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MUSIK: SHOUT IT OUT LOUD


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arte Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 28.05.2020

BUSINESS Kiss aus New York haben das Geschäftsmodell Rockband perfektioniert. Neben Songs und Konzertbombast im Angebot: Kondome, Särge und Kreuzfahrten.


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Bildquelle: arte Magazin, Ausgabe 6/2020

Die eventuell größte Show der Welt startet mit Verspätung. Bevor die New Yorker Rockband Kiss auf die Bühne kommt, bevor die Laser aufblenden und die Magnesiumböller knallen, die Gitarren losdonnern und die Kunstblitze den Leuten in den vorderen Reihen die Nasenhaare wegbrennen – bevor das alles passiert, schauen die Fans in den Stadien oft auf die Uhren, ...

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... vorwurfsvoll. Heißt es nicht immer, Kiss seien nach über 45 Jahren Karriere absolute Dienstleistungsprofis? Wieso kommen sie zu spät?

Doc McGhee, windiger Musikbusiness-Impresario und seit 1996 Manager von Kiss, hat es in einem Interview erklärt. Vor den Konzerten, so McGhee, halte sein Team alle Verkaufsstände für T-Shirts, Poster und anderen Kiss-Souvenirkram unter genauer Beobachtung. Wenn irgendwo die Warteschlange zu lang sei – dann werde der Showbeginn halt verzögert, bis alle dran waren. „Sobald die Band zu spielen beginnt, rennen die Leute zu ihren Plätzen“, sagt er. „Das kann uns bis zu 40.000 Dollar T-Shirt-Umsatz kosten.“ An guten Abenden verdient das reisende Rock-’n’-Roll-Unternehmen allein mit dem Warenverkauf 700.000 Dollar. Die Idee, dass sich das tendenziell noch steigern ließe, wenn Kiss einfach gar nicht auf die Bühne kämen, hatte zum Glück noch niemand.


»Kiss ist wie eine Bande Kakerlaken, die euch alle überleben wird«
Gene Simmons, Musiker


Auf den Spuren von Elvis Presley und The Beatles

Es ist mit dieser Band ein bisschen wie mit Paris Hilton, Cristiano Ronaldo oder dem CDU-Pfadfinder Philipp Amthor: Sie sind einem auch dann ein Begriff, wenn man sich überhaupt nicht für das interessiert, was sie machen. Kiss kennt man als die Hardrock-Zirkustruppe mit den dämonischen Clowngesichtern, die auch von Thomas Gottschalk gern zu „Wetten, dass?“ eingeladen wurde. Mit Pyrotechnik, fliegenden Musikern und reichlich Schockeffekten setzten sie in den 1970ern und 1980ern einen neuen popkulturellen Standard für Bühnenshows, wobei ihnen trotzdem nur ein Hit gelang: „I Was Made for Lovin’ You“ läuft heute noch in den Radios, obwohl das Lied 1979 eher ein Versuch war, John Travolta die New Yorker Disco-Königskrone abzuluchsen. Besondere Talente entwickelten die Band und ihre wechselnden Manager dafür im Verkauf von Souvenirprodukten.

Eine neue Idee war das nicht. Schon 1956 ließ die Marketing-Abteilung von Elvis Presley T-Shirts, Schuhe und Gürtelschnallen herstellen, um die frisch gegründete Teenager-Industrie zu bedienen, dann kamen die Beatles mit ihrem Sortiment. Kiss trieben das etablierte Modell zu monströsen Extremen. 1977 wurde in die Drucktinte eines neuen Kiss- Comicheftes echtes Blut aller vier Bandmitglieder gemischt. Zu den 3.000 Artikeln, die es über die Jahre in ihrem Versand-Shop zu kaufen gab, gehörten Kondome und ein lebensgroßer Kiss- Sarg. Was schon wieder Selbstironie war.

ZusamDollar Man: Gene Simmons singt, spielt Bass – und gilt im Rockgeschäft als Profit-Profi


Kiss Rocks Vegas

Konzert

Freitag, 5.6. j Freitag, 5.6. • 00.20 Uhr

bis 3.8. in der Mediathek

Alt und laut: Zum 40. Karrierejubiläum spielten Kiss im November 2014 an neun Abenden in der Casino-Arena „The Joint“ in Las Vegas. Ein Zusam menschnitt des hit- und feuerreichen Spektakels.


FOTOS: FIN COSTELLO/REDFERNS/GETTY IMAGES, ROBERT GALLAGHER/CONTOUR/GETTY IMAGES