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Mut ist mal,moragens aufzustehen


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Max - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 24.06.2022

Resilienz

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Bildquelle: Max, Ausgabe 2/2022

Wir sprachen mit Robert Leiderer, 60, psychologischer Psychotherapeut, über verschiedene Strategien gegen Hilflosigkeit und Kraftquellen der Zuversicht.

MAX: Wie gefährdet sind wir in diesen unsicheren Zeiten, unsere Resilienz zu verlieren?

Peter Leiderer: Die Frage ist, ob wir in unsicheren Zeiten mit Hilflosigkeit reagieren, also keine Strategie haben, um Probleme zu lösen. Ganz konkret: Wir haben keinen Einfluss auf die Situation in der Ukraine. Beim Klimawandel könnten wir auf alle Fälle mehr tun, aber wir tun es nicht. Wir lenken uns leicht ab, durch die Dinge, die in unserem Wohlstand allgegenwärtig und bequem sind.

MAX: Ist in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche die psychische Anfälligkeit größer?

Leiderer: Ich würde sagen ja, es hängt immer davon ab, ob wir Hilflosigkeit schon aus der Biografie erlernt haben. Wenn wir Ohnmacht ertragen, statt etwas zu tun, dann sind wir in ...

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... solchen Zeiten umso anfälliger. Wenn ich etwas tun kann, habe ich das Gefühl, nicht mehr ganz hilflos zu sein. Bezüglich der gesellschaftlichen Umbrüche können erlebte Ohnmacht und Hilflosigkeit auch zu radikaleren Gedanken und Handlungen führen, die vielleicht kurzfristig eine „Linderung“ schaffen, indem man seiner Wut freien Lauf lässt, langfristig aber eher zerstörerisch und spaltend wirken. Das führt in einem dauerhaften Erleben von Ohnmacht zu Konflikten, die dann nur mit Gewalt und Radikalisierung gelöst werden können. Und Gewalt ist keine moderne, vernunftgeleitete Lösung.

MAX: Welche Form von Techniken gibt es, um eine gewisse Standfestigkeit zu entwickeln?

Leiderer: Was mir in meiner Arbeit immer wieder auffällt, sind dysfunktionale Gedankenschleifen, wo man sich immer wieder ausmalt, was alles nicht geht. Sie basieren auf biografisch bedingten dysfunktionalen Überzeugungen. Eine wichtige Arbeit ist das Zurückkommen auf sich selbst, den Körper positiv wahrzunehmen, in Form von Bewegung, auch in Gruppen, etwa beim Yoga oder Qigong.

*Alle Namen geändert.

MAX: Am meisten Mut braucht wohl jemand, der eine psychische Erkrankung hat.

Leiderer: Alle Menschen brauchen Mut, um etwas zu verändern. Je nachdem, wie stark eine Symptomatik ist und wie lange sie schon besteht, also wie chronifiziert sie ist, braucht man mehr davon. Und sie brauchen Ressourcen, um überhaupt Dinge anzupacken. Ressourcen können sinnstiftende Tätigkeiten sein, bestimmte Einstellungen bis hin zu positiven Grundüberzeugungen, die vielleicht von den Großeltern weitergeleitet wurden. In der Verhaltenstherapie arbeitet man mit diesen Grundüberzeugungen.

MAX: Und nicht alle Grundüberzeugungen sind gut für den Menschen.

Leiderer: Da gibt es die dysfunktionalen Kognitionen, die oft im Kindheitsalter wichtig waren, um zu überleben, die aber im Erwachsenenalter nicht mehr notwendig sind, aber weiterhin wirken. Anweisungen wie „nimm dich zurück“, „sei bescheiden“ – das war in der Kindheit vielleicht wichtig, um zu überleben, beispielsweise nimmt sich das Kind zurück, damit Eltern miteinander auskommen. Oder umgekehrt, das Kind nimmt einen Part ein, damit die Mutter wieder gut drauf ist. Manche Kinder haben eine verantwortliche Rolle, eine Seelsorgerrolle. Die brauchen sie als Erwachsene aber nicht mehr. Trotzdem nehmen sie sie immer wieder an und fühlen sich dadurch natürlich ein Stück weit wertvoll. Aber sie vernachlässigen sich selbst. Oft sind Erkrankungen ja verbunden mit dem Verlust der eigenen Bedürfnislage.

