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NACH HAUSE KOMMEN


Landlust - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 18.08.2021

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Bildquelle: Landlust, Ausgabe 5/2021

Das Schnalser Schaf ist eine heimische Züchtung und dem alpinen Terrain besonders gut angepasst.

Es ist sechs Uhr morgens. Auf der Niedertal-Alm auf 2 500 Metern, inmitten der schroffen Bergwelt der Ötztaler Alpen, beginnt ein besonderer Tag. Aufgeregtes Blöken, Halsglöckchen bimmeln, Hunde bellen. In einem Pferch an einem steilen Berghang bewegen sich unzählige Schafe.

Männer in blauen Kittelschürzen und loden-grünen Filzhüten schieben sich durch die Herde, greifen hier und da nach einem Tier. Sie suchen nicht nur nach neugeborenen Lämmern, sondern überprüfen auch, ob alle Tiere fit sind für den Marsch zurück nach Südtirol.

Hinab auf zwei Routen

Es sind die letzten Vorbereitungen für den Schaftrieb. In einer Stunde soll es losgehen. Jedes Jahr im Herbst bringen die Südtiroler Schafzüchter ihre Herden von den Sommerweiden im österreichischen Ötztal zurück nach Hause. Es ist der wohl größte Viehtrieb über die Alpen mit rund 4 000 Schafen, die auf steilen und engen Hochgebirgswegen wieder ...

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... hinabsteigen.

Aufgeteilt in zwei Herden waren sie im Frühjahr vom Schnalstal im Vinschgau auf zwei Routen über den Alpenhauptkamm losgezogen: Vom Dorf Vernagt am See (auf 1700 m) über das Niederjoch (3 019 m) zur Niedertal-Alm; vom Dorf Kurzras (auf 2 011 m) über das Hochjoch (ca. 2 800 m) ins Nachbartal zur Rofenberg-Alm.

Vertreter der Schafhalter

Am Zaun lehnt ein stattlicher Mann mit weißgrauen Haaren, auf seiner blauen Schürze steht gestickt „Schaf- Alm Niedertal“. Es ist Josef Götsch, der sich mit einem festen Händedruck als „Obmann der Alpinteressentschaft Niedertal“ vorstellt. Er vertritt 33 Südtiroler Schafhalter, die diesen Sommer Tiere auf die österreichischen Bergwiesen verschickt hatten – einige nur wenige Tiere, andere ein paar Hundert. An die 120 Schafe sind es bei Josef Götsch.

„Oder auch mehr, kommt darauf an, wie viele Lämmer über Nacht noch geboren wurden.“

Weiderecht seit 1415

Früher hatte Schafzucht in Südtirol eine große Bedeutung, hauptsächlich wegen der Wolle. Da es jedoch zu wenig Weideflächen gab, entschlossen sich die Bauern, ihre Schafe für die Sommermonate auf die saftigen Hochflächen der Nachbarn zu treiben.

Der Weiderechtsvertrag und das zugesprochene Eigentum der Flächen im Niedertal besteht seit 1415. Dies blieb auch erhalten, als nach dem Ersten Weltkrieg die Staatsgrenze gezogen wurde und Südtirol zu Italien kam. Viele Jahre waren italienische und österreichische Polizeibehörden dafür zuständig, die Passage der Schafe über die Ländergrenzen zu genehmigen. Als Österreich Mitglied der EU wurde, fielen die Grenzkontrollen weg.

Durch Schnee und Eis

Die Hälfte der 4 000 Südtiroler Schafe „sömmert“ von Juni bis September im Niedertal. Die zur Alm gehörigen Weideflächen verteilen sich auf zwischen 1 900 und 3 400 Höhenmetern. Verstreut auf den buckeligen und steilen Bergwiesen grasen die Tiere, betreut von Hirten, die oft selbst Schafe in der Herde besitzen. Fünf Tage vor der Rückkehr nach Südtirol steigen sie mit einigen Helfern in die versteckten Seitentäler und in die steilen Hänge, um alle Schafe zusammenzusuchen. Nicht alle werden gefunden. „Ein bis zwei Prozent frisst der Berg“, heißt es unter den Schäfern.

