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NATUR: Rettet die Vögel!


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 32/2019 vom 02.08.2019

Exklusiv in HÖRZU: Schauspieler und Tierschützer HANNES JAENICKE schreibt über die Dreharbeiten zu seiner neuen Doku


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Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 32/2019

HANNES JAENICKE
Der Schauspieler schreibt seit elf Jahren exklusiv in HÖRZU über seine Tierschutz- Dokumentationen


Seit elf Jahren reist er für seine Dokumentationsreihe „Hannes Jaenicke im Einsatz für …” rund um den Globus. Seine Mission: das weltweite Artensterben zu dokumentieren – von Orang-Utans bis zu Delfinen. Für die neueste Folge blieb der 59-jährige Schauspieler und Tierfreund allerdings die meiste Zeit in Deutschland. Warum, das verrät er hier:
Ammersee, März 2018: Als ich heute ...

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Seit elf Jahren reist er für seine Dokumentationsreihe „Hannes Jaenicke im Einsatz für …” rund um den Globus. Seine Mission: das weltweite Artensterben zu dokumentieren – von Orang-Utans bis zu Delfinen. Für die neueste Folge blieb der 59-jährige Schauspieler und Tierfreund allerdings die meiste Zeit in Deutschland. Warum, das verrät er hier:
Ammersee, März 2018: Als ich heute Morgen aufgewacht bin, war es still. Gut, ich lebe auf dem Land, nicht an der Einfallschneise zu einer Großstadt. Aber es war zu still. Nichts. Kein einziger Vogel zwitscherte. Als ich klein war, hat sich der Frühling anders angehört. Wiesen, Bäume und Gärten waren voller Vögel, ihr Gesang lag vertraut und selbstverständlich in der Luft. Amsel, Drossel, Fink und Star, die ganze Vogelschar eben. Doch es hat sich ausgezwitschert in Deutschland. Das treibt mich nicht nur aus dem Bett, sondern auch zu den Dreharbeiten zu unserem nächsten Film: „Im Einsatz für Vögel”.

Meine erste Etappe bei der Recherche ist der Bodensee. Als ich Professor Peter Berthold, Deutschland renommiertesten Vogelforscher, im Mai in seinem Haus in Owingen treffe, weiß ich, dass unsere Vögel einen wirklich starken Mann an ihrer Seite haben. In Bertholds weißen Rauschebart könnten sie Nester bauen, das ungeheure Wissen, die Kraft und Energie des 80-Jährigen beflügeln seit über 60 Jahren den Vogelschutz in Europa. Und der Enthusiasmus für seine Schützlinge ist ansteckend.

Eine Heimat für25.000 Vögel

Als uns Berthold durch seinen Garten führt, den er liebevoll „eine gepflegte Wildnis” nennt und der das Zuhause einer ganzen Spatzenkolonie ist, spürt man seine Leidenschaft in jedem Wort, in jeder Geste. Direkt vor seiner Haustür hat er ein stillgelegtes Ödland in ein Biotop verwandelt: Der Heinz-Sielmann-Weiher ist so Heimat für jährlich über 25.000 Vögel geworden – ein Beispiel, dem viele Gemeinden folgen. Doch Berthold, der schon mit 13 Jahren anfing, Vögel zu studieren, wirkt trotz allen Engagements nachdenklich. „Wenn man den Zustand unserer Vögel auf einen Patienten überträgt, wäre das eine lebensbedrohliche Erkrankung. Wir hatten in Deutschland 268 Brutvogelarten. Mehr als die Hälfte nimmt im Bestand ab.” Und ein weiteres Drittel, sagt er, sei hochgradig gefährdet.

Beim nächsten Dreh – weiter geht’s im Juli 2018 in Deutschland – zeigen die Aufnahmen unserer Drohne erschreckende Bilder, etwa Monokulturen, so weit die Optik reicht. Millimetergenau gezogene Ackerfurchen. Kein Busch, kein Baum, kein Wildwuchs zwischen den Kulturpflanzen. Ein Trauerspiel, das aus der Vogelperspektive besonders deutlich wird. Das Problem: Monokulturen sind sehr anfällig für Schädlinge. Damit die Pflanzen ungestört gedeihen, werden Pestizide versprüht. Die töten die Insekten – und damit die Nahrung der Vögel. Unsere Vögel verhungern.

BEGEHRT
Wie diese Mönchsgrasmücke werden auf Zypern viele Vögel per Leimruten gefangen und in Restaurants als illegale Delikatesse serviert


60 % desVogelbestands sind bereits verloren
Hannes Jaenicke


VERHUNGERT
Mit Pestiziden werden Insekten getötet, die als Nahrung für Vögel dienen


VERLETZT
Brechen sich immer öfter die Flügel an Glasfassaden: Mauersegler wie Tizian


MEHR VON HANNES JAENICKES EINSATZ FÜR VÖGEL
goldenekamera.de

Als wir in der Dämmerung nach Hause fahren, halten wir an einer Tankstelle. Ich erinnere mich: Als ich klein war, habe ich immer die Scheiben und Scheinwerfer geputzt, wenn wir tanken waren. Manchmal waren so viele Insekten darauf, dass man nicht mehr richtig durchsehen konnte. Heute ist unsere Scheibe klar. Dabei waren wir drei Tage in der „Natur”.