MAX: Also die eigenen Bedürfnisse werden nicht mehr gesehen oder wahrgenommen.

Leiderer: Die werden einerseits von den Eltern nicht wahrgenommen, aber Kinder haben dann auch verlernt, diesen Bedürfnissen nachzugehen, und wenn sie diesen Bedürfnissen nicht nachgehen, können sie beispielsweise depressiv werden. Das ist eine klassische Reaktion. Sie vernachlässigen sich selbst, kümmern sich aber um viele andere und brennen dann aus. Ein klassischer Burn-out.

Man hat es gelernt, sich in schwierigen Situationen hilflos zu verhalten, weil man keine Lösung gefunden hat. Und es waren oft dramatische Situationen.

MAX: Es ist doch aber auch wichtig, sich um andere zu kümmern, und es gibt einem auch etwas zurück.

Leiderer: Natürlich ist es gut, anderen zu helfen, weil auch wir eine Anerkennung erfahren. Die eigene Bedürfnislage wahrzunehmen und für sich etwas einzufordern, ist jedoch notwendig, um in einem Gleichgewicht zu bleiben. Tue ich das nicht, kommt es zu einem einerseits exzessiven Verhalten („Ich gebe mich auf “), andererseits erleben wir ein Defizit („Ich weiß nicht, was ich will und brauche“).

Das, was einen begeistert, kreativ sein, Sport machen, einen Garten zu haben, an dem man sich erfreut, tanzen, singen, Musik machen dienen der Herstellung eines psychischen Gleichgewichts.

MAX: Kann es sein, dass bei psychischen Erkrankungen oft gleiche Ursachen verschiedene Wirkungen haben? Also der eine reagiert auf Defizite mit einer Anorexie, der andere wird depressiv oder ängstlich?

Leiderer: Wir bekommen genetisch und charakterlich von Geburt an eine Menge mit. Kinder sind extrovertiert, neugierig oder eher ängstlich. Das kann sich in der Beziehung mit den Eltern verstärken, wenn die Mutter auch ängstlich ist. Neugeborene sind keine Black Box.

Es ist auch epigenetisch bewiesen, dass traumatische Erfahrungen, die die Eltern gemacht haben, etwa Kriegserfahrungen, sich in der Genetik abbilden und auch weitervererbt werden können.

MAX: Ein hochspannendes Thema, die transgenerationelle Übertragung. Aber es werden auch positive Eigenschaften vererbt?

Leiderer: Klar, das gibt es auch, ich denke da gerade an Mozart, Vater und Sohn.

MAX: Zurück zum erlernten Verhalten …

Leiderer: Die Kognitionen, also Bilder, Erinnerungen und Gedanken, sind mit Gefühlen verbunden, aber auch mit Körperreaktionen und Verhalten. Dieses zu entwirren und zu analysieren ist aufgrund der bestehenden Komplexität oft nicht einfach. Therapie bedeutet deswegen nicht, dass es gleich um Heilung geht.

Oder dass man etwas „wegmachen“ kann.

Es geht eher darum, dass man es schafft, im Leben etwas zu erreichen, dass man auch ein Stück weit glücklich sein kann.

MAX: Geht es auch darum, eine Erkrankung in gewisser Weise anzunehmen?

Leiderer: Ja, es geht auch darum anzunehmen, zu erkennen, wie die Symptomatik sich immer wieder inszeniert.

Meistens ist das verbunden mit einer Hilflosigkeit. Und der Frage, wie gehe ich selbst mit mir um. Kann ich mich selbst mal loben? Und sagen, ist doch klasse?