Sammelplatz der Tiere ist ein Pferch, der sich unterhalb der Martin-Busch-Hütte befindet. Das bewirtschaftete Wanderhaus liegt einsam, umgeben von grünen Hängen und schroffen Bergen. Es ist bei Bergwanderern sehr beliebt, unter die sich am Abend vor dem Schaftrieb die Südtiroler Schafzüchter und ihre Helfer mischen und sich mit Gerstensuppe und Schweinebraten stärken.

Nach dem Passübergang wandern Mensch und Tier 1300 Höhenmeter hinunter ins Tal.

Acht Stunden Marschzeit

Zurück nach Vernagt rechnen sie mit mindestens sieben bis acht Stunden Marschzeit, je nach Witterung und Zustand der Route – und auch Kondition der Schafe. Über 500 Höhenmeter sind hoch zum Niederjoch, dem Passübergang von Österreich nach Italien, zu überwinden. Danach geht es 1 300 Höhenmeter hinunter nach Vernagt am See. Im Frühjahr in umgekehrter Richtung kann die Tour bis zu dreizehn Stunden dauern. Diese Route gilt als anstrengender, da nach dem Winter noch viel Schnee und Eis in den Bergen liegen kann und die Schäfer eine Spur schaufeln müssen. Doch auch der Schafabtrieb im Herbst hat es in sich.

Welterbe Transhumanz

An die dreißig Personen helfen – neben den Schäfern und ein paar Hunden sind zahlreiche Treiber dabei, um die Herde während des Marsches in Schach zu halten. „Oft sind es Freunde, aber auch Freiwillige“, erzählt Josef Götsch, der für die Koordination zuständig ist. „Vielen geht es auch darum, eine uralte Kultur am Leben zu halten.“ Denn der Schafwandertrieb, auch Transhumanz genannt, ist etwas Besonderes und zählt seit Ende 2019 zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO. Die Tradition, Schafe im Sommer von der trockenen Südseite zu den saftigeren Weidegründen auf der Nordseite der Alpen zu treiben, soll 6 000 Jahre alt sein, schriftlich überliefert ist sie seit dem Mittelalter.

Seltenes Schnalser Schaf

Ein schützenswertes Gut ist auch das Schnalser Schaf. Nach dem Südtiroler Agrar- und Forstbericht von 2019 gab es nur noch 1 337 Tiere. Dabei war es in den 1960er Jahren noch die wichtigste Rasse im Landkreis Südtirol. Heute steht das Schnalser Schaf als gefährdete Nutztierrasse auf der Roten Liste der Ernährungsund Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO).

Die Herde auf der Niedertal-Alm setzt sich aus verschiedenen Schafrassen zusammen: Suffolks, Tiroler Bergschafen, Schwarznasen, Villnösser Brillenschafen. Doch keines ist an das alpine Terrain so angepasst wie das Schnalser Schaf, betont Josef Götsch. Zäh, beweglich und vor allem leicht sei es – und das komme den Böden besonders zugute.

Meisterleistung

Beim Abmarsch Anfang September hängt dichter Nebel über dem oberen Niedertal. Vom Niederjoch ist nichts zu sehen, und wie so oft um diese Jahreszeit nieselt es. Unter diesen Bedingungen 2 000 Schafe im Auge zu behalten und sicher über den rund 3 000 Meter hohen Pass zu bringen, ist eine Meisterleistung in der Zusammenarbeit von Tier und Mensch.

„Die einen Schafe sind schneller, die anderen langsamer, einige sind Einzelgänger und setzen sich von der Herde ab – das ist wie beim Menschen. Trotzdem ist in allen der Drang, nach Hause zu kommen“, erläutert Josef Götsch. Jeder Treiber bekommt eine Position zugewiesen: vor der Herde, neben ihr oder dahinter, niemals mittendrin.

