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Nachsuchen


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 80/2021 vom 20.07.2021

NACHUSCHENSERIE

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Der Schweißhund wittert bereits das erlegte Stück.

Wollen wir einen Jägerstammtisch über mehrere Stunden beschäftigen, dann werfen wir zuerst die Frage in die Runde, wer denn nun welche Waffe benutzt und was denn eigentlich „die Beste“ sei. Schließlich steht in jedem durchschnittlichen Waffenschrank nicht nur eine kombinierte Waffe, sondern auch eine normale Kugelbüchse. Dann vielleicht noch eine für das Grobe auf der Drückjagd oder für das Durchgehen. Dazu noch ein reines Rehwildkaliber und eine Schonzeitwaffe – eventuell ergänzt durch eine Magnum, wenn man im Gebirge oder bei der Auslandsjagd mal weiter hinlangen muss.

Waffe beherrschen

In der Gewissheit, dass sich nun eine rege Diskussion entwickelt, stellt sich mir die Frage, wie viele Stücke Schalenwild unser Durchschnittsjäger pro Jahr sicher und routiniert erlegt. Darüber hinaus, wie oft der Schießstandbesuch zur Wochenendbeschäftigung gehört. Die Strecke ist dabei Nebensache, ...

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... die Hauptsache ist, der Schütze kann sicher und gewissenhaft mit seinem Waffenarsenal umgehen.

Zu unterschiedlich sind die Sicherungen, Abzugscharakteristiken und Handhabungen, um diese blind in jeder Situation zu beherrschen. Engagierte Jäger benutzen normalerweise nur ein Gewehr. Und das dafür sicher in allen Lagen ...

Das beste Kaliber

Die sich anschließende, leidige Frage nach dem besten Kaliber bringt unseren Stammtisch langsam in Rage – nun wird mit ballistischen Daten und Messwerten aufgetrumpft. Ein Kriminaltechniker und Waffenexperte erzählte mir, dass es eigentlich nur eine Energie von circa 80 bis 100 Joule braucht, um ein Lebewesen von circa 80 Kilogramm Gewicht zu töten. Die entscheidende Frage ist nur, wo und wie ich diese Energie dorthin bringe, wo sie eben tödlich ist.

Auswertungen und Erfahrungen von Nachsuchenführern zeigen eine deutliche Tendenz zu eher größeren Kalibern – ab sieben Millimetern. Ja, man kann auch mit einer 9,3 schlecht treffen, und eine solche Patrone hat auf der Keule eine schlechtere Wirkung, als zum Beispiel eine 6,5 in der Kammer. Wasser auf den Mühlen der Traditionalisten, die der Meinung sind „kleinem Wild die kleine Kugel – großem Wild die große Kugel“.

In der Praxis

Seit in immer mehr Revieren Schwarzwild auftaucht, bekommen es die Nachsuchenführer immer seltener mit den Auswirkungen der kleinen, recht schwachen Rehwildkaliber zu tun, denn „Sau kann immer kommen“. So lernt unsere Jägergeneration von Neuem, was unsere Großväter schon wussten und unsere Väter nicht mehr wissen wollten: dass man auch mit einer 8x57 ein schwaches Rehkitz durchaus sauber und ohne große Wildbretverluste auf der Jagd erlegen kann.

In der Waffentechnik hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr viel getan – ehemals mit großem handwerklichen Geschick gefertigte Jagdwaffen werden heute auf computergesteuerten CNC-Fräsen in höchster Präzision gefertigt. Das Anschusszertifikat meines knapp 50 Jahre alten Drillings weist einen Streukreisdurchmesser von fünf Zentimetern auf 100 Meter nach und wurde damit als „hervorragend“ eingestuft. Streukreise bis sieben Zentimeter galten als „sehr gut“ – bis zehn Zentimeter immer noch als „gut“!

Heute dagegen ist ein Streukreis von zwei bis drei Zentimetern auf 100 Metern fast schon Standard – auch preisgünstige Waffen werden mit solch einer Schussgarantie beworben und verkauft. Somit ist das Thema „Waffenstreuung“, sofern unser Werkzeug in einwandfreiem Zustand ist, eigentlich kein Thema mehr und nicht mehr als Ausrede für schlechte Treffer zu gebrauchen. Bleibt also nur noch die „Schützenstreuung“ – womit wir wieder beim Thema Schießstand wären.

Handwerk erlernen

Dass unsere Waffe beim Gang zum Hochsitz in einwandfreiem Zustand sein sollte, klingt plausibel. So soll das Zielfernrohr sauber und fest in der Montage sitzen. Mehrere Untersuchungen unter anderem der DEVA haben belegt, dass Ölrückstände in Lauf und im Patronenlager deutlich spürbare negative Auswirkungen auf die Präzision und die Schussleistung haben. Wird eine neue Packung Munition geöffnet und diese hat eine andere Losnummer, sollte zur Sicherheit immer ein Kontrollschuss im Revier abgegeben werden.