Oder schaue ich neben vielen positiven Dingen auf die zwei Punkte, die nicht so gut gelaufen sind, nehme eine Lupe und komme zu dem Ergebnis: Das ist doch richtig Mist geworden. Oder man hat es gelernt, sich in schwierigen Situationen hilflos zu verhalten, weil man keine Lösung gefunden hat oder es nie gelernt hat, eine Lösung suchen zu dürfen.

MAX: Daran zu arbeiten ist sicher immer sehr individuell.

Leiderer: Ja, und der Außenstehende sagt vielleicht: Na mach doch mal dieses oder jenes. Das ist es aber nicht. Es bedeutet schon, genauer zu gucken, wie das negative Denken, die Hilflosigkeit oder der Mangel im „Störungsmodell“ eingebettet sind. Dann schaut man: Was kann der Patient überhaupt? Und vielleicht braucht es viel Mut und Gespräche und Zeit, damit er sich doch mal traut. Oder auch zu sagen: Okay, ich habe in meiner Kindheit dies und dies gemacht, das hat mir eigentlich immer Freude gemacht.

Das kann man aufgreifen und da anschließen. Denn oft suchen sich Kinder auch in ihrer größten Not etwas Positives.

Und wenn es die Möglichkeit ist, in der Natur zu sein.

MAX: Kann man Verhalten verlernen und neu lernen?

Leiderer: Das ist natürlich schwierig.

Wenn man ein Verhalten gelernt hat – das ist wie Fahrradfahren – das verlernt man nicht. Eventuell kann man ein Verhalten „überschreiben“. Wir haben so etwas wie eine Festplatte, die können wir aber nicht löschen, sonst ist nichts mehr drauf. Auf dieser Festplatte sind Dateien, die sich öffnen, aus welchen Gründen auch immer.

Da gibt es Triggersituationen. Ein Wort kann reichen. Die Datei geht auf – und das muss man erkennen. Die Datei, die dann ein ganzes Gedanken-, Gefühlsund Verhaltenskonzept nach sich zieht und bei der es möglicherweise auch zu problematischen Inszenierungen kommt, in denen wir uns gefangen und hilflos fühlen. Auch wenn es mir gelingt, diese Datei zu schließen, wird sie immer da sein. Irgendwo versteckt, manchmal zeigt sie sich von hinten durchs Auge, ohne dass man es bemerkt. Das ist das eine, aber ich kann natürlich auch ein Stück weit neues Verhalten „antrainieren“. Eine neue Datei erstellen oder dagegenstellen.

Bester Fall ist das Erkennen und Wahrnehmen dieser „Datei“, bevor es zu einem größeren Konflikt kommt, um sie dann „loszulassen“.

MAX: Es gibt auch die systemische Therapie, was ist das genau?

Leiderer: Die systemische Therapie hat sich aus dem Bedürfnis der Behandler und Therapeuten entwickelt, das „krankmachende System“ zu betrachten. Dazu gehörte später auch die Familienaufstellung. Zentraler Punkt der Behandlung sind aber Fragetechniken, die dem Patienten helfen, anders über sich und andere nachzudenken. So in der Richtung: „Was glauben Sie, warum tut Ihr Partner das gerade so, wie er es tut?“ „Was meinen Sie, was würden Sie tun, wenn über Nacht ein Wunder geschieht und Sie am nächsten Morgen symptomfrei wären?“

MAX: Sind psychische Erkranken mittlerweile etwas enttabuisiert?

Leiderer: Es wird schon noch bewertet. Aber über Depression spricht man wesentlich leichter. Ich finde, dass es viel mehr Thema ist. Vor 30 Jahren war das anders. Es ist heute okay, dass man zum Psychotherapeuten geht. Vielleicht nicht für alle, aber für immer mehr Menschen.

Es kann auch gut sein, einfach mal für zwei, drei Sitzungen zum Therapeuten zu gehen und zu gucken: Ist es wirklich ein Problem? Manchmal sind es Kleinigkeiten, die man zum Beispiel mit dem Partner besprechen muss.

MAX: Braucht man noch Mut, um zum Therapeuten zu gehen?

