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Nach dem Lockdown den Anschluss herstellen


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Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 04.04.2022

Die Freie und Hansestadt Hamburg hat mit den Bundesmitteln aus dem Aktionsprogramm »Aufholen nach Corona« ein umfangreiches Programm zur gezielten Unterstützung jener Schüler:innen aufgesetzt, deren Kompetenzund psychosoziale Entwicklung in besonderem Maße unter der Pandemie leiden mussten. Zum Ausgleich wurde ein ganzes Bündel von Maßnahmen ergriffen, die einerseits auf bestehenden Strukturen aufsetzen und andererseits unter dem Dach und in Verantwortung der Einzelschule umgesetzt werden.

In diesem Beitrag wird zunächst das Hamburger Maßnahmenpaket skizziert, um sodann den Fokus auf die Vorstellung und kritische Reflexion des Hamburger Mentoringprogramms »Anschluss« für Schüler:innen der Jahrgangsstufe 4 zu legen.

AUFHOLEN NACH CORONA IN HAMBURG

Das Hamburger Förderprogramm umfasst neben dem in diesem Beitrag näher beleuchteten Mentoringprogramm unter anderem den Ausbau der Hamburger Lernferien, die ...

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... Ausweitung der bereits seit 2012 etablierten, im § 45 des Hamburgischen Schulgesetzes verankerten und mit Ressourcen ausgestatteten additiven Lernförderung, die Teilnahme am Projekt »MaCo – Mathematik aufholen nach Corona« und die Auflegung des »Hummelfonds«, eines gesonderten Fördertopfes für die Kooperation mit Stiftungen. Die zusätzlichen Mittel für die Lernförderung werden je nach Größe und Sozialindex der Schule verteilt, sodass die von den Folgen der Pandemie besonders betroffenen Schulen an Handlungsspielraum für die individuelle Förderung benachteiligter Schüler:innen gewinnen. Auch wenn die Teilnahme an den Lernferien und an der zusätzlichen Lernförderung freiwillig erfolgt, können die Schulen dabei auf zahlreiche Instrumente zur Diagnostik aus dem Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ) zurückgreifen, für Grundschulen z. B. auf die Lernstandserhebungen KERMIT 2 und KERMIT 3 oder die individualdiagnostischen Verfahren zur Erfassung der Rechtschreibkompetenz SCHNABEL und HSP+. Mit diesen unterrichtsergänzenden Lernfördermaßnahmen sollen insbesondere Schüler:innen am unteren Ende der Kompetenzskala adressiert werden. Mit einer Obergrenze von maximal vier zusätzlichen Förderstunden pro Woche werden sie vor Überforderung geschützt.

Auch im Bereich der psychosozialen und motivationalen Unterstützung wurden die vorhandenen Unterstützungsangebote erweitert. So wurden die Schulbegleitungsmaßnahmen sowie die Beratungsressourcen in den Regionalen Bildungsund Beratungszentren (ReBBZ), im Bildungs-und Beratungszentrum Pädagogik bei Krankheit/Autismus (BBZ) sowie in der Beratungsstelle Gewaltprävention ausgebaut. Zusätzlich werden in Hamburg zwei weitere temporäre Lerngruppen eingerichtet, um schulpflichtige Kinder und Jugendliche zu unterstützen, die in eine akute individuelle Krise geraten sind.

Die zusätzlichen Förder-und Unterstützungsangebote richten sich an alle Schüler:innen aus allen Schulformen. Die Schulen können bedarfsgerecht und zeitnah individuelle Angebote ermöglichen und in der vertrauten Umgebung der eigenen Schule realisieren. Hierbei ist es im Sinne der geförderten Schüler:innen wünschenswert, dass die individuellen Fördermaßnahmen in den schulischen Ganztag integriert werden, das heißt in enger Verzahnung mit dem Regelunterricht und in Abstimmung mit den mit der Förderung betrauten Lehrpersonen, Klassenleitungen oder Fachlehrkräften stattfinden können.

In den angelsächsischen Ländern wird Mentoring seit vielen Jahrzehnten als wichtiges Förderinstrument in der Kinder-und Jugendbildung eingesetzt.

