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Mutter aller Blasen


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 48/2019 vom 22.11.2019

Finanzmärkte Die Notenbanken drucken Geld, als gäbe es kein Morgen, das Ersparte bringt keine Zinsen, und die Konjunktur droht einzubrechen: goldene Zeiten für Crash-Propheten. Doch was ist dran an ihren düsteren Prognosen?


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 48/2019

Magier der Märkte wurde Alan Greenspan genannt. Der langjährige Präsident der amerikanischen Notenbank Fed war fest davon überzeugt, dass man eine spekulative Preisblase erst im Nachhinein erkennen kann. Wenn sie geplatzt ist.

Marc Friedrich, 44, und Matthias Weik, 43, wissen es besser: nämlich schon vorher und auch noch mit Zeitangabe. Spätestens 2023 werde sie platzen, die größte ...

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... aller Blasen, sagen sie und prophezeien einen Crash, der weit über die Finanzmärkte hinausgehen und die gesamte Gesellschaft erfassen werde. Über tausend Menschen jubeln den Verkündern dieses Unheils zu.

So viele sind am Donnerstag vergangener Woche in die Stadthalle nach Göppingen gekommen, wo die beiden Ökonomen ihr jüngstes und düsterstes Werk vorstellten: »Der größte Crash aller Zeiten«. Das Buch war kaum erschienen, da schoss es schon von null auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste. Und war dann erst mal ausverkauft.

»Wer glaubt, dass die Krise von 2008 gelöst ist?«, fragen die beiden Ökonomen das Publikum. Ein, zwei Hände gehen hoch. »Wer glaubt, dass etwas schiefläuft in diesem Land?« Einhellige Zustimmung.

Sie sind sich offenbar einig, die Ökonomen mit dem jugendlichen Outfit und ihr bürgerliches Publikum. Es gibt viel Beifall, wenn Friedrich und Weik verkünden, dass Komiker das Land regierten und die Europäische Zentralbank (EZB) das Bargeld abschaffen wolle – um zu retten, was nicht mehr zu retten sei. Weshalb am Ende das komplette System zusammenbrechen und eine Währungsreform die Vermögen der Bürger vernichten werde.

Es muss tatsächlich etwas schieflaufen im Land, wenn diese Thesen bei so einem Publikum solchen Anklang finden. Dass über tausend Leute gekommen seien, sei »ein Indikator dafür, was das für Zeiten sind«, sagt Friedrich, »ein Fieberthermometer«.

Lorch, unweit von Göppingen, am nächsten Morgen. Friedrich ist noch immer voller Adrenalin vom Auftritt am Vorabend, er habe Gänsehaut am ganzen Körper gehabt, sagt er. 300 Bücher hätten sie nach dem Auftritt verkauft, ein Besucher habe sich gleich 15 Exemplare signieren lassen – als Weihnachtsgeschenke.

Autoren Friedrich, Weik »Dann gibt’s Rambazamba«


VERENA MÜLLER / DER SPIEGEL

Hier in Lorch, am Rande der Schwäbischen Alb, haben Friedrich und Weik ihr Büro. Auf dem Boden stapeln sich Exemplare ihres neuen Bestsellers. Tags zuvor erst, rechtzeitig vor dem Auftritt, war eine Palette frisch gedruckter Bücher eingetroffen. »Die Stimmung haben wir nicht initiiert. Sie kommt von den Menschen«, sagt Friedrich. »Es waren keine Anarchisten im Saal. Das war die Mittelschicht.«

Eine Mittelschicht in Angst. Angst ums Geld. Angst vor dem Abstieg.

Überall auf der Welt gingen Menschen auf die Straße, in Frankreich an jedem Wochenende. »Das sind ja nicht nur Schwachmaten «, sagt Friedrich. Auch hierzulande könne es relativ ungemütlich werden, wenn die Rezession oder gar eine Depression komme. Oder wenn der Euro zusammenbreche. »Dann gibt’s Rambazamba.«

Noch hat die Rezession nicht begonnen, aber nach zehn Jahren Aufschwung mehren sich die Krisenzeichen, auch und gerade rund um Stuttgart. Die Autoindustrie, an der hier Zigtausende Arbeitsplätze hängen, steht vor einer unsicheren Zukunft. Der Zulieferer Schuler hat beschlossen, die Neumaschinenproduktion in seinem Stammwerk Göppingen einzustellen. Bosch und Mahle wollen im Großraum Stuttgart ebenfalls Stellen streichen.

»Wir haben den Wohlstand nicht auf ewig gepachtet«, sagt Friedrichs Partner Weik. So wie aus Detroit, dem Zentrum der amerikanischen Autoindustrie »Destroyed « geworden sei, warnt er, könne aus Stuttgart auch »Kaputtgart« werden.

