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NATÜRLICHE SCHIEFE: Schluss mit schief


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 20/2019 vom 11.01.2019

Egal obAusbilder, Reiter oder Pferdehalter – wir tragen dieVerantwortung für die Gesunderhaltung unserer Pferde. Um Bewegungsproblemen vorzubeugen oder diese zu beheben, ist dieKorrektur der natürlichen Schiefe von großer Bedeutung. Warum das so ist und wie das Training gestaltet werden kann, erklärtGabriele Rachen-Schöneich


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Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 20/2019

Dem notwendigen Geraderichten des Pferdes muss von Beginn der Ausbildung an Beachtung geschenkt warden


Mit gesenktem Kopf steht Piccolo in seiner Box. Nach der letzten Turniersaison wurden bei dem fünfjährigen Hannoveraner-Wallach Kissing Spines diagnostiziert. „Bereits im ...

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... Sommer war Picco plötzlich sehr verspannt und fiel immer mehr auf die Vorhand“, erinnert sich seine Besitzerin Laura Mansig. „Bald hatte er starke Probleme mit der Biegung und zeigte Taktstörungen in den Verstärkungen. Kurze Zeit später wurde er widersetzlich und lahmte dann deutlich.“ Der Tierarzt verordnete zunächst Boxenruhe bis auf ein paar Schrittrunden auf festem Boden. Doch die Beschwerden besserten sich nicht. Auch das Antrainieren mit dem Fokus auf Vorwärts-Abwärts-Reiten zeigte keine Wirkung. „Vor Kurzem lernte ich einen Ausbilder kennen, dem ich von Picco erzählte. Er erzählte mir, dass die Auswirkungen der natürlichen Schiefe zu Bewegungsproblemen führen können“, sagt Laura und fügt hinzu: „Meine Hoffnung ist nun, dass er mir bei der Therapie meines Pferdes helfen kann.“

Wichtige Aufklärungsarbeit

„Beinahe 95 Prozent aller Bewegungsprobleme des Pferdes basieren unserer Meinung nach auf der natürlichen Schiefe und den Auswirkungen, die sie unter anderem auf den Bewegungsapparat hat“, sagt Gabriele Rachen-Schöneich, die gemeinsam mit ihrem Mann Klaus Schöneich die sogenannte Schiefen-Therapie entwickelt hat und seit über 20 Jahren Pferde im Zentrum für anatomisch richtiges Reiten (ARR) in Goch trainiert. Dem notwendigen Geraderichten werde im Training kaum oder keine Beachtung geschenkt. Aus der Sicht der Experten sollten bereits ganz junge Pferde geradegerichtet werden, um frühzeitige Schäden zu vermeiden. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Arbeit am Boden, die dann in den Sattel übertragen werden kann. „Vorderlastigkeit und die mit ihr zusammen existierende natürliche Schiefe haben weitreichende Auswirkungen“, erklärt Gabriele Rachen-Schöneich und betont: „Die natürliche Schiefe kann nicht mit ein paar Rezepten therapiert werden, da gehört eine ganze Menge mehr dazu. Es verlangt als Allererstes eine intensive Beschäftigung mit sich und dem Pferd. Wir möchten, dass Ausbilder und Reiter diese Tatsache erkennen. Um das zu erreichen, betreiben wir Aufklärungsarbeit.“ Das Thema Schiefe ist in der Ausbildung des Pferdes allgegenwärtig, dennoch wird sie in ihrer Bedeutung vielfach unterbewertet. Doch warum muss die Schiefe bei einem Pferd bereits so früh in Ansätzen therapiert werden, wenn das Geraderichten in der Skala der Ausbildung erst an fünfter Stelle steht?

