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Nachts vor Noli


TAUCHEN - epaper ⋅ Ausgabe 120/2021 vom 05.11.2021

NEMO‘S GARDEN

Artikelbild für den Artikel "Nachts vor Noli" aus der Ausgabe 120/2021 von TAUCHEN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: TAUCHEN, Ausgabe 120/2021

Sechs Quallen aus Plexiglas und schweren Metallketten schweben stumm über dem Meeresboden, in ihrer Mitte erhebt sich ein Baum aus Stahl. Die Konstruktionen scheinen von weitem filigran. Jetzt in der Nacht erhellt Licht die Dunkelheit des Mittelmeers. Der Baum des Lebens - das Symbol von Nemo‘s Garden - schimmert bläulich. Die Crew hat für uns die Beleuchtung angemacht. Wir nähern uns tauchend. Die schweren Ketten unter den Biosphären wirken nun mächtig. Sie sind notwendig, denn sie halten dem enormen Auftrieb stand, den die Luftblasen unter den Plexiglas-Hohlräumen erzeugen. Mehr als drei Tonnen zerren an je 28 massiven Halterunen. Von Hand, mit einfachen Werkzeugen aus dem Straßenbau, hat das Team um Luca Gamberini diese Anker über einen Meter tief in den Meeresboden getrieben. Das alles, um ein bisschen Basilikum unter Wasser anzubauen.

Ziel des Projekts ist die Kultivierung von ...

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... Nutzpflanzen unter Wasser. Dabei sollen Systeme geschaffen werden, die Ressourcen schonen und unabhängig aus sich selbst heraus betrieben werden können. Die Maximierung der Erträge zu kommerziellen Zwecken steht nicht im Vordergrund. Kostenreduktionen schon. Mit wissenschaftlichen Methoden wird untersucht, welche Pflanzen unter welchen Bedingungen besonders gut wachsen. Nachteile des Anbaus unter Wasser sind bisher noch die komplizierte Ernte und der Preis. Vorteile sind der Verzicht auf Pflanzenschutzmittel und die Schonung der Ressource Wasser, da größtenteils kondensiertes Meerwasser die Pflanzen versorgt.

Während unseres Tauchgangs tagsüber sind drei Arbeitstaucher damit beschäftigt, einige der Pflanzenhabitate zu versetzen. Sie werden von sechs Meter Tiefe auf etwa zehn Meter Tiefe verfrachtet. Emilio, einer der Agrarnauten, wie die Truppe sich selber nennt, erklärt mir, was es mit der Aktion auf sich hat: »Nächste Woche wird das Wetter schlecht, der erste Herbststurm kommt.« Davor wolle man den Unterwasser-Garten winterfest machen, so der Taucher. In der Vergangenheit verwüsteten Stürme gelegentlich Ernten oder ganze Kuppeln. Das Kontrollzentrum in einem kleinen Verschlag an Land wurde bereits vollständig zerstört. »Mittlerweile«, so Emilio, »haben wir Nemo‘s Garden immer besser vernetzt. Unsere Zentrale in Genua erhält Echtzeitdaten zur Gaszusammensetzung, zur Luftfeuchtigkeit und zum Nährstoffvorrat in den Kuppeln. Ebenso zu Wellen- und Wetterbedingungen. Und selbst mit den Tauchern, die mit Vollgesichtsmasken tauchen, kann man von Genua aus kommunizieren,« erklärt er. Dort sei man im Winter vor dem wilden Mittelmeer geschützt. Sogar Wlan gäbe es innerhalb der Plexiglaskuppeln, sagt Emilio stolz.

Nemo‘s Garden entstand als Familien- Projekt der Gamberinis. Im Jahr 2012 wettete Sergio Gamberini, der Vater von Luca, mit einem Freund, dass der Anbau von Pflanzen unter Wasser möglich sei. Aus der Spaß-Aktion von damals wurde ein ehrgeiziges Projekt, das mittlerweile von mehreren Universitäten wissenschaftlich betreut wird. Auch der Großkonzern Siemens ist darauf aufmerksam geworden und sieht Synergien. Auf lange Sicht könnte diese Anbaumethode ein Baustein zur Lebensmittelversorgung für eine immer weiter wachsende Menschenmenge sein. Nahrungsmittelknappheit könnte nicht zuletzt aus einer Endlichkeit der Anbauflächen hervorgehen. Warum also nicht den Schritt ins Meer wagen und dort Nutzpflanzen, Gärten und ähnliches anlegen? Wo doch Wasser mehr als 70 Prozent unseres Planeten bedeckt?

