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Mythos Sylt


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Donna - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 06.04.2022

Reise

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Bildquelle: Donna, Ausgabe 5/2022

Sylt in den 60ern. Das Geld war knapp. Ohne Vermietung wären meine Eltern nicht über die Runden gekommen. Wir lebten in einem kleinen Backsteinhaus hinter den Dünen in Westerland nahe der Himmelsleiter. Während der Sommermonate schliefen wir im Wohnzimmer. Das Ehebett war wochenweise vermietet, an ein Pärchen aus Westberlin. In meinem Zimmer hauste ein Vertreter für Schaumwein mit seiner Tochter Körnchen und im Gästezimmer im ersten Stock, das man nur über eine knarrende Holztreppe erreichen konnte, zwei ältere Damen. Ein einziges Badezimmer musste reichen. Abends saß man gemeinsam auf der Veranda und feierte. Den Sekt steuerte Körnchens Vater bei. Wir lebten auf engstem Raum mit unseren Sommergästen. Das war normal und überall so. Man schlug im Garten ein Zelt für die Kinder auf, damit ihre Zimmer vermietet werden konnten. Es gab keine Waschmaschinen, keine Zentralheizung, meine Mutter ...

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... kaufte mit Rabattmarken das Frühstück für alle ein.

In der Urlaubssaison veränderte sich das Inselleben radikal: trostlose Winter vs. 24-Stunden-Dauerbetrieb im Sommer. Damals hat man noch wochenlang Urlaub gemacht. Niemand kam für ein paar Tage nach Sylt, sondern für vier Wochen. „Haus voll?“, riefen sich die Sylter über die Straße zu. Bis unters Dach hatte man vermietet. Und der ganze Strand war voll mit diesem seidenweichen Muschelsand, der so fein durch die Finger rieselt und den man heute nur noch in den Dünen findet, weil er unten am Strand vom Meer weggeholt wurde, sodass man jetzt nur noch diesen grobkörnigen Sand hat, der vom Meeresgrund geholt und jedes Jahr vorgespült wird, damit Sylt nicht untergeht. Die Insel ist zu wertvoll geworden. Mittlerweile sogar der teuerste Grund der gesamten Republik. Günstig war Sylt schon in den 60ern nicht. 15 Mark pro Person kostete eine Nacht inklusive Frühstück. Die einzige Zimmervermittlung am Bahnhof in Westerland konnte die große Nachfrage kaum bedienen. Ich sehe noch die Schlange vor dem kleinen Holzpavillon. Mit jedem Zug vom Festland wird sie länger. Aber irgendwie hat man es immer geschafft, alle unterzubringen. Die wenigsten hatten Ansprüche: eine Pritsche, ein Schrank, eine Waschgelegenheit. Das änderte sich schlagartig in den 70ern, als Sylt zum ersten Mal richtig boomte und zum „Saint-Tropez des Nordens“ wurde. Es wird chic, Reetdachhäuser zu kaufen und zu Sommerresidenzen umzufunktionieren. Sylt wird zum Statussymbol. Es ist die Zeit der sexuellen Revolution und des „Wir sind wieder wer“. Den Westdeutschen geht es immer besser, und jetzt gibt es auch einen Ort, an dem man der Welt prahlerisch zeigen darf, was man sich leisten kann: Sylt. 99 Quadratkilometer Freiheit, Sonne und Natur. Wer den Hindenburgdamm passiert, darf alles abwerfen: Konvention, Moral, Zurückhaltung – und seine Kleidung. Im FKK-Paradies am Nordseestrand mischen sich altes und neues Geld auf explosive Weise. Alle sind da: Wirtschaftskapitäne und Bundespolitiker, Adel, Medienmogule und Fernsehstars, aber auch Glücksritter, Halbwelt und Hochstapler machen die Insel mit ihren legendären Partys zu einem Tollhaus. Sylt schmückt sich mit Gunter Sachs, Axel Springer, Soraya, Günther J. Schmidt („Herrn Togal“), Berthold Beitz, Ulrike Meinhof, Monika Peitsch, Heinz Rühmann, Romy Schneider. Es sind einfach alle da, „die Schönen und die Reichen“.

