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Musik liegt in der Luft


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Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 30.05.2022
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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 6/2022

Tanzende Paare bei einem Trova-Abend im El Mejunje in Santa Clara. Rechts: Blick auf die Karibik in der Küstenstadt Gibara

UM ZEHN beginnt die Show“, sagt uns Claudio am ersten Abend in Gibara, einer kleinen Stadt am Meer im Südosten Kubas Seit einer Woche kommen wir jeden Abend pünktlich zur angekündigten Zeit. Dann warten wir stundenlang im leeren Lokal auf die Band. Also frage ich Claudio noch einmal, ob zehn Uhr eher Mitternacht bedeute. Claudio, der die Musiker kennt, stutzt kurz und räumt dann lächelnd ein: „Sagen wir elf.“

Als sich die neun Musiker schließlich auf der Bühne einfinden, ist es elf Minuten nach zwei. Sekunden später verzaubert uns die Musik – Bongos, Sambagurken, Shaker, Blechblasinstrumente und die Kopfstimme des Sängers Cimafunk. Mit seinem lässigen Hüftschwung und dem offenen Hawaiihemd, das im Wind flattert, ist er der Star des Abends. Hunderte Gäste heben die Arme und tanzen. Einen solchen magischen Moment haben der Fotograf Todd Heisler und ich auf der Insel einfangen wollen.

Auf Kuba liegt ...

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... Musik in der Luft. Man hört sie überall. Viele Besucher denken in erster Linie an den klassischen Sound des Buena Vista Social Club oder an Celia Cruz. Dabei reichen die musikalischen Wurzeln bis nach Afrika, Frankreich und Spanien. In Kuba verschmelzen die Musikgattungen und verändern sich, sodass ständig neue Formen entstehen. Je intensiver die Kubaner die Möglichkeiten des Internets ausschöpfen, desto schneller verändern sich Stile.

Zwölf Tage waren Todd und ich unterwegs von Havanna nach Santiago de Cuba, um die musikalischen Wurzeln der Insel aufzuspüren. Die Reise war anstrengend. Im Taxi wurde uns von den Abgasen schwindlig, die Hotelzimmer hatten oft weder WLAN noch Klimaanlage, obwohl mit beidem geworben wurde. Und die Regale in den Supermärkten waren manchmal fast leer.

Zum Glück bot die Insel das beste Gegenmittel gegen jeden Reisefrust: unwiderstehliche Livemusik.

EIN GUTER AUFTAKT für unsere musikalische Entdeckungsreise ist der Auftritt von Interactivo in Havanna. Die zwölfköpfige Band ist eine einzigartige kubanische Mischung von Künstlern: alt und jung, schwarz und weiß, Männer und Frauen. Auch Cimafunk gehört dazu. Das Centro Cultural Bertolt Brecht, in dem die Band regelmäßig auftritt, wirkt durch die niedrige Decke und die runde Bühne klein und gemütlich. Während des Konzerts wiegen sich junge Pärchen im Rhythmus der Musik, während vorn Touristen ausgelassen tanzen.

Interactivo passt in keine Schublade. Mit hellen Trompeten, Conga-Trommeln und elektrischen Keyboards lässt sich ihre Musik am ehesten als „kubanische Jazz-Fusion“ beschreiben.

ADAPTIERT UND GEKÜRZT aus: NEW YORK TIMES; © 2019 New York times

Die Biografie von Cimafunk, der Erik Iglesias Rodríguez heißt, ist typisch. Er zog 2011 von Westkuba nach Havanna. Anfangs hielt er sich als Autowäscher über Wasser und übernachtete bei Freunden auf der Couch. „Manchmal spielte ich von acht Uhr abends bis sechs Uhr morgens im Park und schlief dann am Malecón“, erzählt er mir. Der Malecón ist Havannas berühmte Strandpromenade. 2014 bekam er ein Engagement bei Interactivo und sang dort, bis er seine eigene Band gründete.

Die kam auf Anhieb an. Cimafunks 2017 veröffentlichtes Album Terapia gewann den bedeutendsten Musikpreis der Insel. Dem Musikexperten Ned Sublette zufolge landete der Sänger mit Me Voy den Hit des Jahres in Havanna: „Der Song gefiel allen und wurde überall gespielt.“

Dank Streamingdiensten hat Cimafunk weltweit Hörer. Auf seinen Erfolg angesprochen, zuckt Cimafunk bloß mit den Achseln. „Ich habe wohl einfach Glück gehabt“, sagt er. Wenn wir echte kubanische Musik hören wollten, sollten wir aufs Land fahren, rät er uns. „In Havanna gibt’s eine Menge Leute aus allen möglichen Ecken Kubas, die interessante Sachen machen. Aber die Wurzeln findet ihr hier nicht.“

Am nächsten Morgen fahren wir eineinhalb Stunden nach Osten und erreichten Matanzas, eine unscheinbare Hafenstadt, die für ihre Rumbaszene bekannt ist. Unser Ziel war das Stammlokal der bekanntesten Rumbaband der Stadt. Los Muñequitos – die „Kleinen“ – sind Band und Familie zugleich: Viele der 18 Mitglieder sind miteinander verwandt, und die Band existiert seit drei Generationen.

