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Natürlicher?


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Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 04.02.2022

UNGEHEUER MENSCH

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„Es gibt für mich schon einen Konflikt, wenn ich einerseits Hoffnung vermitteln will, selbst diese Hoffnung auf Besserung aber gar nicht wirklich habe.“

Hannah Biedermann

Die Theater reagieren auf die Klimakrise und machen sich Gedanken über ihre eigene Ökobilanz. Was bedeutet aber diese Situation für die Kunst und das Menschenbild im Theater? Das Kinder- und Jugendtheater ist bei der Behandlung von Umweltschutzfragen auf der Bühne auf jeden Fall vorne dabei. Hannah Biedermann, wie hat sich Ihr Bild vom Menschen und seiner Rolle auf der Erde in den letzten Jahren geändert?

HANNAH BIEDERMANN Mir und den meisten ist deutlicher in den Fokus gerückt, was der Mensch durch seinen Lebensstil mit der Welt macht. Ich spüre immer wieder, wie mich das überfordert. Eine klare Haltung, was wir verändern müssen, damit wir da herauskommen, fällt mir schwer.

Hat sich Ihr Theater verändert?

HANNAH ...

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... BIEDERMANN Nicht wesentlich, weil ich generell immer Themen gesucht habe, die keine einfachen Lösungen anbieten. Als Mensch, der älter ist als sein Publikum, wollte ich nie den Eindruck vermitteln, dass ich mehr wisse als das Publikum. Mein Glaube an Gestaltbarkeit und Veränderbarkeit von Welt war immer ambivalent. Einerseits wollte ich meinem Publikum das Empowerment geben, dass die Welt, in die es hineingeboren wurde, nicht fertig und unveränderbar ist. Andererseits hat mein Publikum im Moment ja gar keine Macht. Es gibt für mich schon einen Konflikt, wenn ich einerseits Hoffnung vermitteln will, selbst diese Hoffnung auf Besserung aber gar nicht wirklich habe. Diese Widersprüche habe ich schon immer empfunden, sie sind jetzt aber noch verstärkt. Klima ist Thema in vielen Stücken und Spielplänen des Kinder- und Jugendtheaters, ich hatte aber immer Schwierigkeiten, das selbst als Thema zu wählen, weil es mir zu didaktisch oder moralisch wird oder zu dystopisch.

Utopien sind für Sie keine Option?

HANNAH BIEDERMANN Gerade bei dem Thema fallen sie mir schwer, weil es ja ins Auge springt, dass es viel Handlungsbedarf gibt. Vielleicht fehlt mir die Phantasie, um das zu erzählen, ohne mich zu verleugnen.

Herr Wolff, wie ist es im Theater für Erwachsene? Welche Rolle spielt da die Klimakrise? Und wie weit ist die Krise der Demokratie damit verbunden?

HARALD WOLFF Das hat sehr viel miteinander zu tun. Theater sind Orte, wo das Gemeinsame verhandelt wird, das, worüber wir uns als Gesellschaft verständigen wollen. Die Frage ist, was die Rolle der Kunst in dieser gewaltigen Transformation ist. Die Klimakrise kommt mit einer Wucht und Geschwindigkeit, dass wir überrollt werden. Das hat viele Aspekte, und es schüttelt die Gesellschaft natürlich gewaltig durcheinander. Die ablaufenden Transformationen passen vielen nicht. Deshalb wird es gesellschaftliche Eruptionen geben. Und da müssen wir verhandeln, wie man Gemeinwohl stärken kann und was uns als Gesellschaft verbindet bei auseinanderstrebenden Öffentlichkeiten.

Wie weit müssen wir unsere abendländische Kultur infrage stellen, die uns in den Schlamassel gebracht hat?