»ANSCHLUSS – DAS HAMBURGER MENTORENPROGRAMM«

Damit die Lernförderung mit einer individuellen Begleitung der Schüler:innen einhergehen kann, wurde in Hamburg das im Folgenden vorgestellte Mentoringprogramm »Anschluss« in das Maßnahmenpaket integriert. In den angelsächsischen Ländern wird Mentoring seit vielen Jahrzehnten als wichtiges Förderinstrument in der Kinder-und Jugendbildung eingesetzt. Deutschland sprang erst spät auf diesen Zug auf, holte in den letzten Jahren aber deutlich auf. So blickt auch Hamburg mittlerweile auf eine längere Tradition erfolgreicher Mentoringprogramme zurück, in denen Schule und Universität gemeinsam – systematisch, institutionell verankert und wissenschaftlich begleitet – Lehr-Lern-Situationen schufen, von denen sowohl zahlreiche bildungsbenachteiligte Schüler:innen als auch viele Lehramtsstudierende profitierten. Neben dem Transferprojekt »Mercator-FörMig-Treff« und dem darauf aufbauenden »Interkulturellen Schülerseminar« (Schwaiger/Neumann 2014; Neumann/Schwaiger 2015) ist in diesem Zusammenhang das Programm »Weichenstellung« (Dziak-Mahler/Krämer/Lehberger/Matthiesen 2019; Lehberger 2019) zu nennen. In diesen Projekten fördern (Lehramts-) Studierende motivierte Schüler:innen mit hohem Bildungspotenzial, die aus ganz unterschiedlichen Gründen auf ihrem Bildungsweg zu wenig Unterstützung und Anregung erfahren. Dass solche Mentoringprogramme für beide Seiten, die Mentor:innen sowie ihre Mentees, unter bestimmten Bedingungen gewinnbringend und erfolgreich sind, belegen zahlreiche Studien zum Mentoring allgemein sowie die Erfahrungs-und Evaluationsberichte, die zu den einzelnen Mentoringprogrammen vorliegen (vgl. hierzu z. B. Dziak-Mahler et al. 2019; efms 2009; Schwaiger/Neumann 2014; Neumann/Schwaiger 2015; Kirchhöfer/Wilbers 2020). Von diesen 15 Jahren Erfahrung an Hamburger Schulen profitiert nun »Anschluss – das Hamburger Mentorenprogramm«.

Für »Anschluss« konnten die Vorerfahrungen in mehrfacher Weise genutzt werden. So wurden die grundlegenden pädagogischen Ziele und Strukturen des Projekts »Weichenstellung« übernommen beziehungsweise angepasst: Vorbereitung und Begleitung der Mentor:innen, Gruppenbildung, quantitativer Umfang und Verankerung im Schulbetrieb. Die didaktisch-pädagogische Vorbereitung und Begleitung der Mentor:innen werden von der ZEIT-Stiftung durchgeführt; außerdem kann die Mentor:innentätigkeit im Rahmen eines Lehramtsstudiengangs als Studienleistung eingebracht werden. Die Anerkennung der Unterrichtstätigkeit in »Anschluss« als schulpraktischer Teil des verpflichtenden Orientierungspraktikums beziehungsweise des integrierten Schulpraktikums stellt eine Verbindung zum Studium her, eröffnet Studierenden die Möglichkeit einer sinnvollen bezahlten Nebentätigkeit und erleichtert die Personalakquise. Einerseits wurden die Mentor:innen also über die Universität rekrutiert, andererseits haben sich die Schulen proaktiv um Mentor:innen in ihren Stadtteilen gekümmert und bestehende Beziehungen genutzt. So ermöglichen die institutionelle Verankerung des Mentorings in universitäre Praktika neben den Honorarverträgen, die die Studierenden für mindestens ein Schulhalbjahr mit den Schulen schließen, eine Kontinuität in der pädagogischen Beziehung zwischen Mentor:in und Mentee. Unterstützt wird diese Kontinuität durch die Möglichkeit, die Kurse analog zu den Lernferien in den Schulferien fortzuführen. Schließlich besteht in den kooperierenden Institutionen – dem Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI), dem Zentrum für Lehrerbildung Hamburg (ZLH), der Universität Hamburg und der ZEIT-Stiftung – die notwendige Expertise, die eine angemessene Qualifikation der Studierenden und den Aufbau eines geeigneten Unterstützungssystems für ihr Mentoring erst gewährleistet.

