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Nahrungsmittelallergien: Detektivische Feinarbeit


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 3/2017 vom 23.02.2017

Wer auf Nüsse, Soja oder Ei allergisch reagiert, dem bleibt bislang nichts anderes übrig, als Lebensmittel mit diesen Bestandteilen zu meiden. Forschungsteams arbeiten aber daran, Betroff enen in Zukunft das Leben zu erleichtern – und sogar die Entstehung von neuen Allergien zu vermeiden.


Artikelbild für den Artikel "Nahrungsmittelallergien: Detektivische Feinarbeit" aus der Ausgabe 3/2017 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: ESB Professional/Shutterstock

Jahrelang hatten nicht nur Patienten das Gefühl, dass es beim Thema Nahrungsmittelallergien nicht so recht vorangeht. Auch Ärzten ging es so, sagt Uta Jappe. Die Professorin leitet die Allergologische Ambulanz der Medizinischen Klinik des Forschungszentrums Borstel und die dort ...

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... ansässige Forschungsgruppe Klinische und Molekulare Allergologie.

Mittlerweile hat sich aus ihrer Sicht aber sehr viel getan. „Inzwischen wissen wir, dass Allergenquellen wie Erdnüsse aus vielen einzelnen Bausteinen bestehen, die in der Lage sind, IgE zu binden.“ IgE steht für Immunglobulin E – ein Antikörper, der Allergene bindet und so an der Allergieauslösung beteiligt ist.

Bei den Bausteinen handelt es sich in der Regel um Proteine. Das bedeutet: Betroffene reagieren nicht auf die Erdnuss als Ganzes, sondern auf bestimmte Bestandteile. Mittlerweile gibt es Verfahren, mit denen IgE gegen die einzelnen Bausteine einer Allergenquelle im Serum, dem flüssigen Anteil des Bluts, nachgewiesen werden kön- nen: die sogenannte Komponentenaufgelöste Diagnostik. Aber: Noch kennen die Forscher selbst von häufigen Quellen nicht alle Einzelallergene. Daher arbeitet Uta Jappe in Borstel mit ihrer Forschungsgruppe an deren Entdeckung. Sie will anhand der chemischen und physikalischen Eigenschaften feststellen, was ein Molekül zum Allergen macht.


Dem allergischen Geschehen auf der Spur: Viele Details sind noch unbekannt


Auch Michael Szardenings und sein Team vom Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig beschäftigen sich im Rahmen eines großen Forschungsprojekts genauer mit Proteinen, speziell mit denen von Soja. Ihnen ist es gelungen, deren spezifische Allergenität nachzuweisen: Die Proteine bestehen aus Aminosäureketten – und die Antikörper, die bei Allergikern aktiviert werden, erkennen in der Regel nur einzelne Abschnitte dieser Ketten und binden sich an diese. Die Wissenschaftler haben die Bausteine der Sojaproteine genau bestimmt, die für allergische Reaktionen verantwortlich sind. Mit einem chemisch-biologischen Verfahren können sie die entsprechenden Stellen direkt aus den Antikörpern im Blutserum ablesen – was nach Angaben des Projektleiters Michael Szardenings bis dahin nicht möglich war. Allein bei den Sojaproteinen haben die Forscher 374 Epitope – so bezeichnen Experten die Bestandteile, die Allergien auslösen können – gefunden. „Wir sind jetzt in der Lage, Patienten über eine Blutuntersuchung zuzuordnen, auf welche Epitope der Sojaproteine sie reagieren“, erklärt Michael Szardenings.

Auch bei anderen Nahrungsmitteln wollen sie die entsprechenden Bausteine in Zukunft identifizieren.

Was aber bedeuten diese Erkenntnisse konkret für Ärzte und Patienten? Die Identifizierung von Epitopen könne die Diagnostik in Zukunft verändern, glaubt Michael Szardenings. Pricktests über die Haut belegen heute zunächst eine Sensibilisierung.

Sie zeigen aber nicht, ob der Betroffene wirklich allergisch ist. Die Fraunhofer-Forscher wollen nun einen Test entwickeln, „mit dem man sehr sicher unterscheiden kann, ob eine echte Sojaallergie oder eine zufällige Kreuzreaktion mit anderen Allergenen vorliegt“.