Vorderlastigkeit ist angeboren

Viele Reiter beschäftigen sich erst auf dem Weg zur Klasse L mit dem Geraderichten. In der Grundausbildung zuvor wird die natürliche Schiefe häufig vernachlässigt. Ebenso bei Freizeitpferden. Doch dabei ist ein korrekter Bewegungsablauf nicht nur für Turnierpferde wichtig. Werfen wir einen Blick auf die Bedeutung der Vorderlastigkeit: „So wie der aufrechte Gang eine für den Menschen typische und natürliche Haltung ist, so ist die Vorderlastigkeit beim Fluchttier Pferd eine seiner stark ausgeprägten natürlichen Verhaltensweisen“, sagt Gabriele Rachen-Schöneich. Wenn junge Pferde unter normalen Bedingungen aufwachsen, wird ihnen diese angeborene Vorderlastigkeit keinerlei Probleme bereiten. Doch bereits ein Mangel an Bewegung und fehlender Kontakt zu Artgenossen, beispielsweise durch Boxenhaltung, kann zu größeren Schwierigkeiten führen. Diesen Pferden fehle nicht nur die notwendige Gymnastizierung durch das Spiel mit Gleichaltrigen, sondern ganz besonders auch das Herdenverhalten. „Das wirkt sich dann so aus, dass nicht nur die Bewegungsabläufe gestört sind, sondern auch das Sozialverhalten“, gibt unsere Expertin zu bedenken. „Was den körperlichen Bereich angeht, beginnt das eigentliche Problem in dem Moment, in dem der Mensch von seinem Pferd Tragfähigkeit fordert. Hier liegt die Gefahr, dass aus der Forderung eine Überforderung wird.“

Die Hauptlast liegt auf der Vorhand

Laut unserer Expertin ist die Vorderlastigkeit als natürlicher Reflex tief im Kopf des Pferdes verankert und folglich auch in seiner Muskulatur. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen weist der Oberkörper, also Kopf, Hals, Schulter und Brustkorb ein erhebliches Gewicht auf, da sich in diesem Bereich auch die meisten Organe befinden. Zum anderen benutzt das Pferd die Vorderbeine sozusagen als Tastbeine, um den Boden vor sich richtig einschätzen zu können. „Um das Pferd dazu zu bringen, seine Vorderlastigkeit aufzugeben, bedarf es einer sehr behutsamen Einwirkung des Ausbilders“, sagt Gabriele Rachen-Schöneich. Von Natur aus trägt das Pferd die Hauptlast auf seinen Vorderbeinen. Kommt nun noch das Reitergewicht hinzu, dann steigt die Belastung. Selbst unter bereits ausgebildeten Pferden gibt es viele Fälle, in denen die Vorderlastigkeit immer noch ein Thema ist. Um die Bedeutung dieser einschätzen zu können, müssen wir uns mit der Gesetzmäßigkeit des längsten Muskels im Pferdekörper beschäftigen. Zur Therapie der Vorderlastigkeit und anschließend der Schiefe brauchen wir die gesamte Längsachse des Pferdes – von Kopf und Hals bis zum Lendenbereich. Eine Vorderlastigkeit ist stets mit einem nach unten gedrückten Rücken verbunden. In diesem Zustand ist das Pferd nicht in der Lage, den Reiter zu tragen ohne dabei (auf Dauer) Schaden zu nehmen. Wenn sich schließlich die Rückenmuskulatur immer mehr verkürzt, dann wird auch die Durchblutung reduziert. Infolgedessen können Nährstoffe nicht mehr in ausreichendem Maße zur Verfügung gestellt werden, und der Stoffwechsel bricht zusammen. „Der Abbau der Muskulatur geht mit dem nach unten gedrückten Rücken einher“, erklärt unsere Expertin. „Die Belastung der Gelenke, einschließlich der Wirbelsäule, ist enorm.“ Der mittlere Teil des Körpers ist nun vergleichbar mit einer Hängebrücke. Wie viel Stabilität diese bieten kann, können Sie sich ohne viel Fantasie vorstellen.

Nur ein unabhängig sitzender Reiter kann korrekt auf sein Pferd einwirken


„DAS GERADERICHTEN GEHÖRT AN DEN ANFANG JEDER AUSBILDUNG DES PFERDES.“
Gabriele Rachen-Schöneich


