und über unsere Hausmauern hinweg schaffen wird oder in unseren vier Wänden einfrieren muss.
Auf eurem neuen Album handelt ein Song von dieser verrückten Zeit. „Hasta la Vista“ ist ein Abschied von dem, was man bisher kannte, oder?
BELLA: Ja, es gibt viele Parallelen zur aktuellen Situation. Der Song war einer der ersten, den wir schrieben, als wir nach unserer 18-monatigen Debütalbum-Tour mit 200 Shows zurück nach London kamen. Die Dinge um uns herum hatten sich geändert und wir auch. Enge Beziehungen sind auseinandergefallen, andere entstanden. „Hasta la Vista“ war eine Art Bestandsaufnahme. Ein Innehalten, sich umschauen und wahrnehmen, was man sieht.
RAKEL: Es geht darum, dankbar zu sein für das, was war und gleichzeitig zu akzeptieren, was heute ist. Dass Veränderungen passieren, ist vermutlich das einzige, worauf man sich ganz sicher verlassen kann. Den Song gerade jetzt zu veröffentlichen, erscheint uns richtig.
Was für eine Botschaft wollt ihr mit dem Album-Titel „So When You Gonna …“ vermitteln?
BELLA: Dass du endlich tust, wovon du immer gesagt hast, dass du es tun wirst und es bis jetzt nicht getan hast (lacht). Es ist sowohl eine Herausforderung als auch eine Einladung, diese eine Sache endlich umzusetzen.
ALICE: Die Art von kompromissloser Haltung, die den Rationalisten in dir ausschaltet und die Emotionen umarmt. Brich mit den eigenen Erwartungen und fang an, wirklich an dich selbst zu glauben. Die Message ist – nicht nur im Titelsong, sondern auch in einem Song wie „Sports!“: Pack das Leben bei den Hörnern. Zieh durch, halte nichts zurück und erfinde keine Ausreden!
Es heißt, das zweite Album sei immer das schwerste, habt ihr das auch so empfunden?
ALICE: Überhaupt nicht. Für mich ist das ein Klischee, dass das zweite Album so knifflig sein soll und einer Band erst ihre Identität gibt. Für uns hat sich dadurch die Chance geboten, etwas ins Rollen zu bringen und Dinge zu tun, die wir schon lange ausprobieren wollten. Wir können nun unsere Skills als Live-Band verfeinern und gleichzeitig eine neue, popsensiblere Facette unserer Musik zeigen. Es war aufregend, nicht nur im Songwriting neue Wege zu beschreiten, sondern auch im Studio. In der Zusammenarbeit mit unserer Produzentin Marta Salogni, die unsere Ideen wirklich verstanden hat und sie richtig kanalisieren konnte.
BELLA: Wir haben als Band zum ersten Mal richtig viel Zeit in einem Studio verbracht. Beim ersten Album dauerten die Aufnahmen nur eine Woche. Ich fand es toll, mich wirklich dem Schreiben widmen zu können. Dadurch schienen alle kreativen Ideen auf ekstatische Weise nur so aus meinem Herz und meinem Kopf heraus zu fließen.
Apropos Songwriting. Eure Texte haben es thematisch in sich. In „Temporary“ geht es um Fehlgeburt und in „After the Rain“ um Abtreibung. Ist der Blickwinkel von Musikerinnen auf solche Themen ein anderer?
RAKEL: Ja, ich denke schon. Das rührt von einem tiefen Verständnis her. „Temporary“ spiegelt vor allem die Scham, die einer Abtreibung anhaftet und diesen endlos erscheinenden Schmerz, den man durchleidet. Doch der Song erzählt auch von der Hoffnung, solche Herausforderungen bestehen zu können.
Für euer Album habt ihr mit einem komplett weiblichen Team zusammengearbeitet. War das von Anfang an so geplant oder hat sich das ergeben?
ALICE: Wir haben uns mit verschiedenen Produzenten getroffen. Dann sind wir Marta Salogni begegnet, die schon für Künstlerinnen wie Björk oder FKA Twigs gearbeitet hat und es war, als würde sich der Nebel lichten. Vom ersten Tag an war sie sehr interessiert an einem Austausch und wollte uns nicht ihren Stempel aufdrücken. Sie hat den Songs erlaubt, zu wachsen. Es hat sich einfach richtig angefühlt, mit ihr zu arbeiten. Und damit haben wir dann umgesetzt, was wir predigen. Der Anteil von Frauen in der Musikproduktion liegt bei weniger als fünf Prozent. Uns ist es wichtig, unsere Schwestern im Geiste zu unterstützen, Rollenvorstellungen aufzuheben und nicht-binären Menschen in der Musikindustrie eine Stimme zu geben.
Ich nehme an, ihr habt eure eigenen Erfahrungen damit gemacht, nicht ernstgenommen, von geifernden Männern angemacht oder als „Girlband” in eine Schublade gesteckt zu werden? Hat das euren Kampf um Veränderung nochmals angeheizt?
ALICE: Absolut. In der Anfangszeit wurden wir oft mit diesem unterschwelligen Sexismus konfrontiert, der in unserer Gesellschaft so normal und toleriert zu sein scheint. Wir wurden belächelt und die Kritik an uns hatte nur mit unserem Geschlecht und unserer Botschaft zu tun. Das war kein bisschen objektiv. Einer reinen Männerband hätte man solche Sachen nie gesagt. Wir haben damals die Dinge nicht auf die gleiche Weise hinterfragt, wie wir es heute tun. Das schweißte uns aber enger zusammen und hat unsere innere Haltung geformt. Deshalb ist es uns heute so wichtig, was wir sagen oder tun und wie wir es machen. Denn es ist ja nicht so, dass dieser Sexismus aufgehört hat, das ist ein andauernder Kampf.
Wann könnt ihr eure Tour starten?
BELLA: Die Tour ist auf April 2021 angesetzt und der Ticketverkauf geht jetzt los. Nun heißt es: Daumen drücken, dass es auch so klappt. Doch im Moment ist die ganze Welt ein großes Fragezeichen.
RAKEL: Wir hoffen, es geht bald los. Wir können es kaum erwarten, wieder in Deutschland zu spielen – ihr rockt! (lacht).

Interview: Sarah Stutte

„So When You Gonna …“
(Lucky Number Music)

www.dreamwife.co


FOTO: Sarah Piantadosi.