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MUSIK: Schwer erziehbar


Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 10/2020 vom 28.09.2020

Kolumnist, Schriftsteller, Musiker – Max Goldt gehört wohl zu den prominentesten schwulen Stimmen des Landes. Im LGBTI*-Kanon spielt er jedoch weniger eine Rolle, was ihm vielleicht gar nicht mal so unrecht ist. Wir nehmen die kürzlich erschienene Werkschau des Künstlers und seiner Projekte Foyer des Artes und Nuuk zum Anlass, um uns ausführlich mit dem musikalischen Schaffen von Max Goldt zu befassen


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Bildquelle: Siegessäule, Ausgabe 10/2020

@@Max Goldt: Draußen die herrliche Sonne (Musik 1980–2000) (Tapete), jetzt erhältlich


Als Vortragskünstler abendfüllender Essays, als vielfach publizierter Betrachter anregender Beiläufigkeiten und als ...

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... Szenarist der in der Titanic erscheinenden „Katz & Goldt“-Comics ist der seit 1978 in Berlin lebende schwule Autor Max Goldt seit rund drei Jahrzehnten bekannt. Seine vorausgegangenen musikalischen Arbeiten drohten jedoch, mit Ausnahme des Foyer-des-Arts-Stücks „Wissenswertes über Erlangen“, das auf zig „NDW-Hits“-Samplern zu finden ist, mangels Verfügbarkeit in Vergessenheit zu geraten. Seit der Wiederveröffentlichung der 1982er-Foyer-des-Arts-LP „Von Bullerbü nach Babylon” sind 17, seit deren Best-of-CD „Könnten Bienen fliegen“ 20 Jahre verstrichen. Auch die in den 1990er- und 2000er-Jahren erschienenen LPs mit Goldts experimentellen Soloaufnahmen sind längst vergriffen. Und dass das orchestralelektronische Projekt Nuuk unbedingt wiederentdeckt werden sollte, hatte bis dato kein Liebhaber-Label erkannt.Also kümmerte sich Max Goldt selbst darum und stellte für eine Werkschau 131 Stücke zusammen, die er „noch heute gut oder zumindest interessant finde(t)“. Unter dem Titel „Draußen die herrliche Sonne. Musik 1980–2000“ erschien die 6-CD-Box vergangenen Winter beim Hamburger Label Tapete. Nun bietet sich mit einer auf 22 Stücke reduzierten – und dem Vermerk „Extrakt“ versehenen – Version eine weitere Möglichkeit, sich dieser archivarischen Glanzleistung zuzuwenden. Max Goldt fand während seiner ersten Lesereise nach coronabedingter Pause die Zeit, der SIEGESSÄULE hierzu einige Fragen per E-Mail zu beantworten. Erwartungsgemäß nervten wir mit „Homothemen“.Max Goldts Verhältnis zum Schwulsein scheint auf den ersten Blick fast ambivalent. Sein musikalisches Werk der 80er ist durchwirkt von homoerotischen Liedtexten, Formen der Travestie (die früh entwickelte Gabe, den Tonfall bundesdeutscher Touristinnen, müder Mütter und greiser Ex-Filmstars genau zu treffen) oder zahlreichen Spitzen gegen heteronormative Bürgerlichkeit (wie z. B. im Foyer-des-Arts-Dramolett „Familie und Gewaltanwendung“). Der Titel seines ersten Buchs von 1984 lautete „Mein äußerst schwer erziehbarer schwuler Schwager aus der Schweiz“.Auf der anderen Seite wird beim Wiederlesen des ersten Sammelbands von Max Goldts Titanic-Kolumnen („Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau“, 1993) deutlich, wie oft sich Goldt dort von einer bestimmten Form schwulen Lebens und einer Überbetonung desselben distanzierte. So ist etwa in dem im September 1989 verfassten Text „, Max, du bist besser als Frauen!‘ – Bemerkungen über einen kleinen, unterhaltsamen Defekt“ zu lesen: „Die kultische Überhöhung einer unbedeutenden Norm-Abweichung führt natürlich zwangsläufig dazu, dass alle individuellen Eigenschaften gegenüber dem Schwulsein verblassen.“ Im selben Buch berichtete er, wie er in der „Männerbuchecke“ eines Berliner Warenhauses „zwischen dem Spartacus Gay Guide und einem Coming-out-Ratgeber“ seine jüngste Veröffentlichung „Die Radiotrinkerin“ einsortiert sah und dies als so unpassend empfand, wie wenn Bücher des geschätzten Kollegen Robert Gernhardt „zwischen einem Bordellführer und einem Erika-Berger-Buch“ platziert gewesen wären. Und er begründete, weshalb er sich als damals vielleicht einziger Schwuler unter den Titanic-Mitarbeiter*innen keineswegs zuständig fühlte, sich zum seinerzeit heißen Thema „Outing“ zu äußern. Stattdessen postulierte er: „Was benötigt wird, sind tapfere Homosexuelle, die gelassen reagieren, wenn mal jemand ein derbes Witzchen macht, und nette Herren, die auch freundlich bleiben, wenn man ihnen eventuell versehentlich allzu herzensgut in die Augen schaut.