DAS KONZEPT DES HAMBURGER MENTORINGPROGRAMMS

Das Mentoringprogramm ist zu Beginn des Schuljahres 2021/22 gestartet und richtet sich an unterstützungsbedürftige Schüler:innen der Jahrgangsstufe 4 mit pandemiebedingten Motivations-und Leistungsschwierigkeiten. Auch wenn es sich um eine unterrichtsergänzende Lernfördermaßnahme handelt, in der Lernrückstände der Mentees in den Fächern Deutsch und Mathematik durch gezielte Übungen reduziert und die Mentees bei der Anfertigung der Hausaufgaben unterstützt werden sollen, geht es neben dem fachlichen Lernen auch darum, die Schüler:innen im Rahmen eines freundschaftlich-pädagogischen Arbeitsbündnisses in ihrer Persönlichkeit zu stärken und ihre motivationalen Voraussetzungen und ihre Selbstständigkeit beim Lernen zu fördern. Es versteht sich daher nicht als reine Maßnahme zum Ausgleich fachlicher Defizite einzelner Schüler:innen, sondern adressiert insbesondere die hinter den Lernschwierigkeiten liegenden, je individuellen motivationalen Voraussetzungen des Lernens, um Leistungsniveau und Zuversicht der Schüler:innen für einen gelingenden Wechsel in die fünfte Jahrgangstufe zu erhöhen.

In jedem Kurs werden vier bis fünf Schüler:innen zweimal pro Woche für insgesamt 180 Minuten gefördert.

Antworten auf die Frage »Inwiefern profitieren Sie als Mentor:in von Ihrer ›Anschluss‹-Tätigkeit?«

»Die Vorbereitung, Nachbereitung und Dokumentation, das Eingehen auf die Individualität der Kinder und die Auseinandersetzung mit den Lerninhalten machen mir große Freude und stärken mein eigenes Selbstwertgefühl.«

»Ich kann mich ausprobieren, Methoden testen, ohne ständig beobachtet zu werden, und nehme mehr mit als aus meinem gesamten Studium – halte es für genau das Richtige, bevor ich ins Referendariat starte!«

»Ich lerne viel über den Umgang mit den Schülerinnen und Schülern. Ich merke, dass Druck so gut wie nicht förderlich ist, sondern vielmehr die Neugier der Kinder zu befeuern, sodass sie selbst Lust auf interessante Themen bekommen.«

Alle staatlichen Grundschulen, Regionalen Bildungs-und Beratungszentren sowie die speziellen Sonderschulen konnten seit August 2021 »Anschluss«-Kurse einrichten. Von insgesamt 235 Schulen in Hamburg haben 206 diese Möglichkeit genutzt und bereits zwei Monate nach dem Projektauftakt insgesamt 621 Kurse auf den Weg gebracht. In jedem Kurs werden vier bis fünf Schüler:innen zweimal pro Woche für insgesamt 180 Minuten von ihren überwiegend studentischen Mentor:innen gefördert (86 Prozent sind Student:innen, von denen drei Viertel ein Lehramt studieren). Insgesamt werden 2847 Schüler:innen der Hansestadt durch 491 Mentor:innen unterstützt. Die Anzahl der Kurse an den einzelnen Schulen variiert abhängig von der Größe und vom Sozialindex der jeweiligen Schule zwischen einem und acht Kursen.

Über die Auswahl der Schüler:innen für die Kurse entscheiden die Schulen unter Einbeziehung der Erziehungsberechtigten eigenständig, da der tatsächliche Bedarf der Schüler:innen vor Ort von den beteiligten Personen am besten eingeschätzt werden kann. Den Schulen stehen zur Einschätzung die Rückmeldungen aus der im Frühjahr 2021 durchgeführten Lernstandserhebung KERMIT 3 zur Verfügung. Diese enthalten wichtige Hinweise auf die Kompetenzen einzelner

Schüler:innen im Leseverstehen, in der Rechtschreibung und in Mathematik.

