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Nachhaltig feiern: Wie alle Jahre wieder?


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 12/2020 vom 26.11.2020

Weihnachten ist für viele traditionell auch ein Fest des Schenkens. Doch im Corona-Jahr ist vieles anders. Die Pandemie zeigt, was wirklich wichtig ist – und verstärkt einen Wandel, der schon vorher begonnen hat.


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Foto: [M] Matpix/shutterstock/Polsole/shutterstock

Illustrattionen: noun project

Es ist ein emotionaler, schön anzusehender Werbeclip, den sich E-Commerce-Gigant Amazon für seine Weihnachtskampagne gegönnt hat. Darin tanzt sich eine junge Ballerina durch ihre Tief- und Höhepunkte des Corona- Jahres. Rührende Geschichte, aufrichtige Gefühle, sanfte Musik. Motto: „The show must go on.“ Die Botschaft ...

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... hinter dem weichgezeichneten Zweiminüter: Alles wird gut, auch in diesem verrückten Jahr, so lange wir weiterhin per Klick beim Branchenriesen konsumieren können.

Doch muss die Show wirklich immer weitergehen? In diesem Jahr, das so ist wie kein anderes? Fest steht: Für die Adventszeit, wie die meisten sie kennen, wird es wohl sicher kein „Alle Jahre wieder“ geben. Weihnachtsmärkte fallen aus, Gemeinden planen kleine Andachten an verschiedenen Stationen im Freien – statt voller Gotteshäuser. Und auf der Webseite gottbeieuch.de stellen Katholische und Evangelische Kirche gemeinsam Logos und Banner für Webvideos oder Social-Media-Postings zur Verfügung: 2020 verlagern sich nicht nur berufliche Meetings ins Internet, sondern auch Gottesdienste, Familientreffen – und natürlich das Weihnachtsgeschäft.

Paketdienstleister rechnen vor Weihnachten mit Millionen zusätzlicher Sendungen. \


Anfang Oktober waren viele noch optimistisch: Da glaubte mehr als die Hälfte der Bundesbürger noch, Weihnachten könne trotz der Pandemie wie üblich als Familienfest stattfinden. Wenig später kam der „Lockdown light“ und versetzte den vorsichtigen Hoffnungen einen Dämpfer. Doch trotz aller Unsicherheiten und Sorgen könnte das Corona-Jahr auch ein Jahr des Umdenkens werden: hin zu ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Nachhaltigkeit. Teil eines solchen Wandels wäre bewussterer Konsum – gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit ein hochaktuelles Thema.

Die Prognosen von Paketdienstleistern wirken jedoch keineswegs so, als wäre Weihnachten in diesem Jahr mit weniger Konsum verbunden. DHL Express rechnet in der Vorweihnachtszeit global mit einem Anstieg seiner Sendungsmengen um mehr als 50 Prozent. Und Mitbewerber Hermes erwartet in diesem Jahr bundesweit rund 120 Millionen Sendungen – 20 Prozent mehr als im Vorjahr.

Es werde zumindest weniger Einladungen geben, für die man „mal schnell noch etwas Kleines besorgen muss“, glaubt Michaela Wänke von der Universität Mannheim. Die Professorin für Konsumentenund Ökonomische Psychologie geht auch nicht davon aus, dass die Leute für jedes ausgefallene Treffen entsprechende Geschenke per Post versenden. Die Lust auf Shopping ist vielen ohnehin gerade vergangen, auch wegen der Maskenpflicht. So bleiben voraussichtlich vor allem Gelegenheitskäufe in diesem Jahr aus.


„Verbraucher haben während des Lockdowns gemerkt, dass sie vieles von dem, was sie haben, gar nicht brauchen.“


Michaela Wänke, Professorin für Konsumentenpsychologie an der Universität Mannheim

Das Umdenken hat vorher begonnen

Doch von einer Geschenkeflut oder Konsumschlacht rund um das Weihnachtsfest würde Expertin Wänke ohnehin schon länger nicht mehr reden: „Viele schenken sich schon seit Jahren nichts mehr oder nur den Kindern in der Familie.“ Für die gebe es allerdings tatsächlich häufig Unmengen an Präsenten. Dass Erwachsene darauf verzichten, einander zu beschenken, hat aus Sicht der Psychologin aber meistens andere Gründe als den Umweltschutz: Vielen gehe es darum, Vorweihnachtsstress zu reduzieren und Enttäuschungen zu vermeiden. Nachhaltigkeit spiele eher bei besonders bewussten Geschenken eine Rolle, etwa bei Spenden für Organisationen, denen der Beschenkte nahesteht.

Wird sich denn unabhängig vom Weihnachtsfest – also langfristig und nachhaltig – etwas an unserem Konsumverhalten ändern? „Verbraucher haben während des Lockdowns gemerkt, dass sie vieles von dem, was sie haben, gar nicht brauchen“, beobachtet Michaela Wänke.

Reinhold Messner ist da skeptisch. „Meine Hoffnung, dass die Pandemie uns Europäer bescheidener macht, ist inzwischen verflogen“, schreibt die Bergsteigerlegende in einer Notiz an ÖKO-TEST (siehe Seite 26). „Der Konsum hat sich auf Amazon und Co. verlagert.“

Statt gemeinsam über den Weihnachtsmarkt zu bummeln, werden sich in diesem Jahr viele Familien in die eigenen vier Wände zurückziehen.