“ Denn manche dieser oft noch adoleszenten netten hetero Herren stellten bei der Lektüre seiner tagebuchartigen Berichte fest, dass ihnen bestimmte Lebensbereiche zwar fremd bleiben mochten, sie aber dafür einige Vorlieben – sei es Quittensaft, Aphorismus-taugliche T.-Rex-Zitate oder nicht homogenisierte Vollmilch – mit dem wortgewandten Autor teilten.Darf also die erfreuliche Tatsache, dass sich Max Goldt nun bereit zeigte, mit der SIEGESSÄULE zu kommunizieren, so gedeutet werden, dass er sich von der Community nicht mehr gar so streng abgrenzt? „Ich kann mich gar nicht erinnern, mich je abgegrenzt zu haben. Ebenso wenig kann ich mich jedoch erinnern, jemals eingeladen worden zu sein, ein Bestandteil dieser Community zu sein“, meint Goldt dazu. „Man wird doch nicht automatisch Community-Mitglied, nur weil man irgendeine Eigenschaft mit anderen gemein hat.“Auch wenn Max Goldt findet, dass in seiner musikalischen Diskografie „das Thema ja nur in wenigen Stücken auftaucht, und zwar nie als Problem, sondern als selbstredende Beiläufigkeit“, finden sich sowohl auf der 6-CD-Box als auch auf der „Extrakt“-Variante viele Beispiele für schwule Lyrics, die zwar nicht so überdeutlich angelegt sind wie beim Kabarett-Rock von Brühwarm, aber dennoch in ihrer spezifischen Komik identifikationsstiftend sein können. So wird in der Ska-Nummer „Drums On My Mind“, das die Foyer-des-Arts-Vorgängerband Aroma Plus 1980 aufnahm, eine effiziente Methode beschrieben, attraktiven Holzfällern und Lkw-Fahrern zu widerstehen, selbst wenn sie sich bereits in derselben Umkleidekabine eingefunden haben. Und im ausgelassen nach vorne preschenden Foyer-des-Arts-Song „Umbalme mich“ von 1982 wird der Zustand freudiger Erregung mit „Schwul wie eine ägyptische Rübe/Ägyptisch wie ein schwuler Literat“ umschrieben. Stießen die schwulen Lyrics damals auf Unverständnis bei der Major-Firma WEA? War die Atmosphäre dort latent homophob? Goldt bezweifelt das: „Fragen der sexuellen Präferenz spielten sicher keine Rolle, als mich die WEA auf Eis legte.“ Und zur zitierten „Umbalme mich“-Strophe ergänzt er: „Die konnten einfach nichts anfangen mit Zeilen wie, Gelb ist das Bier, wild ist die Liebe, stumm schweigt nur der Zigarettenautomat‘“.Umso mehr konnte dies sein damaliger musikalischer Partner Gerd Pasemann, der ihm allerdings erst 36 Jahre später verriet, dass dies immer „seine liebste Textzeile bei Foyer des Arts“ gewesen sei, wie man in einer der vielen von Goldt verfassten Anmerkungen im Booklet der Box erfährt. Auch die Anekdote von der 1984er-Aufnahmesession in den Hansa-Studios für das seinerzeit ebenfalls nicht veröffentlichte Lied „Mein lila Reisebügeleisen“, welches das Duo „nur geschrieben (hat), um aus dem elenden Vertrag mit der WEA rauszukommen“, ist erhellend. Wenngleich sich an eine bestimmte Studio-Stippvisite nur Pasemann erinnern kann: „Irgendwann kam Rio Reiser rein und sagte:, Ihr lasst aber auch nichts aus!‘“Dabei hätte die basslastige Nummer mit ihrer Nile-Rodgers-nahen Produktion gute Chancen haben müssen, sich in den Discos zu behaupten. Nur fürchteten wohl einige Entscheidungsträger, dass so nonchalante Verse wie „Ich bügelte schon Schlipse am Äquator/ich bügelte im Luxus und im Dreck/ Kommt mir das Bügeln einmal fad vor/bügel ich die Zweifel einfach weg“ manch Tanzwillige aus dem Takt bringen könnten. „Die Verantwortlichen der Plattenfirmen waren/sind das, was die Soziologen, aufstiegsorientierte Kleinbürger‘ nennen“, resümiert Max Goldt im Interview mit SIEGESSÄULE. „Die haben weder Gespür noch Respekt für künstlerische Dinge.