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NACHHALTIGKEIT KENNT KEINE GRENZEN


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g&v Gestalten & Verkaufen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 01.04.2022

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Bildquelle: g&v Gestalten & Verkaufen, Ausgabe 4/2022

Nicht wenige Leser werden schon bei der Lektüre der Überschrift spontan denken: „Oh nein, schon wieder Nachhaltigkeit, ich kann das Wort nicht mehr hören.“ Das ist nur allzu verständlich, denn der Begriff Nachhaltigkeit wurde in den vergangenen Jahren stark strapaziert, wenn nicht sogar überstrapaziert. Entstanden ist dabei ein Schwarz-Weiß-Bild, das die (Waren-)Welt in Gut und Böse unterteilt.

Produzenten und Erzeuger möchten natürlich auf der guten Seite stehen. Daher will Aldi Süd „nachhaltiges Einkaufen für alle leistbar“ machen. Rewe reklamiert für sich eine „führende Rolle im Bereich Nachhaltigkeit“ und Lidl will „der nachhaltigste Frische-Discounter Deutschlands“ werden – so berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Wobei die Handelsriesen durch viele Untersuchungen wissen, dass umweltbewusster Konsum immer wichtiger wird.

So haben sich die Kaufkriterien bei der Auswahl von ...

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... Lebensmitteln verschoben – dokumentiert unter anderem das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Als wesentliches Kriterium für eine Kaufentscheidung nennen wie früher 96 Prozent der Konsumenten den „Geschmack“. Der Preis ist als Faktor in den Hintergrund getreten und nur noch für 48 Prozent der zentrale Aspekt. Demgegenüber ist für 78 Prozent die Saisonalität der Produkte wichtig. Für 82 Prozent spielt die regionale Herkunft (zweitwichtigster Aspekt gleich nach dem Geschmack) eine führende Rolle.

Regionalität, Saisonalität, Frische

Mit Blick auf die Grüne Branche könnte man das Lebensmittel-Kriterium „Geschmack“ bei Blumen und Pflanzen mit „Frische/Haltbarkeit“ gleichsetzen. Frische und Haltbarkeit sind wiederum positive Aspekte der regional orientierten Blumen-und Zierpflanzenproduktion. Zusammengefasst ließe sich also sagen: Die drei wichtigsten Kriterien ergeben sich aus Regionalität, Saisonalität und Frische/Haltbarkeit.

Der die regional produzierten Produkte anbietende Blumenfacheinzelhandel hat also keine schlechte Position, wenn es um die oben beschriebenen Veränderungen des Konsumentenverhaltens geht. Man kann sich also schon fragen, warum dies werblich nicht stärker herausgestellt wird? Wobei man berücksichtigen muss, dass der Begriff Nachhaltigkeit allumfassend verstanden wird. Zur Nachhaltigkeit gehört das Tierwohl ebenso wie die Reduzierung chemischer Pflanzenschutzmittel, der reduzierte Einsatz von Plastik ebenso wie der Umgang mit den beschränkten Süßwasservorräten, der Artenschutz ebenso wie die Eindämmung von Kinderarbeit. Mit vier Worten: Nachhaltigkeit kennt keine Grenzen.

Was kann die Grüne Branche konkret tun?

Zwei Beispiele zeigen, wie es geht. Da ist zunächst einmal der Gartencenter-Filialist Pflanzen-Kölle, der in seinen dreizehn Filialen konsequent und beispielhaft den Nachhaltigkeitsanforderungen Rechnung trägt. Das Unternehmen mit Sitz in Heilbronn hat das Nachhaltigkeitskonzept in vier Säulen aufgeteilt: Nachhaltige Sortimente, Ressourcen und Klimaschutz, Lebensraum und Artenvielfalt sowie Fairness und Transparenz. Unter diesen vier Säulen stehen Einzelthemen wie etwa Torf, Wasser, Verpackung, Pflanzenschutz, Recycling, Regionalität und mehr. Zur Durchsetzung dieser Ziele wurde mit Ulrike Rothhaar eine Nachhaltigkeitsbeauftragte ernannt. Im Einzelnen werden unter anderem folgende Aktivitäten umgesetzt:

Pflanzenschutz: Schon seit 2013 arbeitet Pflanzen-Kölle an der Reduzierung chemischer Pflanzenschutzmittel. Dazu arbeitet das Unternehmen intensiv mit den Lieferanten zusammen. Seit 2015 ist so eine Negativliste mit Pflanzenschutzprodukten entstanden, die von den Lieferanten nicht mehr eingesetzt werden sollen. Ab dem Jahr 2018 wurde die Zusammenarbeit mit Global 2000 gesucht, erfüllt wird ein Grenzwertkatalog dieser Umweltschutzorganisation.

