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MUT ZUM NEUSTART - STUTTGARTER ERZÄHLEN, WIE SIE IHREM LEBEN EINE WENDE GABE: Jetzt mal Stopp - und Reset


LIFT - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 28.01.2020

„Keine Arbeit, keine Wohnung und eine sehr unklare Perspektive: Unser ‚Bruch’ sorgte für ganz viele Baustellen. Wir haben im Sommer 2004 quasi von einem auf den anderen Tag entschieden, aus dem Priesterseminar rauszugehen und uns zu outen. Bis dahin war es natürlich ein längerer Prozess, inklusive einem rund vier Jahre langen Versteckspiel. Wie es nach der Entscheidung weitergehen sollte, darüber haben wir uns zunächst gar keine Gedanken gemacht. Wir sind als erstes in einer Ferienwohnung von Marius Schwager untergekommen. In die gehen wir heute, 15 Jahre später, immer noch einmal im Jahr für einen ...

Artikelbild für den Artikel "MUT ZUM NEUSTART - STUTTGARTER ERZÄHLEN, WIE SIE IHREM LEBEN EINE WENDE GABE: Jetzt mal Stopp - und Reset" aus der Ausgabe 2/2020 von LIFT. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: LIFT, Ausgabe 2/2020

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... Kurzurlaub. Denn obwohl es viele Unklarheiten für die Zukunft gab, hatten wir auch dieses unglaubliche Gefühl der Freiheit und eine totale Unbeschwertheit: endlich nicht mehr verstecken! Bereut haben wir den Schritt tatsächlich nie. Wir erhielten auch im gesamten Umfeld eine tolle Unterstützung, niemand hat sich von uns abgewandt. Wir hätten uns nicht vorstellen können, wie viel Kraft einem die Beziehung selbst geben kann. Auch beruflich haben wir unser Glück als Bestatter gefunden.“

Marius R. Kramer und Heiko Hauger: Vom Priesterseminar zum Bestatter - aus Liebe


Andreas Weimer: Vom Vertrieb in die eigene Kaffeerösterei


„Die Idee mit der eigenen Kaffeerösterei ist mir schon viele Jahre durch den Kopf geschwirrt. Wenn man im Vertrieb arbeitet, verbringt man nicht nur viel Zeit im Auto und Flugzeug, sondern auch mit Kaffee - und da waren sehr viele schlechte dabei. 25 Jahre bin ich vertrieblich unterwegs gewesen: ein gutes Gehalt mit Personalverantwortung, aber mit immensem Umsatzdruck und Schlafstörungen. Ob ich den Schritt auch gewagt hätte, wenn mich nicht eine Umstrukturierung zu einem Neustart bewegt hätte? Wahrscheinlich nicht, vielleicht hätte ich die Stelle gewechselt, aber bestimmt nicht die Selbstständigkeit gewagt. Dabei war es das Beste, was mir passieren konnte. Diese Wertschätzung, die ich durch mein Handwerk in meiner Kaffeerösterei Kaffeerakete erfahre, ist mir völlig neu. Geholfen hat mir meine Freundin mit den Worten: Mach doch jetzt einfach das, was dir Spaß macht - das mache ich jetzt. Ich hatte Glück, durch den alten Beruf genügend Startkapital zu haben. Nun röste ich im Stuttgarter Westen Spezialitätenkaffee, den die Leute genießen und genieße selber die Zeit, mit meinen Kunden über Gott, die Welt und natürlich Kaffee zu reden.“

„Ich kommevon der dunklen Seite der Macht: als Zeitsoldat Atomsprengköpfe bewacht, über Chemikalien- und Mineralgroßhandel beim Schweröl gelandet. Geld gescheffelt fürs Unternehmen, aber selbst nur eine „Entschädigung“ bekommen und vor allem keine Wertschätzung. Die Folge war eine Midlife-Crisis, die mich in ein ehrenamtliches Engagement für Greenpeace geführt hat. Den richtigen Bruch habe ich mir nicht zugetraut, dazu war die Komfortzone eines sicheren Jobs zu groß. Dass er gar nicht so sicher war, bemerkte ich, als mir eine Trennung nahegelegt wurde - doch noch im Gespräch habe ich innerlichden Schlussstrichgezogen: endlich weg hier. Zweifel und Rückschläge folgten jedoch noch viele auf dem Weg zum Schüttgut: Streit um den Gründerzuschuss mit der Agentur für Arbeit, Rückzieher der Bank, die große Sorge der Familie, ob alles gut geht. Fast anderthalb Jahre dauerte der Prozess, und ich frage mich selbst, woher ich die Ausdauer hatte. Heute haben wir mehr als 800 verpackungslose Artikel im Angebot und mit der Idee den Nerv der Zeit getroffen - und das Wichtigste: Ich habe Freude an meiner Arbeit und bekomme die Wertschätzung, die ich mir immer gewünscht habe.“

