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„Nach sieben Monaten im All war ich noch nicht bereit, auf die Erde zurückzukehren“


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flow - epaper ⋅ Ausgabe 63/2022 vom 11.01.2022

Lebenslauf

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Bildquelle: flow, Ausgabe 63/2022

JESSICA MEIR (*1977, Caribou, USA) ist Astronautin und Biologin. Sie schrieb z usammen mit der Astronautin Christina Koch Geschichte, als sie 2019 als erstes Frauenteam ohne Begleitung eines Mannes einen Außeneinsatz auf der Raumstation ISS übernahmen. Auf Instagram veröffentlichte Jessica unter @astro_jessica tägliche Fotoberichte über ihre 205 Tage im All. Menschen auf der ganzen Welt verfolgten ihre Mission. Die 44-Jährige lebt in Houston, Texas.

VERGANGENHEIT

„DIE LEUTE SAGTEN OFT ZU MIR: ‚WAS FÜR EIN GLÜCK, DASS DU GENAU WEISST, WAS DU WILLST.‘ ABER WAR ES NICHT AUCH EINE ART FLUCH? WAS, WENN ICH ES NIE INS ALL SCHAFFEN WÜRDE?“

Ich wollte Astronautin werden, seit ich denken kann. Als wir in der Schule ein Bild von unserem späteren Berufswunsch malen sollten, habe ich einen Astronauten gemalt, der neben einer amerikanischen Flagge auf dem Mond steht. Und das hat sich tatsächlich nie ...

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... geändert. Woher dieser Wunsch kam, weiß ich gar nicht genau: Ich kannte niemanden, der bei der NASA arbeitete, und bei uns zu Hause in Maine gab es auch sonst keinerlei Berührungspunkte mit dieser Welt. Ich schätze, ich habe einfach eine Schwäche für Entdeckungsreisen.

Ich bin das jüngste von fünf Kindern. Mein Vater hat irakisch-israelische Wurzeln und ist Arzt, meine Mutter ist Schwedin und arbeitet als Krankenschwester. Als Kind hatte ich den Spitznamen Weltraummädchen. Zum Geburtstag bekam ich immer Geschenke, die mit dem Weltall zu tun hatten. Natürlich war ich nicht das einzige Kind, das davon träumte, ins All zu fliegen. Selbst dann, als ich tatsächlich die Laufbahn einer Astronautin einschlug, standen die Chancen nicht gerade günstig, dass ich es jemals ins All schaffen würde. Das war mir durchaus bewusst. An meinem Traum änderte das aber nichts.

Ich habe drei ältere Schwestern und einen älteren Bruder, und alle vier waren sehr begabt. Als jüngstes Kind wollte ich ihnen nacheifern und entwickelte Ehrgeiz. Unsere Eltern haben uns immer sehr gefördert, und das war mein großes Glück. Ein Jahr vor der Highschool schickten sie mich in ein spezielles Sommerlager für Luftund Raumfahrt. Es wurde an der Purdue University in Indiana organisiert, wo meine Schwester studierte. Hier kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit der Raumfahrt.

Den nächsten Schritt ging ich mit meinem eigenen Studium. Ich entschied mich für Biologie, obwohl das vielleicht nicht der direkteste Weg ist, um Astronautin zu werden. Viele Leute denken, dass man zuerst Pilotin werden oder Maschinenbau studieren muss. Und es stimmt, dass die meisten meiner NASA-Kolleg:innen Ingenieur:innen sind. Aber ich wollte mich auf die Kombination von Biologie und Raumfahrt spezialisieren. Neben dem Studium habe ich versucht, mich so gut wie möglich weiterzubilden. Zum Beispiel nahm ich in den Sommerferien an einem Sonderprogramm der NASA am Kennedy Space Center teil. Damals bot die NASA Studierenden die Möglichkeit, zu einem Flug mit reduzierter Schwerkraft eingeladen zu werden. Als Teilnehmer:in des Programms musste man sich ein Experiment ausdenken und es entwickeln. Wenn es ausgewählt wurde, konnte man zum Johnson Space Center in Houston fahren und einen Flug mit dem sogenannten Vomit Comet absolvieren. Das ist ein spezielles Flugzeug, das einer Parabelflugbahn folgt. Als Passagier erlebt man dabei für etwa 30 Sekunden Schwerelosigkeit.

Nach meinem Bachelor-Abschluss überlegte ich eine Zeit lang, Medizin zu studieren oder zu promovieren. Dann erzählte mir ein Kommilitone von einem Masterstudiengang an der International Space University in Frankreich. Mich dort einzuschreiben bedeutete für mich, ein Jahr lang in Frankreich zu leben, weit weg von zu Hause. Es fiel mir nicht leicht, aber ich wusste, dass ich dort richtig war: Alles drehte sich um die Raumfahrt. Die Themen reichten von Luft- und Weltraumrecht und -politik bis hin zu Weltraummechanik, Technik und Medizin.

