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Natur ohne Grenzen


natur - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 18.10.2019

Fast 1400 Kilometer lang zieht sich ein grünes Band durch Deutschland. Es ist schmal, doch es dient dem Luchs als Wanderkorridor, dem Braunkehlchen als Brutplatz und in Südkorea schaut man mit Adleraugen auf dieses Projekt


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Bildquelle: natur, Ausgabe 11/2019

Das Grüne Band bei Dahrendorf in der Altmark: Der frühere Grenzturm steht direkt am Kolonnenweg und ist heute in privater Hand. Der Besitzer will ihn renovieren und für Besucher öffnen


Hier deutlich zu erkennen: das Grüne Band bei Mitwitz in Oberfranken (o.). Ein Braunkehlchen schert sich nicht um Grenzen (u.)


Eisteich hieß die Gaststätte, eisig war die Nacht. Schneeflocken fielen, als ...

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... Kai Frobel und Hubert Weiger vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) auf den Parkplatz einbiegen wollten und ein Heer von Trabis und Wartburgs ihnen den Weg versperrte. Aus der ganzen DDR waren Naturschützer ins bayerische Hof gekommen. Seit einem Monat war die Mauer weg. Keine 30 Einladungen hatte Kai Frobel verschickt, die Mund-zu-Mund- Propaganda funktionierte flächendeckend. 400 Menschen aus Ost und West folgten dem Aufruf. Selbst im äußersten Norden, in Mecklenburg-Vorpommern, hatten sich Naturschützer auf den Weg gemacht. Es war die Geburtsstunde des Grünen Bandes.

1393 Kilometer lang und bis zu 200 Meter breit zieht sich die ehemalige Grenzanlage zwischen Bundesrepublik und DDR von der Ostsee bis ins Vogtland und berührt neun Bundesländer, 38 Landkreise und zwei kreisfreie Städte. Fast 40 Jahre lang konnte sich hier die Natur ungestört von Menschen entwickeln. Dafür sorgten Stacheldraht, Minen und Selbstschussanlagen.

„Vom Westen aus konnte man bis an die Grenze herangehen”, erzählt Liana Geidezis vom BUND. Was dort bereits in den 70er Jahren von westdeutschen Naturschützern beobachtet wurde, ließ ihre Herzen höherschlagen. Balzende Braunkehlchen auf dem Grenzzaun! Unbeeindruckt nutzten sie den Hochsicherheitsstreifen als Brutrevier, denn hier hatten sie ihre Ruhe. Im sogenannten Niemandsland wurden lediglich alle paar Jahre die großen Gehölze zurückgeschnitten, damit die Grenzsoldaten freie Sicht hatten.

„Für die Natur war das ein Segen”, sagt Liana Geidezis. Seit dem Jahr 1998 arbeitet die Biologin beim BUND und leitet den Fachbereich Grünes Band. In Nürnberg laufen alle Fäden zusammen. Das sechsköpfige Team beantragt und betreut nationale und internationale Forschungsprojekte am Grünen Band, richtet Fachkongresse aus und ist die Schnittstelle für alle Beteiligten. Die frühere Grenzanlage hat 177 Quadratkilometer Fläche und ist damit so groß wie der Nationalpark Eifel und der Nationalpark Hainich zusammen. „Wir haben mehr als 150 Naturschutzge - biete entlang des Grünen Bandes.” Luchs und Wildkatze können in dem schmalen Streifen vielleicht nicht überleben, aber sie nutzen ihn als Wanderkorridor (siehe auch die Naturschutzprojekte am Grünen Band ab S. 21).

1393 Kilometer Natur

Vorgelagertes DDR-Hoheitsgebiet („Niemandsland”), Streckmetallzaun, Kfz-Sperrgraben und Kolonnenweg bildeten früher die Grenzanlage und heute das Grüne Band (r.). Den längsten Anteil am Grünen Band hat Thüringen mit 763 Kilometern, den kürzesten Brandenburg mit 30 Kilometern. Das Amt Neuhaus wurde 1993 an Niedersachsen übertragen, so dass auch ein westliches Bundesland Flächen am Grünen Band besitzt.

Den Namen hat Kai Frobel an jenem 9. Dezember 1989 im „Eisteich” in Hof geprägt. Die Veranstaltung endete mit einer gemeinsamen Resolution: „Der Grenzstreifen zwischen der Bundesrepublik und der Deutschen Demokratischen Republik ist als grünes Band und als ökologisches Rückgrat Mitteleuropas vorrangig zu sichern, das heißt, es muss umgehend eine einstweilige Sicherstellung dieser Gebiete in der DDR und BRD erfolgen.”

