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Mythos Wartburg


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Gong - epaper ⋅ Ausgabe 22/2022 vom 27.05.2022
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Bildquelle: Gong, Ausgabe 22/2022

PANORAMA Hoch über dem Grün des Thüringer Walds thront die Wartburg mit dem 1914 eröffneten Burghotel (vorn)

Weltkultur-ERBE in Deutschland

Alles begann mit einer List. „Wart! Berg, du sollst mir eine Burg werden!“, soll Graf Ludwig der Springer gerufen haben, als er im Jahr 1067 durch den Thüringer Wald ritt. Doch der Berg gehörte dem Adligen aus dem Geschlecht der Ludowinger gar nicht. Deshalb ließ er dort Erde seiner eigenen Ländereien verstreuen. Als seine Ritter ihre Schwerter hineinstießen, konnten sie der Wahrheit gemäß schwören: „Der Boden, in dem die Waffen stecken, gehört unserem Herrn!“

Was so gut klingt, kann eigentlich nur eine Legende sein. „Es gibt aber Hinweise in der Geschichtsschreibung, dass Ludwig der Springer die Burg tatsächlich im Jahr 1067 gegründet hat“, erklärt Dr. Franziska Nentwig, Vorstand der Wartburg-Stiftung und damit offizielle „Frau Burghauptmann“. Fest steht: Im Jahr 1080, also nur wenig später, wurde die Wartburg erstmals urkundlich im Zusammenhang mit den ...

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... Sachsenkriegen erwähnt. Seitdem thront das trutzige Gemäuer über der heutigen Stadt Eisenach und blickt zurück auf fast 1000 Jahre deutsche Vergangenheit.

Die Burg war Schauplatz von Dramen, wehrhafte Festung, prächtige Residenz, Herberge, Exil, Stätte der Geborgenheit und Einkehr. Niemals in ihrer Geschichte geriet sie ganz in Vergessenheit. Wer heute über die Zugbrücke auf das schwere hölzerne Tor zutritt, spürt einen besonderen Schauder. Diesen Weg nahm vermutlich bereits Martin Luther, als er am 4. Mai 1521 gegen Mitternacht in aller Heimlichkeit auf die Burg gebracht wurde. Um dem Bann des Papstes und den Häschern des Kaisers zu entgehen, versteckte sich der damals umstrittene Reformator zehn Monate lang als „Junker Jörg“ in einer kargen Kammer. „Hier hat er gelebt, gearbeitet, mit sich gerungen, in wenigen Wochen das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzt und letztlich damit die Welt verändert“, erinnert Dr. Franziska Nentwig an die Bedeutung des Ortes. Noch bis 6. November 2022 zeigt die Wartburg dazu die neue Sonderausstellung „Luther übersetzt. Von der Macht der Worte“.

Wo Luther die Bibel übersetzte

Die Lutherstube und der sogenannte Luthergang im ersten Stockwerk der Vogtei sind in ihren Originalmaßen erhalten. Auch der Walwirbel, der dem Reformator als Schemel gedient haben könnte, stammt aus jener Zeit. Das Mobiliar indes hat die Jahrhunderte nicht überdauert.

Viel durfte sich „Junker Jörg“ damals nicht auf der Burg bewegen. Ihm hätte sich auch ein anderer Anblick geboten als jetzigen Besuchern. Denn die Wartburg wurde immer wieder erweitert und umgebaut. Vor allem Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach setzte sich ab dem Jahr 1838 für die Erneuerung der zum Teil verfallenden Festung ein und wollte sie wieder in altem Glanz erstrahlen lassen. Trotz dieser Veränderungen zählt die Wartburg seit dem Jahr 1999 zum Weltkulturerbe der Unesco – als „ein hervorragendes Denkmal der feudalen Epoche in Mitteleuropa“. Als ältester Teil gilt der Palas, das prächtige Hauptgebäude im Zentrum der Anlage. „Wir wissen, dass er zwischen 1155 und 1170 erbaut w urde“, erklärt Dr. Nentwig. „Der spätromanische Palas ist in seiner Art einzigartig. Die Rundbögen der Fassade verleihen dem an sich wuchtigen Bau spielerische Leichtigkeit und Eleganz.“

DIE WARTBURG: EIN RUNDGANG

Die mittelalterlichen Bauteile wurden restauriert und im 19. Jahrhundert durch einige Neubauten ergänzt

Der Südturm stammt aus dem 14. Jahrhundert und bietet heute einen eindrucksvollen Panoramablick über Thüringens Natur. Sein dunkles Geheimnis: Er diente früher als Verlies. „Gefangene wurden ins sogenannte Angstloch hinabgelassen und bei völliger Finsternis und Kälte eingesperrt“, berichtet Franziska Nentwig. „Ein berühmter Insasse war der Wiedertäufer Fritz Erbe, der acht Jahre lang bis zu seinem Tod 1548 im Verlies dahinvegetierte.“

Andere Kapitel in der bewegten Geschichte der Burg verbreiten weit weniger Schrecken. Im 13. Jahrhundert wohnte dort die heiliggesprochene Elisabeth von Thüringen, die ihr späteres Leben dem Dienst an Armen und Kranken widmete und zahlreiche Wunder bewirkt haben soll. Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe weilte mehrfach als Gast auf der Burg, etwa im Jahr 1777. Auf seine Anregung geht auch die Kunstsammlung mit ihren Schätzen aus acht Jahrhunderten zurück. Am 18. Oktober 1817 feierten deutsche Burschenschaften hier erstmals das Wartburgfest, um die Einheit des Reiches zu beschwören und Freiheit und Gleichheit zu propagieren. König Ludwig II. von Bayern war sogar derart begeistert von der Wartburg und ihrem Festsaal, dass er sie als Vorbild für sein ab 1869 errichtetes Schloss Neuschwanstein wählte. Auch der sagenhafte Sängerkrieg, den Landgraf Hermann I. um 1200 veranstaltet haben soll, und Richard Wagners romantische Oper „Tannhäuser“ sind untrennbar mit der Wartburg verbunden. Jede Mauerritze atmet hier deutsche Geschichte!

Wo Friedenstauben wohnen

Erobert wurde die hoch über Eisenach thronende Festung nie. An den zwei Kanonen auf der Schanze, die noch scheinbar bedrohlich auf die Stadt gerichtet sind, liegt das nicht. Tatsächlich hatten diese Geschütze eine wichtige, aber friedlichere Funktion: Sie wurden gezündet, wenn in Eisenach ein Feuer ausgebrochen war. Wer Glück hat, entdeckt als Besucher weiße Tauben, die auf den Kanonen gurren. Die zutraulichen Vögel gehören einfach zur Wartburg. „Friedenstauben“ oder „Hochzeitstauben“ werden sie oft genannt. „Biologisch korrekt ist jedoch ihre Bezeichnung als weiße Pfautauben. Mit ihren zierlichen, zum Rad geschwungenen Schwanzfedern erinnern sie tatsächlich an Pfauen“, erklärt Franziska Nentwig, Vorstand der Wartburg-Stiftung, die seit 1922 das historische Gemäuer verwaltet. „Der Legende nach wurden sie von der heiligen Elisabeth im frühen 13. Jahrhundert aus Ungarn mitgebracht und sollen seitdem auf der Burg beheimatet sein.“ Was könnte in der heutigen Zeit mehr für die Hoffnung der Menschen stehen als Friedenstauben auf alten Kanonen?

KAI RIEDEMANN