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Musikalische Reise in die Unterwelt


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 29.01.2019

»Hadestown« als britische Erstaufführung im Olivier Theatre in London


Artikelbild für den Artikel "Musikalische Reise in die Unterwelt" aus der Ausgabe 1/2019 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: blickpunkt musical, Ausgabe 1/2019

Persephone (Amber Gray, Mitte mit Ensemble) bringt die Sonne mit auf die Erde und genießt das Leben zu ›Livin‘ It Up on Top‹. Auf der Posaune Nathaniel Cross


Die amerikanische Sängerin und Komponistin Anaïs Mitchell brachte 2010 das Album »Hadestown« heraus, eine moderne Fassung der griechischen Sage von Orpheus und Eurydike. Sechs Jahre später wurde aus dem Konzept ein Off-Broadway-Musical. Bevor es im März 2019 an den Broadway geht, feierte es seine britische Erstaufführung am Olivier Theatre in London, unter der Regie von Rachel ...

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... Chavkin, die bereits in New York Regie führte.

Im Hintergrund der halbrunden Bühne sitzen der Herr der griechischen Unterwelt, Hades (Patrick Page), und seine Frau Persephone (Amber Gray) auf einem Balkon und beobachten das Geschehen. Links und rechts von ihnen spielen die Musiker auf Podesten. Zum Lied ›Road to Hell‹ stellt der Erzähler Hermes (André De Shields) die einzelnen Figuren vor: die drei Schicksalsgöttinnen, die Fates (Carly Mercedes Dyer, Rosie Fletcher und Gloria Onitiri), Persephone, den Komponisten und Sänger Orpheus (Reeve Carney) und Eurydice (Eva Noblezada). Während des Songs tauchen Tänzer in zerlumpter Arbeitskleidung auf, die an der Mauer bauen, die Hades zum angeblichen Schutz der Unterwelt bauen lässt. Vom ersten Lied an besticht die originelle Mischung aus Jazz, Blues und Rock.

Die Fates beschreiben mit ›Any Way the Wind Blows‹ die Ausgangssituation eines Lebens in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit. Der Gitarre spielende Orpheus und Eurydice lernen sich kennen. Es ist Liebe auf den ersten Blick (›Come Home With Me‹) und zum ›Wedding Song‹ planen sie bereits ihre Heirat. Doch Eurydicefürchtet, dass Orpheus‘ Musik beide nicht ernähren kann. Die Fates malen ihr das reiche, sichere Leben in Hadestown aus. ›Epic (Part I)‹ ist Orpheus‘ Lied über Hades und Persephone, die sechs Monate im Jahr auf die Erdoberfläche zurückkehren darf. Persephone kommt wirklich mit einem Zug, sie bringt die Sonne mit und genießt das Leben in vollen Zügen (›Livin‘ It Up on Top‹).

Eurydice unterstreicht in ›All I‘ve Ever Known‹, dass sie einsam war, ehe sie Orpheus kennenlernte, und es nie mehr sein möchte. Da kündet Hermes mit ›Way Down Hadestown‹ die Ankunft eines Zuges an, der Persephone wieder in die Unterwelt bringt, wo sie sich zu Tode langweilen und so der Erde Kälte bescheren wird. Persephone protestiert, weil die sechs Monate noch nicht um seien, aber Hades sagt, er habe sie vermisst. Der Bühnenboden öffnet sich und beide Darsteller verschwinden nach unten. Doch ihre Beziehung ist nicht mehr die beste und sie streiten sich zu einer Tanzeinlage der Arbeiter (›Chant‹).

Eurydice friert und ist wieder einsam, weil Orpheus sie allein gelassen hat, um Lieder zu komponieren. Hades kehrt an die Erdoberfläche zurück, wo er hofft, eine Frau zu finden, welche ihn der Sicherheit wegen in der Unterwelt begleiten wird. Er begegnet Eurydice und begrüßt sie mit ›Hey Little Songbird‹. Die dunkle und kräftige Stimme Patrick Pages erinnert an Tom Waits. Sie geht ins Ohr und der Blues wegen dieser aparten Stimmlage unter die Haut.

Laut der griechischen Sage wurde Eurydice von einer Schlange gebissen und kam in die Unterwelt. Auf der Bühne taucht keine Schlange auf, aber in Hades‘ Lied ist von Vipern die Rede und der Titel ›When the Chips are Down / Wenn die Münzen aus sind‹ beginnt mit einer Bemerkung von Hermes: »Songbird versus Rattlesnake / Singvogel gegen Klapperschlange«. Hades gibt Eurydice ein paar Geldmünzen und sie geht freiwillig mit ihm (›Gone, I‘m Gone‹).

