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NATIONAL: ULLI WEGNER: ICH HABE VIELE GROSSE MOMENTE ERLEBT“


BoxSport - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 04.12.2019

Nach der Kündigung durch den Sauerland-Stall ist die Zukunft von Trainerlegende Ulli Wegner unklar. Im Interview mit BOX SPORT spricht der 77-Jährige über seine Pläne, Höhepunkte seiner Laufbahn und das Boxen in Deutschland.


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Bildquelle: BoxSport, Ausgabe 1/2020

Herr Wegner, der einst so erfolgreiche Sauerland-Boxstall verkleinert sich. Nach 23 Jahren mit großen Erfolgen und Weltmeistern wie Sven Ottke, Arthur Abraham, Markus Beyer, Marco Huck oder Jack Culcay wurde ihnen Ende September zum Jahresende gekündigt. Gibt es schon Pläne wie es für Sie 2020 weitergeht?
Auf keinen Fall mit Sauerland, auch wenn wir jahrelang sehr gut ...

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Herr Wegner, der einst so erfolgreiche Sauerland-Boxstall verkleinert sich. Nach 23 Jahren mit großen Erfolgen und Weltmeistern wie Sven Ottke, Arthur Abraham, Markus Beyer, Marco Huck oder Jack Culcay wurde ihnen Ende September zum Jahresende gekündigt. Gibt es schon Pläne wie es für Sie 2020 weitergeht?
Auf keinen Fall mit Sauerland, auch wenn wir jahrelang sehr gut zusammengearbeitet und immer ein freundschaftliches Verhältnis gepflegt haben. Es geht mir dabei nicht um die Kündigung an sich. Wenn die finanziellen Verhältnisse eine Kündigung erforderlich machen, akzeptiere ich das. Es geht mir um die Art und Weise, wie die Kündigung ausgesprochen wurde. Unmittelbar nach der Auszeichnung mit dem „Herqul“-Award 2019 (Wegner wurde für sein Lebenswerk ausgezeichnet; d. Red.) wurde mir die Kündigung in die Hand gedrückt. Mehr sage ich dazu nicht.

Werden Sie sich jetzt zur Ruhe setzen?
Ich fühle mich körperlich und geistig noch in der Lage, Sportler zu trainieren und sie in den Spitzenbereich zu bringen. Ich weiß, wie Boxer zu Persönlichkeiten geformt werden müssen, um sie in der Weltklasse zu etablieren. Heute ist es schwerer als in früheren Jahren, Sportler zu formen. Die biologischen Gegebenheiten sind ebenso gleich geblieben, wie die Gen-Anlagen. Dagegen haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse verändert. Darauf muss man als Trainer reagieren können. Wie man das macht, habe ich in 48 Jahren Trainertätigkeit gelernt. Ich habe mich auf die aktuellen Bedingungen voll eingestellt.

@@Schwere Entscheidung: Ulli Wegner (l.) führte Arthur Abraham 2006 trotz eines Kieferbruchs zum Sieg im WM-Kampf gegen Edison Miranda


Gab es schon Angebote aus dem Ausland?
Wie ich hörte, werden die kommen. Doch ich hänge sehr an meiner Heimat Deutschland und werde nicht mehr ins Ausland gehen. Hier zu Hause helfe ich überall, wo ich gebraucht werde. Im Moment stehe ich aber weder als Trainer, noch als Berater zur Verfügung.

Wie blicken Sie auf ihre Laufbahn zurück, die als Nachwuchstrainer in Gera begann, als Spitzentrainer beim TSC Berlin und 1991 als Bundestrainer fortgeführt wurde und schließlich mit dem Einstieg ins Profigeschäft ihren Höhepunkt erreichte?
Ich nutzte die Chance einer soliden Ausbildung durch ein Sportstudium in der DDR. Dazu hatte ich mit Hans Spazierer in Gera, dem DDR-Verbandstrainer Günter Debert und Dr. Bastian von der DHfK immer Männer an meiner Seite, von denen ich viel lernen konnte. In der Wendezeit unterstützten mich besonders der Ex- Bundestrainer Helmut Ranze und der frühere West-Berliner Box-Präsident Hans-Peter Miesner. In das harte Profigeschäft führten mich ausgesprochene Experten wie Jean-Marcel Nartz und natürlich Wilfried Sauerland ein. Mit Boxern wie Markus Beyer oder Sven Ottke war ich schnell im Geschäft. Es folgten dann 23 wunderschöne, erfolgreiche Jahre.

