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Nachschlag für Fräulein Klarinette


FONO FORUM - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 05.06.2020

Der Freundschaft zwischen Johannes Brahms und dem Meininger Klarinettisten Richard Mühlfeld verdanken wir vier kammermusikalische Meisterwerke.


Artikelbild für den Artikel "Nachschlag für Fräulein Klarinette" aus der Ausgabe 7/2020 von FONO FORUM. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: FONO FORUM, Ausgabe 7/2020

Johannes Brahms. Fotografie aus dem Jahre 1889


Folge 122: Klarinettentrio, Klarinettenquintett und die beiden Klarinettensonaten von Johannes Brahms

„Fräulein Klarinette“ nannte Johannes Brahms seinen Freund Richard Mühlfeld. Foto um 1894.


Nach der Vollendung seines Streichquintetts op. 111 im Jahr 1890 betrachtet Brahms sein kompositorisches Schaffen als beendet. Er ordnet seinen musikalischen Nachlass und übersendet seinem Verleger 1891 ein Testament. Ungeachtet ...

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... dessen nimmt er weiterhin am musikalischen Leben teil und kommt im März 1891 einer Konzerteinladung des Meininger Hofes nach. Die Meininger Hofkapelle hat sich ab 1879 unter der Stabführung des Brahms-Freundes Hans von Bülow zu einem der führenden Orchester seiner Zeit entwickelt. Star des Ensembles ist der Soloklarinettist Richard Mühlfeld, den Brahms seit 1881, dem Beginn seiner Zusammenarbeit mit dem Orchester, kennt und schätzt. Bei Brahms‘ Besuch im März 1891 tritt der 35-jährige Mühlfeld im Rahmen mehrerer Hofkonzerte mit Webers erstem Klarinettenkonzert und Mozarts Klarinettenquintett auf. Brahms ist hingerissen und schreibt an Clara Schumann: „Man kann nicht schöner blasen, als es der hiesige Herr Mühlfeld tut.“


„Das ist so gelöst, so frei und visionär, da war noch nie ein Komponist.“


Derart inspiriert und beflügelt reist er in sein Sommerquartier nach Ischl, wo er in kürzester Zeit das Trio a-Moll op. 114 und das Klarinettenquintett h-Moll op. 115 zu Papier bringt. Einer privaten Erstaufführung der beiden Stücke in Meiningen folgt eine Einladung von Joseph Joachim, beide Werke im Rahmen seiner Berliner Streichquartett-Abende uraufzuführen. Allein das ist schon außergewöhnlich, da die Konzertreihe bis dato ausschließlich der Quartettliteratur vorbehalten war. Brahms Kommentar dazu in einem Brief an seinen Verleger Simrock: „Melde, dass das Joachimsche Streichquartett leider durch mich seine Jungfernschaft verliert! Am 12ten Dezember dringe ich mit Klarinette und Klavier in das keusche Heiligtum.“ Das Konzert in der Singakademie, mit Hans von Bülow und Adolph Menzel im Publikum, gerät zur Sensation. Das Publikum verlangt gar die Wiederholung des Quintetts, was Joachim schließlich mit Rücksicht auf den Bläser auf ein Dacapo des Adagios reduziert. Für Mühlfeld bedeutet das den internationalen Durchbruch.

„Unser Beisammensein und unser gemeinschaft liches Musizieren war mir eins der fröhlichsten & schönsten künstlerischen Erlebnisse und wird mir eine wertvollste Erinnerung bleiben“, schreibt Brahms seinem Freund Mühlfeld und lässt als Schlusspunkt dieser wunderbaren Geschichte 1894 noch die beiden Sonaten op. 120 folgen. Wieder ist das Publikum begeistert, von September 1894 bis Februar 1895 folgen 20 Auff ührungen. Das Leipziger Wochenblatt beschreibt den „Eindruck einer Improvisation zweier sich innig verstehenden Musikerseelen“.

Auf einer Fotografie des Jahres 1894 wirken Brahms und Mühlfeld wie Brüder: Zwei vollbärtige Mannsbilder, off ensichtlich dem guten Essen und Trinken nicht abgeneigt, die optimistisch in die Welt blicken. Was beide neben der künstlerischen Wertschätzung eint, sind ihre Biografien. Beide haben keine akademische Hochschul- oder Konservatoriumsausbildung genossen. Brahms, geboren als Sohn eines Tanzmusikers im Hamburger Gängeviertel, macht seine ersten musikalischen Erfahrungen in diesem Umfeld, ehe seine früh erkannte und geförderte Begabung ihn in die Welt führt.

