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Natur & Tourismus im Einklang


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Ein Herz für Tiere - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 12.08.2022
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Bildquelle: Ein Herz für Tiere, Ausgabe 9/2022

LEINEN LOS Vom Hafen in Rio Lagartos geht es per Boot in die Lagune und die Mangrovenwälder

Und plötzlich ist alles grün: Beim Landeanflug auf Cancún auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán wird schnell deutlich, dass die Natur Mexiko so besonders macht. Dichter, undurchdringlicher Urwald, Grün in jeglicher Farbfacette, so weit das Auge reicht. Man kann sich gar nicht sattsehen an dem Stückchen „heiler Welt“, das sich, von Menschen noch nahezu unangetastet, bis zum Horizont erstreckt. Doch dann tauchen erste Schneisen, Rauchschwaden und Häuser auf, wenig später sogar riesige Hotelkomplexe. Und schnell wird deutlich, dass diese Natur hier ebenso zerbrechlich ist wie in anderen Regionen der Erde.

Das Paradies ist in Gefahr: Vor 50 Jahren war dort, wo sich heute die Touristenhochburg Cancún befindet, nur ein kleiner Fischerort. Drumherum der Dschungel – groß und unberührt. Er endete erst an den Rändern der Halbinsel: am Meer. Die jahrhundertealten Ruinen der Maya waren die Spielplätze der ...

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... Brüllaffen, die Wälder waren die Heimat von Jaguar und Ozelot. Sie waren Lebensraum der mexikanischen Weißwedelhirsche, der Pfauentruthühner und der Pakas, einer der größten Nagetierarten Südamerikas.

Nur von wenigen Menschen besiedelt, konnten Tiere ungestört leben. Doch dann wurde Cancún auf dem Reißbrett geplant und innerhalb weniger Jahre aus dem Boden gestampft. Cancún mit seinen 180 Hotels und 32.000 Hotelzimmern, das so zerstörerisch nicht nur für die Tierwelt, sondern auch für die Bevölkerung und deren jahrhundertealten Kulturen war. Denn Cancún vernichtete nicht nur Lebensraum, sondern auch die Traditionen und das friedliche Leben der Menschen dort. Die örtlichen Arbeiter, die die Ferienstadt bauten, wurden eingeladen, der Touristenhochburg einen Namen zu geben. Sie entschieden sich für Cancún. Es ist das Maya-Wort für „Nest der Schlangen“. Ein passender Name für einen Ort, der wenig Gutes und sehr viel Schlechtes bewirkt hat. Das wahrhaftige, echte Mexiko verschwand hinter der Glitzerwelt der Shows und Touristenunterhaltung. Das traditionelle Essen wurde in den Hotelrestaurants durch Pizza und Burger ersetzt und die Touristen fuhren auf Ausflüge zu Wasserparks und Delfinarien anstatt in die ursprüngliche Natur.

„Back to the Roots“

Weg von der künstlichen Glitzerwelt und hin zu den wahren Schätzen Yucatáns – in der Region ist ein Umdenken in Gang, das allen zugutekommt: der einheimischen Bevölkerung, der Umwelt und den Tieren. „Back to the Roots“ ist die Devise.

Das Land bietet mit seiner Vielzahl historischer Stätten viel Erhaltenswertes: Es umfasst die am dichtesten bewaldete Region Mexikos, mehrere UNESCO-Welterbestätten und das zweitgrößte Riffsystem der Welt nach dem australischen Great Barrier Reef.

Einer der Einheimischen, die das erkannt haben, ist Henry Pat. Der 35-Jährige hat mit „Rio Lagartos Xplore“ rund um das Biosphärenreservat Rio Lagartos im Segment des alternativen Tourismus ein soziales Unternehmen aufgebaut.

„Ich betreibe hier mit meiner Familie verantwortungsvollen Tourismus und fördere durch den intensiven Kontakt mit der Natur eine erlebnisorientierte Umweltbildung“, sagt er. Die Kooperative gründete er bereits 2017 – und seitdem verbindet er nachhaltigen Tourismus mit Umweltbildung.

