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NACHSUCHEN: DER WEISHEIT LETZTER SCHUSS


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 90/2019 vom 16.08.2019

Disziplin, Moral und Nachsuche sind drei Dinge, die bei Erntejagden von entscheidener Rolle sind. Warum? Das erläutert Schweißhundführer Per-Ole Wittenburg,indem er auf die dabei auftretenden Probleme hinweist.


Seit Stunden bahnt sich der Mähdrescher mit seinem riesigen Schneidwerk den Weg durch den Rapsschlag. 20 Hektar gilt es, möglichst an einem Tag zu dreschen – um die Ernte vor dem nächsten Regen einzufahren und um der in diesem Schlag wohnenden Schwarzkittel noch bei Tageslicht ansichtig zu werden. Für einen erfolgreichen Tag war vorgesorgt. 23 motivierte Jagdfreunde sind geladen, um bei über 30 ...

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Bildquelle: JÄGER, Ausgabe 90/2019

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... Grad Celsius im Schatten gegen die Bestandsentwicklung des Schwarzwilds aktiv zu werden. Es werden schon vorab Sonnenmilch und kühle Getränke gereicht. Über Stunden zeigen immer wieder die vereinbarungsgemäß bei Wildkontakt eingeschalteten Rundumleuchten des Dreschers an, dass Sauen zu Hause sind. Die Spannung wird unerträglich. Ab und an schreit ein Frischling laut auf, da er wohl von einem der in Panik geratenen stärkeren Stücke überrannt wird. Wenn die Rotte zum Sichern stehen bleibt, ist lautes Schnaufen zu vernehmen. Schließlich laufen die Sauen schon seit Stunden bei diesen tropischen Verhältnissen im Kreis, da sie um alle abgestellten Fluchtwege wissen. Auch für einen Jäger ein durchaus beklemmendes Erlebnis.

Aus Raps flüchtende Sauen: Hier ist doppelte Vorsicht geboten – kein Kugelfang und schwieriges Ansprechen wegen der hohen Stoppel.


FOTOS: SVEN-ERIK ARNDT

BEDEUTUNG VON ERNTEJAGDEN

Im Zeitalter immer größer strukturierter landwirtschaftlicher Flächen wird die Jagd auf Sauen zusehends schwieriger, da sie Deckung und Fraß in einer Frucht finden und damit die großen Getreide-, Raps-sowie Maisschläge gar nicht mehr verlassen müssen. Die Einzeljagd gleicht der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Erntejagden erfreuen sich heute steigender Beliebtheit und werden zunehmend im großen Rahmen abgehalten. Da die Energiewende dem Schwarzwild massiv in die Hände spielt, scheint man in einigen Revieren an dieser Jagdform nicht mehr vorbeizukommen.

SELBSTDISZIPLIN

Auf den ersten Blick könnte man denken: Keiler! Erst auf dem Bild rechts wird klar: diese Bache hat nur einen angesogenen Strich. Bei langer Stoppel schwierig zu sehen.


Allerdings ist die Erntejagd auf allen Ebenen eine sehr anspruchsvolle Jagd – vor allem mental –, die sehr viel Verantwortungsbewusstsein und jagdliche Voll-Profis erfordert. Die größte Gefahr bei Erntejag den ist der Verlust der 100-prozentigen Übersicht. Vielfach stehen Schützen, wie oben beschrieben, stundenlang in der prallen Sonne und konzentrieren sich auf den möglicherweise kommenden „einen Moment“. Die hin-und herwechselnden Sauen tun ihr übriges. Bricht die Rotte dann plötzlich aus dem Schlag, müssen Standnachbarn, Hintergelände, Kugelfang, Ansprechen, richtiger Schusswinkel zum Stück, Zielerfassung und Schuss in Bruchteilen von Sekunden erfasst werden. Das ist eine große Anforderung an einen Schützen, und nicht selten läuft in dieser Hin sicht auch einiges schief. Nicht grundlos passieren die meisten Jagdunfälle bei Erntejagden, und die Berufsgenossenschaft hat auf diese mittlerweile ein Auge geworfen.

FÜHRUNGSMORAL

Erntejagden bieten neben der Möglichkeit, gut Strecke machen zu können, einen nicht von der Hand zu weisenden Nachteil: Fehler im Ansprechen. Die Gründe sind vielfältig. So bleibt bei Erntejagden meist wenig Zeit zum Ansprechen, der unterschwellige Druck der umstehenden Mitjäger verleitet und durch das mitunter stundenlange Warten liegen die Nerven blank. Am risikoreichsten ist die Jagd beim Rapsdreschen. In dieser Jahreszeit laktiert noch ein Großteil der Bachen. Der so wichtige Blick auf die Milchleiste ist in den meist langen Rapsstoppeln nahezu unmöglich. Leider ist eine Freigabe bei der Rapsernte über die Frischlingsklasse hinaus nicht selten fahrlässig. Das Schicksal von führungslosen, gestreiften Frischlingen kennt im Sommer nur eine Richtung. Aber auch später im Jahr bei der Maisernte sollte es der Anstand gebühren, nicht zuerst Funken auf Führungsstücke, sondern auf die der Jugendklasse zu reißen.