Die alten Gewissheiten lösen sich auf, und keine war, gerade Schwaben, so wichtig wie die, dass Sparen Früchte trägt. Doch Zinsen gibt es nicht mehr, jedenfalls keine positiven, wer sein Geld dem Staat oder soliden Unternehmen leiht, bekommt am Ende der Laufzeit weniger zurück, als er gegeben hat. Als erstes Geldinstitut verlangt die Volksbank Raiffeisenbank Fürstenfeldbruck von jedem Neukunden, der ein Tagesgeldkonto eröffnet, Minuszinsen in Höhe von 0,5 Prozent.

Ist es da ein Wunder, dass Crash-Propheten Konjunktur haben? Zeitgleich mit Friedrich und Weik ist Max Otte in die SPIEGEL-Bestsellerliste vorgestoßen, sein 600-Seiten-Wälzer trägt den Titel »Weltsystem Crash«. Otte wurde bekannt, weil er die Finanzkrise von 2008 mit seinem Buch »Der Crash kommt« ziemlich treffsicher vorhersagte.

Lange habe er sich geweigert, einen Nachfolger zu liefern, nun hält er die Zeit offenbar für reif, denn »die Welt hat eine Richtung genommen, wie ich sie in ›Der Crash kommt‹ zwar leise als Gefahr angedeutet, mir sie aber ansonsten für meine Albträume reserviert habe«, schreibt er im Vorwort: der Schuldenstand auf dem höchsten Niveau aller Zeiten, Krieg und Krisen, Migrations-und Terrorwelle, Europa und die Gesellschaft zunehmend zerrissen und polarisiert. Deshalb drohe »nicht nur ein Finanzcrash, sondern ein Crash des Weltsystems«.

Während Otte noch hofft, der große Zusammenbruch könne abgewendet werden, legen sich Friedrich und Weik fest: Vier Bücher lang hätten sie gewarnt und Reformen angemahnt, sagen sie, nichts sei passiert. Nun sei es zu spät – und der Crash nicht mehr zu verhindern.

Für ihr erstes Buch über die Finanzkrise, »Der größte Raubzug der Geschichte«, geschrieben 2012, fanden die beiden Schwaben anfangs nicht einmal einen Verlag, inzwischen haben sie von ihren bisherigen Büchern eine halbe Million Exemplare verkauft. Das neueste wird das letzte seiner Art sein. »Danach kann nichts mehr kommen «, sagt Friedrich. Weil spätestens 2023 das herrschende Geldsystem untergegangen und das Land im Chaos versunken sein wird. Oder weil die beiden nicht mehr glaubwürdig sind.

Es ist deshalb ziemlich mutig (und für Crash-Propheten ungewöhnlich), sich so festzulegen. Das spricht immerhin dafür, dass Friedrich und Weik überzeugt sind vom dem, was sie sagen und schreiben.

Ihre Argumentation geht so: Seit der Finanzkrise 2008 hat sich nichts Grundlegendes verändert, die weltweite Verschuldung ist seither um zwei Drittel gestiegen. Die Politiker haben es versäumt, das Finanzsystem umzubauen, und stattdessen die Banken auf Kosten der Steuerzahler gerettet. So sind die Reichen immer reicher und die Krisenversursacher, die Banken, Krisengewinner geworden. Worauf die Bürger zuerst das Vertrauen in die Banker und dann in die Politiker verloren haben.

Die Notenbanken drucken Geld, um das Schlimmste zu verhindern. Sie haben die Zinsen auf ein Rekordtief gesenkt und erkaufen sich damit Zeit, zulasten der Bürger. Die niedrigen Zinsen – und die Aufkäufe von Staatsanleihen durch die EZB – halten die Staaten im Süden Europas, deren Banken und viele ökonomische Zombiefirmen künstlich am Leben.

Die Analyse dürfte im Kern kaum ein Ökonom bestreiten. Viele fragen sich, wie die Staaten und die Notenbanken sich aus diesem Dilemma je wieder befreien wollen, etliche bezweifeln, dass sie das überhaupt noch können. Gerade in der Finanzszene sind solche Sorgen weitverbreitet.

Doch die Schlüsse, die die Autoren aus dieser Analyse ziehen, sind mehr als gewagt. Der Kollaps des Systems, schreiben sie, sei unausweichlich: »2008 war eine leichte Brise, jetzt kommt der Tsunami.« Und der reiße alles mit sich: Die Börsen, sagen sie voraus, würden um 80 Prozent und mehr einbrechen, eine Hyperinflation werde das Ersparte entwerten, die Arbeitslosigkeit werde auf 10 bis 20 Prozent steigen – ein Neustart in Form einer Währungsreform sei unausweichlich.

Auslöser dieses Tsunamis könnte ein Zusammenbruch des Euro sein, dem die Autoren keine Überlebenschance geben, oder eine schwere Rezession, die wiederum den Euro sprengen würde. Oder eine neue Flüchtlingskrise, die Europa nicht stemmen könne. Oder eine neue Bankenkrise, die nur eine Frage der Zeit sei.