Die Mauer in den Köpfen

Auf einer Schreibmaschine hat Kai Frobel die Forderung damals getippt. 30 Jahre später ist das Grüne Band dank GPS-Technik und digitaler Flurkarten vollständig kartiert und eines der größten und wichtigsten Umweltschutzprojekte des BUND. Doch vor allem in den Anfangsjahren mussten etliche Widerstände überwunden werden. „Wir sind damals gegen Mauern in den Köpfen angerannt”, erzählt Geidezis. Die einen polemisierten und nannten das Naturschutzprojekt eine „neue Mauer, nur diesmal in Grün”. Andere wollten auf dem Grenzstreifen eine Nord-Süd- Autobahn bauen. Und so mancher Landwirt aus dem Westen, dessen Flächen an das Niemandsland angrenzten, schuf Fakten: „Es wurde einfach drübergeackert”, sagt Geidezis. Ohne Pachtvertrag und vor allem dort, wo wertvolle Böden einen hohen Ertrag versprachen. Etwa an den Ausläufern der Magdeburger Börde und im Harzvorland in Sachsen-Anhalt, wo bis heute die größten Lücken im Grünen Band klaffen.

Bevor die Flächen ab 2008 an die Bundesländer übertragen wurden, gehörten sie dem Bundesfinanzministerium unter Theo Waigel. Der hatte den sogenannten Verwertungsauftrag. Flächen, die die Bundesrepublik nicht brauchte, sollten veräußert werden. 1996 erließ der Bundestag dann noch das Mauergrundstücksgesetz.

Alteigentümer sollten ihre früheren Flächen für 25 Prozent des Verkehrswertes zurückkaufen können oder mit 75 Prozent des Verkehrswertes abgefunden werden, wenn der Bund das Grundstück selbst benötigte. Die Forderungen des BUND gingen damals unter. „Wir wollten, dass die Flächen für den Naturschutz gesichert werden und die Alt - eigentümer Ausgleichsflächen erhalten”, so Geidezis.

Die einzige Lösung hieß damals: selber kaufen. 1998 rief der BUND zur ersten Spendenaktion auf.

„Das Problem war, dass wir nicht nur den schmalen Grenzstreifen kaufen konnten, meist wurde uns das ganze Flurstück angeboten.” Geld musste her, aber wie? Der erste Spendenaufruf war ein Riesenerfolg, erzählt die Biologin. Nur zwei Jahre später gingen die ersten elf Hektar Land in den Besitz der Naturschützer über. Doch eine dauerhafte Lösung war nötig. Im November 2000 führte der BUND schließlich den „Anteilschein Grünes Band” ein. Für 65 Euro können Spender seitdem diesen symbolischen Besitzschein erwerben. 23 000 Stück wurden seitdem ausgegeben. „Es gibt kein Naturschutzprojekt, das schon so lange unterstützt wird. Das Interesse daran ebbt nicht ab, sondern wird eher größer.” Es ist die geschichtliche Dimension, die die Menschen berührt, glaubt Geidezis. Dass Menschen ihr Leben aufs Spiel setzten, um über den Grenzstreifen in den Westen zu flüchten, und Hunderte dabei ihr Leben ließen. Dass Familien getrennt wurden und wieder zusammenfanden. „Ich war selber zweimal im Jahr mit meinen Eltern im Osten, um Oma und Opa zu besuchen.” Ein merkwürdiges Gefühl, heute ohne Angst über den Kolonnenweg laufen zu können …


»Das Problem war, dass wir nicht nur den schmalen Grenzstreifen kaufen konnten«


Liana Geidezis, Leiterin des Fachbereichs Grünes Band beim BUND

Raubwürger finden im ehemaligen Grenzbereich eine Rückzugsmöglichkeit


Bestandsaufnahme

Im Grünen Band leben mehr als 1200 Tier- und Pflanzenarten, die auf den Roten Listen geführt werden. Manche galten bereits als verschollen oder ausgestorben, wie zum Beispiel der Kurzschwänzige Bläuling in Thüringen. In Sachsen-Anhalt brütet die stark gefährdete Wiesenweihe mitten im Grünen Band. Raritäten wie Wanstschrecke, Vogel-Azurjungfer, Schwarzstorch, Braunkehlchen, Fischotter, Luchs oder Wildkatze, Türkenbund - lilie, Trollblume oder Küchenschelle finden hier ebenfalls einen letzten Rückzugsraum.