Michaela Wänke kann sich allerdings vorstellen, dass sich in Zukunft an unserem Konsum durchaus etwas ändern wird. Zumindest bei gewissen Gütern. Sie denkt beispielsweise an Kleidung – gerade wer oft im Home-Office arbeite, nutze viele seiner Anziehsachen gar nicht mehr. Das Nachdenken über Verzicht und Überfluss ist ja auch nicht neu. Das hatte zuvor schon die Klimabewegung angeregt – dann kam Corona. „Das addiert sich.“ Aber natürlich werde es auch etliche Menschen geben, „die Nachholbedarf haben und sich sagen: jetzt erst recht“. Vor allem was das Reisen oder Gastronomie-Besuche angeht.

Eine Rolle spielt auch die wirtschaftliche Entwicklung, die niemand genau vorhersagen kann – und die sich auf die finanzielle Lage vieler Menschen auswirkt. Dass jemand aus dem Gefühl heraus Statt gemeinsam über den Weihnachtsmarkt zu bummeln, werden sich in diesem Jahr viele Familien in die eigenen vier Wände zurückziehen. konsumiert, die angeschlagene Wirtschaft unterstützen zu müssen, betrifft nach Ansicht von Michaela Wänke nur das direkte Umfeld: „Den kleinen Buchladen um die Ecke oder das lokale Kino. Einrichtungen, von denen man hofft, dass es sie auch nach der Krise noch geben wird.“ Darüber hinaus sei der eigene Geldbeutel den meisten wichtiger als das Wohl der Wirtschaft.

Advent 2020: Leere Einkaufsmeilen und Glühwein für unterwegs.


Black Friday als eigener Feiertag

Viola Wohlgemuth ist von Berufs wegen her besorgt, wenn es um Konsum und dessen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt geht. Doch zurzeit ist die Kampaignerin bei Greenpeace guter Dinge: Sie macht einen Mentalitätswandel bei den Deutschen aus. Wohlgemuth stützt sich dabei vor allem auf eine repräsentative Umfrage aus dem Mai, die ein Meinungsforschungsinstitut im Auftrag der Umweltschutzorganisation erstellt hat. Demnach hat fast die Hälfte der Deutschen im Lockdown das Shoppen nicht vermisst.

Trotzdem sieht die Greenpeace-Aktivistin noch viel Arbeit vor sich: „Amazon hat mit dem Black Friday regelrecht einen eigenen Feiertag eingerichtet.“ Am Tag nach Thanksgiving, in diesem Jahr am 27. November, locken der Versandriese und viele andere Händler mit Rabatten und Sonderangeboten. „Es geht dabei gar nicht so sehr darum, für Freunde oder Familie Geschenke zu besorgen. Sondern immer häufiger darum, sich selbst etwas zu gönnen.“ Gerade bei Fast Fashion und kurzlebigen Elektrogeräten steige der Konsum weiterhin. Während der Aktionstage rund um den Black Friday würden enorme Ressourcen verschwendet.

Natur hat vom Stillstand profitiert

Den Wunsch nach Veränderung sieht Wohlgemuth dennoch – auch in breiteren Teilen der Gesellschaft: 88 Prozent der Befragten begrüßen der Greenpeace-Umfrage zufolge, dass weniger Autos auf den Straßen unterwegs sind. Die Hälfte vermisst zwar das Reisen, aber 81 Prozent eben nicht das Fliegen. Und sogar 84 Prozent sind davon überzeugt, dass es notwendig ist, generell anders zu wirtschaften. Dass Modeversandhändler wie About You und Zalando ins Second-Hand-Geschäft einsteigen, ist für Wohlgemuth ein wichtiges Zeichen: Diese nachhaltige Art des Modekonsums wird beliebter. „Die machen das nicht, weil sie plötzlich so umweltfreundlich sind, sondern weil sie mer- ken, dass es ein Markt ist.“ Zu sehen wie schnell sich die Natur im gesellschaftlichen Stillstand erholen konnte, habe viele zum Nachdenken gebracht, glaubt Viola Wohlgemuth. Das lässt sie optimistischer in die Zukunft blicken – auch auf die zweite Krise, die uns zeitgleich zu Corona beschäftigt: 70 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, Wirtschaftshilfen an Klimaschutzauflagen zu knüpfen.

Alternativen zum Konsumrausch

Tauschen, teilen, reparieren oder upcyceln: Dafür setzt sich die Kampagne MAKE SMTHNG ein, hinter der Greenpeace steht. Die internationale Bewegung des Selbermachens zeigt Alternativen zum Konsum auf. Ihre Aktionswoche „MAKE SMTHNG Week“ startete Ende November als Gegenbewegung zum Black Friday, „einem Höhepunkt des Konsumrauschs und zum Start der Weihnachtseinkauf- Saison“. Informationen und Anregungen für einen nachhaltigeren Lebensstil gibt es online unter makesmthng.org sowie in den sozialen Netzwerken.


„Das Miteinander hat den Menschen gefehlt, nicht das Einkaufen.“


Viola Wohlgemuth, Kampaignerin bei Greenpeace

„Die Wertedebatte verschiebt sich“, ist die Greenpeace-Konsumexpertin überzeugt – auch mit Blick auf die Feiertage: „An Weihnachten wollen sich die Menschen Zeit füreinander nehmen – sie haben im Lockdown gemerkt, was ihnen wirklich gefehlt hat: das Miteinander, nicht das Einkaufen.“


Fotos: picture alliance/SvenSimon|FrankHoermann/SVEN SIMON; FamVeld/getty images; picture alliance/Rupert Oberhäuser

Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Kira Hofmann