Schritt für Schritt kam ich meinem Ziel näher, und mit jeder neuen Erfahrung spürte ich klarer, dass es das war, was ich wollte. Die Leute sagten oft zu mir: „Was für ein Glück, dass du genau weißt, was du willst. Ich wünschte, mir ginge es genauso.“ Einerseits wusste ich, wie sie das meinten. Aber gleichzeitig fragte ich mich, ob es nicht auch eine Art Fluch war. Ich wusste, dass meine Chancen, tatsächlich in den Weltraum zu fliegen, sehr gering waren. Viel wahrscheinlicher war es, dass ich niemals so weit kommen würde. Und was dann? Würde ich mich jemals damit abfinden? Würde ich trotzdem glücklich werden? War es wirklich so gut, dass ich diesen Traum hatte?

GEGENWART

„ICH HABE SECHS JAHRE LANG FÜR MEINE WELTRAUMMISSION TRAINIERT. DAS GEFÜHL ZU SCHWEBEN UND DABEI AUF DIE ERDE ZU SCHAUEN, IST ETWAS GANZ BESONDERES.“

Neugier ist der rote Faden in meinem Leben. Vielleicht habe ich meine Entdeckerlust, aber auch meine Naturverbundenheit von meiner schwedischen Mutter. Nach meinem Master beschloss ich zu promovieren und machte meinen Doktor in Meeresbiologie. Dafür untersuchte ich die Physiologie von Tieren in extremen Umgebungen wie der Antarktis. Das fand ich sehr erfüllend. Ich weiß noch, wie ich während meiner Promotion dachte: Gott sei Dank habe ich etwas anderes gefunden, das mich zufrieden macht. Ich kann immer noch versuchen, Astronautin zu werden, aber seien wir ehrlich – die Chancen, dass das klappt, sind gering.

Als ich mich das erste Mal bei der NASA beworben habe, habe ich es in die Endrunde geschafft. Mein letztes Vorstellungsgespräch lief wirklich gut. Als man mir dann verkündete, dass ich es nicht in die Auswahl geschafft hatte, war ich sehr enttäuscht. Die Zahl der Bewerber:innen ist groß und egal, wie gut du bist: Es gibt immer andere, die genauso qualifiziert sind wie du. Es gehört deshalb auch Glück und das richtige Timing dazu. Heute denke ich, dass eine Ablehnung auch etwas Gutes haben kann. Um das zu erreichen, was man sich aus tiefstem Herzen wünscht, muss man manchmal auch bereit sein, Risiken einzugehen und Enttäuschungen hinzunehmen.

Vier Jahre später bekam ich die Gelegenheit, mich erneut zu bewerben. Ich rechnete mir aufgrund meines Alters und der Spezialisierung, die gesucht wurde, keine großen Chancen aus. Und ich fragte mich: „Was machst du da eigentlich? Du hast schon eine Karriere, die dich sehr glücklich macht. Warum solltest du dich noch einmal bewerben und dir die ganze Mühe machen? Vielleicht ist es besser, wenn du es einfach sein lässt.“ Eine Zeit lang führte ich diesen inneren Dialog mit mir. Aber dann wurde mir klar, dass ich es noch einmal versuchen musste. Es nicht zu probieren, obwohl es schon so lange mein Traum war, ins Weltall zu fliegen, kam für mich nicht infrage.

Alle Astronaut:innen erinnern sich noch genau daran, wo sie waren, als sie den entscheidenden Anruf von der NASA erhielten. Ich hatte das Warten schon einmal durchgemacht und rechnete damit, auch beim zweiten Mal nicht dabei zu sein. Als man mir am Telefon mitteilte, dass ich für die Mission ausgewählt worden war, war ich deshalb völlig überrumpelt. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und stotterte etwas wie: „Ach, wirklich?“ Das ist einer dieser Momente, die ich nie vergessen werde.

Ich habe sechs Jahre lang für meine Weltraummission trainiert. Der Flug zur ISS startete am 25. September 2019 und dauerte knapp sechs Stunden. Trotz der intensiven Vorbereitung gibt es immer Dinge, die man nicht im Voraus üben kann. Und oft sind das die schwierigsten. Das Gefühl, im Weltraum herumzuschweben und dort zu leben, ist seltsam. Ich fühlte mich wieder wie ein Baby und musste lernen, wie man läuft, isst, sich die Haare wäscht und auf die Toilette geht. Auf der Erde sind diese Dinge so normal, dass man gar nicht darüber nachdenkt. Doch durch die fehlende Schwerkraft ist im All alles anders. In den ersten Tagen unserer Mission war ich damit beschäftigt, das zu lernen, was ich brauche, um zu überleben. In meiner Freizeit schaute ich aus dem Fenster und machte Fotos, die ich auf Instagram und Twitter postete. Wir konnten vom All aus mit unseren Familien telefonieren und sogar gemeinsam Weltraumkonzerte geben, denn ich hatte mein Saxofon und meine Piccoloflöte dabei.