Bereits bei der ersten Bestandsaufnahme der Biotoptypen im Jahr 2001 wurden – quasi als Nebenprodukt – auch etliche wertvolle Tier- und Pflanzenarten registriert. Die am häufigsten ermittelten Arten waren damals Braunkehlchen und Neuntöter, gefolgt von Dorngrasmücke und Wachtel. Häufig nachgewiesen wurde der vom Aussterben bedrohte Raubwürger. Weitere stark gefährdete Arten wie Rebhuhn, Ortolan oder Bekassine bei den Vogelarten und Arnika, Breitblättriges Knabenkraut und Moorklee (auch Brauner Klee genannt) bei den Pflanzenarten waren relativ häufig erfasst worden.

Im Frühjahr 2012 rückten die Kartierer dann ein zweites Mal aus. Diesmal arbeiteten sie mit besserer GPS-Technik, digitalen Flurkarten, höherer räumlicher Auflösung und ausgefeilterem Biotoptypenkatalog. Erfasst wurden dabei 146 Biotoptypen – von Borstgrasrasen und Zwergstrauchheiden über artenreiches Feucht- und Nassgrünland bis hin zu Binnendünen und Sandmagerrasen.

Dominierender Biotoptyp ist extensiv genutztes Grünland (14,9 Prozent), es folgen Fließgewässer- und Uferkomplexe (11,8 Prozent), Pionierwald (9,7 Prozent) und naturnahe Standgewässer (9,2 Prozent). Auf zusammen elf Prozent kommen Intensivgrünland und Acker. Ebenfalls auf 11 Prozent der Fläche stehen Misch- und Nadelwälder.

Etwa die Hälfte des Grünen Bandes gehört den Ländern, in denen die Flächen liegen (siehe Karte S. 17), beziehungsweise deren Stiftungen. Den Rest teilen sich Privatleute, Kirchen, Wasserwirtschaftsämter und Organisationen wie die Heinz-Sielmann- Stiftung oder der BUND, der in diesem Jahr die 1000-Hektar- Marke beim Flächenankauf knackte.

Von den insgesamt 17 712 Hektar Land sind 71 Prozent geschützt und befinden sich in 158 Naturschutzgebieten, drei Biosphärenreservaten, einem länderübergreifenden Nationalpark und einem Nationalen Naturmonument.

Quelle: BUND

Ein Nationales Naturmonument

„Wenn man keinen Ort mehr hat, an dem man sich erinnern kann, wird es schwer, den Kindern und Enkeln die eigene Geschichte zu erzählen”, sagt Karin Kowol, Projektleiterin Grünes Band beim BUNDLandesverband Thüringen. 763 Kilometer Grünes Band und damit mehr als die Hälfte der insgesamt knapp 1400 Kilometer liegen in Thüringen. Und das ist auch das erste Bundesland, das sein Grünes Band nach nur drei Jahren Vorbereitungszeit als Nationales Naturmonument ausgewiesen hat, eine Schutz - kategorie, die erst 2010 ins Bundesnaturschutzgesetz aufgenommen wurde. „Nationale Naturmonumente sind rechtsverbindlich festgesetzte Gebiete, die aus wissenschaftlichen, naturgeschichtlichen, kulturhistorischen oder landeskundlichen Gründen und wegen ihrer Seltenheit, Eigenart oder Schönheit von herausragender Bedeutung sind. Nationale Naturmonumente sind wie Naturschutzgebiete zu schützen”, heißt es in Paragraf 24, Absatz 4. Das Grüne Band sei dafür prädestiniert gewesen, sagt Karin Kowol.

Auch diesmal war wieder von Enteignung und neuer grüner Mauer die Rede, erzählt Kowol. „Wie bei jeder Schutzgebietsausweisung.” Dabei seien die damit verbundenen Einschränkungen gering. „Im Großen und Ganzen ist es ein Bestandsschutz”. DDR-Relikte wie Grenztürme und der Kolonnenweg stehen künftig unter Schutz. Es dürfen keine neuen Straßen gebaut werden und keine Gebäude. Und manche Dinge sind schwieriger geworden: das Verlegen von Leitungen mitten durchs Grüne Band zum Beispiel.

