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Mut zum Glück


myself - epaper ⋅ Ausgabe 9/2020 vom 12.08.2020

Das eigene Business - lohnt sich das? Ja, sagen diese Gründerinnen und ziehen nach 500 Tagen Selbstständigkeit eine positive Bilanz


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Bildquelle: myself, Ausgabe 9/2020

Mütter sind Meisterinnen der Effizienz. Die Münchner Start-up-Unternehmerin Sandra Westermann ist der beste Beweis dafür.


Supermutter wird Superheldin

Sandra Westermann, 39, Gründerin von Superheldin

Die Idee: Eine Plattform für familienfreundliche Jobs.

Das Startkapital: Eigene Ersparnisse, Kapital von Freunden und Familie sowie einer Investorin und einem Fonds.

Der Zeitplan: Zwischen der ersten Idee und dem Launch der Website im Mai 2019 vergingen sechs Monate.

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... beim Fernsehen gearbeitet - warum haben Sie sich mit einer Jobbörse selbstständig gemacht?

Nach der Kündigung hat mir die Agentur für Arbeit gesagt, ich sei als Mutter schwer vermittelbar. Auch die einschlägigen Jobbörsen konnten mir bei der Suche nach flexiblen Arbeitsmodellen nicht weiterhelfen. Als mir andere Mütter von ähnlichen Erfahrungen berichteten, habe ich mich entschlossen, meine eigene Jobbörse aufzubauen.

Was macht einen familienfreundlichen Job aus?

Das beginnt damit, Meetings auf den Vormittag zu legen, damit auch Mütter daran teilnehmen können. Auch Homeoffice sollte selbstverständlich sein - so kann man arbeiten, wenn das Kind mal krank ist.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie?

Für Superheldin arbeiten mittlerweile zehn Leute, inklusive Entwickler und Berater.

Gab es Momente, in denen Sie alles hinschmeißen wollten?

Es gab sicherlich Situationen, die extrem schwer für mich waren - zum Beispiel vor rund 150 Investoren auf Englisch zu pitchen oder im „Sat.1 Frühstücksfernsehen“ über mein Unternehmen zu reden. Auch Themen wie Programmier sprache oder Zielgruppenmarketing waren Neuland für mich. Aber hinschmeißen? Dafür waren die Reaktionen auf meine Idee viel zu positiv.

Was motiviert Sie noch?

Anfangs hatten wir 300 Jobangebote auf der Website, heute sind es rund 1000, darunter von Kunden wie Coca-Cola, dem Energiekonzern Vattenfall und der Heysenberg-Vermögensverwaltung. Jeder vermittelte Job wird bei uns im Büro an die Wand gepinnt. Der Blick darauf beflügelt - und entschädigt für durchgearbeitete Nächte.

Wie hat sich die Coronakrise auf die Plattform ausgewirkt?

Es sind zwar weniger Stellen ausgeschrieben, weil viele Unternehmen Kurzarbeit einführen mussten. Aber Corona hat die Arbeitswelt im Bezug auf die Flexibilität um zwei bis drei Jahre nach vorn gebracht. Zeitunabhängiges Arbeiten und digitale Tools sind auf einmal selbstverständlich - und davon profitieren wir langfristig.


„Man kann viel mehr, als man denkt - wenn man sich nur traut“


Arbeiten Sie heute mehr?

Ich arbeite 40 bis 50 Stunden, teile mir diese Zeit aber von Montag bis Sonntag frei ein - das erleichtert das Leben ungemein.

Ihre wichtigste Erkenntnis aus 500 Tagen Selbstständigkeit?

Sich nie von Ängsten aufhalten lassen. Wir brauchen mehr Gründerinnen in Deutschland. Und man kann viel mehr, als man denkt - wenn man sich nur traut.

Das Resümee: Würden Sie es wieder tun?

Sofort.

Die „schöne“ Branche

Franziska Leonhardt, 35, Gründerin von Ave + Edam

Die Idee: Personalisierte Kosmetik.

Das Startkapital: Eigenkapital, externe Investoren.

Der Zeitplan: Sie kündigte Ende 2017, im September 2019 startete Ave + Edam.

Wie landet man als Juristin aus der Internet- und Stahlindustrie ausgerechnet in der Beauty-Branche?

Als ich 2017 beruflich im Silicon Valley war, fiel mir auf, dass dort nahezu alles vom Müsli bis zum Haarshampoo maßgeschneidert angeboten wurde. Nur bei der Hautpflege wurden immer noch Produkte für die vier üblichen Hauttypen angeboten.