Leiderer: Man braucht Mut, ein Problem beziehungsweise eine Verletzung zu erkennen. Wenn ich verletzt bin, brauche ich Mut, um zur Therapie zu gehen. Aber man kann das erst mal nur betrachten lassen. Behutsam. Natürlich sollte man eine gewissen Scham überwinden. Dann kann man sich immer noch entscheiden: Will ich das machen, will ich diesen Weg gehen? Den Mut zu haben, das mal anzugucken, das ist es.

ANY*, 20.

Im Frühling beginnt die schlimme Zeit. Gerade eben waren sie da, die ersten Wespen. Und dann kommt noch der Sommer. Ich habe Angst vor Spritzen, vor Krankheiten, vor Medikamenten, vor Wespen und allen anderen Insekten. Dann Angst vor Gedränge und Flackerlicht. Und generell davor, dass etwas passieren könnte. Mir oder auch anderen Menschen. Im Sommer laufe ich eigentlich nur mit Pulli, Jacke, langer Hose, Kapuze, Maske und Brille herum, damit ich mich sicherer fühle, und dann fühle ich mich trotzdem nicht sicher. Also im Endeffekt gehe ich einfach tagsüber nicht raus, wenn ich nicht unbedingt muss. Das stellt meinen Schlafrhythmus um, ich bin die ganze Nacht wach und schlafe dann am Tag. Dann kann ich wenig unternehmen, das hat auch mit meinem Ex-Freund ganz viele Probleme gegeben. Er wollte dann an den Elbstrand, und ich konnte das nicht. Oder ich war dabei und bin die ganze Zeit nur hin und her gerannt.

Wenn ich krank bin, ist das auch ein Problem, weil ich ja Angst vor Medikamenten habe, ich hatte mal einen angebrochenen Finger, der hat sich entzündet, und ich brauchte ein Antibiotikum, ich hab es erst genommen, als die meinten, dass sonst mein Finger amputiert wird. Es schränkt halt alles ein. Meine Ausbildung habe ich abgebrochen, ich habe noch nie etwas so bereut wie das. Ich will einfach morgens aufstehen und zur Arbeit gehen. Jetzt ist es so, als ob mir das indirekt entrissen wurde. Ich hab mich selbst gern gemocht wegen der Arbeit, jetzt fühle ich mich so entwertet.

Mutig wäre, mich den Sachen zu stellen, aber das ist schwieriger, als man es so sagt. Wenn ich rausgehe, obwohl da Wespen sind und versuche zu denken, dass vielleicht nichts passiert. Oder was Neues auszuprobieren. Und etwas weiterzumachen, das man nicht geschafft hat.

STEFAN*, 45.

Mut heißt für mich morgens aufzustehen.

Manchmal heißt es einfach, am Leben zu bleiben. Aber das ist nur selten so arg, glücklicherweise. Ein Glück ist auch, dass ich die allermeiste Zeit arbeitsfähig bin.

Die Arbeit ist eine wunderbare Sachebene, auf die ich mich konzentriere. Wenn das Leben sonst von einem Dreiklang aus Schmerzen, Depression und Einsamkeit bestimmt wird, ist Arbeit sehr wichtig.

Eine Aufgabe, zu der man manchmal gezwungen ist, auch wenn man überhaupt keine Energie hat, den neuen Tag zu beginnen. Mein Medikament hilft mir auch, seit vielen Jahren. Ohne das … Weiß ich nicht, es ginge einfach nicht.

Manchmal brauche ich wohl den Zwang, auch um gegen meine Schmerzen anzukämpfen. Und ich habe im Laufe der Jahre gelernt, dass es gut tut, mutig zu sein. Eine Verabredung nicht abzusagen, nur weil man sich schlecht fühlt. Oft hat mich das herausgeführt aus der Abwärtsspirale. Mein Verhältnis zu anderen Menschen ist aber zwiespältig. Ich fühle eine – ich weiß nicht, wie ich es sagen soll – ich bin disconnected. Es ist wie ein Spalt zwischen anderen und mir. Das habe ich schon als Kind gespürt, da kann man das alles noch nicht einordnen. Für ein Kind ist die Welt ja selbstverständlich so, wie sie ist. Ich glaube, auch meine Eltern sind mir ziemlich egal, obwohl ich oberflächlich ein gutes Verhältnis zu ihnen habe.