HANNAH BIEDERMANN Die Probleme wurden etwa im Sommer mit den Überflutungen im Westen noch einmal wie unter einem Brennglas deutlicher – und trotzdem bleibt es erstaunlich abstrakt, obwohl es klare Szenarien gibt. Wir müssen tatsäch-lich den Lebensstil und bestimmte Werte infrage stellen. Allerdings geht es – auch im Theater – dabei keineswegs nur um Verbote, sondern auch um wiedergewonnene Freiheiten in der Veränderung. Wir können auch eine Chance sehen, Gesellschaft und ihre Werte neu zu formulieren.

HARALD WOLFF Diese Transformationen bedeuten ja, um es mit einem Programm der Kulturstiftung des Bundes zu sagen, eine 360-Grad-Wende. Wir erleben das auf vielen Ebenen, etwa der kolonialen Vergangenheit, die Frage nach dem Kanon stellt sich da auch. Die Theater haben die Aufgabe, solche Debatten in die Städte hin einzutragen. Und das löst Widerstand aus. Man muss nur mal gucken, was etwa die lokale Presse zur Intendanzverlängerung in Mannheim schreibt, wo ja sehr stark in diese gesellschaftlich so dringend notwendige Richtung gearbeitet wird. Da sieht man auch: Nicht jeder und jede will diese Transformation. Diese Veränderungen passieren aber sowieso, wir kommen gar nicht darum herum.

Und wie reagiert das Theater darauf ?

HARALD WOLFF Indem Theater Programme machen, in denen diese Fragen thematisiert werden, löst das in den Stadtgesellschaften hoffentlich etwas aus. Die Notwendigkeit ist da. Da ist eine irre Dynamik.

Wie passen diese Entwicklungen zu den klassischen Texten des Sprechtheaters? Von der Antike an bis hin zu Shakespeare geht es im Theater ja durchaus um die Abgründe der menschlichen Natur. Sind diese Texte heute noch „aktuell“ – oder sind sie zu sehr einem anthropozentristischen Weltbild verhaftet?

Muss fürs Theater also alles neu geschrieben werden?

HARALD WOLFF Ich sehe das nicht als Widerspruch. Die Frage ist ja immer, wie ich was verhandele. Wir leben in einer Zeit, wo die Veränderungen durch die Klimakrise so massiv sein werden, dass ich gar nicht anders kann, als darauf zu antworten. Das bedeutet aber nicht, dass das nicht mit Klassikern ginge. In der Auseinandersetzung wird das sowieso passieren.

Wie wichtig ist, dass Theater empathisch ist?

HANNAH BIEDERMANN Mein Publikum zu kennen und mit ihm zu sein ist natürlich wichtig. Ich will die Differenz der Lebenswelten sehen, da muss ich mich empathisch in diese andere Lebenswelt hineinversetzen. Deswegen ist die Klimakrise natürlich ein großes Thema, weil es mit Fridays for Future klar wurde. Das ist ihre Zukunft, und das müssen wir anerkennen.

HARALD WOLFF Empathie ist extrem wichtig. Es gibt aber Menschen am rechten Rand, mit denen möchte ich nicht empathisch sein, da habe ich eher das Gefühl, dass zu viel Diskurs-Aufmerksamkeit in Bereiche geht, die nicht mehr produktiv werden. Wir müssen in all den Unterschiedlichkeiten nach dem suchen, was uns verbindet, was wir gemeinsam haben. Da muss es hingehen, in dem, was wir ansetzen an Räumen und kleinen Formaten, um verschiedene Publika anzusprechen und uns mit ihnen auseinanderzusetzen.

Das Theater der näheren Zukunft ist dann also die gemeinsame Suche …

HARALD WOLFF … nach den Bedingungen des Miteinanderlebens. Was ist das Gemeinsame? Destruktion ist einfach. Auf einer gewissen Ebene ist die zwar interessant, aber um voranzukommen, hilft uns das nicht weiter.