Artenvielfalt: Die bisherigen Modellgärten der Filialen werden so umgestaltet, dass sie dem Erhalt der Artenvielfalt entgegenkommen. Bepflanzt wird bevorzugt saisonal. Es entstehen Blumenwiesen auf re-naturalisierten Parkplatz-Arealen, Bienen-und Insektenhotels werden aufgestellt, Kübel bevorzugt mit Kräutern bepflanzt. Wie sehr das Thema Artenvielfalt die Konsumenten berührt, zeigt eine betriebswirtschaftliche Kennziffer. Bis zum Jahr 2017 war der Verkauf von Bienenhotels bei Pflanzen-Kölle gleichbleibend, seit 2018 hat sich der Umsatz mehr als verdoppelt.

Plastikreduzierung: Pflanzen-Kölle lässt sich aus den Niederlanden mit dem Mehrweg-System Floratinos (in Deutschland Palettinos) beliefern, die Mehrwegquote liegt bei bis zu 80 Prozent. Darüber hinaus wird für die am Standort München angesiedelte Bio-Kräuter-Produktion ein eigenes Palettino-Mehrweg-System etabliert. Dabei sollte man wissen: Noch immer kommen jährlich allein aus den Niederlanden 90 Millionen Wasserpaletten (Einweg-Trays) auf den deutschen Markt – sie werden in der Regel nur ein einziges Mal benutzt. Das Fraunhofer-Institut kommt zu dem Ergebnis, dass durch Mehrweg-Trays (wie sie auch auf den Blumengroßmärkten üblich sind) nicht nur viel Plastik, sondern ebenfalls 30 Prozent CO2 eingespart wird.

Bio-Produkte: Pflanzen-Kölle möchte in diesem Jahr das Ziel erreichen, dass 100 Prozent der eigenen Kräuter-Produktion in Bio-Qualität erzeugt wird. Folgen sollen Stauden und Baumschulerzeugnisse. Bis 2025 soll 80 Prozent der Kölle-Eigenproduktion das EU-Bio-Siegel tragen.

Torf: Durch die Zusammenarbeit mit Lehr-und Versuchsanstalten wird seit 2014 an torfreduzierten Substraten gearbeitet. In diesem Jahr soll für den Endverkauf die Marke von 80 Prozent torffreier Erden erreicht werden.

Sicher, nicht alle dieser Aktivitäten sind im Blumenfachgeschäft eins zu eins umsetzbar. Doch das in solchen Umweltfragen führende Branchenunternehmen aus Heilbronn zeigt die Richtung an, um die es in der Zukunft gehen wird. Denn eins dürfte klar sein: Die Nachhaltigkeitsfragen sind keine „Eintagsfliege“, sie sind Basis des weltweiten Umbaus der Wirtschaftssysteme. Was in den vergangenen Jahren begonnen hat, wird auch folgende Generationen noch beschäftigen.

Regionalität gesellschaftlich gewollt

Leicht umsetzbar für Blumenfachgeschäfte ist ein Angebot, das schon vor mehreren Jahren von der Vereinigung Deutscher Blumengroßmärkte mit der Regionalmarke „Ich bin von HIER!“ (IBVH) entwickelt wurde. Im Kern geht es dabei um die Bewerbung von regional erzeugten Blumen und Pflanzen, die über die Blumengroßmärkte vertrieben werden. Regional bedeutet in diesem Fall, dass die Blumen und Pflanzen im Umkreis von hundert Kilometern rund um die jeweiligen Standorte produziert werden.

Damit wird eine Forderung des Umweltbundesamtes erfüllt: „Aus Umweltsicht sollte die Bezeichnung ‚regional‘ ausschließlich bei Produkten verwendet werden, bei denen ein klarer, geografisch begrenzter Bezug zwischen dem Herstellungs-/Verarbeitungs-und dem Angebotsort vorliegt.“ Diese Formulierung spielt auf die inflationäre Verwendung des Begriffs „regional“ im Lebensmitteleinzelhandel an. Eine klare örtliche Begrenzung wie bei IBVH ist dort oft nicht gegeben.