Von Hermes erfährt Orpheus, was passiert ist und wie er ohne den Zug in die Unterwelt gelangen kann. Er fleht Eurydice mit ›Wait For Me‹ an und versinkt im Bühnenboden. In Hadestown nimmt Hades Eurydice mit in sein Büro, um Papierkram zu erledigen. Er und seine Arbeiter beantworten sich selbst die Frage: ›Why We Build the Wall‹ damit, dass die Mauer die Armut von der Unterwelt fernhält und den Armen Arbeit schafft, die sie ersehnen.

Zu Beginn des zweiten Akts stellt Persephone die Band mit ›Our Lady of the Underground‹ vor und schenkt den an Tischen sitzenden Arbeitern Schnaps aus ihrem Flachmann ein. Hermes und die Fates erklären mit ›Way Down Hadestown II‹, dass Arbeit nicht automatisch Freiheit bedeutet. In der begleitenden Choreographie von David Neumann halten die Arbeiter ihre Köpfe unten und schlagen ihre Hämmer auf den Bühnenboden. Eurydice, nun in Arbeiterkleidung, glaubt, dass die Regeln für sie nicht gelten. Doch die Fates machen ihr klar, dass sie einen Fehler begangen hat, für den sie ihr Leben lang bezahlen muss. Mit ›Flowers‹ sieht sie ihren Irrtum ein.

Orpheus hat seine Eurydice gefunden und fleht sie an, ihm zu folgen, damit sie heiraten können: ›Come Home With Me II‹. Doch sie kann ohne die Einwilligung von Hades nicht zurückkehren. Dieser erklärt Orpheus, dass Eurydice nun sein Besitz ist. Auch die Schicksalsgöttinnen machen ihm das mit ›Nothing Changes‹ noch mal klar. Persephone ist berührt von Orpheus‘ Klagelied ›If It‘s True‹ und versucht, ihren Mann dazu zu bewegen, das Mädchen frei zu geben (›How Long‹). Hades gibt Orpheus die Chance, ihn mit seinem Gesang zu überzeugen. Orpheus singt nochmal sein Lied ›Epic (Part III)‹, das Hades an seine Liebe zu Persephone erinnert und ihn zum Mitsingen des Refrains bewegt. Im Gesicht von Hades regt sich erstmals etwas. Die Fates ziehen in ›Word to the Wise‹ den Schluss: Wenn Hades Eurydice nicht gehen lässt, wird er als herzloser Tyrann gelten. Und wenn doch, wird er seine Machtposition gegenüber den Arbeitern verlieren.

So ordnet er an, dass beide Hadestown verlassen dürfen, allerdings darf Orpheus sich die ganze Zeit nicht nach Eurydice umdrehen: ›His Kiss, the Riot‹. Der Aufstieg beginnt zum Lied ›Promises‹, in dem beide in die Zukunft blicken, wissend, dass sie sich nichts versprechen können. Orpheus plagen Zweifel an EurydicesLiebe. Schließlich dreht er sich um und verdammt Eurydice dazu, in der Unterwelt zu bleiben (›Doubt Comes In‹). Hermes bringt sie nach Hadestown zurück und Persephone erhebt ihr Glas auf Orpheus: ›I Raise My Cup‹.

»Hadestown« ist sicher das Musical, welches 2018 am meisten überraschte. Ohne viel bühnentechnischen Aufwand und mit nur ein paar Requisiten wie Tischen und Stühlen steht die Musik, eine originelle, knallige Mischung aus Jazz, Blues und Rockklängen, im Mittelpunkt. Viele der Titel haben Ohrwurm-Qualität.

Patrick Page mit seiner tiefen Stimme ist zweifelsohne der markanteste Sänger. André De Shields gefällt als sachlicher Beobachter und Erzähler der Geschichte. Reeve Carney (Spider Man am Broadway) spielt Orpheus mal verliebt, dann aufgeregt und empört, was ihm sowohl stimmlich wie schauspielerisch gelingt. Eva Noblezada (Kim im Revival von »Miss Saigon«) kann als Eurydice sowohl mit ihrer klaren Stimme überzeugen als auch in ihrer gewollt zaghaften Art. Amber Gray interpretiert mit Persephone die energischste Figur auf der Bühne, zur allgemeinen Zufriedenheit. Die ausgezeichneten Tanzeinlagen von David Neumann sind dem Rhythmus der Musik angepasst, mal kampfbetont, mal einfach klassisch.

Der Gitarre spielende Orpheus (Reeve Carney) liebt Eurydice


1. Hermes (André De Shields) als Erzähler mit Ensemble


2. Die Schicksalsgöttinnen, die Fates (Carly Mercedes Dyer, Gloria Onitiri und Rosie Fletcher)


3. ›Flowers‹ – Eurydice (Eva Noble-zada) sehnt sich nach Orpheus


4. Hades (Patrick Page) und seine Frau Persephone (Amber Gray)


Foto: Helen Maybanks

Fotos (5): Helen Maybanks