Wie wurde daraus ein Geschäftsmodell?

In Kalifornien habe ich auch den Informatiker und meinen heutigen Geschäftspartner Dominik Michels kennengelernt. Gemeinsam haben wir den Markt analysiert und recherchiert, was man braucht, um individuelle Pflege herzustellen.

Wie haben Sie das finanziert?

Das erste Jahr haben wir von unseren Ersparnissen gelebt. Im Juli 2019 konnten wir den ProSieben-Accelerator, einen der führenden Start-up-Investoren, für unsere Idee gewinnen. Aktuell befinden wir uns in der sogenannten Seed-Phase, einer frühen Finanzierungsrunde, und verhandeln mit verschiedenen Investoren über eine mögliche Beteiligung.

Die Beauty-Branche ist hart umkämpft - wie haben Sie es trotzdem geschafft?

Personalisierte Kosmetik ist eine nahezu unbesetzte Nische. Wir produzieren in Deutschland und haben eine Technologie erfunden, die nicht nur die Wünsche unserer Kunden berücksichtigt, sondern auch Faktoren wie den persönlichen Lebensstil und die Umgebung analysiert.

Wird man damit reich?

Nein, noch lange nicht. Das war aber auch nicht meine Motivation. Ich wollte etwas aufbauen, an das ich glaube. Wer nicht bereit ist, finanzielle Abstriche zu machen, ist falsch als Unternehmerin. Gründen ist ein Marathon, kein Sprint.


„Gründen ist ein Marathon, kein Sprint“


Was hätten Sie vorher gern gewusst?

Eine Gründung ist krass. Hätte ich gewusst, wie krass, hätte ich den Schritt vielleicht nie gewagt. Überrascht hat mich auch, wie schwierig Finanzierungsrunden für Gründerinnen sind. Was männliche Investoren mir alles an den Kopf geworfen haben - das war schon heftig.

Ihr schlimmster Moment?

Ich bin alleinerziehend. Als die Schulen wegen Corona schlossen, steckten wir mitten in einer Finanzierungsrunde, und ich musste meine Tochter zu Hause unterrichten. Alle Mitarbeiter waren im Homeoffice, mein Mitgründer steckte im Ausland fest, und ich arbeitete 16 Stunden am Tag. Ohne die Unterstützung meiner Familie und Freunde und den Glauben an meine Vision hätte ich vermutlich aufgegeben.

Was geben Sie anderen Gründerinnen mit auf den Weg?

Nur wer dranbleibt, hat auch Erfolg. Man muss sich immer wieder klarmachen: Probleme gehören dazu, sie sind kein Zeichen persönlichen Versagens. Und man braucht gerade mit Kind Unterstützung. Der Vater sollte sich genauso einbringen wie die Mutter.

Mit künstlicher Intelligenz und großem Glauben an ihre Idee startet Franziska Leonhardt in der Beauty-Branche durch.


FOTO: LAWYERS

Alte Heimatliebe

Sophie Kreutzer, 29, Gründerin von „Das Rabenstein“ in Laufen

Die Idee: Ein vegetarisches Restaurant.

Das Startkapital: Ein Familienkredit über 25 000 Euro.

Der Zeitplan: Im November 2018 mietete sie einen Laden an, die Eröffnung war neun Monate später.

Vom eigenen Laden träumen viele, wann haben Sie gewusst: „Ich mach das jetzt“?

Ich bin ausgebildete Köchin und habe immer schon von einem eigenen Restaurant geträumt. Als ich nach der Geburt meiner Tochter wieder in meine Heimat zog, fiel mir ein leer stehender Laden auf - ein Zeichen! Die Möbel hat mein damaliger Partner gebaut, die Küche haben wir, bis auf die gastronomischen Geräte, günstig gekauft und selbst eingebaut. Mein Bruder ist Elektriker, einer meiner besten Freunde Installateur. Das Konzept und die Gestaltung stammen von mir.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag heute aus?

Ich habe vier Tage geöffnet, an denen mache ich alles selbst - vom Einkauf über Kochen und Servieren bis zum Putzen. Ich arbeite von 6.30 bis 22 Uhr, den Rest der Woche habe ich frei. Bei der Buchhaltung hilft mir meine Mutter.

Die größten Schwierigkeiten?