Jeder, der die Schwerelosigkeit erlebt, verwandelt sich sofort in ein Kleinkind. Manchmal sah ich beim Essen aus dem Augenwinkel, wie jemand Purzelbäume schlug oder auf und ab hüpfte, einfach weil es möglich war. Dieses Gefühl, dass du schwebst, während du auf die Erde schaust, ist etwas ganz Besonderes. Das lässt sich kaum in Worte fassen. Ich habe mich nie gelangweilt, auch wenn das Schweben ab einem gewissen Punkt für mich normal wurde. Aber im Weltraum macht alles mehr Spaß. >

ZUKUNFT

„NACH SIEBEN MONATEN IM ALL WAR ICH NOCH NICHT BEREIT, ZUR ERDE ZURÜCKZUKEHREN. DIE WELT HATTE SICH DRASTISCH VERÄNDERT: WIR GERIETEN MITTEN IN DIE PANDEMIE.“

Weltraumspaziergänge sind geistig und körperlich die größte Herausforderung im All, und jeder einzelne ist anstrengend. Aber mein erster Außeneinsatz war für mich der schwierigste, weil ich nicht genau wusste, was mich erwartet. Ich war erst seit ein paar Wochen im Weltraum und musste immer noch ausprobieren, wie ich mich am besten in der Schwerelosigkeit in einem Raumanzug fortbewege. Deshalb konzentrierte ich mich akribisch auf die Vorbereitung.

Die historische Bedeutung unseres Weltraumspaziergangs war mir im Vorfeld nicht wirklich bewusst. Die Erkenntnis, dass wir etwas Besonderes geleistet hatten, kam erst im Nachhinein. Wir waren die beiden ersten Astronautinnen, die ohne Begleitung eines Mannes im All waren. Als wir feststellten, wie viele Menschen sich mit uns verbunden fühlten, war das für Christina und mich sehr überraschend und inspirierend. Wir hatten das Gefühl, dass wir mit dem, was wir taten, Generationen von Frauen und Minderheiten würdigten, die vor uns Grenzen überschritten und gläserne Decken durchbrochen hatten.

Nach sieben Monaten im All war ich noch nicht so recht bereit, zur Erde zurückzukehren. Dort oben gibt es so viel zu tun, dass die Zeit noch schneller zu vergehen scheint als unten. Ehe du dichs versiehst, ist die Mission vorbei. Am Ende des ersten Monats dachte ich: Kaum zu glauben, dass ich schon einen Monat hier bin, und dasselbe Gefühl hatte ich auch nach dem zweiten Monat. Natürlich habe ich meine Familie und Freunde vermisst, also wäre zweifellos irgendwann der Moment gekommen, an dem ich gerne wieder nach Hause zurückgekehrt wäre. Aber nach den sieben Monaten wäre ich lieber noch eine Weile geblieben. Außerdem hatte sich die Welt während unserer Mission im All drastisch verändert: Wir kehrten im April 2020 zurück und gerieten mitten in die Pandemie. Deshalb konnte ich mich nicht unbedingt darauf freuen.

Ich hatte mein ganzes Leben lang von einer Weltraummission geträumt und fragte mich, wie es danach für mich weitergehen würde. Ich dachte, ich würde wesentlich entspannter sein. Immerhin hatte ich mein Ziel erreicht und könnte mich jetzt auf mein Privatleben konzentrieren. Aber ich glaube nicht, dass ich entspannter geworden bin. Die Umstände waren auch nicht einfach für mich: Ich lebe allein, und als ich zurückkam, war die Welt im Lockdown. Es war ein einsames Leben. Ich konnte nicht ausgehen, nicht die üblichen alltäglichen Dinge tun und nicht all die Menschen sehen, die ich vermisst hatte. Eigentlich wollte mich meine beste Freundin aus der Collegezeit besuchen, wenn ich wieder auf der Erde war. Aber das war wegen der Reisebeschränkungen nicht möglich. Ich fand die soziale Isolation, mit der wir hier auf der Erde leben mussten, schwerer zu ertragen als die Isolation im Weltraum. Vor meiner Rückkehr hatte ich meine Familie und Freunde sieben Monate lang nicht gesehen, und jetzt konnte ich nur eine sehr begrenzte Anzahl von Menschen umarmen – dabei hatte ich ein großes Bedürfnis nach Nähe. Die persönlichen Kontakte und die menschliche Interaktion haben mir in dieser Zeit sehr gefehlt.

Seitdem ich zurück bin, habe ich häufiger darüber nachgedacht, wieder ins All zu fliegen, als mich wieder auf der Erde einzuleben. Wenn man diesen besonderen Ort einmal erlebt hat, will man immer wieder dorthin zurückkehren. Das höre ich auch von anderen Astronaut:innen oft. Mein größter Traum ist es deshalb jetzt, mich in irgendeiner Form an den Artemis-Missionen der NASA zu beteiligen. Dabei geht es darum, die erste Frau und den 13. Mann auf den Mond zu schicken. Ich würde gerne zu den Besatzungsmitgliedern gehören. Wenn das nicht klappt, hoffe ich, auf eine andere Weise daran beteiligt zu sein. Das steht für mich jetzt erst einmal im Vordergrund, denn natürlich möchte ich meinen Kindheitstraum wahr machen: Ich war schon im Weltraum, aber noch nicht auf dem Mond. Das ist mein nächstes Ziel, und ich bin gespannt, ob es klappt.

INTERVIEW OLIVIA GAGAN