Frankfurt, September 2018: Es ist ein eher unauffälliges Klingelschild im Stadtteil Griesheim. Doch dahinter liegt eine europaweit einmalige Einrichtung: die Mauerseglerklinik. Momentan haben die Klinikleiterin Dr. Christiane Haupt und ihr Team alle Hände voll zu tun, weil alle Boxen mit gefiederten Patienten belegt sind: Über 170 Mauersegler aus Europa werden hier gesund gepflegt. Diese Vögel gehören eigentlich in die Luft. Dort sind sie fast die gesamte Zeit ihres Lebens, jagen nach Insekten, paaren sich und schlafen – alles im Flug. Ein Mauersegler am Boden ist also ein Notfall, so Haupt.

Doch der passiert leider immer öfter. Die Vögel fliegen gegen Glasfassaden oder Stromleitungen – und verlieren durch Städtebausanierung ihre Brutplätze. In Haupts Klinik kämpft man um jeden Patienten, operiert Frakturen und transplantiert sogar Gefieder. Jeder Vogel zählt bei dieser bedrohten Art. Mit Tizian, einem kleinen Patienten, der sich von einem gebrochenen Flügel erholt hat, darf ich noch die Klinikflugschule besuchen. Er macht das gut, der kleine Kämpfer.

Ein Kampf um jeden verletztenVogel

Unsere vorletzte Etappe ist Zypern: Auf der Mittelmeerinsel machen Zugvögel Rast auf der Reise in den Süden. Und für viele Vögel ist Zypern auch Endstation. Genau deshalb sind wir hier. Denn die Insel ist einer der europäischen Hotspots der illegalen Vogeljagd. Vögel gelten hier als Delikatesse, mit ihnen lässt sich viel Geld machen. Offiziell ist die traditionelle Singvogelspeise Ambelopoulia zwar verboten, doch in vielen Restaurants wird sie trotzdem serviert – zu einem stolzen Preis: Ein Dutzend Singvögel, das entspricht ungefähr 150 Gramm Fleisch, kosten rund 100 Euro. Um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, begleite ich Vogelschützer der deutschen Stiftung Pro Artenvielfalt. Das Team um Roland Tischbier kämpft seit vielen Jahren gegen die illegale Vogelwilderei, die hier jährlich bis zu 2,5 Millionen Tiere das Leben kostet.

Es liegen anstrengende Tage vor uns. Und gefährliche! Die deutschen Tierschützer sind der Vogelmafia ein Dorn im Auge. Schon mehrfach wurden Roland und sein Team attackiert. Die Wilderer haben perfide Methoden, um die vom langen Flug erschöpften Vögel zu fangen: In Bäumen legen sie Leimruten aus, an denen die Tiere kleben bleiben. Sie locken sie mit Musikplayern, die Vogelstimmen abspielen, in Fallen. Und sie spannen Netze auf, in denen sich die Vögel verheddern.

Gleich in der ersten Nacht sammeln wir über 50 Leimruten ein, befreien mehr als ein Dutzend Vögel und zerstören die Fallen. Am nächsten Morgen, wir haben gerade mal zwei Stunden geschlafen, machen wir in einem Olivenhain weiter: Wilderer haben ein riesiges Netz aufgestellt, viele Vögel haben sich darin verfangen. Wir müssen uns beeilen, bevor die Vogelfänger auftauchen. Doch schnell geht nichts. Über 15 Minuten brauche ich, um eine Mönchsgrasmücke mit einer Nagelschere aus dem Netz zu schneiden. Überall haben sich die Fäden verhakt, sogar an der Zunge. Wenn man so ein winziges, fragiles Lebewesen in den Händen hält, ist es noch unvorstellbarer, dass es als verbotene „Delikatesse” sterben soll.

VERWUNDBAR
Noch gibt es viele Haussperlinge, doch der Spatz steht auf der Vorwarnliste für gefährdete Arten


Auf mehr als90 % der konventionellen Ackerflächen in Deutschland werdenPESTIZIDE versprüht
Hannes Jaenicke


Am Ende des Drehs schließt sich der Kreis. Im Februar 2019 kehre ich zum Ammersee zurück. Als ich aufwache, ist es immer noch still. Dann brummt mein Handy, ich bekomme eine Mitteilung. 18,4 Prozent der Bayern haben für das Volksbegehren Artenschutz gestimmt. Ein historisches Ergebnis – und eines, das mir Hoffnung macht. Ich habe beim Dreh zu diesem Film viel gelernt über Vögel und über uns. Wir sind ein vogelfreundliches Land. Jeder von uns kann wirklich ohne großen Aufwand viel tun, damit Vögel eine Chance bei uns haben. Vieles davon zeigen wir in unserem Film. Ich hoffe, Sie sind dabei!

VERLETZLICH
Die Brutplätze der Blaukehlchen müssen besser geschützt werden



FOTOS: S. 12-13: GLADER/OKAPIA (GR.), TIPLING/INTERFOTO, REUTER/GETTY IMAGES; S. 14-15: HARMS/WILDLIFE, STROBEL/ZDF, ALAMY, HAMBLIN/INTERFOTO, TRUNK/OKAPIA