@@Bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta betreute Wegner (l.) das DBV-Team und holte mit seinem Schützling Oktay Urkal Silber im Halbweltergewicht


Fotos: Getty Images (2), imago images / Marianne Mueller (1), pa/ Patrick Seeger (1)

Die wahrscheinlich noch längst nicht zu Ende sind. Mit Abass Baraou, Leon Bunn und Albon Pervizaj betreuen Sie noch drei aufstrebende und talentierte Boxer. Was wird aus ihnen?
Auf keinen Fall richte ich mich nach dem amerikanischen System, bei dem die Trainer von den Boxern bezahlt werden. Ich würde mich schämen, von den Jungs Geld zu verlangen. So viel verdienen die drei Boxer nicht. Ich schaue mich nach Sponsoren um, damit es mit den Dreien weitergeht. Sie haben das Talent und die Fähigkeit, einmal um einen WMTitel zu boxen.

Wie ist das Boxen in Deutschland aufgestellt?
Wenn ich mich im Land bei Boxveranstaltungen umschaue, dann entdecke ich wirklich zahlreiche Talente, aus denen etwas zu machen ist. Aber leider stimmen bei uns die Strukturen nicht. Darauf will ich nicht weiter eingehen. Das ist Stoff für ein Buch. Die große Unterstützung durch die Bundeswehr ist vorbildlich. Als Bundestrainer habe ich davon profitiert. Aus diesen Möglichkeiten muss mehr gemacht werden. Die Trainer haben die Aufgabe, die effektivste Taktik zu finden, damit ihr Schützling in die Weltspitze aufsteigt. Wenn unsere Talente richtig geführt und gefördert werden, kann der Sprung in die Weltklasse gelingen. Dieser Sprung fehlt im olympischen Boxen leider noch zu oft. Man muss als Trainer immer nach dem Prinzip arbeiten: Strebe nur Maßnahmen an, die du selbst beeinflussen kannst. Eine starke Bundesliga, wie in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung, könnte zum Beispiel zu einer Verbesserung des technisch-taktischen Niveaus führen.

Und wie steht es um das Profiboxen?
Da müssen wir sehr aufpassen. Ich sehe die Gefahr, dass wir mit dem Profiboxen bald dort landen könnten, wo es vor der Wende in der alten Bundesrepublik stand.

Das ZDF zeigte im November zum ersten Mal nach langer Zeit wieder eine Boxübertragung. Wie finden Sie das?
Prima. Promoter Klaus-Peter Kohl und das ZDF haben für tolle Boxkämpfe vor einem riesigen Publikum gesorgt. Diesmal flimmerten die Kämpfe zwar lange nach der Geisterstunde über die Bildschirme, aber wenn mitten in der Nacht noch fast 900 000 Fans Boxen gucken, zeigt das doch, welches Interesse vorhanden ist. Die Öffentlich-Rechtlichen scheinen für unseren Sport wie prädestiniert. Bei Sport1 und Sat.1 kamen wir Boxer leider nicht richtig zum Tragen. Früher sahen bei ARD und ZDF Millionen Boxen. Das könnte heute wieder so sein. Natürlich müssen wir auch wieder gute Boxer anbieten, die große Fernsehübertragungen rechtfertigen.

Wie geht es mit ihrem langjährigen Co-Trainer Georg Bramowski weiter?
„Brame“ hatte Glück. Er zieht im Januar nach Liechtenstein und baut dort mit Hilfe eines potenten Sponsors (Pit Gleim; d. Red.) einen internationalen Boxstall auf. Bei Sauerland hat er keine Perspektive mehr gesehen.

