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Nachhaltig inder Bindestube


g&v Gestalten & Verkaufen - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 01.10.2019

Nachhaltigkeit in Blumenfachgeschäften – wo fängt das an, wo hört das auf, stehen wir dabei vor einem Fass ohne Boden? Fragt man bei Praktikern nach, fallen diesen eine Reihe an Dingen ein, die rund um die Bindestube mit Nachhaltigkeitsaspekten verbunden sind. Die gleichen Praktiker sagen aber ebenfalls, dass das Thema Nachhaltigkeit im Umgang mit den Kunden kaum eine Rolle spielt. Kann man das Ganze also vernachlässigen?


Artikelbild für den Artikel "Nachhaltig inder Bindestube" aus der Ausgabe 10/2019 von g&v Gestalten & Verkaufen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: g&v Gestalten & Verkaufen, Ausgabe 10/2019

Nachhaltigkeit ist ein Gummibegriff mit einer hohen Definitionsvielfalt, umfasst werden alle Lebensbereiche, daher versteht auch sprichwörtlich jeder etwas anderes darunter. Der 1713 ...

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... von Carl von Carlowitz geprägte Begriff bezog sich ursprünglich auf die Forstwirtschaft. Nachhaltigkeit beschrieb dort ein Handlungsprinzip zur Ressourcennutzung auf Basis der natürlichen Regenerationsfähigkeit. Der Begriff wurde nach und nach ausgeweitet. Gut erkennbar ist das an den 17 „Zielen für nachhaltige Entwicklung“, die 2015 von den Vereinten Nationen formuliert wurden. Da geht es um so unterschiedliche Aspekte wie Armut und Klimawandel, Energie und Bildung, Ernährung und Ozeane, Wasser und Gesundheit.

Auch wenn Nachhaltigkeit aufgrund des allumfassenden Ansatzes schwer zu fassen ist, können sich die meisten schon auf Grundmuster einigen. Zwei Beispiele:

• Die Baumschule (zehn Hektar) von Michael Peters in Kevelaer (NRW) arbeitet über ein geschlossenes Bewässerungssystem. Ebenso mit Nützlingseinsatz, es gibt keinen Gebrauch von Herbiziden, Unkraut wird von Hand gejätet. Ein guter Teil der Produktion wird über kurze Transportwege auf den BGM in Köln und Düsseldorf regional verkauft. Umweltschutz ist Teil der Firmen-DNA, auch in eher kleinen Details. In der Gärtnerei und auf dem BGM Köln wurden beispielsweise in diesem Jahr zwei Bienenhotels errichtet. Durch hohe Kontinuität wurden in einer Dekade über 100 Gärtner ausgebildet. Viele Leser werden sich darauf einigen können, dass dies eine Unternehmensführung im Sinne der Nachhaltigkeit ist.
• Das zweite Beispiel ist die Einzelhandelsgärtnerei von Birte und Kai Jentsch in Bargteheide (Schleswig-Holstein). Dort wurde der CO2 -Ausstoß um 95 Prozent verringert, neue Heizanlage, LED-Beleuchtung, Öko-Strom-Bezug sind weitere Aspekte. Gegossen wird mit Regenwasser, der Fuhrpark wurde auf Elektrofahrzeuge umgestellt, im Einkauf werden regionale Produkte bevorzugt. Die Ausbildung erfolgt über den Fachgeschäftszusammenschluss „Top-Ausbildung Floristik“.

Was kann ich tun?

Die Beispiele zeigen, dass in der Grünen Branche Nachhaltigkeitsanforderungen auch im großen Stil umgesetzt werden. Zu großen Anliegen wie geschlossenen Bewässerungssystemen oder der Umrüstung des Fuhrparks gesellen sich in der Branche aber viele kleinere Aspekte, die selbst bei den Praktikern oft erst ins Blickfeld geraten, wenn sie konkret darüber nachdenken:
• Gibt es in der Bindestube noch Kunststoffbast und Schnellbinder – warum wird dies nicht ersetzt durchNaturbast ?
• Nicht nur ältere Kunden wünschen nach wie vor eineFolienumhüllung ihres Geschenk-Straußes. Muss man ihrem Wunsch nachkommen?
• MussEinpackpapier wirklich beschichtet sein? Kann man nicht Bundware oder kleine Sträuße auch in Graspapier einwickeln?