Die Bedeutung der Lendenwirbelsäule

Bei vielen Menschen entstehen im Bereich der fünf Lendenwirbel erhebliche Probleme. Diese Region ist auch bei Pferden eine Schwachstelle, da hier nur diese Wirbel, lediglich durch Muskeln, Sehnen und Bänder unterstützt, den Obermit dem Unterkörper verbinden. Stellen Sie sich vor, dass sich der Oberkörper als Balancestange auf dem Fundament Unterkörper bewegt, gesteuert durch das Gehirn und den Gleichgewichtssinn. Machen Sie ein Experiment und gehen Sie einmal auf allen Vieren durch den Raum. In dieser Position können Sie die Schwachstelle des Lendenbereichs gut spüren. Bewegen Sie nun Ihren Kopf und achten Sie darauf, wie sich Bewegungsveränderungen in der Schulter auswirken. Gabriele Rachen-Schöneich erklärt den Unterschied zum Pferd: „Beim Vierbeiner dienen die Vorderbeine aufgrund der ständig waagerechten Position als Stütze des Oberkörpers. Sie tragen ihren Teil dazu bei, dass der Körper im Gleichgewicht bleibt. Auch beim Pferd werden Veränderungen in den Schultern im Lendenbereich festgehalten.“ Machen Sie sich bewusst, dass alle Belastungen, die Sie Ihrem Pferd im Schulterbereich auferlegen, durch Anspannungen im Lendenbereich aufgefangen werden. Ist zudem der lange Rückenmuskel zu schwach, dann sackt der Körper regelrecht im Bereich der Lendenwirbel durch.

UNSERE EXPERTIN

GABRIELE RACHEN-SCHÖNEICH leitet mit ihrem Mann Klaus Schöneich das Zentrum für anatomisch richtiges Reiten und Schiefen-Therapie in Goch. Dort beschäftigen sie sich seit vielen Jahren mit dem Thema Vorderlastigkeit. Ende Januar 2019 erscheint ihr neues Buch „Die Kraft der Diagonalen“. Auf der Homepage des ARR finden Sie auch eine Liste mit lizensierten Trainern, die Ihnen bei der Schiefen-Therapie helfen können.
www.arr.de

DER UNABHÄNGIGE SITZ

Grundvoraussetzung für anatomisch richtiges Reiten ist der unabhängige Sitz. Unsere Expertin rät auch erfahrenen Reitern dazu, diesen immer wieder zu überprüfen und zu trainieren.

Im Zentrum für anatomisch richtiges Reiten beginnt die Arbeit der zweiten Ausbildungsstufe mit Sitzübungen an der Longe am Kappzaum. „Bei Korrekturpferden kann sich das Bewegungsmuster durch die vorbereitende Longenarbeit stark verändert haben, hin zu mehr Schwung und Rückentätigkeit“, erklärt Gabriele Rachen-Schöneich. „Die meisten Pferdebesitzer müssen ihr Pferd neu kennenlernen und sich erst einmal in die ungewohnte Bewegungsqualität einfühlen.“

Dank der sorgfältigen Vorbereitung an der Longe werden Jungpferde bereits in das körperliche und somit auch geistige Gleichgewicht geführt. So können sie das Reitergewicht mit Gelassenheit akzeptieren.

„Was man am Boden erarbeitet hat, gilt es unter dem Sattel zu erhalten. Beim Reiten in der Bahn sollte man immer wieder darauf achten, dass das Pferd nicht wieder frühere Bewegungsmuster annimmt und in die händige Schulter fällt“, betont unsere Expertin. „Der Reiter muss lernen zu spüren, wann das Pferd die Balance verliert und vorderlastig wird. In diesem Sinne sollen auch Bahnfiguren nicht zum Selbstzweck verkommen, sondern als Übungen dienen, um die Diagonale zu stabilisieren oder den Wechsel von Stand- und Spielbein zu trainieren.“ Anschließend können auch die letzten verbleibenden Punkte der Ausbildungsskala der FN, die Anlehnung und die Versammlung, erarbeitet werden.

Ein neues Verständnis entwickeln

Mittlerweile ist ein Monat vergangen, und Piccolo hat Fortschritte gemacht. „Beim ersten Treffen hat sich mein neuer Trainer Picco ganz genau an der Hand und an der Longe angeschaut. Er erklärte mir, dass ich mit keinem Erfolg rechnen könne, solange der Rücken von Picco aufgrund seiner Vorderlastigkeit sozusagen nach unten schwinge“, sagt Laura und fügt hinzu: „Er hat mir einen Trainingsplan für mein Pferd erstellt und mir erklärt, dass Boxenruhe nur zu weiteren Problemen führe. Außerdem habe ich mich intensiv mit dem Thema natürliche Schiefe beschäftigt und mich mit der Biomechanik des Pferdes auseinandergesetzt. Dadurch habe ich ein ganz neues Verständnis entwickelt.“

Die natürliche Schiefe tritt nicht nur bei Pferden auf: „Sie ist nichts anderes als die Links- oder Rechtshändigkeit eines Lebewesens“, erklärt Gabriele Rachen-Schöneich. „Genauso wie der Mensch ein besonders starkes Vertrauen zu seiner starken linken beziehungsweise rechten Seite hat, bedient sich das Pferd in kritischen Situationen seiner jeweils starken Seite, um sich zu helfen. Dabei verlagert es sein Gewicht einseitig auf eine Schulter.“ Die meisten Menschen sind Rechtshänder. Ein ähnliches Phänomen zeigt sich bei Pferden, wobei die Stärke der Händigkeit individuell ausgeprägt sein kann. Das zeigt sich bereits bei jungen Pferden. Um späteren Problemen entgegenwirken zu können, muss diese Schiefe erkannt und therapiert werden.

ZENTRIFUGALKRAFT

Sie wirkt beim Rechtshänder auf der linken Hand und beim Linkshänder auf der rechten Hand. Die Zentrifugalkraft zeigt sich im Ausbrechen über die händige Schulter auf dem Kreisbogen. „Das rechtshändige Pferd macht sich links hohl, das Pferd fängt sich im rechten Vorderbein auf“, beschreibt Gabriele Rachen-Schöneich. „Die Muskeln der rechten Körperseite dehnen sich, die Muskulatur der linken Seite zieht sich zusammen und es entsteht ein hoher Druck auf die Hals- und Rückenwirbelsäule.“ Die damit verbundenen schmerzhaften Verspannungen wirken sich auf den gesamten Körper aus. Folgen dieser gewaltigen Kraft können zum Beispiel Taktfehler, Hufrollenentzündungen, Sehnenschäden, Rückenprobleme oder Kissing Spines sein.

Die Zentrifugalkraft bewirkt, dass das Pferd regelrecht nach außen driftet und sich mit dem linken Vorderbein auffängt


SCHERKRAFT

Neben der Zentrifugalkraft wirkt auch die Scherkraft auf der gebogenen Linie auf den Pferdekörper


Sie wirkt beim Rechtshänder auf der rechten Hand und beim Linkshänder auf der linken Hand. „Da sich die Wirbelsäule des Rechtshänders nicht nach links biegen lässt, schert der Körper um das starke rechte Bein herum beziehungsweise die Hinterhand schert nach links aus“, erklärt Gabriele Rachen-Schöneich. Dies führe zu schweren Verspannungen und einer Überbelastung der Muskulatur, Sehnen und Bänder. „Die Sehnen lockern sich, und die Bänder müssen teilweise die Aufgaben der Sehnen übernehmen, sie leiern aus“, so die Expertin. Folgen können zum Beispiel Kurz-lang-kurz-Treten, Kniebandprobleme (links beim Rechtshänder) oder Spat sein.

OHNE VORDERLASTIGKEIT KEINE SCHIEFE

a) Rechtshänder: Hier wird die Hauptbelastung in der rechten Schulter und damit auf dem rechten Vorderbein (gleich rechter Vorderhuf) aufgefangen.
b) Wenn das Pferd zur Biegung des Halses nach rechts aufgefordert wird, führt das zu einer Rücknahme der rechten Schulter.


Um die natürliche Schiefe zu verstehen, müssen Sie sich bewusst machen, dass Vorderlastigkeit und Schiefe in einer direkten Verbindung zueinander stehen.

Die natürliche Schiefe des Pferdes ist die diagonale Verschiebung, die durch die Bewegungsenergie der Hinterhand beschleunigt und verstärkt wird. Je nach Händigkeit des Pferdes findet die diagonale Verschiebung von hinten rechts nach vorn links oder von hinten links nach vorn rechts statt. Gehen wir davon aus, dass bei einem geradegerichteten Pferd der Schwerpunkt dem Kreuzungspunkt der diagonalen Linie entspricht (Abbildung 1).

Schauen Sie sich nun Abbildung 2 an: Die natürliche Schiefe bei einem Rechtshänder ist die diagonale Verschiebung des Schwerpunktes von hinten links nach vorne rechts. Der Schwerpunkt wandert also auf der Linie von der linken Hinterhand zur rechten Schulter.

a) Dabei wird die Hauptbelastung der rechten Schulter jedes Mal von rechts vorn nach links hinten verlagert (siehe Pfeil).
b) Erst durch diese Lastaufnahme des äußeren (linken) Hinterbeins kann das innere Hinterbein in den Schwerpunkt treten und die rechte Hüfte und somit auch die davor liegende rechte Schulter stützen.