Wie oder was es auch immer sein wird: Am Ende, so die These, würden sich die Staaten auf Kosten ihrer Bürger und Schuldner entschulden müssen, weil die Pläne der EZB, die Wirtschaft durch billiges Geld am Laufen zu halten, nicht funktionierten. »Das größte Notenbankexperiment aller Zeiten« sei zum Scheitern verurteilt: Die »Mutter aller Blasen«, die Blase der Staatsanleihen, sie werde platzen.

Bis dahin werde die EZB allerdings noch einiges unternehmen, um »den Kaugummi in die Länge zu ziehen«, wie Marc Friedrich sagt. Sie werde die Geldschleusen weiter öffnen und, so seine Prognose, die Zinsen auf minus vier bis sechs Prozent senken, um die Rezession zu stoppen. Und weil das nicht klappe, wenn die Bürger ihr Bargeld horten, werde sie versuchen, das Bargeld zu besteuern. Und genau dafür, jetzt wird es verschwörungstheoretisch, sei Christine Lagarde an die Spitze der EZB gesetzt worden.

Die Indizien sind, aus Sicht von Friedrich und Weik, offenkundig. Tatsächlich wurden in einem Thesenpapier des Internationalen Währungsfonds (IWF) Maßnahmen zur Bargeldabschaffung erörtert, um Negativzinsen auch bei Privatpersonen durchzusetzen. Etwa indem man Barabhebungen beschränkt und bei jeder Abhebung einen negativen Zinssatz abzieht.

Lagarde war Chefin des IWF, als dort solche Gedankenspiele erörtert wurden. Nun solle sie diese Pläne bei der EZB umsetzen. So jedenfalls unterstellen es Friedrich und Weik. Gibt es dafür irgendwelche Belege? »Es wird so kommen«, sagt Friedrich. »Der IWF macht solche Gedankenspiele ja nicht aus Jux und Dollerei.«

Der Krieg gegen das Bargeld hat, wenn man den beiden Autoren Glauben schenkt, längst begonnen. Krieg ist allerdings ein großes Wort für das, was bisher geschehen ist. Der 500-Euro-Schein wird nicht mehr ausgegeben, und »wenn man mehrere Tausend Euro abheben will, wird man schief angesehen auf der Bank. Und gefragt, wofür «, sagt Friedrich. »Das habe ich selbst schon erlebt.« Sein Publikum offenbar auch. Den stärksten Beifall bekommt er in Göppingen für den Satz: »Es geht niemanden etwas an, was ich wann zu welchem Preis kaufe.«

Friedrich und Weik verbindet mit ihrem Publikum neben der Angst ums Geld vor allem das Misstrauen gegenüber den Mächtigen: unfähige Eliten, inkompetente Politiker, manipulierende Medien. »Wir lassen uns den Schnabel nicht verbieten«, sagt Friedrich, als ob das jemand versuchen würde, und: »Wir reden Tacheles.«

Tacheles heißt: Irrsinn oder Wahnsinn, wohin man blickt, alles ist ein Kasperletheater oder gar ein »Gehirnfurz«, Politiker sind allesamt Clowns oder Komiker, überall sehen die beiden Anzeichen einer beginnenden Diktatur. Es ist die Sprache der Populisten.

Im Gegensatz zu Otte, der aus seiner Nähe zur AfD keinen Hehl macht, wehrt sich Friedrich dagegen, politisch eingeordnet zu werden. »Wir wollen die Gräben nicht vertiefen«, sagt er in Göppingen und nimmt einmal sogar Kanzlerin Angela Merkel in Schutz (»Ich bin sicher, dass sie das Beste will«). Zum Entsetzen des Publikums: Der ganze Saal buht.

Wie aber kann sich der Bürger vor all dem Unheil schützen? Sachwerte seien der einzig verlässliche Wertspeicher – und »das Einzige, was die Notenbanken nicht drucken können« (Friedrich), also empfehlen sie Gold, Silber, Diamanten, Wald, sogar Whisky (natürlich nur bestimmte Sorten und Chargen) und die Kryptowährung Bitcoin (vor der Otte allerdings ausdrücklich warnt). Rund 20 Prozent des Vermögens sollten in Form von physischen Banknoten in Tresoren oder Schließfächern gebunkert werden (wo sie nach einer Währungsreform indes auch nichts mehr wert wären).

Wem das alles zu kompliziert ist, der kann sein Geld in »Deutschlands ersten offenen Sachwertfonds« stecken, den Friedrich und Weik initiiert haben, oder sich persönlich von ihnen beraten lassen. Bislang hat der Fonds zwar nur wenig Ertrag gebracht, aber er soll das Vermögen ja auch nicht mehren, sondern sichern.

Und was ist, wenn der Crash bis 2023 gar nicht kommt?

»Dann machen wir eine Flasche Whisky auf und freuen uns«, sagt Friedrich.

Mail: armin.mahler@spiegel.de