DIE ROLLE DER SENIOR-MENTOR:INNEN

Um »Anschluss« gut in das bestehende schulinterne Förderkonzept zu integrieren, bedarf es der Koordination durch mit individueller Förderung vertraute und in der Betreuung von Honorarkräften und/oder studentischen Praktikant:innen erfahrene Lehrkräfte, die die Rolle der Senior-Mentor:innen einnehmen. An jeder Schule gibt es eine, manchmal auch zwei dieser Senior-Mentor:innen, die vor Ort Ansprechpartner:innen für Eltern, Schüler:innen und Mentor:innen in Bezug auf das Programm sind und die Projektleitung an ihrer Schule übernehmen. Sie sind für die Einweisung der Mentor:innen an der jeweiligen Schule zuständig, stehen ihnen beratend zur Seite und stellen bei Bedarf den Kontakt zu Fach-und Klassenlehrkräften her. Diese Aufgabe übernehmen in der Regel die Förderkoordinator:innen, gelegentlich auch Mitglieder des Leitungsteams oder Lehrkräfte mit anderer Funktionsstelle.

Durch das Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung werden die Senior-Mentor:innen umfassend unterstützt. So wurde ihnen eine digitale Kick-off-Veranstaltung mit dem Titel »Studierende in der Lernförderung Anschluss begleiten« angeboten, an der insgesamt 146 Lehrkräfte teilgenommen haben. Diese Veranstaltung gab einen Überblick über das Programm, klärte Aufgaben in der Begleitung der Mentor:innen und half, den Programmstart an der Schule in inhaltlicher und organisatorischer Hinsicht vorzubereiten. Zudem werden die Senior-Mentor:innen für die Begleitung und Anleitung von Studierenden gecoacht.

QUALIFIZIERUNG UND BEGLEITUNG DER MENTOR:INNEN

Die programmspezifische Vorbereitung und Begleitung der Mentor:innen erfolgt in Kooperation mit der ZEIT-Stiftung, der Universität Hamburg und Expert:innen aus dem Bereich der Lehrerbildung und Unterrichtsentwicklung und umfasste zwei digitale Vorbereitungs-und drei programmbegleitende Module. In den beiden Vorbereitungsmodulen wurden die Mentor:innen darin geschult, eine lernförderliche Atmosphäre zu kreieren, einen guten Zugang zu den Kindern zu finden und Strukturen und Rituale in den Lerngruppen zu etablieren. Außerdem wurden sie mit Ideen für die Lernförderung in den Fächern Deutsch und Mathematik versorgt.

In den drei Modulen, die begleitend zum Programm stattfinden, geht es darum, die Mentor:innen in ihrer praktischen Tätigkeit zu unterstützen und sie individuell zu beraten. Um Kontinuität herzustellen, werden alle Module von zwei erfahrenen Pädagog:innen, Susanne Petersen und Thomas Unruh, durchgeführt. Der Fokus liegt hier neben der sozialen und interaktiven Ausgestaltung des pädagogischen Arbeitsbündnisses mit den Kindern auch auf der fachlichen Förderung, für die Ideen und Anregungen geboten werden. Weitere fachliche Unterstützung erhalten die Mentor:innen auf einer digitalen Lernplattform. Dort stellt das Landesinstitut sowohl Fördermaterialien für den direkten Einsatz in den Kursen als auch zahlreiche Hinweise zu didaktischen und pädagogischen Themen zur Verfügung. Die Plattform orientiert sich an den Hamburger Bildungsplänen und wird sukzessive erweitert.

»ANSCHLUSS« AUS SICHT DER MENTOR:INNEN

Im Laufe dieses Jahres evaluiert das IfBQ, inwiefern es den Mentees gelingt, durch die Unterstützung der Mentor:innen den Anschluss an Mindest-oder Regelstandards herzustellen. Bislang wurde eine Online-Befragung unter den Mentor:innen durchgeführt, an der sich 189 Personen beteiligt haben.

Ihre Antworten geben erste Hinweise auf die Qualität des Programms.

