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MUT UND RISIKOBEREITSCHAFT – IN UNSEREM LAND MANGELWARE


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founders magazin - epaper ⋅ Ausgabe 40/2022 vom 31.08.2022
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Bildquelle: founders magazin, Ausgabe 40/2022

Am ersten April des Jahres 1976 saßen zwei junge Männer in einer Garage in Los Altos bei San Francisco zusammen. So weit nichts Ungewöhnliches. Doch die beiden hatten sich nicht dort getroffen, um Bier zu trinken, Gitarre zu spielen oder einfach nur abzuhängen. Sie fassten dort den Entschluss, gemeinsam ein Unternehmen zu gründen. Die Namen der beiden Männer? Stephen Wozniak und Steve Jobs. Spätestens jetzt wisst ihr: Klar, das war die Geburtsstunde von Apple! So was wäre in Deutschland heute undenkbar. Was sich meiner Ansicht nach in unserem Land dringend ändern muss, um Unternehmertum und Gründungen wieder attraktiv zu machen, beleuchte ich in diesem Beitrag.

Keiner will mehr etwas riskieren

Inzwischen ist klar: Die Story ist eher ein Mythos. Tatsächlich wurde Apple im Schlafzimmer von Steve Jobs gegründet. Und es war auch noch eine dritte Person dabei, der Grafiker Ronald Wayne, ein Kollege Jobs bei Atari. Doch zumindest stimmte die Sache mit der Garage insofern, als dass Wozniak dort den ersten Apple-Computer zusammenbaute. Und in Deutschland? Wäre es vermutlich schon an der Garage gescheitert. Denn es gibt tatsächlich Gesetze, die die Nutzung einer Garage zu anderen Zwecken als dem Abstellen von Kraftfahrzeugen untersagen. Selbst wenn es deine eigene, selbst gebaute Garage ist, darfst du hierzulande damit nicht tun, was du willst. Ich habe so langsam das Gefühl, dass unser Staat uns am liebsten alles bis ins kleinste Detail durch Gesetze, Regeln und Vorschriften diktieren möchte …

Dieses Mindset fehlt meiner Ansicht nach heute vielen jungen Menschen, weil sie ohne Mangel aufgewachsen sind.

Was ich an der Apple-Geschichte auch gut finde? Die Art und Weise, wie die Jungs sich das nötige Geld besorgt haben. Denn um die Produktion des ersten Computers zu finanzieren, musste Kapital her. Die Eltern um Geld anpumpen war nicht drin: Jobs verkaufte seinen VW-Bus für 1.500 Dollar, Wozniak seinen programmierbaren Taschenrechner für 250 Dollar. Für mich eine klare Sache – wenn du etwas willst, musst du eine Gegenleistung dafür erbringen. Sei es als Tauschgeschäft, Ware gegen Geld oder auch Leistung gegen Geld. So habe ich es als junger Kerl ebenfalls gemacht. Neben meiner Ausbildung habe ich in einer Diskothek gejobbt. Erst habe ich die Tür aufgemacht, später durfte ich auch Platten auflegen. Von dem Geld, was ich damit verdient habe, habe ich einen Sack Poloshirts gekauft – und die dann wiederum mit einem Aufschlag unter die Leute gebracht.

Dieses Mindset fehlt meiner Ansicht nach heute vielen jungen Menschen, weil sie ohne Mangel aufgewachsen sind. Natürlich ist das grundsätzlich eine gute Sache. Doch ich glaube, dass darin auch einer der Gründe liegt, warum die Risikobereitschaft heute wesentlich geringer ist. Viele Menschen führen heute ein sehr angenehmes Leben – und geben sich mit dem zufrieden, was sie haben. Warum etwas riskieren? Doch es ist genau diese Einstellung, an der unsere Gesellschaft irgendwann zerbrechen wird.

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»Dodoland – Uns geht’s zu gut!« von Martin Limbeck

240 Seiten Erschienen: Mai 2022

Ariston Verlag ISBN: 978-3-424-20261-8

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Der Staat mag keine Selbstständigkeit

Lasst uns mal einen Blick auf die Zahlen werfen: Eine Studie von McKinsey belegt, dass die Zahl der Neugründungen im Zuge der Coronapandemie tatsächlich sogar zugenommen hat. Das ist die gute Nachricht. Aktuell werden in Deutschland pro Jahr circa 2.900 Unternehmen gegründet. Im vergangenen Jahr konnte Europa insgesamt 100 »Einhörner« verzeichnen, also Start-ups, deren Wert eine Milliarde Dollar übersteigt. Im Vergleich zu den USA ist das allerdings lachhaft. Woran das liegt? Unter anderem daran, weil es dir hierzulande extra schwer gemacht wird, wenn du gründen willst. Oder generell, wenn du irgendwas machen möchtest als Unternehmer, was in keine der mentalen Schubladen der Angestellten passt, die über deinen Finanzierungsantrag entscheiden.