Auf zum Niederjoch

Das weitläufige Gelände steigt sanft an, an einem Wildbach entlang durch karges Hochgebirgsterrain. Regelmäßig werden kleine Pausen eingelegt, um sich im dichten Nebel zu orientieren und gruppieren. „Hoi, Hoi“, rufen die Männer und Frauen, um die Tiere zu disziplinieren. Der Aufstieg zum Pass ist nur ein schmaler, sehr steiler Zickzackpfad – im dichten Nebel eine Tortur. Die Truppe schleppt sich durch Geröll, Steine, Matsch und Schnee, sie schlittert, rutscht und schnauft. Dabei wird auch ein Gletscher, der Niederjochferner, überquert, der seit den 2000er Jahren jedoch allmählich schrumpft.

Huckepack hinunter

Nicht jedes Lamm schafft es über den Pass. Dann werden sie in hölzerne Käfige – Kraxen genannt – verladen und von den kräftigsten Jungs auf dem Buckel transportiert. Manuel, ein junger Schäfer, der mitmarschiert, seit er acht ist, packt ein kleines schwarzes Lamm in seinen Rucksack. Von nun an wird es „mit bester Aussicht“ zu Tal getragen, wie er sagt.

Inzwischen humpeln auch ein paar Mutterschafe. Auf italienischer Seite werden die schwächsten Schafe und Lämmer in die Materialseilbahn der Similaunhütte verladen und schweben – gegen Aufpreis – zu Tal. „Das passiert nur im äußersten Notfall“, betont Josef Götsch, „denn so eine Tour kostet den Schäfer jedes Mal fünfzig Euro.“

Steile Hänge, tiefe Schluchten

In Italien geht es bergab. Der Nebel hängt noch immer in den Bergen, der Weg ist gefährlich. Über sehr schmale Pfade, über steile Hänge und durch tiefe Schluchten. Es ist steinig, rutschig, die Gefahr, von einem Stein getroffen zu werden oder abzustürzen, ist groß. Endlich, auf halben Weg und noch über der Baumgrenze, reißt die Wolkendecke auf, das Gelände weitet sich zu einem Tal mit Bergwiesen. Ein schöner Ort für die letzte Rast – mit Blick auf den tief unten liegenden türkisblauen See von Vernagt. Die Schafe dürfen noch einmal ausgiebig fressen und von den Bergkräutern naschen. Die Schäfer pausieren für die traditionelle Schäfermarende, eine Brotzeit aus Brot, Speck und Rotwein.

Die Schafschoad

Das letzte Stück geht beschwingt. In Vernagt werden die Schafe schon von ihren Besitzern und vielen Schaulustigen erwartet. Froh, wenn alle wieder gesund vom Berg kommen, feiern sie bei Musik und Bier vor dem Obergamphof. Die anschließende ,,Schafschoad“ auf der Wiese, das Verteilen der Schafe an ihre verschiedenen Besitzer, hat Unterhaltungscharakter. Nicht jedes Schaf geht freiwillig wieder dahin, wo es hingehört.

Die Schafhalter begleiten ihre Schafe zu Fuß zu den umliegenden Höfen, ein Teil wird auf Wagenanhänger geladen und davongefahren. Eine Gruppe von vierhundert Schafen marschiert am darauffolgenden Morgen weitere zwölf Stunden zu Fuß ins obere Vinschgau. Im nächsten Sommer werden sich alle wiedertreffen, um gemeinsam in die Berge zu ziehen.

Text und Fotos: Petra Jacob Sachs

WEITERE INFORMATIONEN

Tourismusverein Schnalstal, Tel.: 00 39-04 73/67 91 48, www.schnalstal.it Ötztal Tourismus, Information Vent, Tel.: 00 43-57 20 02 60, www.vent.at