Allerdings räumt Szardenings ein: „Wir sind die Entdecker. Was die Kliniker für ihre Patienten konkret daraus machen, das wird sich erst noch zeigen.“ Wissenschaftler wollen Betroffenen in Zukunft auch Therapien ermöglichen: „Bislang wird ihnen geraten, die entsprechenden Nahrungsmittel zu meiden. Jetzt laufen aber auch klinische Studien, um Therapien zu entwickeln, die Patienten zumindest vor geringen Men- gen schützen“, erklärt Professorin Kirsten Beyer, Leiterin der Sektion Kinderallergologisches Studienzentrum an der Charité in Berlin. Bei der sogenannten Spezifischen Immuntherapie (SIT) soll sich der Körper langsam an die für den Allergiker gefährlichen, für den Gesunden aber völlig harmlosen Substanzen gewöhnen, damit er im Ernstfall nicht mehr mit einer verstärkten Abwehrreaktion kontert. Die SIT ist bislang für Insektengifte sowie Inhalationsallergene, etwa von Pollen oder Hausstaubmilben, zugelassen. Für Lebensmittelallergene jedoch nicht. Die Charité beteiligt sich zurzeit an großen internationalen klinischen Studien zur Spezifischen Immuntherapie mit Erdnussallergenen: Teilnehmer bekommen entweder geringe Mengen des Allergens zu essen oder es über eine Art Pflaster über die Haut verabreicht. Uta Jappe kann sich gut vorstellen, dass die klinischen Studien in den nächsten fünf bis sechs Jahren abgeschlossen sind. Daraufhin folgt jedoch noch die Zu lassungsprüfung durch die zuständigen Behörden – wie lange diese dauern könnte, da wagt die Ärztin noch keine Prognose. Trotzdem ist sie zuversichtlich: „Wir sind auf einem sehr guten Weg.“

Allergien auf Soja sind recht verbreitet. Klar ist inzwischen, dass einzelne Proteinbausteine die Reaktion auslösen.


Foto: naito/Shutterstock


Desensibilisierung bei Erdnussallergien: Klinische Studien laufen bereits


Auch zum Thema Prävention laufen nach Angaben Kirsten Beyers unter anderem in Berlin klinische Studien – zunächst mit Erdnüssen und Hühnereiern. Kleinkinder, die an Neurodermitis leiden, haben ein höheres Risiko, auch Lebensmittelallergien zu entwickeln. Die Frage ist, ob sie schon früh mit entsprechenden Nahrungsmitteln gefüttert werden – oder ob Eltern den Kontakt vermeiden sollten. In den USA sind die Leitlinien bereits geändert worden: Die Experten dort empfehlen Eltern von Kindern mit schwerer Neurodermitis, diesen schon früh Erdnussprodukte zu geben. Zuvor muss der behandeln- de Arzt allerdings einen Allergietest machen. „Was das für Deutschland bedeutet, wo die Erdnussallergie viel seltener vorkommt als in den USA, müssen wir aber erst noch herausfinden“, so Kirsten Beyer. An der Charité läuft eine Studie, um dies zu überprüfen. Ergebnisse gibt es nach Angaben Beyers in ein bis zwei Jahren.

Ziemlich am Anfang steht die Forschung noch bei grundlegenden Fragen der Krankheitsentstehung: Uta Jappe und ihre Forschungsgruppe versuchen herauszufinden, was die einzelnen allergenen Proteine mit bestimmten Zellen machen. Denn während Erdnussallergene beim einen Patienten beispielsweise Magenbeschwerden verursachen, leidet ein anderer an Atemwegsproblemen. Ziel ist es auch zu verstehen, wie sie im Stoffwechsel verarbeitet werden – und ob es dabei Unterschiede zwischen Allergikern und Nichtallergikern gibt.


Können Sojaproteine so verändert werden, dass sie nicht mehr allergen sind?


Andere Forschungsgruppen setzen direkt bei den Lebensmitteln an: Ein Team am Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) in Freising, das am selben Projekt beteiligt ist wie die Leipziger Fraunhofer-Forscher, hat Sojaproteine so verändert, dass sie nach Angaben der Wissenschaftler weniger allergen sind: „Die Temperatur ist dabei der entscheidende Faktor“, erklärt Projektkoordinator Peter Eisner.

Doch das Soja werde nicht nur erhitzt, sondern auch fermentiert, zum Beispiel mithilfe von Milchsäurebakterien und Enzymen behandelt. Schon Mitte des Jahres will das Team der Industrie seine Forschungsergebnisse vorstellen. Eisner kann sich durchaus vorstellen, dass 2019/2020 die ersten Produkte mit modifizierten Sojaproteinen im Handel sind – „sofern alles glatt läuft“. Das bedeute aber nicht, dass dann plötzlich jeder Allergiker Sojamilch trinken könne. „Wir möchten vor allem dazu beitragen, dass weniger neue Allergien entstehen“, so der Forscher. Sein Team will nun auch weitere Proteine entsprechend bearbeiten.