Jens-Peter Wedlich: Von der Schwerölindustrie zum Unverpacktladen


Frank Zentler: Vom angehenden Arzt in die Modebranche


„Nach dem Medizinstudium hatte ich ursprünglich gar nicht im Sinn, mal nicht als Arzt zu praktizieren. Ich wollte nur nicht gleich im Anschluss ans Examen weitermachen, sondern in Ruhe meine Doktorarbeit schreiben und etwas anderes ausprobieren: die Modebranche. Schon während meines Studiums war ich im Nachtleben sehr aktiv. Die Gegensätze waren natürlich krass: In der Klinik geht es morgens um 6:30 Uhr mit der Visite los, bei den Jobs in der Mode- und Club-Welt kommt man da nach Hause. Vom Nachtleben zur Mode ist der Übergang fließend, schließlich dreht sich in den Clubs auch viel um Aussehen. Wir haben da eine Nische gesehen, im mittlerenPreisniveau ausgefallene Mode und besondere Labels nach Stuttgart zubringen - das funktioniert bei meiner Boutique Geschwisterliebe bis heute. Ich bin skeptisch gegenüber der Schulmedizin und dem heutigen medizinischen System geworden. Auch dort dreht sich alles vor allem ums Geld, der einzelne Patient mit seinen individuellen Bedürfnissen bleibt da auf der Strecke. Viele Krankheitsursachen werden gar nicht ausreichend angegangen, sondern nur die Symptome therapiert. Bruch hin oder her, ich konnte zum Glück immer das machen, was mir Spaß macht, meine Frau und meine Kinder sind gesund: Es geht mir also sehr gut.“

Katharina Lisa Vater: Aus dem falschen Körper zur Trans*Frau


„Im Dezember 2014 saß ich vor dem PC, habe in irgendwelchen Internetforen gelesen und zu meiner Mitbewohnerin gesagt: ‚Wenn ich nichts ändere, werde ich 2015 nicht überleben.’ Schon als Kind war mir klar: Es stimmt was nicht. Doch auch als Jugendliche - ohne Internet, in ländlicher Umgebung aufwachsend - findet man als transsexueller Mensch nur imweit entfernten Stuttgart Hilfe. Da habe ich mir Fachliteratur beschafft, gelesen und mich zu einer Psychologin geschleppt, die mir zwar weiterhelfen wollte, aber sich mit dem Thema nicht auskannte. Ein Outing im Beruf war für mich unvorstellbar: zu konservatives Umfeld. Eine erste Hormonbehandlung habe ich abgebrochen, bevor ich eben 2014 an den Wendepunkt kam. Dann ging es Stück für Stück voran: die Haare wachsen lassen, neue Kleidung kaufen, bei Freunden outen. Meine Geschlechtsangleichung habe ich 2017 gemacht. Beruflich wurde es nicht leichter. 400 Bewerbungen rausgeschickt, vier Einladungen für Gespräche bekommen. Bereut habe ich meine Entscheidung nie, trotzdem leide ich manchmal unter den Reaktionen aus der Gesellschaft: Anfeindungen gehören zur Tagesordnung. Leider wird es seit den Wahlerfolgen der AfD von Jahr zu Jahr schlimmer. Trotzdem fühle ich mich wohl und weiß, dass ich das Richtige getan habe.“