Win-win-Situation in der Beziehung zwischen Mentor:innen und Mentees: Die Anrechenbarkeit des Mentorings als Studienleistung fußt auf der Idee, dass sowohl Mentees als auch Mentor:innen ihre Zusammenarbeit als Gewinn für ihr persönliches Lernen erfahren können. Aus Sicht der Mentor:innen scheint dieses Kalkül trotz vereinzelter Kritik weitgehend aufzugehen. Auf die offene Frage, inwiefern die Mentor:innen von der »Anschluss«-Tätigkeit profitieren, wurde unter anderem häufig hervorgehoben, dass sie den Umgang mit Kindern lernen (25 Nennungen), Praxiserfahrungen sammeln (25), Methoden kennenlernen und ausprobieren (18), Unterricht vorzubereiten lernen (12) oder Einblick in den Arbeitsalltag von Lehrer:innen erhalten (10). Auf die offene Frage, wovon die Mentees besonders profitieren, nannten die Mentor:innen häufig die persönliche Zuwendung, Aufmerksamkeit und/oder Wertschätzung (45 Nennungen), die Vorteile der Arbeit in kleinen festen Gruppen (45), die individuelle Förderung (42), das teilweise spielerische Lernen ohne Druck (23), das intensive Training im Lesen, Rechnen, Rechtschreiben (11) oder die ruhige Arbeitsatmosphäre (10). Aussagen von Mentor:innen auf die Frage »Inwiefern profitieren Sie als Mentor:in von Ihrer ›Anschluss‹-Tätigkeit?« verdeutlichen den Gewinn (siehe Kasten auf Seite 14).

Programmleitung durch Senior-Mentor:innen an den Schulen: Nahezu drei Viertel der Befragten (N = 134) fühlen sich durch ihre Senior-Mentor:innen gut beziehungsweise teilweise gut unterstützt, während 26,4 Prozent sich (eher) nicht gut unterstützt fühlen (N = 48). In engem Zusammenhang steht diese Einschätzung mit der berichteten Häufigkeit der Kontakte zwischen Mentor:innen und Senior-Mentor:innen. Die wahrgenommene Unterstützung durch die Senior-Mentor:innen steht zudem in einem positiven Zusammenhang mit der Bewertung der bisherigen Zusammenarbeit mit den Kindern aus den »Anschluss«-Kursen. 20,5 Prozent der Befragten bewerteten diese Zusammenarbeit als sehr gut, weitere 60,5 Prozent als gut und 17,8 Prozent als noch nicht so gut. Lediglich zwei Befragte schätzten die Zusammenarbeit als gar nicht gut ein (vgl. Abb. 1).

Die Begleitung durch Senior-Mentor:innen hilft den Mentor:innen bereits in der Vorbereitung der Kurse, eine realistischere Einschätzung von ihrer Tätigkeit zu erlangen und Selbstwirksamkeit bei der Arbeit zu erleben. Dies führt in der Summe auch zu mehr Freude am Mentoring. So stimmen 53 Prozent der Befragten der Aussage »Die Vorbereitung und Durchführung der ›Anschluss‹ -Kurse bereitet mir Freude« zu, weitere 39,5 Prozent stimmen ihr teilweise zu, lediglich 14 Befragte stimmten ihr (eher) nicht zu.

Mentor:innen sehen die Person hinter den Defiziten: Die Mentor:innen interpretieren ihre Aufgaben in der Regel nicht als reine Vermittlung des verpassten Stoffs, sondern verknüpfen das Lernen und Wiederholen fachlicher Inhalte mit einer Stärkung motivationaler Lernvoraussetzungen und der Persönlichkeit. Inhaltlich setzen sie unterschiedliche Schwerpunkte in ihren Kursen (vgl. Abb. 2).

Differenziert man die genannten Schwerpunkte grob in eine fachlich-inhaltliche Dimension (die drei in Abb. 2 erstgenannten Schwerpunkte) und eine persönlichkeitsorientierte und auf motivationale Lernvoraussetzungen bezogene Dimension (die drei in Abb. 2 letztgenannten Schwerpunkte), so orientieren sich 73 Prozent explizit an beiden Dimensionen. Lediglich elf Befragte (6 Prozent) setzen ausschließlich auf persönlichkeitsorientierte und auf motivationale Lernvoraussetzungen bezogene Schwerpunkte und 38 Befragte (20,9 Prozent) orientieren sich ausschließlich an Fachinhalten. Diejenigen, die sich nur auf das Lernen und Wiederholen von fachlichen Inhalten konzentrieren, schätzen die Zusammenarbeit mit den Kindern überproportional häufig als nicht gut ein (15 von 38) und ebenso überproportional häufig sind Mentor:innen aus dieser Gruppe mit falschen Erwartungen in die Kurse gegangen (17 von 38) (vgl. Abb. 3).