Selbst meine Freunde erscheinen mir in gewisser Weise austauschbar. So etwas kann man natürlich niemandem sagen. Ich schätze meine Freunde, ich bin ihnen irgendwie auch dankbar. Und bin glaube, ich bin sehr tolerant, was die ganzen Macken der Leute angeht. Vielleicht hängt das auch zusammen. Wenn sie einem in der Tiefe egal sind (ich übertreibe jetzt etwas), dann kann man auch alles Mögliche tolerieren. Gleichzeitig bin ich erfüllt von einer Sehnsucht nach einer tiefen Verbindung zu anderen Menschen.

Aber ich spüre sie nicht.

Mut und Hoffnung hängen irgendwie zusammen. Man weiß natürlich eh nie, wie es weitergeht. Ich hoffe nur, ich gebe nicht auf. Aber so etwas wie eine Zukunft – dazu gehört Mut.

GEORG*, 52.

Ich bin müde, weil ich gestern meine Spritze bekommen habe, ein Neuroleptikum. Dann nehme ich noch zwei Neuroleptika morgens und abends und Lithium. Ich habe eine schizo-affektive Störung, das hat einen manischen, einen depressiven und einen paranoiden oder schizophrenen Anteil. Das kann alles zusammen auftreten oder auch einzeln.

Aber ich habe durch die Medikation einen hohen Grad an Stabilität erreicht, sodass ich eigentlich keine Tagesschwankungen mehr habe.

Arbeitsfähig bin ich nur bedingt, die Belastbarkeit schwankt. Wenn zu viele Anforderungen von außen kommen und die Verarbeitung nicht gewährleistet ist, dann kann es sein, dass ich einen kleinen Absturz habe. Das begann mit 20. Ich kann eigentlich froh sein, dass es so früh losgegangen ist, weil ich dadurch die Möglichkeit hatte, mir eine neue Identität zu bilden, mich darauf einzustellen und mich damit auseinanderzusetzen.

Eigentlich denkt man in der Psychose, die anderen sind verrückt und man selbst sei völlig normal. Das ist schon sehr kurios.

Aber seit meinem ersten Schub weiß ich, was dann mit mir los ist und hab mir immer ein Bett im Krankenhaus bestellt und mich einweisen lassen. Der letzte Aufenthalt liegt aber schon zehn Jahre zurück. Wenn Belastungen auftauchen, kann es sein, dass ich innerlich mit Panik reagiere, aber ich komme im Alltag ganz gut zurecht.

Nun gibt es eine Zäsur: Ich mache eine Ausbildung zum Genesungsbegleiter.

Das ist jemand, der qualifiziert ist für die Begleitung von seelisch gehandicapten Menschen. Man ist schon mal Experte aus Erfahrung, man ist also selbst psychiatrieerfahren, wie auch die Klienten, die man betreut. Das Ganze nennt sich deswegen Peer-Beratung. Auf Augenhöhe, sodass das Vertrauen der Klienten vielleicht höher ist als gegenüber professionellen Therapeuten. In der Ausbildung geht es nicht um Theorie, sondern um die Reflexion der eigenen Erfahrungen.

Und die soll man positiv weitergeben, den vermeintlichen Mangel kann man als eine Katharsis ansehen, als eine Reinigung.

Krise heißt im Griechischen auch Entscheidung oder Wendepunkt.

Ich hab mich nie als mutig empfunden, aber ich vermute mal, wer sich für nicht mutig hält, ist mutig, weil es für ihn ein Thema ist. Ich lehne auch den Gedanken ab, wer selbst Beeinträchtigungen habe, könne nicht helfen.

Es geht erst mal ums Dasein und Zuhören.

Man braucht Mut, ein Problem beziehungsweise eine Verletzung zu erkennen. Wenn ich verletzt bin, brauche ich Mut, um zur Therapie zu gehen.