Mühlfeld wird 1856 als vierter Sohn des Salzunger Stadtmusikdirektors geboren. Zu dessen Aufgaben zählt neben der Ausbildung des musikalischen Nachwuchses die Leitung der Stadtund Badekapelle. Seine Söhne bildet er, wie die übrigen „Lehrlinge“ auch, im eigenen Hause aus. Sie wirken schon ab dem zehnten Lebensjahr als Streicher und ab dem zwölft en auch als Bläser bei Badekonzerten, Bällen und Tanzmusiken mit. Richard lernt Geige, Klarinette und Klavier und wird mit 18 Jahren als Geigen-Eleve Mitglied der Meininger Hofk apelle. Nachdem er beim ersten „Ring“ in Bayreuth noch als Geiger tätig gewesen war, erhält er 1879 eine Festanstellung als Soloklarinettist in Meiningen, in gleicher Funktion gehört er dem Bayreuther Festspielorchester ab 1884 für zwölf Jahre an.

Brahms᾿ vier späte Meisterwerke stellen vordergründig Mühlfelds Meisterschaft zur Schau, doch haben sie nichts mit der traditionellen Virtuosenliteratur gemein. Die Klarinettenpartien sind ganz aus dem Geist und dem Charakter des Instrumentes erfühlt, die ganze Skala der Ausdrucksmöglichkeiten wird durchmessen. Es gibt keine Stellen, die den technischen Bedingungen zuwiderlaufen. Nur wenige Takte bieten Schwierigkeiten, wie etwa eine Passage im dramatisch-rhapsodischen Mittelteil des Quintett-Adagios. Die ganze Kunst des Interpreten kann sich auf die Gestaltung der melodischen Linien und des musikalischen Gesamtkunstwerks konzentrieren. Was Brahms darüber hinaus an satztechnischer und harmonischer Vielfalt mit scheinbar lockerer Hand hinzufügt, weist in die Zukunft und bereitet den nachfolgenden musikalischen Neuerern den Weg. Eine Anmerkung von Jörg Widmann zum Quintett bringt es auf den Punkt: „Wenn man an das Ende des zweiten Satzes zurückdenkt – das ist so gelöst, so frei und visionär, da war noch nie ein Komponist. Da war noch nie ein Mensch.“

Buch-Empfehlung

Maren Goltz/Herta Müller: Richard Mühlfeld. Der Brahms-Klarinettist; Artivo, Balve 2007


CD-Empfehlungen

Trio, Quintett und die Sonaten Heinz Hepp, Mika Degaita, Helmar Stiehler, Gasteig Quartett München (1994); Opus (2 Einzel-CDs) Die musikalisch grundsolide Gesamteinspielung ist insofern von Bedeutung, als Heinz Hepp (1938-2018), der langjährige Soloklarinettist der hr-Sinfoniker, den Interpretationen auf seinen modernen Instrumenten Satzausschnitte aller Stücke mit Mühlfelds Klarinetten gegenüberstellt. Dabei zeigt sich, dass diese sich klanglich kaum von heutigen Instrumenten unterscheiden. Daraus Mühlfelds wirklichen Ton abzuleiten, ist jedoch nicht möglich, da die Tongebung von Blasinstrumenten ganz wesentlich vom Bläser abhängig ist. Die 1874/75 aus Buchsbaum gefertigten Instrumente von Georg Ottensteiner befinden sich heute im Besitz der Meininger Museen.

Trio

Jörg Widmann, Jan Vogler, Ewa Kupiec (2001); Berlin Classics Musikalisch spannende, klar durchstrukturierte, tonschöne Referenzaufnahme.

Trio und die Sonaten

Jost Michaels, Klaus Storck, Detlef Kraus (1963); Cantate Jost Michaels lehrte von 1949-84 an der Musikakademie (heute Hochschule) in Detmold. Aus seiner Klarinettenklasse gingen Generationen wichtiger Bläser hervor. Zusammen mit dem Detmolder Absolventen Klaus Storck und Detlef Kraus, einem der führenden Brahms- Pia nisten seiner Zeit, zelebriert er die Stücke mit analytischer Ernsthaftigkeit. Bemerkenswert ist Michaels‘ schöner fl exibler Ton, der so gar nichts mit der seinerzeit noch gepfl egten deutschen Klarinettentradition gemein hat.