Geschosse

Ist die Frage der Waffe und des Kalibers im Kreis des Jägerstammtisches ausreichend und fast abschließend besprochen, so kommt meist noch die Frage nach dem richtigen Geschoss auf. Gerade in der momentanen Situation ein Thema, kommen doch nun auch verstärkt bleifreie Konstruktionen auf den Markt. Deren Verwendung ist zum Beispiel bei den deutschen Bundesforsten und in verschiedenen deutschen Bundesländern verpflichtend vorgeschrieben. So werden Abschussberichte gewälzt und Nachweise über zufriedenstellende und absolut unbefriedigende Wirkungen ausgetauscht.

„Nur rund 70 Prozent der Stücke bleiben am Platz.“

Es gibt kein Geschoss, welches jedes Stück Wild immer absolut zuverlässig und wildbretschonend auf den Platz bannt.

Auch bei guten Treffern bleiben – bei vergleichbaren Trefferlagen! – nur rund 70 Prozent aller Stücke am Platz. Die Unterschiede zwischen den einzelnen gängigen Geschosskonstruktionen liegen im einstelligen Prozentbereich. Das ist zu wenig, um von einem normalen Durchschnittsjagdscheininhaber wahrgenommen oder bewertet werden zu können.

Und normale Fluchtstrecken um die 30 Meter sind in lichtem Altholz noch keine Nachsuche – aber in dichter Naturverjüngung ist dagegen das Wild ohne Hund manches Mal unmöglich zu finden.

Nachsuchen verursachen

Nun also angemessen bewaffnet ausgerüstet treten wir den Gang zum Hochsitz an, auch wenn dies im Herbst oder Winter schon manchmal schwierig erscheint. Wie oft kommt man zu spät: das Wild ist schon ausgetreten oder steht an der Kirrung. Nun braucht die Schwiegermutter aber dringend ein Stück für ihren runden Geburtstag und wir kommen den Hochsitz nicht mehr unbesehen rauf, also wird notdürftig am Leiterholm angestrichen und auf 120 Meter Funken gerissen. Das Ergebnis befriedigt nicht wirklich und unter Umständen beginnt die Nachsuche.

Aufgebaumt am Sitz richten wir uns erst einmal ein. Der Rucksack, das Glas etc. wird alles nach festen Gewohnheiten verstaut. Dann wird gerade bei unbekannter Umgebung (Jagdeinladungen – Drückjagden) das Gelände sondiert und sich die Umgebung eingeprägt. Erscheint Wild, so konzentrieren wir uns automatisch darauf – das Umfeld müssen wir uns also vorher einprägen. Markante Punkte werden ausgemacht und Entfernungen geschätzt oder besser mit dem Entfernungsmesser gemessen. An Kanzelwänden können auch markante Punkte mit den entsprechenden Entfernungen an der Wand angeschrieben sein. Sicherheitsrelevante Punkte wie Standorte der Nachbarschützen, Gebäude und auch Bereiche mit Kugelfang werden verinnerlicht.

Spontane Geschlechtsumwandlungen

Sobald Wild anwechselt, hören wir dies gerade bei Schwarzwild häufig. Wir warten, bis die Stücke ausgetreten sind und erwarten die Stücke nicht mit bereits entsicherter und eingestochener Waffe am Dickungsrand. Der Einsatz von Wildkameras an Kirrungen hat gezeigt, dass wir uns Zeit lassen können. Meist sind die Sauen längere Zeit zugange, sodass ausreichend Zeit ist, sauber anzusprechen. Dass wir versuchen, Wild korrekt anzusprechen, erscheint als Selbstverständlichkeit, aber ich wurde in meiner Tätigkeit als Nachsuchenführer schon Zeuge spontaner Geschlechtsumwandlungen.

Auch Wildartverwandlungen habe ich erleben dürfen. Alles nicht so tragisch, nur sollten alle Beteiligten wissen, was es zu suchen gilt und so nicht ein vermeintlich falsches Stück ziehen lassen. Gerade bei Schwarzwild ist die Ansprache der Klasse und des Gewichtes so wichtig wie schwierig. Es macht einen großen Unterschied, ob wir auf einen 25 Kilogramm Frischling suchen oder ob wir mit einem 90 Kilogramm Keiler mit einer Kugel in der Keule zu rechnen haben. Ein Frischling kann auch schon umwerfend sein, wenn er unvorbereitet aus der Dickung, womöglich noch bei Dunkelheit, annimmt und tapfer versucht, seine Schwarte zu retten. Vor größeren Sauen habe ich Respekt, ihnen ist mit Vorsicht zu begegnen. Vorsicht ist die erste Lebensversicherung, die wir mitbekommen. Und wer schon einmal am Boden lag, sinnt nicht unbedingt auf Wiederholung – dessen Bedarf ist in der Regel gedeckt. Darum wird die Nachsuche auf eine grobe Sau besser erst bei Tageslicht und mit Unterstützung durch einen zweiten Mann durchgeführt, Wildbretverwertung hin oder her!