WEIT UND FLÜCHTIG

Wie bei kaum einer anderen Jagdart, so wird besonders bei der Erntejagd häufig die Schussentfernung unterschätzt. Ich erlebe immer wieder mit Schrecken, dass auch auf 150 Meter flüchtigen Stücken hinterher geschossen wird. Leider nicht nur mit Fehlschüssen, sondern oft mit miserabelsten und leidvollen Treffern. Hier sind die Jagdleiter bzw. die Revierinhaber gefragt. Sie sind es am Ende, die solchen Schießern eine Plattform bieten. Ihre fehlenden Sanktionen wirken sich langfristig auch auf das Verhalten und die Moral der sonstigen Mitjäger kontraproduktiv aus. Gleiches gilt auch für die Anzahl der ohne erkennbare Wirkung abgegebenen Schüsse. Der Leitspruch, dass „nach zwei ungeklärten Anschüssen die Jagd für den Schützen einzustellen ist“, gilt oft bei der Erntejagd nicht. Da wird solange geschossen, wie Sauen aus dem Schlag gelaufen kommen. Ich glaube nicht, dass schon einmal eine Erntejagd abgebrochen wurde, weil offensichtlich zu viele Stücke mit „fortlaufendem Erfolg“ beschossen wurden.

SPITZ IN DIE KEULE

In der Praxis zeigt sich darüber hinaus, dass bei Erntejagden ein Anstieg an halbspitz und spitz angetragenen Schüssen auf ein Vielfaches des üblichen Prozentsatzes steigt. Dies liegt in der Natur der Sache, da sich aus Schlägen flüchtendes Wild nach Passieren der Schützenlinie innerhalb weniger Meter in einem ganz ungünstigen Schusswinkel befindet. Wer hier nicht den Finger gerade lassen kann, der produziert Keulenschüsse (bis hin zur kompletten Unverwertbarkeit) oder Krankschüsse übelster Sorte im Laufbereich. Krankschüsse jeder Art sind insbesondere im Sommer fatal. Werden solche Stücke nicht im Rahmen einer Nachsuche mit einem Spezialisten zur Strecke gebracht, verenden sie in den meisten Fällen jämmerlich durch Fliegen und Infektionen. Dies sollte sich jeder Jäger bewusst machen, der im Sommer eine Kugel auf die Reise schickt. Damit die Erntejagd ihren Status als „tierschutzkonform“ behält, sollten wir uns an Tagen über 25 Grad Celsius hinterfragen, ob ein dichtes Abstellen der Schläge ethisch zu verantworten ist. Man zwingt das Wild auf diese Weise, bis zum Schluss in der schützenden Deckung zu bleiben, und so rennt es bis zur totalen Erschöpfung in dieser auf und ab.

AM STOPPELANSCHUSS

Der gewissenhafte Jäger ist bestrebt, seine Anschüsse zu finden und zu markieren. Jeder Schütze sollte den Mumm haben, auf eine Kontrolle seines Schusses zu bestehen und dies gegenüber der Jagdleitung durchzusetzen. Nicht selten wird nämlich an stressigen Erntetagen, an denen ein Schlag nach dem anderen abgestellt werden soll, sehr lapidar mit Nachsuchen und Kontrollen umgegangen. Oberste Priorität hat auf großen Schlägen die Markierung des Anschussbereichs, da man im Nachhinein schnell 100 Meter neben dem tatsächlichen Anschuss anfängt zu suchen. Dies ist aber häufig ein Problem, da während des Dreschens immer wieder an den Schlag nachgerückt wird. Später nach Anschüssen auf weiter Flur zu suchen, ist kaum von Erfolg gekrönt. Deshalb sei empfohlen, jede Standposition nach einer Schussabgabe mit Farbband und mit einem Pfeil im Boden die Richtung des Anschusses zu markieren. Dies ist zumindest schon ein grober Anhalt, der es einem erfahrenen Nachsuchengespann ermöglicht, mittels Vorsuche die Krankfährte zu finden. Aus diesem Grund sei geraten, keine Erntejagd ohne ausreichend Markierungsband im Rucksack zu beginnen.

Meist werden flüchtende Rotten so beschossen: halbspitz von hinten. Dabei ist der Winkel unbedingt zu beachten.


FOTO: SVEN-ERIK ARNDT

Die Nachsuche auf dem frischen Stoppelacker ist besonders nach Erntejagden nur etwas für erfahrene Gespanne.