Zu den Stoßzeiten ist es als Solo-Selbstständige verdammt schwer, seinen Gästen gerecht zu werden. Wenn ich merke, ich komme nicht hinterher, sage ich deshalb mittlerweile ehrlich: Gebt mir bitte zehn Minuten, dann bin ich für euch da. Verdienen Sie als Unternehmerin mehr? Ich habe vorher als Kellnerin gejobbt und definitiv besser verdient. Trotzdem hat meine Lebensqualität zugenommen, weil ich selbstbestimmt arbeiten kann. Ich hoffe aber, mir im kommenden Jahr einen kleinen Urlaub leisten zu können.

Wie sind Sie durch die Coronakrise gekommen?

Ich konnte sie durch das To-go-Geschäft einigermaßen auffangen. Seitdem ich wieder öffnen durfte, kommen die Gäste glücklicherweise besonders häufig - das hilft mir, die Verluste der vergangenen Monate aufzuholen.

16 Sitzplätze und rund 50 Gäste pro Tag. Sophie Kreutzer in ihrem Restaurant in Laufen.


„Meine Lebensqualität hat zugenommen, weil ich selbstbestimmt arbeiten kann“


Auf der Suche nach Kreativität

Inga Laudiero, 35, Co-Gründerin der Cosi Group

Die Idee: Eine digitale Hotelkette, die fast ohne Personal auskommt.

Das Startkapital: Fünf Millionen Euro von Investoren.

Der Zeitplan: Ende Mai 2019 kündigte sie ihren Job und startete im Oktober des gleichen Jahres bei Cosi.

Ihr Geschäftsmodell in einem Satz?

Wir haben eine Software entwickelt, die Hotelpersonal, mit Ausnahme der Reinigungskräfte, überflüssig macht. Man checkt mit einer Concierge-App ein.

Was treibt einen aus der Finanzbranche ins Hotelgewerbe?

Nach neun Jahren als Investmentbankerin bei Morgan Stanley in London sehnte ich mich nach mehr Kreativität. Daraufhin habe ich bei iDiscover 360 teilgenommen, einem Programm, das bei der beruflichen Neuorientierung hilft. Dort entstand die Idee, neben dem Job Interior Design zu studieren.

Wie ging es weiter?

Christian Gaiser, einer der vier Mitgründer, ist ein guter Bekannter von mir. Als ich ihm erzählte, dass ich was Neues machen will, holte er mich ins Gründerteam.

Wie viele Hotels gibt es bereits?

Aktuell haben wir acht Hotels in Berlin, Prag, München, Leipzig und Wien, es sollen aber noch weitere folgen. Insgesamt arbeiten 35 Leute bei Cosi, ich kümmere mich vor allem um die Inneneinrichtung und die Markenbildung.

Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag verändert?

Ich arbeite jetzt meistens zu Hause, telefoniere, organisiere und denke über strategische Fragen nach. Einmal die Woche fliege ich nach Berlin in unsere Zentrale.

Verdienen Sie mehr?

Nein, das Wachstum der Firma ist gerade wichtiger.

Corona hat die Hotelbranche hart getroffen - wie sind Sie damit umgegangen?

In weniger als zwei Wochen haben wir unsere Hotels für Langzeitmieten ausgeschrieben, also Aufenthalte ab einem Monat oder länger. So konnten wir trotz Corona eine 90-prozentige Auslastung erreichen und weiterhin Geld verdienen. Unser Konzept war wie gemacht für die Krise: Der Gast kann kontaktfrei anreisen, und wir haben des wenigen Personals kaum Fixkosten.

Ihre größte Herausforderung?

Zu akzeptieren, dass man nicht alles von Anfang an perfekt gestalten kann. Bisher entsprechen nur drei von acht Hotels genau unseren Vorstellungen. Als Startup muss man extrem auf das Budget schauen - das hat mich oft frustriert.

Was hilft in diesen Momenten?

Weitermachen. Im Team zu gründen ist extrem motivierend. Je mehr Leute an eine Idee glauben, desto leichter fällt es einem selbst.

Noch einen Tipp für Gründerinnen?

Ich umgebe mich grundsätzlich nur noch mit Menschen, die mich bestärken. Und höre mir den Podcast „How I Built This“ des Journalisten Guy Raz an, in dem er mit jungen Gründern über ihren Weg spricht.

Früher arbeitete Inga Laudiero in der Finanzbranche, heute designt sie Hotels.


„Ich umgebe mich nur noch mit Leuten, die mich bestärken“


FOTO: RODERICK AICHINGER

FOTO: RODERICK AICHINGER