Eine weitere stark gefährdete Vogelart am Grünen Band ist das Rebhuhn


Morgenstimmung im Naturschutz - gebiet Rhäden (l.). Die Grenze verlief damals mitten hindurch


Viel bedeutsamer ist aus ihrer Sicht, dass mit der Ausweisung auch finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, um den Naturschutz voranzubringen. Zwei Millionen Euro stellt die rot-rot-grün geführte Landesregierung pro Jahr zur Verfügung. Acht Gebietsbetreuer sollen vor Ort eine Brücke schlagen zwischen Landwirten und Artenkennern, sich um den Ausbau der touristischen Infrastruktur kümmern, Führungen anbieten oder kleinere Maßnahmen anstoßen – zum Beispiel Fördertöpfe für eine Wasserstelle anzapfen, damit Trinkstellen für Schafe und Ziegen gebaut werden können, die die Flächen offenhalten.

Am 9. November 2018 wurde die Ausweisung im thüringischen Landtag beschlossen, genau ein Jahr später am 9. November 2019 will Sachsen-Anhalts schwarz-rot-grüne Regierung nachziehen. „Die Gegenargumente sind die gleichen wie in Thüringen”, sagt Dieter Leupold, stellvertretender Landesvorsitzender des BUND Sachsen-Anhalt. Der Begriff von der „zweiten Enteignung” der Landwirte macht die Runde, aber Leupold bleibt gelassen. „Wertvolle Biotope dürfen schon jetzt nicht mehr untergepflügt werden.” Für Leupold ist das Signal, das von einem Nationalen Naturmonument ausgeht, ausschlaggebend. „Mit der Ausweisung verpflichtet sich das Land nicht nur, Geld und Personal für den Naturschutz und die Erinnerungskultur bereitzustellen – damit verbunden ist auch der Auftrag, die Lücken im Grünen Band zu schließen.”

Denn die 1393 Kilometer lange Schneise weist etliche Löcher auf: monotone Ackerflächen, endlose Maisfelder. Das Gegenteil von naturnahen Trockenstandorten, Feuchtgebieten oder extensiv genutztem Grünland. Zwar konnte der BUND erst kürzlich in der nördlichen Altmark weitere 250 Hektar Land kaufen. „Aber es wird immer schwieriger”, erzählt Leupold. „Und vor allem teurer.” Seit der Finanzkrise ist Land eine beliebte Geldanlage. Um die 30 Cent kostete der erste Quadratmeter, den der BUND 2000 in der Altmark erwarb, heute ist es das Vier- bis Fünffache. Wenn überhaupt jemand verkauft. „Wir bekommen fast nur noch Grundstücke am Grünen Band, wenn wir Tauschflächen anbieten können.”

Grünbrücken und Umwege

Doch bei allen Lücken, die noch im Grünen Band klaffen: 87 Prozent der Fläche und 1120 Kilometer Länge wurden 2012 als naturnah eingestuft – und damit sogar zwei Prozent mehr als bei der ersten Bestandsaufnahme 2001 (siehe Kasten links). Auf elf Prozent wird intensive Landwirtschaft betrieben, zwei Prozent sind durch Straßen zerstört. Rund 450 Straßen queren das Grüne Band, zwölf Mal kreuzen Autobahnen. „Die kriegen wir auch nicht mehr weg”, sagt Liana Geidezis. „Da müssen wir Grünbrücken bauen.” Auch über sogenannte Bypasslösungen wird nachgedacht – wo keine Chance besteht, die Lücke im Grünen Band direkt zu schließen, kann möglicherweise ein Umweg eine sinnvolle Alternative sein.

Kai Frobel, Begründer des Grünen Bandes, sagt, nach seiner Vision befragt: „Wir brauchen nicht nur ein Grünes Band zwischen Hof und Lübeck, wir brauchen auch eins zwischen München und Stuttgart und Nürnberg und Frankfurt.” Frobel fordert – analog zum Bundesverkehrswegeplan – einen Bundeswegeplan für eine grüne Infrastruktur und damit etwas gar nicht so Visionäres. Bereits im Jahr 2002 wurde bei der Novellierung des Bundesnaturschutzgesetzes in Paragraf 20 festgelegt: „Es wird ein Netz verbundener Biotope (Biotopverbund) geschaffen, das mindestens 10 Prozent der Fläche eines jeden Landes umfassen soll.” Das war’s aber leider. „Es gibt kleinere Ansätze im lokalen, maximal regionalen Maßstab. Es gibt viele Planungen, die in Schubladen ruhen – auch ein hervorragendes Konzept des Bundesamtes für Naturschutz, aber die Umsetzung lässt zu wünschen übrig.”