Die Förderung regional erzeugter Produkte ist aber politisch gewollt, von Nord (Schleswig-Holstein) bis Süd (Baden-Württemberg) gibt es entsprechende Landesprogramme. Warum? Viele Trend-Lebensmittel wie etwa Blaubeeren aus Peru oder Avocado aus Mexiko werden mit dem Flugzeug transportiert – ebenso Blumen aus Afrika oder Südamerika. Nach einer Studie des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2017 verursacht der Transport von Lebensmitteln mit dem Flugzeug bis zu 170-mal mehr Treibhausemissionen als ein Schiffstransport. Treibhausgasemissionen sind ein Kernthema beim Klimaschutz, der wiederum ist ein zentrales Element der allumfassenden Nachhaltigkeitsdiskussion. Zu der zählen dann Aspekte, die ebenfalls für die Regionalmarke „Ich bin von HIER!“ eine Rolle spielen.

Regionalmarke vereint viele Aspekte

Kurze Transportwege (maximal hundert Kilometer) sorgen automatisch für weniger Umweltbelastung als Lastkraftfahrten quer durch die Republik oder gar Flugzeugtransport. Regional kultivierte Blumen und Pflanzen sind auch immer ein Bekenntnis zur Saisonalität. Der hohe Stellenwert von Saisonalität bei den Verbrauchern wurde weiter oben schon erwähnt. Die Bevorzugung regional erzeugter Blumen und Pflanzen durch den Blumenfacheinzelhandel fördert die traditionellen Familienunternehmen des deutschen Gartenbaus und sichert Arbeitsplätze. Das ist auch ein wichtiges Ziel der regionalen Förderprogramme der Bundesländer. Blumen und Pflanzen aus der Region werden nach deutschem Arbeitsrecht und den hier gültigen Sozialstandards produziert. Zum Vergleich: Der Konzern Nestlé will nach eigenen Angaben in einem neuen Beschaffungsprogramm die jährlichen Ausgaben für nachhaltig produzierten Kakao verdreifachen und bis zum Jahr 2030 auf diesem Feld 1,3 Milliarden Franken investieren.

Nützlingseinsatz, innovative Technologien zur Regelung des Wasserverbrauchs oder Biogas-Abwärmenutzung sind nur einige Stichworte zur Nachhaltigkeitsorientierung des deutschen Gartenbaus. Die regional orientierten Gärtner tragen beträchtlich zu Arten-und Sortenvielfalt bei. Durch die Spezialitäten werden die Blumenfacheinzelhändler in die Lage versetzt, sich vom Massenangebot des Systemhandels abzugrenzen.

Nachhaltigkeit bewerben!

Nun ist es bekanntlich so, dass Floristen, Wochenmarkthändler oder Gartencenter regionale Ware gegenüber vergleichbaren, aber weit transportierten Produkten bevorzugen. Das tun sie schon aus Eigeninteresse, aus Gründen der Frische und Haltbarkeit. Was aber nur unzureichend gemacht wird, ist, dass gegenüber den Endverbrauchern mit dieser Regionalität (also Nachhaltigkeit) auch geworben wird. Dabei sind die Konsumenten bereit, regionalen Produkten den Vorzug zu geben. Und mit „Ich bin von HIER!“ hat die Branche eine Regionalmarke von absoluter Exklusivität zur Verfügung. Nutzen dürfen die Marke nur die Kunden der Blumengroßmärkte – der Systemhandel bleibt außen vor. Welche Rolle nachhaltige Produkte zukünftig spielen könnten, zeigt ein Blick auf die Strategie des oben erwähnten Konzerns Nestlé. Er wird ab dem nächsten Jahr erste Schokoladenprodukte auf den Markt bringen, die mit Kakao aus dem neuen Beschaffungsprogramm hergestellt werden. Für diese will der Konzern höhere Preise verlangen als für herkömmliche Schokoladenwaren. Das würde er nicht versuchen, wenn nicht Marktforschungsergebnisse einen Erfolg nahelegten. Bezogen auf den Blumen-und Pflanzenmarkt ließe sich in diesem Zusammenhang der Volksmund zitieren: „Das Gute liegt oft so nahe.“ In der eigenen Region.