“Dafür haben sie in der Regel gewiefte Anwälte, und so kam es, dass die Band ihre zweite LP „Die Unfähigkeit zu frühstücken“ erst 1986 beim Indie-Label Fünfundvierzig veröffentlichen konnte. Darauf befindet sich mit „Ein Elvis-Imitator auf dem Wege zu sich selbst“ auch der Song, den der BBC-DJ John Peel in seiner Show vorstellte und welcher der Band eine Einladung zur legendären „Peel Sessions“-Reihe einbrachte. Auch wenn fraglich ist, ob sich dem Gastgeber die detaillierte Beschreibung eines trostlosen Tags in Kreuzberg 36 inklusive Busfahrt („Ich häng an meinem Haltegriff/und fühle mich nicht gut“) damals erschloss, so dürften Peel bereits Goldts laszive Phrasierung, der pochend nachhallende Drum-Sound und Pasemanns eruptive Gitarrenparts davon überzeugt haben, dass ihm hier ein besonders gelungenes Beispiel für kontinentalen Dark Wave vorlag.Zu lokaler Bekanntheit gelangte der Refrain der elegant-verwaschenen Psychedelia-Nummer „Kaiserschnitt“ („Schneid mich aus dem Leib der Erde/Schneid mich raus und wirf mich weit/Fallende, so heißt es doch/haben alle Zeit auf Erden/und hör‘n die herrlichste Musik“), den laut Goldt „junge Mädchen mit abstehenden Haaren … mit Kajal-Stift an die Wand von Damentoiletten in Cafés mit Metallfußboden“ geschrieben haben sollen. Und der Chorus des flotten Singalong-Songs „Schimmliges Brot“, der in der unbestreitbaren Einsicht mündet, dass besagtes Nährmittel in jenem Zustand „selten von Vorteil“ sei, verbreitete sich langsam, aber beständig im ganzen Bundesgebiet – und darüber hinaus. Auf der „Extrakt“-Variante von „Draußen die herrliche Sonne“ ist als Ausklang-Stück aber ein Demo von „Schimmliges Brot“ zu hören, das mit prominent platzierten Geigen und Trompeten nicht nur folkloristischer anmutet als die Sequenzer-befeuerte bekannte Version, sondern auch noch später verworfene Naturlyrik-Strophen enthält.Auf „Extrakt“ finden sich außerdem akustisch vertonte Gedichte des schwulen Prenzlauer-Berg-Literaten Leonhard Lorek, die Goldt 1992 mit den Sängern und Pianisten Michael Dubach und Nino Sandow für die CD „Musik wird niemals langsam“ aufnahm. Sowohl mit den Musikern als auch mit dem Dichter stand er schon vor Mauerfall in Kontakt: „Leonhard Lorek hat mich damals in den Osten eingeladen, per Telegramm, glaube ich. Allerdings nicht wegen der Schwulität, sondern weil er mich für einen guten Künstler hielt.“ In diesem Kunstlied-affinen Umfeld lernte er auch den damaligen Kammermusik-Komposition-Studenten Stephan Winkler kennen, mit dem er erst als Arrangeur auf der Foyer-des-Arts-Abschieds-LP („Die Menschen“, 1995) und dann im Trip-Hop-artigen Duo Nuuk zusammenarbeitete.Wie sehr ihm die Nuuk-Aufnahmen noch am Herzen liegen, zeigt sich allein schon darin, dass in der Box eine ganze CD diesem Projekt gewidmet ist, obwohl das Duo bisher nur ein Album veröffentlicht hat. Bis auf zwei Stücke ist „Nachts in schwarzer Seilbahn nach Waldpotsdam“ darauf komplett enthalten – nebst fünf unveröffentlichten Nuuk-Stücken. Zwei davon sind auch auf dem „Extrakt“ zu hören. Zum einen das mit Duettpartnerin Lisa Bassenge unisono gesungene „Große anonyme Quaste“, in dem freundlich dargebotene Defätismen („Große wohlbekannte Fratze/die in meinem Spiegel wabert/und etwas von Fasten labert“) auf knackige Hip-Hop-Beats treffen. Zum anderen „Die Ratten“, ein zu Downbeats und unvermittelten Klavierakzenten deklamierter Brief eines gekränkten Verlassenen, der vom Verflossenen gerne wüsste, ob dieser in Köpenick „noch immer die strangen Toiletten“ aufsuche, nun eine Freundin oder gar ein Kind habe und wen er wohl jetzt beleidige, um dann doch einzugestehen: „Ich kann viel trinken, kann viel essen und du … bist sehr schwer zu vergessen.“Zwei Neuaufnahmen von 30 Jahre alten Foyer-des-Arts-Stücken („Was ist super“ und „Europa-Docht“), auf denen Goldts Stimme noch immer angenehm sonor klingt, werfen die Frage auf, ob die für die Box wieder aufgenommene Zusammenarbeit mit Pasemann und Winkler fortgesetzt wird. „Ich würde ja gern, aber ich sehe nirgendwo ein Interesse“, erklärt Goldt dazu im Interview. „Wenn man jahrelang immer nur hört, das, was man mache, sei ja furchtbar interessant, gehe aber am Publikumsinteresse vorbei, dann stellt sich zwangsläufig die Frage, ob man sein knappes Geld weiter in solche Produktionen stecken sollte. Man muss etwas tun, wovon man leben kann.“Was er ja als einer der prominentesten Lesereisenden des Landes seit geraumer Zeit tut. Und doch hat er nun mit der musterhaft edierten Box die Voraussetzung geschaffen, dass diejenigen, welche den Wortkünstler Max Goldt schätzen, nun auch seine musikalischen Schätze heben können.

Max Goldt: Draußen die herrliche Sonne (Extrakt) (Tapete), jetzt erhältlich


FOTO: TAPETE RECORDS MAX GOLDT