Erdnüsse pur sind für Allergiker eine Horrorvorstellung, doch so manches Produkt mit „Spuren von“ wird vielleicht vertragen. Schwellenwerte sollen helfen, das Risiko einzuschätzen.


Foto: Sea Wave/Shutterstock

Leidiges Thema für Lebensmittelallergiker sind Produkte, die „Spuren“ von Allergenquellen enthalten können: Denn nicht immer kann ein Hersteller mit absoluter Sicherheit vermeiden, dass Stoffe unbeabsichtigt in ein Nahrungsmittel gelangen. Eine entsprechende Warnung auf der Produktverpackung ist bislang freiwillig. „Wir wünschen uns bei der Risikobewertung eine einheitliche Regelung, an der sich Verbraucher deutlich besser orientieren können“, sagt Sabine Schnadt, Expertin beim Deutschen Allergieund Asthmabund (DAAB). Dafür brauche es gesetzlich festgelegte Schwellenwerte, „die auf der Basis medizinischer Grundlagen erstellt werden“. Nach heutigem Stand sei es möglich, so 95 bis 99 Prozent der jeweils betroffenen Allergiker vor einer Reaktion zu schützen.


Auf der Suche nach Schwellenwerten: Welche Mengen bereiten Probleme?


Aktuell läuft ein EU-gefördertes Projekt, in dem Forschungszentren in klinischen Studien mögliche Schwellenwerte überprüfen. Diese sind anhand der Ergebnisse von sogenannten oralen Nahrungsmittelprovokationen errechnet worden. Dabei essen Patienten unter ärztlicher Aufsicht das allergene Lebensmittel: zunächst geringe Mengen, die dann alle 30 Minuten gesteigert werden. So kontrollieren die Mediziner, ob eine Allergie besteht. Bei der Überprüfung der bislang angedachten Schwellenwerte bekommen Studienteilnehmer aktuell einmalig die entsprechende Menge, erklärt Professorin Kirsten Beyer, die das Projekt an der Charité betreut. Die Studie soll in diesem Jahr noch abgeschlossen werden. Auch der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), Dachverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft, unterstützt die Einführung von einheitlichen Schwellenwerten generell. Eine Neuregelung müsse aber auch für kleine Unternehmen umsetzbar sein, fordert Antje Preußker, Wissenschaftliche Leiterin beim BLL. Die Schwellenwerte sollten auf den Erkenntnissen der medizinischen Forschung beruhen, betont auch sie. „Aber: Die Werte müssen auch verlässlich analytisch erfasst werden können.“ DAAB-Vertreterin Sabine Schnadt geht davon aus, dass sich Verbraucher beim Thema Schwellenwert ohnehin noch gedulden müssen: „Auf EU-Ebene dauert das vielleicht fünf Jahre – und das wäre schon schnell.“ Rascher könne es gehen, wenn zunächst eine nationale Regelung getroffen würde.

Kompakt

Foto: aldomurillo/iStock

Wenn Gluten und Milchzucker Probleme machen
Wer an Zöliakie oder Laktoseintoleranz leidet, hat zwar keine Nahrungsmittelallergie, aber trotzdem große Probleme mit bestimmten Lebensmitteln. Die Zöliakie ist eine angeborene Stoff wechselkrankheit, Betroff ene reagieren auf das in vielen Getreidesorten enthaltene Gluten mit Durchfällen und Bauchschmerzen. Vertragen werden dagegen Lebensmittel mit Reis, Mais, Hirse, Buchweizen und Quinoa, die es heute in großer Auswahl auch als Nudeln, Brot, Kuchen und Kekse gibt. Als „glutenfrei“ deklarierte Produkte dürfen höchstens 20 Milligramm Gluten je Kilogramm enthalten. Zusätzliche Sicherheit bietet das Logo der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft, eine durchgestrichene Ähre auf orangem Untergrund.

Bei der Laktoseintoleranz fehlt Betroff enen im Darm das Enzym Laktase, das zur Aufspaltung des Milchzuckers in Milchprodukten nötig ist. Die Folgen: Durchfall, Erbrechen, ein aufgeblähter Bauch, auch Kopfschmerzen und Hautausschläge treten auf. Auch für diese Patienten gibt es Ausweichlebensmittel wie laktosefreie Milch und weitere Produkte ohne Milchzucker. Ihnen wird in der Regel das Enzym Laktase zugesetzt. Auch gut gereifte Hartkäse (Emmentaler, Gruyère, Bergkäse), unerhitzter Joghurt sowie Quark werden oft gut vertragen.