An dieser Stelle möchte ich gerne kurz schildern, was ich vor wenigen Wochen erlebt habe. Ein junger Mitarbeiter, Mitte zwanzig, hatte sich entschieden, mein Unternehmen zu verlassen. Für mich war das absolut okay, denn es war für ihn an der Zeit, sich weiterzuentwickeln und auch mal was anderes zu sehen. Ich hätte mir auch gut vorstellen können, dass er in die Selbstständigkeit geht. Tatsächlich hatte er auch genau das überlegt und angefangen, sich schlau zu machen in Sachen Gründungsförderung.

Wisst ihr, was die ihm beim Arbeitsamt gesagt haben? »Einen Gründungszuschuss bekommen Sie nicht bewilligt. Für Sie finden wir doch im Handumdrehen eine Anstellung, Sie sind viel zu qualifiziert.« Ernsthaft? Da kann ich mir nur an den Kopf fassen. Was soll das bitte für eine Logik sein? Es bekommen nur Leute eine Förderung, die für den Arbeitsmarkt aus welchen Gründen auch immer nicht attraktiv sind? Ich glaube nicht, dass das die Menschen sind, die dann ausgerechnet mit einem eigenen Unternehmen erfolgreich werden.

Die Logik dahinter ist natürlich, dass es für den Staat schlichtweg günstiger ist, eine kurze Zeit Arbeitslosengeld zu zahlen statt den Gründungszuschuss. Doch mit dieser kurzsichtigen und bürokratischen Denkweise werden in unserem Land neue Geschäftsideen im Keim erstickt! Wie sollen wir uns so wieder zu einem der Top-Player am Markt entwickeln, wenn Innovation nicht erwünscht ist?

Ohne neue Ideen keine wirtschaftliche Zukunft

Ich habe den Eindruck, dass die Angst vor Risiko den Deutschen tief in den Knochen steckt. Nicht nur, wenn es darum geht, Geldgeber für ein spannendes Gründungsprojekt zu finden. Selbst als gestandener Unternehmer erlebte ich Herausforderungen damit, als ich ein paar Dutzend Autos für ein weiteres Unternehmen brauchte. Ich hatte eine super Bonität, Vermögen war da, meine Companys liefen. Doch wenn ich nicht persönlich zu 100 Prozent für den Kredit gebürgt hätte, hätte ich keine Autos finanziert bekommen. Die Bank wollte sich nicht das kleinste bisschen am unternehmerischen Risiko beteiligen. Ich frage mich, was da passiert ist? Früher hat der Banker deinen Businessplan gelesen, dir gerade ins Gesicht geschaut und kraft seiner Erfahrung abgeschätzt, ob dein Business mit dir als Unternehmer eine gute Chance hat. Und dann gab’s ein Darlehen, zum großen Teil auch ohne Sicherheiten. Doch die Idee interessiert heute keinen mehr. Heute wollen sich alle nur noch ihren eigenen Hintern absichern. Doch gründen und dabei kein Risiko eingehen? Das passt meistens einfach nicht gut zusammen.

Ich kann nur hoffen, dass wieder mehr Menschen in unserem Land ihren Mut zusammennehmen und ihren Weg gehen.

Die Folge dessen: Im vergangenen Jahr kamen 41 Prozent der Investments für deutsche Start-ups aus den USA. Als Unternehmer finde ich es toll, wenn jemand seine Vision verwirklichen kann. Doch mit Blick auf unsere Wirtschaft ist diese Entwicklung alles andere als gut. Diese Unternehmen könnten einen entscheidenden Anteil an unserer Zukunft haben. Den haben sie jedoch nicht, wenn die Rendite in die USA fließt. Dass es auch anders gehen kann, zeigt beispielsweise das Mainzer Unternehmen BioNTech. Ja genau – die Entwickler des Corona-Impfstoffes. Gegründet wurde das Unternehmen bereits 2008 mit dem Fokus darauf, Krebs mithilfe von mRNA-Technologie zu bekämpfen. Diese Erfolgsgeschichte war nur möglich, weil zwei Deutsche, Thomas und Andreas Strüngmann, in das Unternehmen investierten. Und heute? Erhielt die Stadt Mainz von BioNTech Gewerbesteuerzahlungen in Höhe von 1,09 Milliarden Euro. Geld, welches genutzt werden kann, um die Schulden der Stadt zu tilgen, die Infrastruktur weiter zu verbessern und so weiter. Und wenn das Unternehmen weiterhin so erfolgreich dasteht, werden voraussichtlich noch viele weitere Arbeitsplätze hinzukommen. Besser geht’s doch nicht – für alle Beteiligten!

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Martin Limbeck ist unter anderem Inhaber der Limbeck® Group, Wirtschaftssenator (EWS) und einer der führenden Experten für Sales und Sales Leadership in Europa.

Ich kann nur hoffen, dass wieder mehr Menschen in unserem Land ihren Mut zusammennehmen und ihren Weg gehen. Und dass im öffentlichen Bewusstsein endlich verankert wird, wie wichtig neue Ideen für unseren wirtschaftlichen Fortbestand sind. Ich wünsche mir, dass Gründen für junge Menschen zu einer klaren Zukunftsoption wird, die ihnen bereits in der Schule nahegebracht wird. Denn solange wir so viel Potenzial verschenken, bringen wir uns selbst um unsere Zukunftsfähigkeit, wirtschaftlich wie gesellschaftlich.

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