Karl Leister, Wolfgang Boettcher, Ferenc Bognár (1997); Nimbus Als Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker war Karl Leister 1959-1993 eine der prägenden Bläserstimmen der Karajan-Ära. Er verlieh der deutschen Klarinettentradition Eleganz, die zunächst nach Mühlfeld verloren gegangen war. Das Trio und die Sonaten hat Leister (wie auch das Quintett) mehrfach aufgenommen. Die vorliegenden Versionen klingen in ihrer Geschlossenheit am überzeugendsten.

Sharon Kam, Gustav Rivinius, Martin Helmchen (2008); Berlin Classics In höchst individueller Weise zart-intim wirkende, sensibel austarierte Interpretationen. Ein heiterer Brahms in musikalischen Pastelltönen.

Robert Oberaigner, Norbert Anger, Michael Schöch (2017); MDG Oberaigner, Soloklarinettist der Staatskapelle Dresden, sein Orchesterkollege Anger und Pianist Schöch zelebrieren mit betörend schöner Tongebung die hohe Kunst sensibel gestalteter Kammermusik.

Versionen mit Viola

Yuri Bashmet, Valentin Berlinsky, Mikhail Muntyan (1983); Olympia Sozusagen außer Konkurrenz zum Vergleich und Kennenlernen.

Quintett

Charles Draper, Léner String Quartet (1928); Pearl Charles Draper (1869-1952) war zu seiner Zeit der einfl ussreichste britische Klarinettist. Mit seinem ausdrucksstarken Ton verstand er es meisterhaft, den romantischen Geist des 19. Jahrhunderts fortleben zu lassen. Er hat Richard Mühlfeld bei dessen Londoner Gastspielen noch selbst erlebt. Trotz Schellack-Rauschen klingt die Mono-Aufnahme mit dem vorzüglichen Léner Quartett aus Ungarn erstaunlich präsent und lebendig.

Alfred Boskowsky, Wiener Oktett (1953); Testament Ein Klassiker aus der frühen LP-Ära: Mitglieder des 1947 von den Brüdern Alfred und Willy Boskowsky gegründeten Wiener Oktetts mit einer rhythmisch ausschwingenden musikalisch-musikantischen Version. Alfred, Soloklarinettist, und Willy, Konzertmeister der Wiener Philharmoniker, zusammen mit ihren Orchesterkollegen in Bestform.

Sabine Meyer, Wiener Streichsextett (1990); EMI Ein elegant dahinströmender Wohlklang der Extraklasse.

Karl Leister, Leipziger Streichquartett (1996); MDG Anders als bei den Aufnahmen mit dem Amadeus-Quartett (1967) oder dem Vermeer-Quartett (1983) gelingt es den vortreffl ichen Leipzigern, den sich gern als Solisten gerierenden Leister geschickt ins Ensemble zu integrieren. Jörg Widmann, Hagen Quartett (2011); Myrios Der absolute Spitzenreiter: All die kunstvollen Verästelungen Brahms‘scher Kammermusikkunst werden mit traumwandlerischer Sicherheit nachgezeichnet. Tonlich verschmilzt das dunkle Timbre der A-Klarinette wunderbar mit dem Ensembleklang der Streicher.

Sonate für Klarinette und Klavier nach dem Quintett op. 115 (Paul Klengel)

Luigi Magistrelli, Sumiko Hojo (2001); Bayer Das von Brahms abgesegnete Kuriosum erschien ein Jahr nach der Drucklegung des Quintetts im gleichen Verlag (Simrock). Derart entblättert wirkt der Klarinettenpart streckenweise fröstelnd nackt. Trotzdem schön geblasen.

Sonaten

Dieter Klöcker, Werner Genuit (1982); Arts Aus der sehr schönen LP-Kassette mit Brahms‘ Bläserkammermusiken haben es (zusammen mit dem Horntrio op. 40) nur die beiden Sonaten ins CD-Zeitalter geschafft. Klöcker und Genuit zelebrieren die hohe Kunst des Zusammenspiels auf allen Ebenen.

Sonate Nr. 1 für Orchester

Annelien Van Wauwe, Orchestre National de Lille, Alexandre Bloch (2018); Pentatone Die im spätromantischem Sinne orchestrierte Version des italienischen Avantgardisten Luciano Berio verleiht dem Stück einen impressionistischen Charakter, was die perlende Leichtigkeit der belgischen Klarinettistin noch unterstreicht.


Foto: Archiv

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