Im 18. und 19. Jahrhundert war Matanzas ein Umschlagplatz für den Sklavenhandel. Die Sklaven aus Westafrika arbeiteten auf Zuckerplantagen und im Hafen. Und sie fanden Wege, ihre afrikanische Religion heimlich auszuüben. Die Rumba gilt als Erfindung der Dockarbeiter. „Sie machten mit allem Musik, was ihnen in die Finger kam“, erzählt der 36-jährige Diosdado Enier Ramos Aldazábal, der bei Muñequito unter dem Namen Figurín bekannt ist. „Sie nahmen Gabeln, Rumflaschen oder Transportkisten und legten los.“

Das rhythmische Grundgerüst der Rumba bilden die Claves – zwei Holzstöcke, ungefähr so lang und breit wie Karotten. Sie geben allen anderen Instrumenten den Takt vor. Zu einer Rumba gehören aber noch andere Percussion-Elemente. Werden mehrere verschiedene Rhythmen gleichzeitig gespielt, hört sich das für ein ungeübtes Ohr schief und chaotisch an.

Mit den Texten werden die orishas angerufen, die Götter der Yoruba-Kultur – sie beherrschen die Elemente.

Die Lieder handeln aber auch von der Gefühlswelt der Sklaven auf der Suche nach Licht im Dunkel. „Es geht darum, das Leben zu meistern“, erklärt Diosdado Ramos Cruz, Figuríns 73-jähriger Vater.

Die meisten Mitglieder der Los Muñequitos können nicht allein von den Auftritten hier leben. Sie fahren mit dem Bus nach Havanna und treten in Hotelhallen und Bars auf, weil sie in Matanzas keine feste Spielstätte haben. In der Hafenstadt haftet der Rumba ein Hauch von Heimlichkeit an, ähnlich wie ihre Ursprünge. Man erhascht ihren Klang, wenn eine Straßenprozession vorbeizieht oder wenn man am Haus der Los Muñequitos vorbeikommt und sie proben hört. „Los Muñequitos wollen die ursprüngliche Musik bewahren“, verrät uns Figurín. „In Havanna ist Wandel angesagt. In der Rumba geht es darum, dass alles so bleibt, wie es ist.“

Als Yaíma Orozco die Bühne betritt, drängen sich jede Menge Mittzwanziger im Innenhof des El Mejunje im Städtchen Santa Clara. Hinter Orozco postieren sich ein Schlagzeuger und ein Bassist – alle Augen sind auf ihr knallrotes Kleid gerichtet.

Wenn Orozco auftritt, hören einige Gäste einfach nur zu, andere tanzen, wieder andere weinen. „Ich sehne mich in den Schatten eines blühenden Mandelbaums, ins Wasser deines Wasserfalls“, singt sie und setzt dann mit einem Gitarrensolo ein. Trova erkundet den tiefsten Herzschmerz. Es ist ein sehr leidenschaftlicher und sehnsüchtiger Klang, der sich auf das Wesentliche beschränkt.

In Kuba sind die meisten Berufsmusiker Männer. Die 38-jährige Orozco ist eine erfreuliche Ausnahme. Sie berichtet von ihrer eher ungewollten Karriere als Trova-Sängerin. „Als ich diese Musik hörte, traf sie mich mitten ins Herz“, gesteht sie mir.

Trova erzählt von den Erfahrungen in der Liebe und im Leben. Diese Musik macht zwar rhythmische Anleihen bei Cha-Cha-Cha oder Bossa Nova, doch läuft es immer hinaus auf „einen Menschen, eine Gitarre und eine persönliche Geschichte“, erklärt Orozco.

IN DER UNIVERSITÄTSSTADT Santa Clara leben Künstler, Intellektuelle und Dichter. 1958 befreite Che Guevara die Stadt und führte den Zusammenbruch des Batista-Regimes herbei.

Im Sinne des revolutionären Geists war El Mejunje das erste Lokal in Kuba, das Homosexuelle einließ. Seine Travestie-Shows sind legendär. Der Eigentümer Ramón Silverio erklärt: „Ich wollte einen Ort schaffen,

an dem jeder willkommen ist. Intoleranz wird hier nicht geduldet.“

Yaíma Orozco gehört einem Kollektiv namens La Trovuntivitis an, wie die bekannten Interpreten Roly Berrío und Migue de la Rosa. Die Sänger sind viel unterwegs, doch wenn sie nach Santa Clara kommen, gastieren sie im El Mejunje.