Hier feiert(e) der Jetset

Auf Sylt darf jeder sein, was er will und wie er will. Und jeder macht davon Gebrauch. Gesteuert wird alles von unseren Eltern, die zum einen dafür sorgen, dass jeder noch so verrückte Wunsch erfüllt wird, die zum anderen aber auch peinlichst darauf achten, dass keiner dieser Wilden in den inneren Zirkel der Insulaner vordringt. Die 70er sind Sylts „goldene Jahre“. Sie bringen märchenhaften Wohlstand. Der Fremdenverkehr ruiniert aber auc viele Sylter Ehen und Familien, weil der Boom jedes gesunde Empfinden für Maß und Mitte, für Recht und Unrecht auf den Kopf stellt. In diesem Umfeld wachsen wir auf. Weitgehend uns selbst überlassen, die „klassische Hausfrauenehe“ gibt es auf Sylt nur im Fernsehen in der Jacobs-Kaffee-Werbung mit Frau Sommer. Unsere Eltern sind jung und ein bisschen hippiemäßig, in der Saison stehen sie bis in die Nacht im Laden, im Winter sind sie auf Reisen, und zu Hause lassen sie es einfach laufen. Funktioniert. Weil wir Kinder kommunenartig von Haushalt zu Haushalt verfrachtet werden, damit die Eltern mehr Zeit haben für ihre Geschäfte. Der Ernst des Lebens kommt in den 80ern. Sylt steuert auf die ersten handfesten Krisen zu. Während wir von der Insel geschickt werden, damit wir als die „ersten Sylter Akademiker“ glänzen, ruiniert eine nie da gewesene Algenpest die wunderschönen Sylter Strände. Und in der Folge werden zudem Tausende tote Seehunde an die Küsten gespült. Eine Trauminsel erlebt ihr Umwelttrauma. Zum ersten Mal gehen die Urlauberzahlen zurück. Auch die Schickeria sucht sich in den 80ern neue Ziele: die Côte d’Azur, Marbella oder gleich die Karibik. Sylt gilt auf einmal als zu spießig, zu deutsch. Als wäre das nicht schon schlimm genug, entdeckt auch noch die deutsche Punk-Szene Westerland als Ziel. Zu Hunderten machen sie sich auf den Weg nach Norden, um beim Sylter Publikum Angst und Schrecken zu verbreiten. In Westerland finden „Chaos-Tage“ statt, und es dauert, bis sich die Insel davon befreien kann. Und Sylt gilt seit jeher als tolerant. Paradiesvögel sind willkommen. Aber wenn es zu viele werden, dann muss man eingreifen. Aber warum sollten die einen in der Öffentlichkeit nicht Dosenbier trinken dürfen und rumgrölen, während die anderen unter freiem Himmel mit Champagner anstoßen und laut Sandras „Maria Magdalena“ mitsingen? Und immer halten die Kameras drauf. Was auf der Deutschen liebsten Ferieninsel vor sich geht, interessierte schon immer die gesamte Nation. Das ist heute noch so. Kein Autoauf kleber wird in Deutschland häufiger gekauft als der Schattenriss der Insel. Sylt ist und bleibt ein Sehnsuchtsort, ein Fluchtpunkt für viele. Aber was man im Überschwang der Gefühle gern vergisst: Es ist eben auch ein Heimatort. Für mich zum Beispiel. Aber die Insel meiner Kindheit gibt es nicht mehr. Die wilden Wiesen sind verschwunden. Alles ist eng geworden. 2019 zählte Sylt 4,8 Millionen Übernachtungen in 60 000 Gästebetten. Da sind die vielen Zweitwohnungen und -häuser noch nicht eingerechnet. Die Wohnsitze von Teilzeit-Syltern übersteigen längst die der Einheimischen, von denen in den vergangenen Jahren viele aufs Festland gezogen sind. Weil Platz und Raum zum teuersten Gut geworden sind, weil es kaum noch Bauland gibt, werden Häuser abgerissen, zum Teil sind sie keine zehn Jahre alt. Es folgt Abriss auf Abriss und Neubau auf Neubau. Während der Pandemie sind die Preise noch einmal um 20 Prozent gestiegen. Sylt wird geliebt. Keine Frage. Und: „Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehn“. Das gilt nicht nur für mich.

Sylt für Einsteiger

Wo muss man hin? Was soll man bestellen?

Die Uwe-Düne besteigen. Auf der höchsten Erhebung (52,5 Meter) hat man einen herrlichen Blick über Kampen.

Muscheln essen im „Sylter Muscheln Bistro” am Hörnumer Hafen. Die kleine Bretterbude ist Kult. Gleich nebenan kann man noch Krabben zum „Selberpulen” kaufen.

Lotto spielen bei Mackenthun in Westerlands Friedrichstraße. Eins der ältesten Geschäfte in der Fußgängerzone. Die Einrichtung ist noch original 50er-Jahre.

Abstieg in die Grabkammer des Denghoog in Wenningstedt. Das Hünengrab ist 5000 Jahre alt und gehört zu Sylts wichtigsten Kulturdenkmälern.

Currywurst bestellen in der „Sansibar”. Sylts prominenteste Strandhütte südlich von Rantum ist ein Muss.

Meerwasser inhalieren im Syltness Center in Westerland. Kostenlos gibt es diese Tröpfchenkur beim Spaziergang am Flutsaum der Sylter Strände.

Um den Ellenbogen wandern. Unbebaut und naturbelassen präsentiert sich der äußerste Norden der Insel. Bis heute ist der Ellenbogen in Privatbesitz, aber für jedermann zugänglich.

Frühstücken bei Jürgen Ingwersen in Morsum. Die Bäckerei liegt im Osten der Insel. Wem das Treiben an der wilden Küste zu viel wird, findet hier Entspannung.

Ab in die Strandsauna. Die kleine Anlage liegt abgeschieden im Listland direkt am Strand und hat sich in 50 Jahren kaum verändert.

Flanieren am Hoboken-Weg. Die teuerste Straße Deutschlands liegt in Kampen. Hier kostet der Quadratmeter Wohnfläche zwischen 40 000 und 100000 Euro. Der Blick auf die Anwesen der Geldelite kostet nichts.

Seltsam, dass mein Geburtshaus immer noch steht – und nahezu unverändert, abgeschieden vom Rummel, in einer kleinen Stichstraße in Westerland. Das kleine quadratische Backsteinhaus verhält sich unauffällig, als würde es auf mich warten. Es hat etwas Tröstliches, dass es diesen Ort noch gibt, an den ich zurückkehren kann. Auch wenn hier niemand mehr lebt, weil es jetzt natürlich ein Ferienhaus ist.

„Auf Sylt sind alle: Adel, Schauspieler, Medienmogule“