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Mutiert hr2-Kultur künftig zum Dudelfunk?


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 08.11.2019

Noch ist hr2, die Kulturwelle des hessischen Rundfunks, abwechslungsreich bunt. Wobei das tägliche Programm von aktuellen Kulturberichten über wortgewaltige Features und Lesungen bis hin zu Klassik, Jazz und Pop reicht. Jetzt plant der Sender tiefgreifende Änderungen, die bei Kulturschaffenden und Hörern auf heftigen Widerstand stoßen.


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Der leitende hr-Redakteur Alf Mentzer verteidigte in einer turbulenten Diskussionsrunde die neue Linie.


Foto: hr/Sebastian Reimold

Wie künftig nicht nur ein einzelner Sendeplatz, sondern gleich die gesamte Kulturwelle hr2 des Hessischen Rundfunks klingen könnte, das lässt ...

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... sich an jedem Abend der Woche beim Westdeutschen Rundfunk erleben. Hatte der doch am 1. April 2019 seine monothematischen Autorensendungen bei „WDR 3 Jazz & World“ ohne Vorwarnung der Hörer auf ein launig präsentiertes Playlist-Format umgestellt (siehe FF 7/19). „Was hip & weltoffen wirken soll – bedeutet de facto den Abschied von WDR 3 aus dem Jazzdiskurs“, befand damals der Jazzpublizist Michael Rüsenberg.

Dass er damit bislang leider Recht behielt, lässt für die derzeit geplanten tiefgreifenden Änderungen bei hr2-Kultur Schlimmstes befürchten. Doch worum geht es überhaupt? Klar ist, dass der chronisch defizitäre Frankfurter Sender schon seit Jahren unter schrumpfenden Zuhörerzahlen leidet – wie andere öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten auch. Gerade jüngere Hörer werden von sogenannten „linearen“ Radio-Angeboten kaum mehr erreicht, weil sie fast nur auf Streaming oder Podcasts „on demand“ setzen. Weshalb man im Hessischen Rundfunk jetzt auf eine „Digital-first“-Strategie setzt. „Wir richten den hr für die digitale Zukunft aus, indem wir uns noch stärker an den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer orientieren und auf jüngere Zielgruppen konzentrieren“, zitiert DWDL.de den hr-Intendanten Manfred Krupp, der schon Ende 2018 angekündigt hatte, dass die Kulturberichterstattung künftig multimedial organisiert wird. „Wenn ich die Älteren im Blick habe, sammle ich in aller Regel die Jüngeren nicht ein, umgekehrt geht das dagegen schon“, erläuterte hr-Fernsehdirektorin Gabriele Holzner das neue Konzept.

Was das für hr2-Kultur bedeutet, erfuhr die Öffentlichkeit im Juli, mitten in den Sommerferien: „Der Hessische Rundfunk (hr) plant eine deutliche Reduzierung der Wortinhalte beim Radioprogramm hr2-Kultur.“ Eine interne Expertengruppe habe entsprechende Vorschläge erarbeitet und entwickele im Auftrag der Geschäftsleitung derzeit konkrete Umsetzungspläne, sagte der Leiter der hr-Kommunikation, Christoph Hammerschmidt, dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Frankfurt am Main. „Wortinhalte zu Kulturthemen will die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt künftig vor allem über die Informationswelle ,hr-Info‘, im Internet auf ,hessenschau.de‘ sowie in der ,ARD Audiothek‘ ausspielen. ,hr2-Kultur‘ wird zum Klassikprogramm für Hessen,“ führte Hammerschmidt weiter aus. Und in der FAZ las man gar: „Geplant ist, daraus eine Klassikwelle zu machen, deren oberstes Kriterium die ,Durchhörbarkeit‘ ist.“

Angesicht dieser Reizwörter wundert es nicht, dass sich bei den knapp 100.000 hr2-Hörern rasch erheblicher Protest breitmachte. Und dies mit einiger Vehemenz, was sich mittlerweile zu mehr als 4.000 Kommentaren in diversen Foren und über 10.000 Unterschriften einer Petition gegen die Umbaupläne der hr-Führung summiert hat. So schrieb etwa Joachim Paech in einem FR-Blog: „Fundierte Kommentare, die aktuelle Frühkritik, die Kultur-Presseschau, der Doppelkopf, das Kulturcafé … – alles das soll die ,Durchhörbarkeit‘ stören? Nie und nimmer! Gerade die bisherige Mischung aus Wort und Musik – und nicht nur Klassik, sondern auch Musik aus anderen Bereichen wie Chanson, Jazz, Folk usw. – haben mich und viele andere zu treuen Hörern gemacht.“