Rio Lagartos – übersetzt „Krokodil-Fluss“ – heißt das Mangrovengebiet und das gleichnamige kleine Fischerdorf, das die nördliche Küstenlinie der Halbinsel Yucatán über eine Fläche von 12.850 Hektar umfasst. Der Name ist nicht zufällig gewählt; das Gebiet, in dem sich die Lagune in teilweise unzählige kleine Flüsschen und natürliche Kanäle verzweigt und durch den Mangrovenwald schlängelt, ist Lebensraum verschiedenster Krokodilarten. Doch nicht nur Krokodile sind hier heimisch. Die Region, bei der es sich um eine durch eine Nehrung vom Meer abgetrennte geschützte Lagune handelt, wurde 1979 zum Naturschutzgebiet erklärt und ist ein kleines Paradies für die verschiedensten Tierarten: „In diesem Gebiet leben rund 380 Vogelarten, unter anderem Ibisse, Pelikane und Reiher. Aber auch 50 Säugetierarten und fast 100 verschiedene Reptilien sind hier heimisch“, sagt Pat. „Zudem besteht in diesem Naturreservat die höchste Konzentration an Kuba-Flamingos.“ Man schätzt ihre Zahl im April und Mai, wenn die roten langbeinigen Vögel hier brüten, auf etwa 20.000. Für ihre rote Farbe sorgen nämlich Algen der Gattung Dunaliella und Kleinkrebse, die in dem besonders salzhaltigen Wasser der Lagune gut gedeihen. Die einen wie die anderen enthalten ganz bestimmte Farbpigmente: Karotinoide – und diese färben die großen Vögel mit der Zeit pink.

" Dies alles gilt es zu bewahren "

Dieses besondere Ökosystem zeigt der 35-Jährige tagtäglich auf seinen Bootstouren durch die Lagune den Besuchern. Am nächsten Tag ist es so weit: Das Boot legt vom Steg ab und fährt in Richtung Osten. Schon bald wird das Boot langsamer und bewegt sich sanft nach links, auf die dichte Wand aus Mangroven zu. Die Äste und Wurzeln über und unter Wasser verzweigen sich zu einem dichten und undurchdringlichen Netz.

Das Grün der Blätter leuchtet mit dem Blau des Himmels um die Wette. Dort, wo die Wurzeln krüppelig und feucht-schwarz aus dem Wasser ragen, döst ein Krokodil in der Sonne.

Oben in den Ästen der roten Mangroven sitzen zwei schwarze Krabbenbussarde. Dann lenkt Pat das Boot weiter in Richtung Osten – und schon bald öffnet sich der Fluss in eine breite Lagune.

Knallpinke Tupfen setzen einen starken Kontrast zum Türkis des Wassers. „Seht ihr, dort sind die Flamingos.“ Ein besonderer Moment, als das Boot sich ihnen nähert. Sie sieben förmlich die kleinen Krebse aus dem knöcheltiefen Salzwasser.

An den Ufern hat es eine Salzkruste gebildet. „Die Maya nannten den Ort Holkobén“, erklärt er. Sie hätten weite Wege auf sich genommen, um in Las Coloradas, einem flachen Teil der Lagune, wertvolles Salz aus den Gewässern zu extrahieren.

Die Salzproduktion werde auch heute noch praktiziert, allerdings in größerem Umfang als damals.

Sein Blick schweift über die einzigartige Landschaft. „Dies alles gilt es zu bewahren“, sagt der einstige Fischerjunge. Deshalb organisiert er nicht nur Bootstouren, sondern engagiert sich auch anderweitig für dieses Naturkleinod: So sammelt er mit seinem kleinen Unternehmen vor allem den Plastikmüll ein, der hier hineingespült wird. „Auch die Hurrikans sind eine Gefahr für dieses Ökosystem“, weiß er. Durch den Klimawandel nehmen sie an Stärke zu. Er zeigt auf eine Reihe abgestorbener Mangroven: „Dort sind sie vom Sturm komplett zerstört worden.“ Dabei sind Mangroven in zweierlei Hinsicht wichtig: „Einerseits absorbieren sie fünfmal mehr Kohlendioxid als andere Bäume und andererseits schützen sie unsere Küsten als natürliche Mauern.“ Auch aus diesem Grund organisiert das Familienunternehmen neben Plastik-Clean-up-Kampagnen auch Wiederaufforstungsaktionen der Mangrovenbäume. Es gehe eben nicht um das schnelle Geld und die Ausbeute, sondern auch um den Erhalt der Natur. „Wir alle müssen zusammenhalten. Wenn du schnell gehen willst, dann geh allein. Aber wenn du weit gehen willst, geh mit anderen“, ist seine Devise.

"Seht ihr, dort sind die Flamingos"

So sieht es auch Paola Rubio, Biologin und Gründerin der Oranisation „Camléon Consultoria“. Die Organisation ist dafür bekannt, den unterschiedlichsten Gruppen in Schulen und anderen Einrichtungen das Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz näherzubringen: „Eines unserer Projekte dient dem Schutz der Meere, vor allem dem Schutz der Korallenriffe“, erklärt sie und fügt hinzu: „Schließlich produzieren sie ganze 80 Prozent unseres Sauerstoffs – Korallenriffe sind quasi die Wälder der Meere.“ Doch weil Hurrikans auch die Riffe immer wieder stark beschädigen, haben sie gemeinsam mit der mexikanischen Organisation „Oceanus, A.C.“ in der Region Quintana Roo an der Ostküste Yucatáns vor rund sechs Jahren begonnen, handtellergroße Betonhalterungen zu bauen, an denen Korallen wieder angepflanzt werden können. Sogar Kinder können helfen, diese kleinen Riffe aus Beton zu formen. So wurden in der Vergangenheit 10.000 dieser künstlichen kleinen Korallenriffe produziert. Erfahrene Taucher haben sie dann im Meer installiert.