Dass die Gamberinis seit vielen Jahren sehr erfolgreich Tauchausrüstung verkaufen, hilft bei der Realisierung von Nemo‘s Garden. Sie sind Inhaber der Firma Ocean Reef Group, Marktführer bei Vollgesichtsmasken im Sportsegment. Das Unternehmen bildet das finanzielle Rückgrat für die aufwendigen Vorhaben und das Beschreiten der innovativen Wege. Bisher wurde über eine halbe Million Euro vor Noli im Mittelmeer versenkt. Die Sensorik und die Kommunikationstechnik sind aufwändig. Allein das Plexiglas jeder einzelnen Kuppel kostet 4000 Euro, denn es muss speziell gegossen werden. Es soll optisch möglichst rein sein. Licht ist unter Wasser rar und muss maximal ausgenutzt werden.

Prof. Dr. Uwe Schmidt ist Leiter des Instituts für Agrarwissenschaften der Berliner Humboldt Universität. Er sagt, unter Wasser sei der Anbau von Pflanzen besonders schwierig. Probleme seien der Sonnenverlust, das Luftmanagement, die Ernte und die benötigten Taucher. »In großem Stil ist der Anbau derzeit nicht denkbar«, so Professor Schmidt. Momentan muss die Ernte in wasserdichte Säcke verpackt werden, bevor sie an Land gebracht wird. Das Basilikum wird dann zu Pesto verarbeitet. Biologische Analysen ergaben einen deutlich höheren Anteil an ätherischen Ölen und Antioxidantien in dem unter Wasser gewachsenen Basilikum. Für die beteiligten Wissenschaftler der Universität Pisa sind die Anpassungprozesse auf die abgeschottete Umgebung zurückzuführen. Die Abwesenheit von bestäubenden Insekten, konkurrierenden Pflanzen und Schädlingen sorgt für Raum in der Entwicklung der Pflanzen, vermuten die Wissenschaftler.

Der Berliner Agrarwissenschaftler Prof. Schmidt hält Projekte wie Nemo‘s Garden aus einem weiteren Grund für wichtig: »Wir brauchen solche öffentlichkeitswirksamen Projekte, um den Menschen wieder näherzubringen, wo ihr Essen herkommt und welche Möglichkeiten der Nahrungsmittelproduktion es gibt.«

Während wir nachts zwischen den Lichtern der Kuppeln tauchen, begegnen uns viele Fischarten. Ein Seepferdchen und

eine Sepia kreuzen unseren Weg. Luca Gamberini schwärmt: »Seitdem wir mit Nemo‘s Garden angefangen haben, haben sich hier diverse Fischarten dauerhaft niedergelassen.« Auch diese Entwicklung wird von der Uni Pisa beobachtet. Die Meeresbiologen vermuten, Jungtiere nutzen die Strukturen als Rückzugsräume vor Räubern. Ich tauche in einer der Biosphären auf und sehe einen Fischschwarm, der durch das Glas glotzt. Ich komme mir vor wie in einem Aquarium. Nur umgekehrt.

REISEINFO: NOLI/LIGURIEN/ITALIEN

ANREISE: Der Flughafen Cristoforo Colombo in Genua wird von der Lufthansa derzeit direkt nur aus Frankfurt angeflogen. KLM und Alitalia fliegen mit Zwischenstopps dorthin. Die Ticketpreise schwanken zwischen 180 und 450 Euro. Ein Mietwagen lohnt sich, um das traumhafte Umland zu erkunden. Noli liegt knapp über eine Stunde Fahrzeit westlich von Genua.

NOLI UND DAS UMLAND: Der frühere Fischerort blickt auf eine über 1000 Jahre alte Geschichte zurück. In den engen Gassen findet man jede Menge kleine Geschäfte und traditionelle Handwerksläden. In der Hochsaison ist der Strand voll. Über fehlende Touristen klagt dieser Küstenort an der Riviera sicher nicht. Der Strand von Noli geht über in das Kap Vescovado, dessen Wasserqualität regelmäßig gerühmt wird. Die Region Ligurien hält neben typisch italienischem Essen auch landschaftlich einige Highlights bereit. Sie zieht sich von der französischen Grenze sichelförmig hinab und grenzt im Süden an die Toskana. Der Ort Cinque Terre mit dem angrenzenden Nationalpark ist besonders reizvoll.

UNTERKUNFT: Das Hotel Capo Noli (hotelcaponoli.it) bietet günstige Zimmer mit gutem Standard an. Regelmäßig werden Sondertarife auf der Webseite angeboten. Das Hotel liegt sehr günstig direkt am Strand. Es gibt auch Zimmer mit Balkon zur Meerseite.

TAUCHEN: Die Tauchbasis Divenjoy (divenjoy. it) in der Via Aurelia 52 in Noli wird vom Team um Nemo‘s Garden als besonders individuell und kundenfreundlich hervorgehoben.

BESTE REISEZEIT: → April bis Oktober → Die Wassertemperatur ist im Frühjahr noch niedrig. Die Tauchsaison startet Mitte Mai und endet im Oktober. → Mai, Juni und September sind die reizvollsten Monate mit wenig Touristen und hervorragendem Wetter. Wer warmes Wasser bevorzugt, sollte Anfang September anreisen.