Während Juliane Schaper ebendort die Bedeutung des Kultursenders so auf den Punkt bringt: „Die vermeintlich wenigen 100.000 Hörer sind meiner Meinung nach eine ganz andere Gruppe als beispielsweise hr3- oder youfm-Hörer. Es sind aktive Zuhörer, die das Radio eben nicht nur zur Nebenbeibeschallung nutzen, sondern darüber auch Handlungen in ihrem Alltag ableiten. Als Musikerin habe ich selbst erlebt, dass Menschen in meinem Konzert waren, die morgens einen Kulturtipp auf hr2 gehört haben. Ich selbst gehe in Konzerte, von denen ich über den Sender erfahre, kaufe Bücher und CDs (…), zu denen ich Rezensionen auf hr2 gehört habe. Wenn ein Sender freiwillig 100.000 aktive kulturinteressierte Hörer so vor den Kopf stößt, kann man den selbigen nur schütteln.“

Noch deutlichere Worte fanden zahlreiche prominente hessische Kulturschaffende, denen die FAZ auf gleich drei Seiten Raum für ihren Widerstand gegen die geplante Programmreform gab. So schrieb etwa der Regisseur Michael Quast: „Ich will als Radiohörer nicht eingelullt, sondern angeregt, überrascht, informiert, unterhalten und gebildet werden“. Während der Autor Bodo Kirchhoffkonstatierte: „Wenn jetzt auch noch aus der Kultur Konfetti gemacht wird, ausgestreut über die letzten Hörer oder in der Hoffnung, damit neue zu gewinnen, zeigt das nur die Torschlusspanik eines Senders, der den Glauben an die intelligenten Hörerinnen und Hörer verloren hat.“

Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste befand in einer Stellungnahme dagegen nüchtern: „Man kann die gebotene Modernisierung betreiben, ohne das Bewährte streichen zu müssen.“

Inzwischen versucht der von der gewaltigen Protestwelle wohl kalt erwischte Hessische Rundfunk zumindest in einigen Punkten zurückzurudern. Erst verkündete hr-Sprecher Christoph Hammerschmidt der taz, indem man den Arbeitsbegriff„Klassikwelle“ verwendet habe, sei man in die „Framing-Falle“ getappt. Dann betonte auch der leitende hr-Redakteur Alf Mentzer Anfang Oktober bei einer von fast 400 Radio-Fans besuchten, turbulenten Diskussionsveranstaltung in Frankfurt am Main, der Begriff „Klassikwelle“ sei irreführend. Aufgrund der Ergebnisse der Zielgruppenforschung werde man jedoch kulturell hintergründige Wortbeiträge auf hr2-Kultur künftig nicht mehr mit Pop und Jazz, sondern nur noch mit Klassik verknüpfen. „Wir versuchen, über digitale Angebote ein Publikum zu finden, das hr2 nicht einschaltet.“ Als Zielgruppe der Reform definierte Mentzer zum Beispiel „zielstrebige Junge“ oder „moderne Etablierte bis 47“, um schließlich zu beteuern: „hr2 wird nicht abgeschafft und wird auch keine Klassikwelle!“ Ob das nun tatsächlich so stimmt, wird sich zeigen. Dass jedoch hr-Intendant Manfred Krupp schon vor Monaten postulierte: „Wir richten uns auf jüngere Zielgruppen aus, selbst wenn wir dabei riskieren, Ältere weniger zu erreichen“, zeigt allerdings deutlich, dass die leidenschaftliche Diskussion um die Zukunft von hr2-Kultur längst nicht zu Ende ist und durchaus noch heißer geraten könnte.


„Geplant ist, aus hr2 eine Klassikwelle zu machen, deren oberstes Kriterium die ,Durchhörbarkeit‘ ist.“


Während sich die Hörer von BR, NDR („Wir planen keine Veränderungen“) und SWR – „In keinem Fall, wir haben unser Programm sogar noch ausgebaut“, betont dessen Jazzredakteur Günther Huesmann – um die Zukunft der von ihnen geliebten Jazzsendungen keine Sorgen machen müssen, könnte das beim ostdeutschen rbb Kulturradio ganz anders sein. Das muss ab 2021 mit einer Million Euro weniger auskommen, was einer Etatkürzung von 20 Prozent entspricht und besonders freie Mitarbeiter des Senders treffen könnte. Die befürchten, dass sich dieses Einsparvolumen „nur mit weitreichenden Programmkürzungen“ umsetzen lässt und dass hauptsächlich „beim journalistischen Wort“ gekürzt werden könnte. Was die rbb-Intendantin Patricia Schlesinger gegenüber dem „Tagesspiegel“ zurückwies: „Ein öffentlich- rechtliches Kulturprogramm im Radio ohne starkes künstlerisches Wort ist für uns beim rbb … undenkbar.“ Und betont: „Wir wollen ein attraktives Kulturangebot, das die Vielfalt und Buntheit in Berlin und Brandenburg besser und auf neuen Ausspielwegen abbildet.“ Was das etwa für den Jazz bedeutet – der langjährige Jazzredakteur Ulf Drechsel steht kurz vor dem Ruhestand –, ist derzeit ebenso unklar wie die künftige Programmausrichtung von rbbKultur. Der gerade erst begonnene Reformprozess sorgt aber bereits jetzt für deutliche Unruhe in dem Berliner Sender.