Ebenfalls für den Schutz der Ozeane und hier vor allem den Schutz der Haie setzt sich Candy Lopez in ihrer Tauchschule „Dive Mike“ in Playa del Carmen ein: Sie bietet in ihrem Center Tauchgänge mit Bullenhaien an. Dabei geht es aber nicht nur um den Spaß und das Beobachten der bis zu zweieinhalb Meter großen Raubfische, sondern auch um das Sammeln von Daten. „Wir haben 2016 angefangen, die Bullenhaie zu studieren“, sagt Candy Lopez. Dabei war es wichtig herauszufinden, wie viele in dieser Region sind, wo sie sich aufhalten und wo sie ihre Jungen zur Welt bringen. Kollegin Carolina Fernandez fügt hinzu:

" Wir alle müssen zusammenhalten"

„Wir haben beobachten können, dass die Bullenhai-Weibchen im Januar in die Mangroven verschwinden, um dort im seichten Wasser ihre Jungen zur Welt zu bringen. Dort sind sie vor großen Fressfeinden geschützt. Erst danach kommen sie wieder ins tiefere Meer zurück.“

Mittlerweile hat die Tauchschule eine Foto-Datenbank der Haie aufgebaut.

Da es in Mexiko immer noch erlaubt ist, Haie zu fischen, wollen die beiden Frauen auf das Problem der Überfischung und die Wichtigkeit der Tiere für das Ökosystem aufmerksam machen. „Das tun wir einerseits durch Gespräche mit den lokalen Fischern, damit sie in bestimmten Zeiten eben nicht gejagt werden, aber auch durch Interaktion der Tiere mit Tauchern“, erklärt Candy Lopez und fügt hinzu: „Schließlich kann man nur das schützen, was man auch kennt.“

Hilfe in Corona-Zeiten

Besonders die Anbieter nachhaltiger Touren und Projekte mussten während des Corona-Lockdowns in Mexiko um ihre Existenz bangen. „Keine Touristen bedeutet eben auch kein Geld“, erklärt Henry Pat. Sein Familienunternehmen wie auch die Tauchschule Dive Mike und die Organisation Camléon Consultoria sind Unternehmen und Organisationen, die von der TUI Care Foundation und der Berliner NGO enpact e.V. im Rahmen eines Corona-Hilfsprogramms unterstützt worden sind. Das Covid-19-Reliev-Programm und das Tourism-Recovery-Programm unterstützten die Unternehmen in Form einer Finanzspritze in Höhe von 9000 Euro und einer Weiterbildung. „Für uns war die Unterstützung ein Segen, sonst hätten wir unser Unternehmen schließen müssen“, sagt Henry Pat.

" Für uns war die Unterstützung ein Segen, sonst hätten wir unser Unternehmen schließen müssen "

Ebenfalls Unterstützung erhielt das kleine Unternehmen „Los Siete Cenotes“, das die Besucher mit in die faszinierende Welt der Cenoten mitnimmt. Yucatán ist mit seinem Kalksteinuntergrund durchzogen von unterirdischen Flussläufen, Höhlen und Grotten. Die sogenannten Cenoten sind dort entstanden, wo die Kalkstein- decke einbrach. Auf der Halbinsel gibt es rund 6000 dieser runden türkisen Wasserlöcher, und Ricardo Medina Rodriguez, Eigentümer von Los Siete Cenotes, nimmt die Touristen mit auf eine spezielle Tour, um ihnen sechs dieser besonderen Süßwasserstellen zu zeigen und in sie einzutauchen. Yucatán ist reich an Schätzen der Natur.

Diese zu bewahren und den Touristen auf behutsame Weise näherzubringen, ist das Ziel vieler kleiner Organisationen und Unternehmen. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Henry Pat. „Wir müssen ihn nur gemeinsam weitergehen.“

Gut zu wissen!

TUI Care Foundation Die Stiftung wurde 2016 gegründet und bietet nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch Beratung und Mentoring für 565 Unternehmen in 27 Ländern. In Mexiko unterstützt die TUI Care Foundation 170 Projekte.

Infos: www.tuicarefoundation.com