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Mysterien und Langlebigkeit


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Beat - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 05.10.2022

BEATPERSONALITY

Portrait

Beat / „The Inevitable End“ (2014) sollte eigentlich euer letztes richtiges Album sein. Jetzt habt ihr mit „Profound Mysteries“ sogar zwei neue Alben innerhalb weniger Monate veröffentlicht. Was hat euch dazu bewogen, eure Meinung zu ändern?

Torbjørn / Als wir das Album „The Inevitable End“ (2014) promotet haben, wollten wir damit sagen, dass es das letzte traditionelle Album sein wird. Wir hatten das Gefühl, dass die Scheibe eine Geschichte abschließt, die mit unserem ersten Album „Melody A.M.“ begann. Wir wollten nach neuen Wegen der Musikveröffentlichung suchen. Nach einiger Zeit kamen wir auf das Konzept von „Profound Mysteries“. Wir hatten jedoch nie die Absicht, mit dem Musikmachen aufzuhören.

Beat / „Profound Mysteries“ ist ein Gesamtkunstwerk, das Alben, Artworks und Videos vereint. Ich nehme an, das war eine deutlich größere Herausforderung?

Torbjørn / Das könnte man ...

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Bildquelle: Beat, Ausgabe 11/2022

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... so sagen. Es enthält neben der Musik sowohl abstrakte als auch sehr konkrete visuelle Elemente. Also ja, es ist viel mehr „Inhalt“. Und natürlich ist es auch eine Menge mehr Arbeit.

Beat / Können wir ein bisschen ins Detail gehen, wie euer Setup aussah? Welche Instrumente und Effekte haben die „Profound Mysteries“-Alben besonders beeinflusst?

Torbjørn / Wir hatten nie ein beeindruckendes Studio. Wenn man die Studiotür öffnet und das ganze analoge Equipment ordentlich in Regalen mit Hintergrundbeleuchtung angeordnet ist, sieht das natürlich beeindruckend aus. Bei uns ist es eher so, dass wir sagen, wenn es funktioniert, sind wir startklar. Wir haben keine Zeit zum Dekorieren, wir wollen einfach nur Musik machen. Es gibt jede Menge analoges Equipment, das hier verstreut liegt, und einen großen Tisch mit Computern, die wir manchmal gegen andere Computer austauschen. Aber hauptsächlich laufen wir herum und spielen verschiedene Instrumente. Und dann kombinieren wir das Outboard-Equipment mit digitalen Sachen. Wir nehmen also auf, was wir so spielen, und machen dann im Computer weiter.

Svein / Man kann sagen, dass wir mit einer gewissen Verspieltheit Musik machen. Wir haben nicht alle analogen Geräte, insbesondere die Synthesizer, ständig angeschlossen. Sie sind übereinandergestapelt und liegen in Flightcases und so weiter. Ich denke mir zum Beispiel, heute habe ich Lust, einen Polysix zu spielen. Dann gehe ich zum Flightcase, nehme den Polysix heraus und schließe ihn an, um ihn für den nächsten Track zu verwenden. Wir haben einen Kreislauf, der keinem starren System folgt. Das sorgt immer wieder für einen frischen Blick darauf, wie wir Musik produzieren.

»Wir haben einen Kreislauf, der keinem starren System folgt. Das sorgt immer wieder für einen frischen Blick «

Beat / Gab es Synthesizer oder Plug-ins, die den Sound der Alben geprägt haben?

Torbjørn / Wir haben den Big Sky Reverb von Strymon z. B. benutzt. Es ist eigentlich ein Gitarrenpedal, aber wir haben es mit einem der Moogs benutzt. Man kann ihn auf dem zweiten Track des ersten Teils, „The Ladder“, hören. Es war erfrischend, etwas zu bekommen, das halbwegs erschwinglich ist. Hallgeräte, die großartig sind, haben meist auch einen hohen Preis. Aber dieses Gerät hat unser Jahr wirklich bereichert. Es ist nicht nur erschwinglich, sondern auch einfach zu bedienen. Und es klingt so toll!

Svein / Wir brauchen keine obskuren Dinge. Du weißt schon, unbedingt eine Edition von 1967 verwenden – solche Dinge. Wenn es gut klingt, ist es für uns fein. Es gibt bei uns keinen Snobismus in Bezug auf das Equipment. Es ist uns egal, ob etwas selten ist oder nicht. Das Wichtigste bei Röyksopp ist, dass wir, obwohl wir durchaus denken, dass wir einen einzigartigen Sound haben, nicht wirklich versuchen, nur drei verschiedene Tracks zu machen. Wir versuchen, Tracks zu machen, die so unterschiedlich sind, wie sie nur sein können. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum wir zwischen den Genres wechseln, wenn wir Musik machen. Wenn man zehn verschiedene Röyksopp-Tracks vergleicht, sind sie sehr unterschiedlich, was ihre klangliche Gestaltung angeht. Es gibt somit keinen Haupt-Synthesizer oder ein Instrument in unserer Produktion, das durchgehend glänzt.

Torbjørn / Wir machen es uns nicht leicht. Es geht darum, uns selbst herauszufordern. Man sieht auf Youtube öfter Leute, die elektronische Musik immer mit demselben Setup machen. Sie können damit sehr effizient Tracks kreieren, die automatisch alle denselben Sound haben. Aber das ist nicht unsere Art. Unser Prozess ist anders, physisch anders. Wir verwenden immer wieder andere Aufnahmetechniken und gehen bei jedem Track anders vor. Das ist eine Menge zusätzlicher Arbeit, aber wir glauben, dass es für uns der ehrlichste Weg ist, denn wir streben nach etwas, das eine Identität hat. Svein / Ich denke, das sorgt für Langlebigkeit in Bezug auf die Musik. Ein starres Setup bindet ein Album an eine bestimmte Zeitspanne. Es hat dann keine Langlebigkeit. Aber wir wollen, dass unsere Musik länger hält als nur ein paar Wochen. Deshalb tauschen wir ständig Dinge aus und bringen unser Equipment durcheinander. Wir kreieren für jeden Track einen einzigartigen Sound. Nicht für ein Album, sondern für jeden Track.

