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MY HOME IS MY EMPIRE


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Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 207/2022 vom 22.11.2022

LEIGHTON HOUSE

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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 207/2022

Marmite, dieser hefige, überwürzige Brotaufstrich aus dem Vereinigten Königreich, hat es zu weltweiten Ruhm gebracht. Weil er zu den standardisierten Hilfsmitteln gehört, mit denen die Briten ihr Kolonialreich eroberten und verwalteten. Und weil es starke Reaktionen hervorruft: »You either love it or you hate it« lautet der berühmte Werbeslogan. Das in London nach Renovierung und Erweiterung wiedereröffnete Wohn- und Atelierhaus des Malers Frederic Leighton hat zahlreiche Marmite-Facetten. Seine überbordende, eklektische Dekoration umfängt die Fin-de-Siècle-Malerei des Hausherren – beides in der Rezeption geliebt oder gehasst. Gleichzeitig ist diese Manifestation eines künstlerischen Universums das Abbild einer Kolonialmacht, an die sich die englische Post-Brexit-Gesellschaft so gern erinnert: Ferne Länder wurden erobert, exotische Materialien und Artefakte in die Heimat geschickt, ...

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... wo sie Fernweh und Exotismus befeuerten. Die an Orten wie dem Leighton House zelebrierte Idee des Fremden war allerdings oft genauso fehlgeleitet, ja naiv wie die europäische Chinoiserie-Mode des Barocks. Während Letztere in der östlichen Ferne wenigstens eine archaische Idealgesellschaft vermutete, glorifizierte die viktorianische Version das Herrenleben der Besatzer. Leightons Haus ist ein entwaffnendes Zeugnis dieser Epoche.

Der Bauherr wurde 1830 mit dem sprichwörtlichen Silberlöffel im Mund geboren und konnte es sich erlauben, das Leben eines Gentlemans zu führen. Er entstammte einer Familie von Medizinern aus Scarborough in der Grafschaft Yorkshire. Den Grundstock des Familienvermögens hatte schon der Großvater gelegt, der als Leibarzt zweier Zaren in Sankt Petersburg fürstlich entlohnt worden war. Bis zu seinem Tod 1896 bezog Leighton eine Apanage aus dem großväterlichen Anlagevermögen. Die Gesundheit der Mutter erforderte eine Übersiedlung auf den Kontinent, sodass Leighton in Italien und der Schweiz lebte und vier Sprachen lernte, bevor sich die Familie in Frankfurt niederließ. Ein Kunststudium wurde ihm nur widerwillig finanziert. Zeichenunterricht war ja schön und gut in der besseren Gesellschaft, aber musste es gleich der Beruf sein? Mit dem Versprechen, einen relevanten Beitrag zur Kunst zu leisten, studierte er in Frankfurt am Städelschen Kunstinstitut. Seine klassische Malereiausbildung, das Interesse an historischen und biblischen Themen und die Nähe zu den Präraffaeliten bestimmten seine Kunst, deren Stil man als akademisch und neoklassizistisch beschreiben kann.

Nach seiner Rückkehr nach London wurde Leighton von der Royal Academy of Arts aufgenommen, was ihn ganz offiziell zum Künstler machte – nicht nur für die Eltern ein wichtiges Signal der Anerkennung. Dies sicherte ihm zudem die Bühne der jährlichen Akademieausstellungen, zu denen Mitglieder jeweils sechs Werke einreichen durften. Im Jahr 1878 wurde er sogar zum Präsidenten der Royal Academy gewählt und hatte dieses Amt bis zu seinem Tod 1896 inne. Leighton ging den damit verbundenen Verpflichtungen höchst sorgfältig nach und war ein beliebter und allerseits anerkannter Verwalter der Institution. »Colonel der Royal Academy, befehlshabender Offizier des Artists-Rifles-Regiments, und jawohl, er malt auch ein bisschen«, ätzte der Künstlerkollege James McNeill Whistler. Von den Verfechtern einer unabhängigen, freien und kritischen Kunst als Gesellschaftskünstler und Auftragsmaler verpönt, war Leighton zu Lebzeiten kommerziell ausgesprochen erfolgreich. Schon 1855 verkaufte sich sein allererstes in London öffentlich gezeigtes Gemälde (»Cimabue’s Celebrated Madonna«) an niemand Geringeren als an Queen Victoria. Da war der Künstler gerade 25 Jahre alt. Das Luxusproblem, von den falschen Leuten gesammelt zu werden und deswegen die Anerkennung der freien Szene zu riskieren, kennen Kunstschaffende bis heute. Betrachtet man die Gegensätze zwischen der Salonmalerei und gleichzeitigen innovativen Strömungen wie dem Impressionismus, erscheint das heutige Schisma zwischen Institutionen- und Marktkunst plötzlich sehr viel weniger originell: Jeder hat die Kunst, die er verdient, wie der (Kunsthändler-)Volksmund sagt. Leighton büßte für seinen gesellschaftlichen Ehrgeiz, indem er am Tag nach der Nobilitierung zum Lord verstarb. Dies, seine Freundschaften mit Mitgliedern des Hochadels wie auch seine Verwaltungstätigkeit in der Royal Academy verstärkten den Verdacht zu großer Systemnähe.

Wie auch das viele Geld. Leighton setzte es konsequent für den Lebensstil der Oberklasse mit intensiver Reise- und Sammeltätigkeit ein, aber auch zur Selbststilisierung. Dazu gehörte die Residenz eines Malerfürsten. Vorbild war Eugène Delacroix’ Villa, die Leighton während seiner Pariser Jahre 1855–58 mehrfach besucht hatte. Kurz zuvor hatte er in Rom den Architekten George Aitchison kennengelernt, der bis dahin nur Industriebauten entworfen hatte und nun das neue Haus realisieren sollte. Doch über die ästhetische Erscheinung entschied Leighton weitgehend selbst; er brauchte vor allem einen ausführenden Baumeister. Das 1866 fertiggestellte Atelier- und Wohngebäude wurde rasch zum Mittelpunkt des Holland Park Circle,dessen Künstler heute weitgehend unbekannt sind. Wie über William Burges oder Hamo Thornycroft ging die Mode nach seinem Tod auch über Leighton hinweg. Und das, obgleich der legendäre Sammler und Museumsstifter Samuel Courtauld sein Gemälde »Flaming June« (unser Coverbild) als eines der bedeutendsten Werke der Kunstgeschichte rühmte. Heute gehört es dem Kunstmuseum von Puerto Rico und ist meist so unzugänglich wie »Cimabue’s Celebrated Madonna« in der Sammlung des britischen Königshauses.

Die verborgene Existenz von Queen Victorias Erwerbung steht im Gegensatz zur Präsenz von Leightons Haus, welches er dem Bezirk Kensington and Chelsea vermachte und das seit 1929 als öffentliches Museum betrieben wird. Das Anwesen beschäftigte Leighton über viele Jahre: Seit dem Erwerb des Grundstücks 1864 plante er entweder neue Baumaßnahmen oder ließ sie gerade ausführen – deren letzte war erst kurz vor seinem Tod vollendet. Diese Besessenheit macht das Haus zu einem Spiegel von Leightons Ideenwelt, von seinen künstlerischen wie kommerziellen Strategien.

Globetrotter von heute erfreuen sich leichter an dem Stilmix als ihre Vorfahren.

Das Neubaugebiet am Rande des Holland Park im Londoner Westend schließt an die alte königliche Sommerresidenz Kensington an und repräsentiert mit seinen Einzelhäusern bis heute Status und Wohlstand der oberen Mittelklasse. Mit seiner zurückhaltenden Gestaltung in den Formen des reifen Klassizismus und dem rohen Backsteinmauerwerk nimmt sich das Leighton House zwischen den viktorianischen Villen in »Hochzeitstorten«-Gestalt aus weiß getünchtem Stuck eher zurückhaltend aus. Auch in der Kubatur und der Wohnfläche trumpft es nicht auf. Bis zum jüngsten Umbau empfing ein eher dunkles Entree die Besucher, was allerdings ein theatralisches Fortschreiten ins Helle zur Folge hatte. Das Licht strömt durch das Glasdach des Stiegenhauses. Treppen, die sich um einen Lichthof winden, hatten Leighton schon in venezianischen Palazzi fasziniert. Das Farbkonzept aus Schwarz, Gold und Pfauenfederblau sowie der Mosaikboden im römisch-antiken Stil schaffen die optische Verbindung zwischen Eingang, Treppenhaus und den angrenzenden Repräsentationsräumen des Erdgeschosses.

Das Obergeschoss wird vom Atelier dominiert, das mit seinem mächtigen Nordfenster die Fassade durchbricht. In seinem Studio arbeitete Leighton nicht nur, sondern empfing seine sonntäglichen Gäste unter einem Gipsabguss des Parthenonfrieses. Hier fanden auch die Vorbesichtigungen der Gemälde statt, die er alljährlich zur Sommerausstellung der Royal Academy einreichte. Ebenfalls im Obergeschoss befindet sich das bescheidene Schlafzimmer, dessen klösterliche Strenge auffällig mit der prachtvollen Gestaltung der übrigen Räume kontrastiert. Das karge Einzelbett sorgte seit jeher für Spekulationen über das Intimleben des Malers. Nie? Mit seinen Modellen? Falls ja, mit welchem Geschlecht? Da es hierzu weder belastbare Zeitzeugenberichte noch eigene Tagebucheinträge oder Briefe gibt, wird dieser Aspekt seines doch so öffentlich geführten Lebens wohl für immer Leightons Geheimnis bleiben dürfen.

