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Muss man Kukies akzeptieren ?


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Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 21.07.2022
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Bildquelle: Das Satiremagazin EULENSPIEGEL, Ausgabe 8/2022

»Was? Schon fünf vor zwei Milliarden Euro?« ? Kukies vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss.

Sherpas sind die heimlichen Helden in der Geschichte der Bergsteigerei. Edmund Hillary wäre der Aufstieg zum Mount Everest ohne seinen treuen Bergführer Tenzing Norgay wahrscheinlich niemals gelungen. Und wenn sich Tenzing Norgay nicht demütig mit der Rolle des ewigen Zweiten auf dem höchsten Gipfel begnügt hätte, hätte Edmund Hillary ihn wahrscheinlich kurzerhand hinuntergestoßen.

»Sherpas« werden deshalb auch die Berater der Staats- und Regierungschefs genannt, weil sie die heimlichen Helden politischer Gipfeltreffen sind und die Themen, die Reden und die Entscheidungen bereits im Vorfeld durchspielen, damit die Repräsentanten der einzelnen Nationen mit diesen unangenehmen Aufgaben, den Mühen der Ebene, nicht behelligt werden und sich auf ihre eigentliche Stärke bei der Besteigung des politischen Mount Everest besinnen können: Auf den Fotos, die rund um den Erdball gehen, gut auszusehen. ...

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Der Sherpa des Kanzlers heißt Jörg Kukies.

Hochtaunus, im Herbst 1983: Die Nacht in ihrem Basislager war so eisig, dass sie ihre Wandergitarre verbrennen mussten, um nicht zu erfrieren. Seine Falken-Freunde Kalle und Justus verloren trotzdem zwei Zehen und ihre Daumen und blieben am nächsten Morgen zurück, wobei sie Jörg für den weiteren Aufstieg alles Gute wünschten und ihm, so gut es ging, ihre in Naturjoghurt eingefroren Daumen drückten. An diesem Tag würde sich entscheiden, ob Jörg Kukies es als erster Schüler des Mainzer Gutenberg-Gymnasiums schaffen würde, den Großen Feldberg ohne Sauerstoffgerät zu besteigen. Knapp hundert Meter vor dem Ziel brach er zusammen, die bunten Ringe, die vor seinen Augen tanzten, verdichteten sich zu einer ausgewachsenen Vision, wie Hans-Jürgen Wischnewski Clara Zetkin auf dem Gipfelkreuz nagelte. Jörg griff nach seiner Feldflasche und spülte sich seine Augen mit den letzten paar Tropfen »Almdudler« aus.

Dort, wo eben noch Clara Zetkin lustvoll ihre Zähne in Wischnewskis Schulter geschlagen hatte, stand jetzt eine Busladung Japaner zum Gruppenfoto versammelt. Mühsam rappelte er sich auf und begann, lauthals die »Internationale« zu schmettern. Jeder Schritt schmerzte, die Minuten fühlten sich wie Bruchteile von Stunden an, doch schließlich war er am Ziel angelangt und rammte seine rote Juso-Fahne in den Boden, wo sie trotzig über dem kapitalistischen Frankfurt wehte und der menschheitsversklavenden Finanzwelt drunten im Tal als Menetekel die Ankunft eines zornigen Gipfelstürmers verkündete.

Abrupt wachte der junge Revoluzzer auf. Er musste eingenickt sein, als er in der Financial Times gerade die Aktienkurse studierte. Die stetig ansteigende DAX-Kurve hatte sich in seinem Halbdös in den Taunus verwandelt. Natürlich hatte er keine Zeit, wie die anderen Jusos um ein Lagerfeuer herumzusitzen und »We shall overcome« zu singen. Im Gegensatz zu diesen Sozialspinnern wusste Jörg, dass die Gipfelbesteigung nur eine Metapher ist und die entscheidende Schlacht gegen das Kapital nicht auf dem Großen Feldberg, sondern auf dem Parkett der Finanzmärkte geschlagen werden würde. Er brauchte sich nicht die Zehen und Daumen abzufrieren, um sich etwas zu beweisen. Was nutzt einem ein eitles Gipfelfoto in präfacebookianischen Zeiten? Eine lange akademische Karriere an bedeutenden Bildungsstätten wie der marxistischen Harvard Kennedy School oder der trotzkistischen University of Chicago Graduate School of Business wartete auf ihn und beförderte ihn mit der Seilbahn in ungeahnte Höhen.

Wenn keiner der ausgetretenen Pfade zum Gipfel führt, findet der Sherpa neue Wege, die für alle anderen unsichtbar sind. So soll Tenzing Norgay einmal eine als unüberwindbar geltende Steilwand erklommen haben, indem er in seiner Kindheit an ihrem Fuße stehend Brombeerkerne ausspuckte und Jahre später an den daraus gewachsenen Brombeerranken hochkletterte – angeblich sogar, ohne sich die Hände daran blau gemacht zu haben.