„Theater sind Orte, wo das Gemeinsame verhandelt wird, das, worüber wir uns als Gesellschaft verständigen wollen.“

Harald Wolff

HANNAH BIEDERMANN Das ist auch genau das, was bei unserem Kollektiv pulk fiktion das Hauptthema ist: Wie kann man heute gemeinsam leben? Wie können wir gemeinsam gesellschaftlich denken? Gemeinsam meint auch: alle Generationen. Für uns heißt das, unser junges Publikum in seiner Unterschiedlichkeit wahrzunehmen und nicht zu sagen: Wir sind ja alle gleich. Aber trotzdem wollen wir gerade jetzt auch kein „Spezialtheater“ machen. Wir leben ja trotz allem in derselben Welt. Wir müssen unsere Differenzen nicht kleinreden und trotzdem lernen, uns gegenseitig zu verständigen. Und das zu verhandeln, dafür ist das Theater der ideale Ort.

Muss das Theater in dieser neuen, schwierigen Situation nicht radikal neu gedacht werden? Muss man nicht sagen: Ein Theater mit Guckkastenbühne und dem Menschen im Mittelpunkt der Welt funktioniert nicht mehr?

HARALD WOLFF Ich freue mich über die Forderung nach Radikalität in Ihrer Frage, die von nicht so vielen geteilt wird. Ich möchte jetzt nicht die weite Debatte über digitale Kunst im Theater aufmachen, aber die Kernkritik ist immer die, dass der Mensch nicht mehr im Mittelpunkt stün- de. Dabei sind die digitalen Formate momentan vielleicht der interessanteste Theaterbereich. Verschieben sich also die Gewichte? Wird der Mensch unwichtiger? Ja. Natürlich! Wir sind nicht so individuell, wie wir denken, sondern ziemlich leicht durchkalkulierbar. Wir werden aus dem Zentrum der Welt rausgeschossen durch die Algorithmisierung unserer Verhaltensweisen. Das macht uns klein als Menschen, weil uns diese Suchanfragen bei Google und anderswo auch festlegen. Es gibt ein digitales Image von uns, dem wir nicht mehr entkommen können. Und das wird unser Selbstverständnis nachhaltig verändern. Davon bin ich überzeugt.

HANNAH BIEDERMANN Die Frage ist allgemein sicherlich, ob sich der Mensch noch als Zentrum der Welt verstehen kann oder ob das infrage gestellt werden muss. Im Theater aber geht es für mich immer um den Menschen und seine Verantwortung für diese Welt, die er mitgestaltet und weithin zugrunde gerichtet hat. Wenn ich junge Menschen ins Theater hole, ist es mein Anliegen, dass sie sich gewahr werden, wer sie sind, welche Verantwortung, aber auch welche Gestaltungsräume sie haben. Theater ist eine Menschenkunst, das gilt für mich auch fürs Digitale. Es geht immer um Begegnungen und Kommunikation – im Gegensatz zur Installation oder zur bildenden Kunst, wo vielleicht die Natur und die Imitation von Natur eine größere Rolle spielt oder spielen kann.

Kann, muss oder soll das Theater die Natur vielleicht doch mehr reinnehmen?

HARALD WOLFF Was wir als Natur begreifen, ist immer schon kulturell codiert. Was wir gerade erleben, ist ein historisch noch relativ junges Bewusstsein für die Auswirkungen unseres Handelns auf unsere Mitwelt. Natur kommt ja immer mit dem Verdacht des unberührten Zustands. Und das war immer schon ein imaginierter Zustand.

Aber gibt es nicht vielleicht gerade wegen des vorhin von Ihnen, Herr Wolff, so plastisch beschriebenen Prozesses der Algorithmisierung des Menschen eine neue Sehnsucht nach Natur, nach Natürlichkeit, nach authentischem Leben?

HARALD WOLFF Ich habe den Verdacht, dass die Menschen damit häufig meinen: Alles soll so bleiben, wie ich denke, dass es ist, also der Wunsch, die Welt möge sich nicht verändern. Das tut sie aber. Und unsere Sache ist es, sich mit denjenigen auseinanderzusetzen und zu verbünden, die in irgendeiner Weise bereit sind, eine Gesellschaft, die sich so oder so verändert, mitzugestalten, sodass es einen gesellschaftlichen Umgang mit diesen Transformationen gibt.