Die natürliche Schiefe des Pferdes zeigt sich hier deutlich im Freilauf auf der Weide


Auswirkungen auf den Bewegungsablauf

Durch die natürliche Schiefe wirken seitwärts driftende Kräfte auf die Wirbelsäule. So haben junge Pferde häufig Schwierigkeiten, auf gebogenen Linien zu bleiben. Das ist jedoch keine Widersetzlichkeit, sondern eine ganz normale Folge der Schiefe. „Ich erinnere mich, dass Picco auf der linken Hand auf dem Zirkel immer nach außen gedriftet ist. Mein damaliger Trainer ließ mich dann viele Runden traben, bis ich ihn einigermaßen auf der Linie halten konnte“, sagt Laura und kritisiert: „Heute denke ich, dass es der falsche Weg war und ich mein Pferd überlastet habe. Allerdings waren mir damals die Zusammenhänge nicht klar.“

Gabriele Rachen-Schöneich legt besonderen Wert darauf, ein Verständnis für die Anatomie und Biomechanik des Pferdes zu vermitteln: „Ein Pferd, dass sich sehr stark in der rechten Schulter abstützt, verkürzt logischerweise fast unbemerkt seinen Schritt im rechten Vorderbein. Dadurch wird auch das rechte Hinterbein weniger weit ausschreiten. Das Pferd zieht das rechte Hinterbein zunächst kaum merklich, aber allmählich immer stärker nach.“ Die geringe Bewegungsmotivation in der rechten Hüfte resultiert dabei also aus dem Abstützen in der rechten Schulter. Bei Menschen mit Problemen des Bewegungsapparates spielt Physiotherapie eine entscheidende Rolle. Beim Pferd hingegen kommt die gezielte Gymnastizierung meist zu kurz. Hinzu kommt, dass Reiter nicht selten dazu neigen, die Schulter regelrecht festhalten zu wollen, auf die sich das Pferd abstützt. Zur Therapie der natürlichen Schiefe ist also auch die Ausbildung des Reiters entscheidend.

DIE RICHTIGE AUSRÜSTUNG

Bestimmt haben Sie schon einmal unpassende Schuhe getragen, mit denen Sie sich Blasen gelaufen haben. Unter Schmerzen können wir uns nicht richtig bewegen. Auch beim Pferd hat die Ausrütung einen entscheidenden Einfluss auf das Bewegungsmuster und den Muskelaufbau. So können unpassende Sättel zum Beispiel auf den Trapezmuskel drücken. Durchblutungsstörungen und stressbedingte Adrenalinproduktion sind die Folge. Das Pferd verfällt in die Biomechanik des Fluchttiers, und der Rumpf wird nach unten gedrückt. Eine unpassende Trense hingegen kann erheblichen Druck auf das Genick ausüben, und eine zu enge Verschnallung hindert das Pferd am Kauen. Im Zentrum für anatomisch richtiges Reiten wird großer Wert auf eine optimale Passform des Sattels mit ausreichend Schulterfreiheit gelegt. Nur wenn das Gesamtkonzept stimmt, kann die Vorderlastigkeit und die natürliche Schiefe richtig therapiert werden.

Basisarbeit an der Longe

„Die langjährige Arbeit mit Korrekturund Jungpferden hat gezeigt, dass beide aufgrund der natürlichen Schiefe ohne gezieltes Training nicht fähig sind, so auf dem Kreisbogen zu gehen, dass für sie auf Dauer keine gesundheitlichen Schäden entstehen“, betont Gabriele Rachen-Schöneich. Das Pferd benutzt die händige Schulter sozusagen als Rettungsanker – es rennt in die händige Schulter hinein. Ein Linkshänder bewegt sich also auf der rechten Hand wie ein Eisschnellläufer in der Bahn (Zentrifugalkraft) und dreht auf der linken Hand mit dem ganzen Körper um das linke Bein herum (Scherkraft).