Arnika (o.) und Breitblättriges Knabenkraut (M.) sind häufig im Grünen Band zu finden. Stark gefährdet ist laut Roter Liste die Wanstschrecke (u.)

Die Wegbereiter des Grünen Bandes: Kai Frobel (r.) und Hubert Weiger


Grünes Band Europa

Nicht nur durch Deutschland, durch ganz Europa verlief der Eiserne Vorhang. Am 1. Mai 2002 – bei der Einweihung des vom BUND initiierten Kunstwerkes „West-östliches Tor” bei Duderstadt – informierte der damalige BUND-Vorsitzende Hubert Weiger über seine Idee eines „Grünen Bandes Europa”. Einer der Gäste bei der Feier war Michail Gorbatschow – er übernahm spontan die Schirmherrschaft. Inzwischen arbeiten 24 Länder in der Initiative Grünes Band zusammen, um den mit 12 500 Kilometern längsten Lebensraumverbund der Welt zu erhalten. Direkt am ehemaligen Eisernen Vorhang grenzen 49 Nationalparks an. Insgesamt befinden sich 7319 Schutzgebiete entlang eines 50-Meter-Korridors. Ziel ist es, im dicht besiedelten Europa einen Nord-Süd-Wanderkorridor für große Säugetiere wie Luchs, Wolf, Bär und Elch zu erhalten. Die Vision: als Unesco-Welterbe ausgezeichnet zu werden.

Wie ein solcher Biotopverbund aussehen könnte? „Es müsste ein mindestens 50 Meter, besser 100 Meter breiter Korridor in der Landschaft sein.” Konzepte in den Niederlanden gehen von 200 bis 250 Metern aus. „Aber für ein extrem dicht besiedeltes Land wie Deutschland wären 100 Meter schon eine ganz gute Größenordnung.” Völlig utopisch sind die zehn Prozent übrigens nicht. „Wir haben in Deutschland bereits Kernflächen des Biotopverbundes – Auenlandschaften, Nationalparks, Biosphärenreservate und ähnliches. Die summieren sich auf rund 6,5 Prozent. Um die notwendigen Achsen zu schaffen, bräuchten wir weitere 4,5 Prozent Bundesgebietsfläche.” Das könnten Korridore sein, aber auch sogenannte Trittsteine, wo kein durchgängiger Korridor möglich ist. Kleine naturnahe Inseln in mehreren Hundert Metern Abstand. Nicht als Sperrgebiet und nicht gegen die Landwirtschaft. „Die Hälfte davon könnte extensiv von Landwirten gepflegt werden.”

Auch die Kosten hat der BUND hochgerechnet: 2,5 Milliarden Euro jährlich für zunächst 20 Jahre. Denn so lange würde es wahrscheinlich dauern, bis ein Biotopverbund geschaffen wäre – samt Landkauf und Landtausch. Wer in Schnappatmung verfällt angesichts dieser Zahlen: „Soviel kostet allein der Unterhalt der Bundesstraßen in Deutschland pro Jahr. Also das Streusalz, das Säubern der Pfosten, und wenn mal ein Loch geflickt werden muss”, rechnet Kai Frobel vor. „Die Umsetzung wird trotzdem noch Generationen von Naturschützern beschäftigen.” Geduld ist gefragt bei diesem Geschäft. Und Weitsicht! „Man muss immer einen Plan in der Schublade haben, falls die Chance kommt”, meint Karin Kowol. So wie damals in Thüringen, als Rot-Rot-Grün an die Regierung kam.

Ein Rat übrigens, den koreanische Naturschützer längst beherzigen und für die Stunde Null planen, wenn Nord- und Südkorea wiedervereint und das Sperrgebiet zwischen den beiden Landesteilen wieder betreten werden darf (siehe Interview S. 27). Die Natur kennt auch keine Grenzen …

Sigrid Krügel

ist überzeugt: Spannender als am Grünen Band kann man die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung nicht erzählen und in Erinnerung behalten.


Foto: Eric Fresia / Knesebeck Verlag

Foto: Otmar Fugmann / BUND, Thomas Stephan / BUND, Marco Fischer / BUND, privat; Karte: Karl Marx

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