Drei Jahre nach dem Einzug begannen 1869 die Arbeiten zu einer Erweiterung, die funktionale Nachteile der Architektur ausgleichen sollte. Der gesamte Baukörper wurde um fünf Meter verlängert, ein Leinwandlager eingebaut, in dem sich große Formate aufbewahren und per Lift ins Studio schaffen ließen. Vor allem aber sorgte Leighton dafür, dass er im Atelier nach dem Leben malen konnte: Ein kleiner, vorgelagerter Raum mit eigenem Zugang zur Straße diente ab 1870 als Ankleideraum für die Modelle und erinnert an die Prüderie der Epoche; die Sphären von Künstler und Aktmodell durften sich nur im Studio überschneiden. Ein weiterer Raum wurde 1889/90 angefügt, das Winterstudio. In dieser verglasten Veranda konnte Leighton auch im Winterenpleinairarbeiten.

Zuvor jedoch sorgte Leightons Sammeltätigkeit für eine bedeutende Erweiterung. Reisen in die Türkei, nach Ägypten und Syrien hatten ihn für die islamische Kunst entflammt, und er kehrte mit großen Beständen an Keramiken, Holzschnitzereien und historischen Textilien zurück. Vor allem der Erwerb von herausragenden Fliesen des 16. und 17. Jahrhunderts in Damaskus führte 1877–81 zum Anbau des zweistöckigen Arabischen Saals als künftigem Hauptgesellschaftsraum. Mit der Grundstruktur folgte Leighton einem normannischen Vorbild, dem Brunnenraum des romanischen Königspalasts Zisa bei Palermo. Lücken in den historischen Fliesenpaneelen schloss der Keramiker William De Morgan. Eine vergoldete Kuppel wird von glockenförmig »maurischen« Rücksprüngen gehalten und von zehn Bleiglasfenstern aus einer Moschee in Damaskus belichtet – als acht von ihnen auf dem Transport nach London zerbrachen, ließ Leighton sie kurzerhand kopieren. Ein hölzernes Zenana-Gitter, wie es zur Trennung von Männern und Frauen in den Palästen und Moscheen Indiens eingesetzt wurde, öffnet die Arab Hall zum grünen Seidenzimmer im zweiten Obergeschoss, das in der letzten Bauphase durch die Überbauung einer Terrasse entstand. Diese finale Erweiterung konzipierte Leighton als Galerie für Werke von Künstlern, die er schätzte. Man darf unterstellen, dass es ihm mit der Parade berühmter Zeitgenossen von John Singer Sargent bis Lawrence Alma-Tadema auch um die Verortung der eigenen Malerei ging. Die Galerie der Künstlerkollegen bildet beim Rundgang das abschließende Gegenstück zu Leightons Studio, dem Nukleus des ganzen Hauses.

Das Atelier als öffentliche Bühne und Verkaufsraum, Interior Design als Marketinginstrument, Studiobesuche, Ausstellungen und Events: Zum Kunstbetrieb heutigen Zuschnitts fehlten eigentlich nur Shop, Bistro und Instagram. Mancher Mangel wurde jetzt beim Umbau behoben. Verstellten Kartenverkauf und Souvenir-Theke bislang die historische Substanz, fügt sich dafür nun ein Anbau aus Glas und Backstein harmonisch ins historische Ensemble. Hierzu gehört auch eine zeitgenössische Intervention: Für das neue Treppenhaus schuf die iranische Künstlerin Shahrzad Ghaffari ein Wandgemälde, inspiriert von persischer Poesie und den Farben des Hauses. Der zylinderförmige Aufgang ist mit Glaswänden an den Altbau angebunden, was eine zeitgemäße Gestaltung von Empfang, Café und Shop ermöglichte. Die neuen Räume sind mit Möbeln der Turquoise Mountain Foundation bestückt: Gegründet 2006 vom Prince of Wales, dem heutigen König Charles III., unterstützt die Stiftung kleine, traditionell arbeitende Werkstätten im Nahen Osten und anderswo.

Die historische Substanz des Leighton House, jetzt sorgsam instandgesetzt, fasziniert durch die Vielfalt von Stilen ebenso wie durch die Qualität des Innenausbaus und der Sammlungsgegenstände aus aller Welt. Globetrotter des 21. Jahrhunderts können sich ohnehin über die Unbekümmertheit der Stilmelange leichter freuen als ihre dogmatischeren Vorfahren. So ist das Haus ein wahres Fest für die Sinne, das London eine museale Attraktion im neuen Glanz beschert. Und womöglich erhält dadurch auch die Malerei Frederic Leightons wieder größere Aufmerksamkeit und Wertschätzung.