Die Arbeit an der Longe zur Korrektur der natürlichen Schiefe sollte immer am Kappzaum erfolgen


Im Zentrum für anatomisch richtiges Reiten durchlaufen alle Pferde zwei Stufen der Ausbildung, ganz unabhängig von Alter und Ausbildungsstand. Die Vorbereitung auf das Reiten erfolgt an der Longe, denn stressfreies Reiten ohne gesundheitliche Schädigung ist nur möglich, wenn das Pferd zuvor gelernt hat, auf gebogenen Linien mit den Scher- und Zentrifugalkräften umzugehen, den Rumpf anzuheben und mit dem Rücken nach oben zu schwingen. Trainiert wird am Kappzaum im Rundpaddock. „Mit der Longenarbeit wird dem Pferd die Fähigkeit gegeben, mit der Hinterhand Gewicht aufzunehmen und den Rumpf anzuheben“, erklärt unsere Expertin. „Geschieht dies nicht, belastet das Gewicht des Rumpfes, der gewissermaßen in den Schulterblättern aufgehängt ist, die Vorhand und hemmt die Durchblutung im Bereich des Widerrists mit bekannten Folgen wie der Kuhlenbildung am Widerrist oder dem sogenannten Axthieb.“ In einem solchen Zustand kann das Pferd die Muskulatur, die es als Reittier benötigt, nicht aufbauen. Demzufolge sind auch keine reelle Hankenbiegung und ein nach oben schwingender Rücken möglich. „Leider sieht man immer wieder, dass Pferde in zwar gut gemeintem, jedoch falsch verstandenem Vorwärts-Abwärts gearbeitet werden: Ein tiefer Kopf bedeutet noch lange keine Dehnungshaltung“, gibt Gabriele Rachen-Schöneich zu bedenken. „Ein Vorwärts-Abwärts ohne Anhebung des Rumpfes führt nicht zur gewünschten Streckung der Rückenmuskulatur. Das Pferd bleibt vorderlastig mit den bekannten Folgeschäden.“

Nur ein passender Sattel ermöglicht einen korrekten Bewegungsablauf ohne Schmerzen und einen optimalen Muskelaufbau


Seitengänge wie das Schulterherein können aus der Volte heraus geritten werden und helfen bei der Korrektur der natürlichen Schiefe


Bereit für Stufe zwei

Wenn das Pferd durch das Geraderichten an der Longe Takt, Schwung und Losgelassenheit erlangt hat, ist die erste Stufe der Ausbildung im Sinne des ARR abgeschlossen. Laut Gabriele Rachen-Schöneich sei dies nach etwa drei bis vier Wochen gezieltem Training der Fall. „Vier Punkte der Ausbildungsskala der FN sind jetzt also bereits erfüllt. Nun ist unser Rückengänger bereit und fähig, die zweite Ausbildungsstufe – die Arbeit unter dem Sattel – in Angriff zu nehmen“, so die Ausbilderin. „Das geradegerichtete Pferd schwingt jetzt mit dem Rücken nach oben. Die Durchblutung der Muskeln ist optimal, was den Stoffwechsel anregt. Mit dem positiven Körpergefühl gewinnt das Pferd an Selbstvertrauen, und die Belastung der Gelenke wird auf ein Minimum reduziert. Das Pferd ist nun bereit, das Reitergewicht zu tragen.“

Auch Picco lernt zunächst am Boden das ideale Bewegungsmuster, bis die Hinterhand das tragende Element ist. Zusätzlich zur Longenarbeit steht Bodenarbeit auf dem Programm. Schritt für Schritt erklärt Lauras Trainer die Übungen und korrigiert seine Schülerin in der Bewegung. Die Trainingseinheiten sind anfangs sehr kurz, um Picco nicht zu überfordern. „In den letzten Wochen habe ich gelernt, wie ich die Schulter meines Pferdes kontrollieren kann. Auch ich musste umdenken und neue Bewegungsmuster lernen“, sagt Laura. „Es ist spannend zu sehen, wie schnell sich korrektes Training auf den gesamten Bewegungsablauf auswirkt. Dabei merke ich auch, dass Picco immer mehr Arbeitswillen entwickelt. Ohne Hilfe hätte ich mich bei seiner Diagnose nie getraut, ihn so zu bewegen.“ Da die Schiefen-Therapie ein komplexes Thema ist, kann sie nicht in einem Artikel umfassend vermittelt werden. Wenn Sie auf der Suche nach einem guten Trainer sind, können Sie sich auf der Seite des Zentrums für anatomisch richtiges Reiten weiter informieren und einen lizensierten Ausbilder finden. „Ein guter Trainer gibt nicht nur Anweisungen, sondern verfügt über ein großes Hintergrundwissen und ausreichend praktische Erfahrung. Er setzt sich mit der Anatomie und Biomechanik des Pferdes auseinander, kennt die Zusammenhänge und kann diese auch seinen Schülern entsprechend vermitteln“, betont Gabriele Rachen-Schöneich abschließend.