VON SANTA CLARA sind es elf Autostunden bis nach Santiago de Cuba. In der Stadt angekommen, fühlen wir uns wie in einem anderen Land. Glänzende Oldtimer konkurrieren mit brummenden Motorrädern, die die Hügel hinunterbrummen. Santiago de Cuba gilt als Geburtsort des Bacardi-Rums und ist eine Partystadt.

Im Juli wird dort Karneval gefeiert. Conga-Ensembles üben das ganze Jahr dafür. Die Gruppen repräsentieren die einzelnen Ortsteile. Wir haben uns mit den Conga Los Hoyos, der bekanntesten Conga-Truppe, in ihrem Probenraum verabredet. Doch als wir eintreffen, ist gerade der Strom ausgefallen, und die Probe muss verschoben werden.

Draußen hören wir aus der Ferne Trommeln. Wir bahnen uns einen Weg durchs Gedränge und stoßen auf die Jugendgruppe von Conga Los Hoyos, die gerade übt. Neun-und zehnjährige Jungen schlagen mit Stöcken auf Wagenheber und trommeln mit den Händen, während Mädchen einen Tanz einüben. Die Conga-Band probt für das größte Ereignis des Jahres: den Carnaval Infantil – den Kinderkarneval.

Conga lebt vor allem von Percussion: Das sind alle Arten von Trommeln, und normalerweise immer eine hell klingende Quinto-Conga. Der ohrenb e täub en de Schlag stammt von Metallstäben, die auf runde Motorradbremsen treffen. Und dann gibt es noch die Suona, auch chinesische Trompete genannt. Das Instrument wird von einem Musiker gespielt, der rückwärtsgehend vor der Band herläuft. Die Menschen tänzeln mit erhobenen Armen hinter der Suona her.

Am folgenden Tag ziehen kurz nach Sonnenuntergang Gruppen kostümierter Kinder durch die Straßen der Hafengegend – manche in blauen Gewändern im Kolonialstil, andere als Fischer verkleidet mit Strohhüten.

Im Gegensatz zu anderen Stilrichtungen der kubanischen Musik steht der Changüí für sich selbst, sowohl stilistisch als auch geografisch. „Changüí könnt ihr im Osten hören“, verrät uns Sublette. Also machen wir uns auf in die tropische Hitze des Hügellandes im südöstlichen Kuba.

Changüí Guantánamo, eine der populärsten Changüí-Gruppen, nimmt gerade in einem schicken staatlichen Studio ein Album auf und lädt uns dazu ein. Der Changüí verzichtet auf den für kubanische Musik so typischen Clave-Rhythmus. „Viele mögen nicht, wie Changüí klingt. Sie verstehen ihn nicht“, sagt Benjamin Lapidus, der das erste Buch über diese Musik geschrieben hat.

Auf den ländlichen Hügeln Ostkubas drehte sich das Leben um Landwirtschaft und ums Überleben. Das beschreiben die Texte der Changüí-Musik. Im Studio nimmt Changüí Guantánamo gerade Yo Soy Campesin auf: „Ich bin Bauer“. Mitten in der Aufnahme gibt der Lead-Sänger plötzlich Tierlaute von sich – er bellt, miaut und wiehert sehr überzeugend.

Mit den Instrumenten – der gitarrenähnlichen Tres, den Congas und der Guayo, eine Sambagurke, die an eine Käsereibe erinnert – werden Klänge erzeugt, die an Regentropfen erinnern, die unterschiedlich stark und schnell vom Himmel fallen und schließlich zum Wolkenbruch anwachsen.

Das Instrument, das den Changüí so einzigartig macht, ist aber das Marímbula. Es sieht aus wie ein großer Kasten. Vorn sind Öffnungen ins Holz geschnitzt, die von einer Reihe von Metalllamellen abgedeckt werden. Der Spieler sitzt auf dem Marímbula mit gespreizten Beinen. Dann beugt er sich nach vorn und zupft mit den Fingern die Lamellen, deren Vibrationen dem Resonanzkasten tiefe Bässe entlocken.

Wir spüren den Klang zuerst an unseren Fußsohlen – ein vibrierendes Kribbeln, bei dem man unwillkürlich aufspringen und tanzen möchte. Yolexi Rodríguez Macarro, der bei Changüí Guantánamo das Marímbula spielt, erklärt mir: „Das macht den Changüí aus.“

AUF UNSERER REISE haben wir viel über kubanische Musik gelernt – auch über Instrumente und Musikrichtungen, von denen wir nie zuvor gehört hatten. Es war, wie Cimafunk gesagt hatte: „Je mehr man sich dafür interessiert, desto mehr erfährt man über kubanische Musik.“

Musikalisch

Wenn Musik mein Herz erfüllt,

scheint sich das Leben mühelos

und ohne Probleme zu gestalten.

george eliot, brit. schriftstellerin (1819–1880)