F OTO: PER-OLE WITTENBURG

Hier ist es gut gegangen. Bei zu spitzem Winkel drohen Keulenschüsse. FOTO: MICHAEL MIGOS


NACH EIGENEN REGELN

Nachsuchen nach Erntejagden haben ihre eigenen Gesetze und gehören weiß Gott nicht zu den einfachsten. Deshalb möchte ich dazu raten, solche Nachsuchen grundsätzlich nicht mit dem Gelegenheits-Nachsucher zu arbeiten. Hier gehört ausschließlich der Spezialist ans Werk. Ich möchte auch erwähnen, warum und welche zu-sätzlichen Erschwernisse für den Hund hinzukommen:
1 In von Jägern umstellten Feldern läuft
das Wild mehr oder weniger panisch umher
– manchmal über Stunden. Folge: Der
komplette Acker ist ein einziges Fährten-
Wirrwarr aus Stresswittrung und Adrenalin.
Selbst der Spezialist hat hier häufig
ordentlich zu kauen, der Amateur wird
meist scheitern.
2 Sind zusätzlich noch kranke Stücke
wieder in den Rest-Schlag eingewechselt,
ist für den Gelegenheits-Sucher das Ende
der Fahnenstange erreicht. Nur Hunde mit
mehr als 100 Nachsuchen im Jahr sind hier
in der Lage, den Knoten aufzudröseln und
das Stück von seinem Leid zu erlösen.
3 Je nach zu erntender Frucht wird meistens die komplette Ackerfläche mehrfach mit großen Schleppern befahren. Fahren diese die von einem kranken Stück hinter-lassene Fährte platt, tut sich der Hund in der Folge meist sehr schwer. Teils wird es unmöglich, die Fährte zu halten.

Ist der Anschuss so verbrochen, ist allen geholfen. Oft ist dessen Auffinden nach Erntejagden aber besonders schwierig.


FOTO: PER-OLE WITTENBURG

4 Wurde gut Strecke gemacht, wehen dem Hund von überall verführerische Nasen-Telegramme entgegen. Schweiß und Aufbrüche sorgen besonders beim unerfahrenen Hund dafür, dass er wie von Geisterhand seine Ansatzfährte verlassen wird, da das „Gute doch so nah ist“. Das kann so weit gehen, dass die weniger intensive Ansatzfährte vom jungen Hund regelrecht ignoriert wird. Hier nicht lange herumexperimentieren! Das bringt am Ende dem überforderten Hund und erst recht dem leidenden Stück nichts!
5 Ätherische Öle können so intensiv sein, dass auch der erfahrene Hund auf solchen Flächen an seine Grenzen kommt. Beispiele hierfür sind frisch gedroschener Raps oder geschlegelter Ölrettich. Selbst wir Menschen mit unserem degenerierten Riechorgan nehmen diese Düfte intensiv wahr und können kaum noch etwas anderes riechen.
6 Im Sommer haben wir oft mit starker Trockenheit und hohen Temperaturen zu kämpfen. Für den Hund kann Hitze besonders in Verbindung mit Trockenheit die Fährte zu einem „Ding der Unmöglichkeit“ werden lassen. Deshalb kann man immer nur wieder appellieren: Rufen Sie den Schweißhundführer noch nachts, damit er früh starten kann. Hitze wird für den Hund auch schnell lebensbedrohlich. Meiner Erfahrung nach ist bei Nachsuchen jenseits der 25 Grad Celsius häufig schon nach 15 bis 20 Minuten die körperliche Leistungsgrenze von Hunden erreicht.
7 Werden Sauen aus Temperatur-/Verhitzungsgründen noch abends nachgesucht – also bereits wenige Stunden nach dem Schuss –, sind diese oft noch nicht krank genug und entsprechend wehrhaft. Lange Hetzen und gefährliche Situationen für Hund und Führer sind die Folge.
8 Die Position des Anschusses ist unklar und kann nur durch den Schweißhund gefunden werden.

NUR WAS FÜR ERFAHRENE

Für solche Nachsuchen ist der erfahrenste Hund gerade gut genug. Diese Nachsuchen sind ausdrücklich nicht als Probelauf für junge Hunde geeignet. Hund und Führer müssen durch die oft hohen Temperaturen über eine ausgesprochen gute körperliche Fitness verfügen, denn die Kondition darf nicht das Abbrechen der Nachsuche bestimmen. Der Nachsuchenführer sollte durch ein ortskundiges Begleitfahrzeug (Wasser, Hetze, Bergung) unterstützt werden. Grundsätzlich dürfen Hunde nicht geschnallt werden, wenn in der Nähe noch gedroschen wird. Krankes Wild nimmt gerne gleich den nächsten Schlag an, und es besteht Lebensgefahr für den Hund. Wenn es sich um eine starke Sau handelt, muss dies aus Sicherheitsgründen auch kommuniziert werden. Die Universalgröße „Überläufer“ reicht als Einschätzung nicht. Im Sommer ist der Wald mitunter eine grüne Hölle, und da weiß der Hundeführer gerne, wer auf ihn wartet.

EIN TIPP ZUM SCHLUSS

Zum Schluss noch ein Rat, der in ausweglosen Situationen zum Erfolg führen kann: Viele Hunde werden an den oben genannten Punkten scheitern, wenn ihnen die Erfahrung fehlt. Entsprechend ist es sinnvoll, die Riemenarbeit mit dem Hund nicht auf dem gerade abgedroschenen Feld, sondern in Fluchtrichtung außerhalb des Geschehens mittels Vorsuche zu beginnen.