Das Theater wird dementsprechend kleinteiliger, mit immer mehr, immer vielfältigeren Veranstaltungen jenseits der großen Bühne?

HARALD WOLFF Die Entwicklung gibt es schon seit dreißig Jahren. Um 50 Prozent verkleinerte Ensembles spielen 50 Prozent mehr und bekommen dafür 50 Prozent weniger Geld. Aber diese 50 Prozent zusätzliche Abende bestreiten sie, sozusagen, mit Zusatzprogrammen, die wiederum auch das Theater spannend machen.

Wie ist das für das Publikum?

HARALD WOLFF Für welches Publikum? Als wir geschlossen waren, haben wir mit einer digitalen Gesprächsreihe begonnen. Ganz oft habe ich in diesen Talks gehört: „Ich konnte nicht zu euch kommen, das musste ich aber auch nicht. Ihr seid ja zu mir gekommen.“ Diese Reihe lief unter dem Label Digitale Akademie, und das Publikum war überwiegend ein weißes akademisches. Inhaltlich vergleichbare Gesprächsformate haben wir in unserem Habibi-Kiosk durchgeführt, mit einem viel vielfältigeren Publikum. Immer wieder sagt jemand bei solchen Formaten, dass er sich das erste Mal überhaupt gemeint fühlt an den Münchner Kammerspielen.

HANNAH BIEDERMANN Dadurch, dass viele Schulklassen Kinder- und Jugend- theatervorstellungen besuchen, erreicht man tatsächlich eine Art Querschnitt der Gesellschaft. Wir spielen für Kinder aus sehr verschiedenen Lebensrealitäten. Beim Jugendpublikum fängt es dann an, dass die, die zu uns kommen oder auch selber Theater machen wollen, großteils aus einer bürgerlichen oder intellektuellen Richtung kommen. Aber im Kindertheater denken wir, dass wir tendenziell alle erreichen. Und das ist eine große Chance. Dass man etwa nicht nur Theater macht für Kinder, die schon etwas von der Klimakrise gehört und vielleicht auch mit ihren Eltern darüber diskutiert oder in der Schule gesprochen haben. Da sind dann unter Umständen andere Nöte relevanter, auf jeden Fall präsenter. Und man kann gemeinsam mit den Kindern einen Diskussionsraum schaffen und so bestimmte Themen setzen. Das erlebe ich immer wieder als große Möglichkeit.

UNSERE GESPRÄCHSPARTNER HANNAH BIEDERMANN, geboren 1982, ist freie Regisseurin und Performerin.

Sie studierte Szenische Künste in Hildesheim. 2007 gründete sie ihr eigenes Theaterkollektiv pulk fiktion, mit dessen Produktionen sie auf diversen Festivals eingeladen war und mehrfach ausgezeichnet wurde. Sie inszenierte u. a. am Schauspielhaus Bochum, Nationaltheater Mannheim, Jungen Ensemble Stuttgart.

Hannah Biedermann wurde 2017 mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST in der Kategorie „Beste Regie Kinder- und Jugendtheater“ ausgezeichnet.

HARALD WOLFF, geboren 1970, hat nach dem Studium der Germanistik und Philosophie in Göttingen und vielen Jahren in der freien Szene an verschiedenen Stadt-, Staats- und Landestheatern gearbeitet.

Er ist Vorsitzender der Dramaturgischen Gesellschaft und Initiator der mit dem FAUST-Preis ausgezeichneten Gesprächsreihe 40.000 Theatermitarbeiter*innen treffen ihre Abgeordneten, ist Jurymitglied des Kleist-Förderpreises für junge Dramatik und Gastdozent an der ZHdK in Zürich. Seit 2020 arbeitet er als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen.