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NATUR: Wanderer in eisigen Weiten


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 49/2019 vom 29.11.2019

Sie sind die Könige des hohen Nordens. Doch auch die Rentiere werden immer öfter Opfer von Wilderern


Artikelbild für den Artikel "NATUR: Wanderer in eisigen Weiten" aus der Ausgabe 49/2019 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 49/2019

KOPFSCHMUCK Rentiere sind die einzige Hirschart, bei der auch die Weibchen ein Geweih tragen


KALTE HEIMAT Die Hirschart Rangifer tarandus ist in weiten Teilen des Nordens verbreitet. In Eurasien wird sie Rentier oder einfach Ren genannt, in Nordamerika ist sie als Karibu bekannt


Das rettende Ufer scheint nah. Doch dem Rentierkalb fehlt die Kraft. Verzweifelt rudert es mit den Beinen gegen die Strömung an, den Kopf aus dem eiskalten Wasser gestreckt. Der Abstand zur vorausschwimmenden Mutter wird immer ...

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Das rettende Ufer scheint nah. Doch dem Rentierkalb fehlt die Kraft. Verzweifelt rudert es mit den Beinen gegen die Strömung an, den Kopf aus dem eiskalten Wasser gestreckt. Der Abstand zur vorausschwimmenden Mutter wird immer größer. Ein Kampf ums Überleben – bis der Nachwuchs endlich zitternd und erschöpft ins Gras sinken kann. Doch zum Erholen bleibt wenig Zeit. Die Wanderung durch die karge Tundra geht weiter.
Das gesamte Leben der Rentiere verläuft im Takt dieser Wanderungen. Jedes Jahr schließen sie sich zu gigantischen Herden zusammen, um zwischen den Winterweiden im Süden und den küstennahen Sommerweiden im Norden zu wechseln. Bis zu 3000 Kilometer legen sie dabei zurück. In warmen Monaten ernähren sich Rentiere am liebsten von Gras und Blütenpflanzen, im Winter von Flechten. Doch auf den Wanderrouten lauern inzwischen neue Gefahren. „Der Klimawandel lässt das Eis in der Arktis zu früh im Jahr schmelzen“, erklärt Markus Radday, Projektkoordinator Russland beim WWF Deutschland. „Die Rentiere müssen immer öfter Flüsauf se durchschwimmen, die früher zugefroren waren. Das zehrt an ihren Energiereserven.“ Vor allem für trächtige Kühe und Jungtiere wird die Reise zum Abenteuer.

PATROUILLE Im Schneemobil erreichen Ranger die entlegenen Bereiche der Schutzgebiete


GRUPPENREISE Mehrere Herden schließen sich zu den großen Wanderungen zusammen


FOTOS: S. 16-17: MITROSHIN/SHUTTERSTOCK (GR.), JENNERSTEN/WWF; S. 18: ALAMY, NOLAN/PRISMA, LEACH/SHUTTERSTOCK


„Immer öfter müssen Rentiere durch breite Flüsse schwimmen.“


Die Hirschart ist in weiten Teilen des hohen Nordens beheimatet (siehe Karte S. 16). Meist wird sie als domestiziertes Herdentier gehalten. Sie liefert Nahrung, ihre Felle verarbeitet die indigene Bevölkerung zu Kleidung. Wilde Rentiere hingegen werden immer seltener. Eine der letzten großen Populationen lebt in der russischen Arktis, davon 400.000 Exemplare auf der Taimyrhalbinsel. „Die Populationen schwanken stark“, sagt Radday. „Schätzungen gehen von weltweit 2,9 Millionen wilden Rentieren aus. 1,9 Millionen in Nordamerika, der Rest in Eurasien.“ Klingt viel. Doch vor nur zwei Jahrzehnten waren es 4,8 Millionen – ein Rückgang um 40 Prozent.

Deshalb hat die Weltnaturschutzunion IUCN die Art inzwischen als „gefährdet“ hochgestuft. Der Klimawandel macht den Rentieren gleich mehrfach zu schaffen. Denn für Wilderer wird es immer leichter, in entlegene Gebiete der russischen Arktis vorzudringen. Sie lauern an Flüssen, erschießen die Tiere von Booten aus oder sägen ihnen bei lebendigem Leib mit Motorsägen das Geweih ab. Wilderer haben es vor allem auf die jungen Geweihe im Bast abgesehen. Die landen auf dunklen Kanälen in China, werden zermahlen und in der Traditionellen Medizin verwendet. „Doch auch Zunge und Leber sind begehrt“, erklärt Radday. „Sie gelten als Delikatesse.“ Anders als in Afrika ist noch weitgehend ungeklärt, ob dahinter eine gut organisierte Wildereimafia steckt. Fest steht nur: In den Weiten der Arktis haben Ranger wenig Chancen, die Tiere zu schützen. Allein die Taimyrhalbinsel ist mit 400.000 Quadratkilometern größer als Deutschland.

LEBENSGEFAHR Junge Kälber müssen bereits eisige Flüsse durchqueren


MAJESTÄT Ausgewachsene Rentiere können bis zu 300 Kilo wiegen


Wenn sich die Tiere neue Wege suchen

„Wir müssen auch die Auswirkungen des Klimawandels genauer untersuchen“, betont WWF-Experte Radday. „Wie verändern sich die Wanderrouten der Rentiere? Wo halten sich die großen Herden auf?“ Nur dann können in Zusammenarbeit mit lokalen Gebietsverwaltungen, Provinzregierungen und Ministerien neue Schutzgebiete ausgewiesen werden. Einige Tiere tragen bereits GPS-Halsbänder, damit die Ranger wissen, wann und wo die Herden die Flüsse durchschwimmen. „Außerdem muss die Ausstattung verbessert werden“, sagt Radday. „Ranger benötigen Schneemobile und Boote sowie spezielle Schulungen, um Wilderei effektiv zu bekämpfen.“

In schwierigen politischen Verhandlungen geht es auch um die lokale Bevölkerung. Wie können die Menschen von den Schutzgebieten profitieren? Welche Jagdquoten sind vertretbar? Dabei sieht sich der WWF als Berater und Mediator. Bislang beträgt die jährliche Jagdquote 20.000 Tiere. Dunkelziffer? Hoch. Nur wenn alle Maßnahmen greifen, haben Rentiere eine Chance, sich auf den Klimawandel einzustellen und zu überleben.

FOTOS: S. 16-17: MITROSHIN/SHUTTERSTOCK (GR.), JENNERSTEN/WWF; S. 18: ALAMY, NOLAN/PRISMA, LEACH/SHUTTERSTOCK