Michael Peters (r., mit Mitarbeiter Nelson Kuhnhäuser) zeigt (nicht nur) mit seinen Bienenhotels, dass die Grüne Branche den Nachhaltigkeitsgedanken aufgenommen hat


• Sollte man beim Einkauf nicht grundsätzlichregional erzeugte Ware bevorzugen – vor allem mit Blick auf den Wasserverbrauch in afrikanischen Erzeugerländern?
• Müssen eigentlichOnline-Blumenbestellungen in stabilen Kartons angeliefert werden, die dann sogleich in den Müll wandern? Kann man nicht ein Mehrwegsystem oder andere Verwendungsmöglichkeiten etablieren?
• MüssenBlumenbunde beim Einkauf wirklich so umfassend wie heute üblich verpackt sein, nicht selten sogar zweimal?
• Wie vielTorfanteil ist eigentlich wirklich notwendig, damit man den Kunden Qualitätssubstrate anbieten kann?
• SindHerbizide unerlässliche Umsatzträger – oder könnte man sie aus dem Sortiment nehmen?
• Wie lässt sich eigentlich schon beim Einkauf der Anteil derPlastikpflanztöpfe verringern und der verrottbarer Materialien erhöhen?
• Muss man die Einweg-Wasserpaletten der Pflanzenlieferanten eigentlich akzeptieren? Kann man nicht eine Anlieferung in Mehrwegsystemen wie Floratino oder Palettino und zukünftig Floritrays verlangen?
• Auch wenn auf vielen Friedhöfen nicht mehr so genau hingeschaut wird und sogar wieder Plastikblumen abgelegt werden – müssenKunststoffunterlagen für Kränze , Steckschaum oder gar Styroporunterlagen wirklich auf den Gräbern landen?
• SindTischgestecke in Einwegschalen noch zeitgemäß, oder kann man auch auf Glas und Keramik im Mehrwegsystem zurückgreifen?
• Plastiktüten waren gestern. Sollten nicht von den Kunden diealternativen Papiertüten bezahlt werden, weil sie ja auch einen Wert darstellen?

Viele Kunden wünschen nach wie vor eine Folienumhüllung – muss man ihrem Wunsch nachkommen?


Fotos: Unsplash, privat

Nachhaltigkeit als Marketing-Strategie

Das Fragen- und Gedankenspiel rund um die Bindestube könnte man noch weiterführen, und große Vermarktungsorganisationen wie Landgard verfolgen in ihrer Unternehmensführung auch längst eine Nachhaltigkeitsstrategie. Die wird von Landgard aktiv kommuniziert, da eine Nachhaltigkeitsausrichtung von der Öffentlichkeit und der veröffentlichten Meinung als absolut positiv betrachtet wird.

Daher hat auch ein Anbieter wie Lidl in Sonntagszeitungen unter der Headline „Heute für morgen“ die „Lidl-Nachhaltigkeitsstrategie 2030“ für viel Geld in ganzseitigen Anzeigen beworben. Weniger Plastik, mehr Artenvielfalt, weniger Lebensmittelabfall, mehr Bioqualität, weniger Salz- und Zuckergehalt, mehr Recycling – mit solchen Argumenten wurde geworben. Das würde Lidl nicht machen, wenn die reine Preisargumentation gegenüber den Konsumenten heute noch so funktionieren würde wie gestern. Eine nachhaltige Unternehmensausrichtung ist also nicht einzig eine ethische Frage, eine Überlebensfrage für die Menschheit – sie kann zu einer Marketing-Strategie werden.

Nachhaltigkeit nicht als Rabattersatz

Man kann und sollte auch im Pflanzen- und Blumeneinzelhandel über eigene Nachhaltigkeitsaktivitäten durchaus reden. Aber vorsichtig, nicht marktschreierisch, denn eine nachhaltige Unternehmensführung wird heute schlicht erwartet, Nachhaltigkeit lässt sich nicht als Rabattersatz vermarkten. Beispielhaft zielführend ist etwa das Bienenhotel der Baumschule Peters auf dem BGM Köln. Eine nachhaltig praktische Umsetzung, die den Bienen helfen kann und zugleich das Augenmerk einer wichtigen Zielgruppe (den BGM-Kunden) auf ein Thema lenkt, das über die am Bienenhotel kostenlos ausliegenden Samentütchen für Blumenwiesen bis an die Endverbraucher herangetragen werden kann. Die Bienen werden dankbar sein. Die Menschen auch.