Joachim Petzold: Vom erfolgreichen Werber zum Kulturinsel-Gründer


„Ich glaube, es ist hauptsächlich ein Wertewandel, den ich durchgemacht habe. 15 Jahre ging es steil bergauf mit meiner Agentur, bis ich vor rund zehn Jahren gegen die Wand gelaufen bin. Diese Phase der Überforderung und Depression war rückblickend gut und der Grund dafür, dass ich die Kulturinsel 2012 gegründet und die Agentur nach 25 Jahren zum Ende 2019 geschlossen habe. Es dauert Jahre, um reinzukommen und Jahre, um rauszukommen aus diesem Tal-und doch kann man gestärkt zurückkommen, was mir gelungen ist. Die Zeit des Wandels bedeutet in allen Bereichen tiefe Täler zu durchqueren, um zu erforschen was einem wirklich wichtig ist, man darf nicht zu oft zurückzublicken und jammern, sondern muss positiv und mutig nach vorne schauen. Seit damals baue ich an dem neuen Lebensabschnitt, und die Kulturinsel in Bad Cannstatt ist aktuell das Zentrum. Das ist kein Plan B, C oder D, sondern Plan A für Anfang. Mit dem Wissen, dass sich nicht nur unser Klima, sondern auch unsere Gesellschaft dringend verändern muss und ich meinenTeil dazu beitragen möchte, arbeite ich jeden Tag weiter an mir und der Kulturinsel. ‚Das Geheimnis der Veränderung ist, nicht alle Energie auf die Bekämpfung des Alten zu legen, sondern auf den Aufbau des Neuen’, sagt Sokrates.“

Die Vorzeichen ernst nehmen - wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Absprung?

Vom Vorstand in die Suppenküche oder aus der Schweröl-Industrie in den „Ökoladen“: Manche Menschen lassen ihr altes Leben hinter sich. LIFT-Autor Thomas Graf-Miedaner fragt bei dem Stuttgarter Psychologen Ubald Hullin nach, warum das passiert und wie man den richtigen Weg für sich findet.

LIFT Woran merke ich, dass mein Leben eine Veränderung braucht?
Hullin Sich ständig Gedanken zu machen, die man nicht los wird, über Probleme, die sich nicht lösen lassen, das sind klassische Vorzeichen: Ein Problem, egal welcher Art, sollte sich im Normalfall spätestens nach drei Monaten lösen. Weitere Anzeichen sind zum Beispiel das Vernachlässigen von Hobbys, der Familie oder Freunden, weil man mit seinen Gedanken ständig woanders ist.

LIFT Wann sollte ich spätestens die Reißleine ziehen?
Hullin Bei körperlichen Symptomen: Schlafstörungen, Lustlosigkeit, Schweißattacken. Wenn man das Gefühl hat, ganz allein dazustehen und keinen Einfluss mehr auf die Dinge nehmen kann. Das Problem ist, dass man als Ursache selten notwendige Veränderungen vermutet, sondern zum Arzt geht und nach körperlichen Gründen sucht.

LIFT Wie finde ich heraus, was ich wirklich möchte?
Hullin Das klassische Aha-Erlebnis, bei dem ich sofort weiß, was ich in Zukunft machen möchte, ist leider die Ausnahme. Dem Ottonormalverbraucher bleibt oft nur die Möglichkeit, Neues auszuprobieren. Bei welchen Tätigkeiten bekomme ich etwas zurück, wenn ich Energie reinstecke? Sich einfach nur die Frage beantworten: Wo liegen meine Talente, was fällt mir leicht? Leider trauen sich die Leute oftmals nicht, genau das zu machen, was ihnen leichtfällt, weil bei uns die Mentalität vorherrscht: „Schaffe, schaffe“. Nur was schwierig und kompliziert daherkommt, kann in dieser scheinbar normalenDenke das Richtige sein.

LIFT Was gilt es bei einem Umbruch zu beachten, damit er auch nachhaltig ist?
Hullin Wenn man sich aus einer vermeintlich sicheren Position heraus verändert, ist der Weg im Normalfall keine breite Autobahn. Aber man muss sich trotzdem von dem Gefühl lösen, die Zukunft sichermachen zu wollen. Denn niemand kann genau wissen, was in der Zukunft passiert. Ich muss meine Erfahrung nutzen - und ein Punkt muss mir immer klar sein.

LIFT Und der wäre?
Hullin Man scheitert nicht an der Wirklichkeit, sondern an der eigenen beschränkten Vorstellung von der Wirklichkeit.


Texte und Interview: Thomas Graf-Miedaner, Fotos: Ronny Schönebaum