Wahrscheinlich war Jörg Kukies der Einzige in seinem Umfeld, der verstanden hatte, wie man sich vom überzeugten Jungsozialisten in einen schnittigen Investmentbanker bei Goldman Sachs verwandeln kann. Doch Kukies ist nun mal kein Lenin, der mit der roten Fahne in der Hand den Gipfel der Revolution erstürmt, um dann in der Rückschau zu begreifen, dass er einen Berg von Leichen erklommen hat. Kukies hat sich immer als Sherpa des kleinen Arbeiters verstanden. »Kein Sozialismus ohne Freiheit«, lautet seine Devise. »Und Freiheit beginnt immer erst dort, wo der Mensch finanziell abgesichert ist, zum Beispiel durch Turbozertifikate und Termingeschäfte.« Natürlich wusste er, dass die Liaison mit dem berüchtigten Londoner Geldinstitut ein Tanz mit dem Teufel ist, aber für die »richtig schlimmen Sachen, bei denen der Omi von nebenan über Nacht ihr Häuschen abgezockt wird«, hat er sich niemals hergegeben. »Ich habe nur kleinere Schweinereien ausgetüftelt, mit denen Goldman Sachs so gut wie kaum Gewinne gemacht hat. Natürlich fordert jede Revolution ihre Opfer – aber doch bitteschön mit Augenmaß!«

Ein Sherpa spürt den Wetterumschwung, lange bevor die erste Schneeflocke fällt. Die Follikel seines Brusthaars schwellen an und der Aktienkurs von nepalesischen Tourismusunternehmen rauscht unvermittelt in den Keller.

Er weiß, dass es jetzt nur noch eine Frage von Tagen ist, bis hier die Hölle losbricht, er schneeblind in Eisspalten stürzt oder von Lawinen begraben wird. Es bleiben ihm nur zwei Alternativen: Den eisigen Tod erdulden oder einen Weg auf der Schönwetterseite des Berges suchen.

Und so spürte auch Jörg Kukies, was das Wetter geschlagen hatte, als er einem Opel-Bandarbeiter den Unterschied zwischen Optionsscheinen, Knock-outs und Faktorzertifikaten zu erklären versuchte und seinem Gegenüber damit nur ein unverständiges »Was für ’n Scheiß!« entlockte. »Der Arbeiter von heute hat einfach kein revolutionäres Bewusstsein mehr. Wer liest schon noch Karl Marx oder Milton Friedman? Und wer kennt überhaupt meine Revolutionsbibel ›The effects of introducing a new stock exchange on the IPO process and venture capital financing‹ und versteht die Wichtigkeit einer korrekten Kursfeststellung neuer Wertpapiere, um einer modernen sozialistischen Gesellschaft moralische Festigkeit zu verleihen?«

In den Momenten der Gefahr, wo jeder Schritt in den Abgrund der Resignation und der völligen psychischen Zerrüttung zu führen droht, konnte sich Jörg Kukies immer auf seinen alten Wertekompass verlassen. Dieser führte ihn eines Abends, als er Schutz vor dem mentalen Schneetreiben suchte, in einen nahegelegenen Darkroom, wo er dem Alten überm Berg begegnete. Der Alte hieß Olaf und hatte ein Schweigegelübde abgelegt. Bei ihm lernte auch Kukies das Schweigen – insbesondere das Schweigen über geheime sozialistische Kampftechniken wie den Einsatz von Wirecards. Damals schon stand dem Alten überm Berg sein nahendes Schicksal als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland ins ausdruckslose Gesicht geschrieben. Kukies begriff: Nach dem wilden Ritt, den Angela Merkel seit Jahren mit diesem Land veranstaltet hatte, wartete das Deutsche Volk auf jemanden wie Olaf, der so spannend wie ein Yak ist und der auch einfach mal im Basislager ausharrt und schweigend auf Blauem Scheinmohn herumkaut. Olaf war kein Lenin wie dieser Sozialromantiker Kevin Kühnert, Olaf wollte den Gipfel nicht besteigen, um ein Ziel zu erreichen, sondern um es von dort aus überhaupt erst mal zu erkennen. Und Kukies wäre nicht Kukies, wenn er diesen zutiefst spirituellen Revolutionär nicht als Sherpa überall hingeführt, hingetragen und zur Not auch noch seinen Reißverschluss nach dem Pinkeln hochgezogen hätte.

Olaf stand scheinbar unbeeindruckt auf dem Bergfried von Schloss Elmau und kaute stoisch auf einem Stengel Blauen Scheinmohns herum, während Jörg Kukies seinen Blick erstaunt über das beeindruckende Panorama des Wettersteingebirges schweifen ließ. So einen Ausblick hatte er noch nicht mal von seinem Bürofenster der Frankfurter Goldman-Sachs-Filiale gehabt. Aus dieser Höhe wirkten die Opel-Arbeiter so klein wie Ameisen. Im Osten sah man die Ukraine brennen, doch über allen Gipfeln spürst du keinen Rauch. Karl Marx, Derivate, Jusos und Hans-Jürgen Wischnewski – hier oben wurde alles eins und gleichzeitig dreieinig: Jörg Kukies, der Kanzler und irgendeine geheimnisvolle Kraft im Universum, die macht, dass alle Menschen Brüder werden. Er begriff, dass über den Wolken die Freiheit wohl grenzenlos ist. Er begriff, dass Scheinmohn die Blaue Blume der Romantik ist. Er begriff, dass gelebter Sozialismus etwas zutiefst Religiöses ist. Und dann begriff er schlagartig, dass er seine unsterbliche Seele bei Termingeschäften an den Teufel verloren hatte, und wünschte sich aufzuwachen, die Financial Times in der Hand, und noch mal von vorn beginnen zu können, mit den Falken am Lagerfeuer zu sitzen, das Abi zu schmeißen, Opel-Bandarbeiter zu werden, sich faule Aktien aufschwatzen zu lassen und dafür in den Himmel zu kommen.

Der Sherpa konzentriert sich ausschließlich auf den Aufstieg. Hinab findet sich der Weg von ganz alleine.

MICHAEL KAISER