Gibt es noch Kontakt zu Kubrat Pulev?
Ja, Kubrat wartet darauf, dass er seinen WM-Fight bekommt, den er sich redlich, auch durch hartes Training bei mir, erkämpft hat.

Wissen Sie schon, wer nach Ihnen in die Boxhalle im Berliner Olympiagelände einzieht?
Das ist nicht mehr mein Problem. Da gab es wohl mehrere Bewerber. Was mich und meine Boxer betrifft, suchen wir noch eine passende und bezahlbare Halle. Schlimm finde ich, dass von Seiten Sauerlands niemand mit den Boxern gesprochen und sie gefragt hat, mit welchem Trainer sie trainieren wollen.

Denken Sie noch an ganz besondere Ereignisse in ihrer Laufbahn als Profitrainer?
Ich habe viele große Momente erlebt: mit Ottke, Beyer, Huck und meinen anderen Boxern. Den Höhepunkt meiner gesamten Trainerlaufbahn musste ich am 23. September 2006 in Wetzlar durchstehen. Damals boxte Arthur Abraham im Mittelgewicht gegen den Kolumbianer Edison Miranda um die Weltmeisterschaft nach Version der IBF. Miranda kämpfte brutal. Mehrfach wurde er wegen Kopfstößen verwarnt. In der fünften Runde stellte der Ringarzt Dr. Walter Wagner einen Kieferbruch bei Arthur fest. Ich schwankte und wollte das Handtuch werfen. Arthur wäre bei einem Abbruch den WM-Gürtel los geworden. Meine Hände zitterten. Brichst du ab oder nicht. Arthur blutete und musste noch sieben Runden durchstehen. Er wollte kämpfen. Am Ende gewann er nach Punkten und blieb Weltmeister. Ein Star war geboren und ich hatte Arthur durch mein Verhalten zum Millionär gemacht und zwei, drei weitere folgten noch.

Mit welchem Boxer konnten Sie die gesteckten Ziele nicht erreichen?
Im Laufe meines Trainerlebens gab es natürlich Boxer, die es aus verschiedenen Gründen nicht bis zum Weltmeister gebracht haben. Über den Karriereverlauf von Dominik Britsch ärgere ich mich aber schon besonders. Er war ein begnadetes Talent und befand sich auf einem guten Weg zu einem Weltklasse-Boxer. Leider stellte sich sein Vater als Trainer immer dazwischen. Wie heißt es so schön: Viele Köche verderben den Brei. Dominik blieb weit unter seinen Möglichkeiten. Er wechselte den Trainer und man sieht aus seiner Entwicklung, welche Folgen das hat. Wer spricht heute noch von Britsch?

Bei einigen Boxkämpfen in der ARD waren Sie mit ihren Sprüchen, ihren Anweisungen und Hinweisen an die Boxer der eigentliche Grund, warum manche Zuschauer überhaupt eingeschaltet haben. Wollen sie nicht einmal mit der ARD sprechen, um ein Video mit den besten Wegner- Sprüchen herauszugeben?
Darüber könnte man tatsächlich einmal nachdenken.

Sie veranstalten Lesungen aus Ihrem Buch „Mein Leben in 13 Runden“. Wie ist der Zuspruch?
Ich kann nicht klagen. Vor allem in Ostdeutschland sind die Säle fast immer bis auf den letzten Platz besetzt.

In ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie einmal in Penkun beerdigt werden möchten. Warum?
Ich landete als dreijähriger Flüchtling aus dem nahegelegenen Stettin in Penkun. Dort wuchs ich heran und fing an zu träumen. Ich, der kleine Kuhjunge, heute sagen sie Cowboy, der schlechte Schüler und gute Fußballer, begann dort in der Einsamkeit von Vorpommern seinen Lebensweg. Ich möchte dorthin zur letzten Ruhe heimkehren. Es würde mich nach meinem verrückten, aber erfüllten Leben, stolz machen, wenn dann ab und zu mal einer vorbeikommen würde und denkt: „Der Ulli war ein Guter. Er war eben einer von uns.“