AUSBLICK

Das Hamburger Mentoringprogramm »Anschluss« fokussiert mit dem Schwerpunkt auf die Jahrgangsstufe 4 einen neuralgischen Punkt im Bildungsgang der Schüler:innen, zielt es doch auf die Herstellung der Anschlussfähigkeit der von der Pandemie besonders benachteiligten Schüler:innen an die Herausforderungen in den weiterführenden Schulen. Betrachtet man die Pandemie als einen weiteren Treiber der sozialen Ungleichheit im Schulsystem, stellt das Programm einen im Lichte der ersten Erfahrungen vielversprechenden Ansatz dar, die Benachteiligung so weit wie möglich zu kompensieren. In näherer Zukunft wird weitere Evidenz zur Qualität des Programms durch Evaluationen verdeutlichen, inwiefern es auch nach der Corona-Krise weitergeführt und für andere Zielgruppen, Jahrgangsstufen oder Fächer erweitert werden könnte.

Literatur

Dziak-Mahler, M./Krämer, A./Lehberger, R./Matthiesen, T. (2019): Weichen stellen – Chancen eröffnen: Studierende begleiten Viertklässler im Übergang zur weiterführenden Schule. Münster.

Europäisches Forum für Migrationsstudien (efms) (2019): Förderunterricht für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund. Evaluation des Projekts der Stiftung Mercator. Verfügbar unter: www.mercator-foerderunterricht.de/fileadmin/user_upload/INHALTE_UPLOAD/Microsite%20Foerderunterricht/Kurzbericht%20der%20Evaluation.pdf [29.11.2021].

Kirchhöfer F./Wilbers K. (2020): WEICHENSTELLUNG für Ausbildung und Beruf am Standort Nürnberg: Studentisches Mentoring als Unterstützungsmaßnahme für neuzugewanderte Jugendliche in der dualen Ausbildung. In: Hochleitner, Thomas/ Roche, Jörg (Hrsg.): Berufliche Integration durch Sprache. Leverkusen, S. 186–204.

Lehberger, R. (2019): Vom Bucerius LERN-WERK zu WEICHENSTEL-LUNG. In: Dziak-Mahler, M./Krämer, A./Lehberger, R./Matthiesen, T. (Hrsg.): Weichen stellen – Chancen eröffnen. Münster, S. 19–26.

Neumann, U./Schwaiger, M. (2015): Interkulturelles Schülerseminar (IKS). Ein Mentoringprogramm der Universität Hamburg zur Qualifizierung von Lehramtsstudierenden und Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund. Münster.

Schwaiger, M./Neumann, U. (2014): Mentoring von Studierenden in der Lehrerbildung für Schülerinnen und Schüler – das Interkulturelle Schülerseminar an der Universität Hamburg. In: Lenzen, D./Fischer, H. (Hrsg.): Tutoring und Mentoring unter besonderer Berücksichtigung der Orientierungseinheit. Hamburg, S. 127–138.

Stiftung Mercator (Hrsg.) (2010): Der Mercator-Förderunterricht. Sprachförderung für Schüler mit Migrationshintergrund durch Studierende. Münster.

LINDA KUTT linda.kutt@li-hamburg.deist Mitarbeiterin in der Stabsstelle Lernförderung im Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) und pädagogische Leiterin von »Anschluss – das Hamburger Mentorenprogramm«. ↗

DR. STEFAN HAHN stefan.hahn@ifbq.hamburg.deist wissenschaftlicher Referent am Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ). ↗

MARIKA SCHWAIGER marika.schwaiger@li-hamburg.deist Leiterin der Stabsstelle Lernförderung im Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI). ↗

DR. ANNE HUTMACHER anne.hutmacher@bsb.hamburg.deist in der Behörde für Schule und Berufsbildung als Projektleiterin für die Umsetzung des Bundesprogramms »Aufholen nach Corona« verantwortlich. ↗