Wildbretverwertung

Ein paar Gedanken zur Wildbretverwertung aus nachsuchentechnischer Sicht: Ziel der Jagd ist es unter anderem vernünftiges, genussfähiges Wildbret zu gewinnen. Ausnahmen sind die Jagd auf den Brunfthirsch oder den rauschigen Keiler, hier stehen die Trophäen an oberster Stelle. Darum schieße ich grundsätzlich auf und nicht hinter das Blatt, damit durch das Durchschlagen der Kammer das Stück mit hoher Wahrscheinlichkeit am Platz liegt und keinen Meter mehr macht.

Liegt das Stück nicht, muss nachgesucht werden. Hier liegt der primäre Fokus nicht mehr auf der Rettung wertvollen Wildbrets, sondern darauf, dem Stück überhaupt habhaft zu werden. Das Argument des wertvollen Wildbrets ist eventuell noch in der Schweiz gültig – in Deutschland greift es aber bei Wildbretpreisen von unter einem Euro pro Kilogramm für Schwarzwild nicht mehr. Darum rate ich von einer eigenständigen und alleine durchgeführten Nachsuche, wenn die Pirschzeichen nicht eindeutig eine Totsuche erwarten lassen, ab. Der ausgesetzten Gefahr ist das schöne und leckere Wildbret nicht wert.

Schüsse auf Nahdistanz

Die meisten Stücke werden auf einer Entfernung zwischen 20 und 150 Metern erlegt. Gerade im Entfernungsbereich null bis circa 20 Meter fallen aber überproportional viele Nachsuchen an. Warum gerade hier, wo man doch meint, auf die kurze Distanz nicht vorbeischießen zu können? Jede Waffe hat abhängig nach Bauart und Zielfernrohrmontage an der Mündung erst eimal einen Tiefschuß. Die Visierlinie liegt circa sechs bis sieben Zentimeter über der Seelenachse des Laufes. Wenn nun der Haltepunkt Mitte Blatt ist, liegt der Treffer bei einem Stück Rehwild meist im Bereich des Brustbeines oder eben darunter. Kritisch wird es, wenn wir auf kurze Distanz vom Hochsitz hinabschießen – hier werden aus sieben Zentimetern Tiefschuss schnell das Doppelte. In Verbindung mit der Zielhilfe „am Vorderlauf hochfahren“ haben wir hier quasi eine Lauftreffergarantie! Gerade das Rehwild zeigt in der Nachsuchestatistik beim Schalenwild einen überproportionalen Anteil dieser Trefferlage.

Was für die Strecke vor dem Wild gilt, gilt natürlich auch für den Bereich hinter dem Stück. Hier sollte sich ebenfalls kein weiteres Stück befinden, welches durch Geschoßsplitter oder Restkörper verletzt werden könnte.

Unser zu erlegendes Stück sollte auch breit stehen – so ist die tödliche Trefferzone im Verhältnis zum restlichen Körper am größten. Bei einem normalen Stück Rehwild sind dies gut 15 Zentimeter im Durchmesser. Ein Blick auf die Elchuhr zeigt deutlich, wie sich diese Verhältnisse mit dem Winkel zum Schützen ändern.

Nachsuchen vermeiden

Bei der Schussabgabe sollten wir „durch das Feuer schauen“, sofern es der Rückstoß zulässt. Ein „Mucken“ eben aus Angst vor dem Rückstoß lässt sich hervorragend durch die Montage eines Schalldämpfers vermeiden, auch unsere Ohren und die unseres Hundes werden es danken. Beim „durch das Feuer schauen“ versuchen wir die Reaktionen des beschossenen Stückes zu beobachten. Mit etwas Glück sehen wir die Einschussrosette oder die Wolke, die beim Treffer auf einer nassen Decke aufsteigt. Sofort nachladen und mit dem Zielstachel auf dem Stück bleiben, auch wenn es schon am Boden liegt. Sollte das Stück anstalten machen, wieder hochzukommen, heißt es nachschießen. Auch aus ungünstigen Winkeln oder von hinten.

Nach dem Schuss

Danach versuchen wir, die Schusssituation in Ruhe zu rekapitulieren, vor allem, wenn das Stück von der Bildfläche im Bestand verschwunden ist. Nach angemessener Wartezeit verlassen wir den Hochsitz. Hier ist unser Standort bekannt. Sind wir auf der Pirsch, so vergessen wir nicht, den Platz der Schussabgabe zu markieren – und wenn es nur ein Taschentuch ist. Oberstes Gebot ist nun Ruhe zu bewahren, auch wenn mit jeder Minute das Büchsenlicht schwindet. Dann gehen wir vorsichtig zum Anschuss. In der nächsten Ausgabe folgt in der Fortsetzung der Serie die Analyse von Pirschzeichen.