ÜBUNGEN

In den folgenden Übungen geht es darum, dass das Pferd lernt, Stand- und Spielbein auf gebogenen Linien in allen Gangarten zu finden. Das Standbein ist jeweils das äußere Hinterbein. Es bringt das Spielbein, also das innere Hinterbein, in den Schwerpunkt. Das Pferd muss lernen, dass ein Handwechsel nicht im Kopf-Hals-Bereich beendet ist, sondern die Hinterhand einbezieht: Standund Spielbein müssen wechseln. Denn der Wechsel in der Hinterhand von Stand- und Spielbein hält das Pferd in der Senkrechten. Das bedeutet, dass das Pferd nicht nach außen oder innen kippt, sondern praktisch in sich gerade auf der Kreislinie läuft. Diese Fähigkeit ist für einen biomechanisch korrekten und gesundheitlich förderlichen Bewegungsablauf unabdingbar.

Beide Übungen werden im Zentrum für anatomisch richtiges Reiten beim Übersetzen der Arbeit vom Boden in den Sattel eingesetzt, alles geschieht im Trab, da der Trab die einzige Gangart der Diagonalen ist.


VOLTE – DIE MUTTER DER DIAGONALEN

• Die Volte wird in den Ecken ausgeführt, um die Begrenzungen durch die Bande für das äußere Hinterbein (Standbein) zu nutzen, damit das innere Hinterbein den Schwerpunkt finden kann. Sie dient außerdem dazu, das Pferdes über das Schultervor auf das Schulterherein vorzubereiten.
• Das Verständnis von innerer und äußerer Hinterhand (Stand- und Spielbein) wird durch die Bewegung auf der Volte erreicht. Das Pferd befindet sich in der Balance, sobald das innere Hinterbein unter den Schwerpunkt fußt. Dann bietet es automatisch die Anlehnung an.
• Diese Durchlässigkeit erlaubt ein leichtes Herantreten an den verwahrenden äußeren Schenkel und den äußeren Zügel. Die Volte aus der Ecke heraus ist dabei die Mutter aller Bewegungen in die Richtungen vorwärts und seitwärts.
• Das geradegerichtete Pferd bewegt sich ganz ohne Krafteinwirkung des Reiters oder technische Hilfsmittel mit tänzerischer Leichtigkeit und reagiert bereits auf feinste Hilfengebung. Es sucht vertrauensvoll die Anlehnung und kann seine Kraft aus der Hinterhand durch den ganzen Körper fließen lassen.

SCHLANGENLINIE – ALS SCHNELLER WECHSEL VON STAND- UND SPIELBEIN

• Die Schlangenlinie in alter Form als Aneinanderreihung von geschwungenen Linien eignet sich sehr gut, um dem Pferd die Diagonale zu vermitteln.
• Durch die ständigen Handwechsel erfolgen Wechsel von Stand- und Spielbein, also Wechsel der Diagonalen.
• Das Ziel besteht darin, den Brustkorb durch das ständig wechselnde innere Hinterbein anzuheben.
• Die Rittigkeit des Pferdes kann erhöht werden, wenn bei dieser Übung früh eine Konterstellung mit Unterstützung der Bande eingesetzt wird.
• Mit dieser Übung können Takt, Schwung und Losgelassenheit verbessert werden.

BUCHTIPP

Die Übungen stammen aus dem neuen Buch „Die Kraft der Diagonalen – Funktionelles Training an der Longe – Anatomisch richtiges Reiten“ von Klaus Schöneich und Gabriele Rachen-Schöneich, das Ende Januar im Müller-Rüschlikon Verlag erscheint.
www.paul-pietsch-verlage.de


Fotos: slawik.com (6), IMAGO/ Frank Sorge (1), pa/ Christin Klose (1), Maresa Mader Stuttgart (1), Müller-Rüschlikon Verlag (4)