Beat / In den Credits steht, dass das Album von Röyksopp auf der ganzen Welt gemischt und aufgenommen wurde. Was bedeutet das im Detail? Seid ihr viel gereist?

Torbjørn / Nicht unbedingt für dieses Album, aber es gibt Ideen und Dateien, die überall auf der Welt aufgenommen wurden. Natürlich arbeiten wir digital. Und das Festhalten von Ideen kann genauso gut in einem Hotelzimmer in Berlin passieren wie beim Warten auf einem Flughafen in Tokio. Es klingt vielleicht ein bisschen prätentiös, denn es ist natürlich nicht wirklich überall auf der Welt entstanden, sondern nur in bestimmten Teilen der Welt. Svein / Da kann man durchaus philosophisch werden. Wann erschafft man die Musik? Ist es, wenn man im Wald oder auf der Straße spazieren geht und einem diese eine Zeile in den Kopf kommt? Oder ist es, wenn du dich im Studio vor den Computer setzt und alles zusammenfügst? Das ist wirklich schwer zu sagen. Ich habe das Gefühl, dass Torbjørn und ich die ganze Zeit Musik machen, oder zumindest fast die ganze Zeit.

Beat / Wie weit reichen die „Profound Mysteries“-Ideen in die Vergangenheit zurück? Svein / Die älteste Idee ist der Track „Unity“, der in den frühen 90ern entstand. Ich glaube, es war 1991. Die Nummer haben wir gemacht, als wir Teenager waren und total auf die Rave-Szene abfuhren. Aber die Rave-Clubmusik der 90er-Jahre hat einen klaren Zeitstempel. Daher haben wir es verfeinert und zu dem gemacht, was es jetzt ist. Es ist Vintage-MIDI. Man muss es einfach 30 Jahre lang unter Verschluss halten, und dann wird es gut (lacht).

Beat / Wann kommen die Sängerinnen und Sänger ins Spiel? Schreibt ihr gerne mit ihnen Songs oder bekommen sie fertige Produktionen, zu denen sie etwas entwickeln?

Svein / Das ist unterschiedlich. Meistens haben wir einen Künstler im Kopf, wenn wir mit einer Idee beginnen. Es kann auch passieren, dass wir einen fertigen Track für einen bestimmten Künstler im Kopf haben. Oder der Künstler sagt, oh, das gefällt mir, aber was, wenn wir stattdessen das machen? Das ist also immer ein bisschen anders. Auch hier kann man sagen, dass wir kein bestimmtes Schema haben, wie wir arbeiten. Flexibel zu sein und die Dinge einfach geschehen zu lassen, ist der beste Ansatz für Röyksopp.

Beat / Auf Youtube gibt es eine Continuous Visual Experience von „Profound Mysteries“, die animierte Versionen der Kunstwerke zeigt, die auch in den Booklets zu sehen sind. Was ist die Idee dahinter? Svein / Zunächst einmal sollten wir Jonathan Zawada erwähnen, der der Mann hinter den Artefakten ist. Es gibt ein Artefakt pro Track. Wir haben Jonathans Arbeit schon vor diesem Projekt aus der Ferne bewundert und wollten etwas mit ihm machen. Also traten wir an ihn heran und erklärten ihm, dass wir die Idee für ein großes Album mit dem Titel „Profound Mysteries“ hatten. Er schien von der Idee begeistert zu sein, vor allem von dem geheimnisvollen Teil. So kamen wir auf die Artefakte als visuelle Darstellung der Geheimnisse. Musik und Kunst sind in hohem Maße eine subjektive Erfahrung. Also dachten wir, die Artefakte sollten das repräsentieren. Wenn ich dich frage, wie sich diese Artefakte anfühlen würden, wenn sie eine physische Form hätten, hast du vielleicht eine Vorstellung davon, ob sie heiß, kalt, alt, neu, fremd oder von Menschenhand gemacht sind. Das ist genau die Art von Spekulation oder Frage, die wir auslösen wollten.

Torbjørn / Jonathan hat die Fähigkeit, seine digitale Kunst wirklich organisch zu gestalten. Das hat uns von Anfang an überzeugt. Deshalb wollten wir mit ihm zusammenarbeiten. Wir haben uns damals von Googles DeepDream-Projekt inspirieren lassen. Ich glaube, DeepDream ist von 2015. Die Technologie hat sich seither weiterentwickelt und eine neue Richtung eingeschlagen. Aber die ganze Idee, mit computergenerierten Grafiken zu beginnen, passt wirklich gut zu dem geheimnisvollen Teil unseres Projekts. Die Frage ist: Was betrachten wir wirklich?

Svein / Wir haben insofern mit Jonathan einen gemeinsamen Nenner, dass wir alle in digitalen, analogen und akustischen Bereichen arbeiten. Wir unterscheiden nicht zwischen den beiden Ausdrucksweisen. Es ist nicht so, dass ich heute etwas Digitales mache und am nächsten Tag etwas Analoges. Bei ihm ist es ähnlich. Er sagt nicht, dass es digitale Kunst ist. Es ist einfach Kunst. Im Rahmen dieses Konzepts malt und zeichnet er genauso viel, wie er seinen Computer benutzt. Genauso wie wir Musik machen.