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NATUR: Was wir von der Natur lernen können


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 28/2018 vom 06.07.2018

Niemand erklärt die Welt der Bäume und Tiere so spannend wie der Förster Peter Wohlleben. Ein Waldspaziergang mit dem Bestsellerautor. Das Schöne: Auch Sie können dabei sein


Artikelbild für den Artikel "NATUR: Was wir von der Natur lernen können" aus der Ausgabe 28/2018 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 28/2018

Wer in den Wald geht, sieht dem Leben zu. Wer mit Deutschlands bekanntestem Förster Peter Wohlleben in den Wald geht, sieht das Leben hinterher mit anderen Augen. Bewusster, intensiver und klarer, sagen manche, die es bereits gemacht haben. Ist das wirklich so? Ich will es wissen. Und mit mir viele andere: etwa Susanne aus Wien, Matthias aus Karlsruhe und Sabine aus Wetzlar mit „Mr. Darcy“, einem Retriever. Von der Studentin bis zum ...

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... Rentner: Eine bunte Gruppe macht sich an diesem sonnigen Maisonntag auf, den Wershofener Forst in der Eifel zu erkunden.

Sonnenlicht fällt durch die Wipfel, malt Streifen auf den Waldboden. Ein leichter Wind streicht durch die Kronen alter Buchen. Friedlich ist es hier, kein Verkehrslärm dringt durchs dichte Grün. Wohlleben geht vom Weg ab. Wir folgen ihm. Er bleibt vor einer Jungbuche stehen und nimmt den feinen Ast zwischen die Finger. Jedes Knötchen verrät ein Lebensjahr. „Schauen Sie, der Baum ist um die 130 Jahre alt“. Was, dieses Pflänzchen in Schulterhöhe? Alle staunen: „Ach! Echt?“

Die sanfte Pflege desWaldes

Wohlleben, 1,98 Meter groß, bärtig, drahtig, launig, wählt gern andere Pfade. Der studierte Forstwirt pflegt den Forst von Wershofen auf sanfte Weise. Er setzt auf Selbstregulierung des Waldes. Sein Prinzip: so wenig eingreifen wie möglich, so viel wie nötig. „Langzeit-Ökologie ist Langzeit-Ökonomie“, davon ist der 54-Jährige überzeugt. Inzwischen widmet er sich nicht mehr nur der Betreuung seines Reviers. Sein Wissen aus 30 Jahren Berufserfahrung teilt der Förster mit Millionen Menschen, die seine 19 Bücher lesen. Inzwischen auch mit den jährlich über 2000 Gästen, die seine vor eineinhalb Jahren gegründete Waldakademie besuchen.

WALDKUNDE
Peter Wohlleben pflegt den Forst von Wershofen in der Eifel. Pointiert und anschaulich bringt der Forstwirt Besuchern die Welt im Wald nahe


WUNDERWERK
Überall im Wald ist Leben. Spinnen sind wahre Baumeister in der Schwebe: Ihre Netze spannen sie zwischen die Bäume


WILDDICHTE
Wildschweine pflanzen sich fleißig fort. Zwei Würfe mit bis zu zehn Frischlingen sind drin – pro Jahr


FAMILIENSINN
Wölfe sind extrem scheu. Im Rudel aber herrscht starker Zusammenhalt. So können sie in der Wildnis überleben


„Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Weil sie dies intuitiv wissen, gleichen Bäume Schwächen und Stärken untereinander aus.“
Peter Wohlleben, Förster und Autor eines Welterfolgs


„Bäume und Wölfe“ heißt das Seminar, das wir ausgewählt haben. Mitgestaltet wird es von Elli H. Radinger, Deutschlands renommiertester Wolfsexpertin und Autorin des Buches „Die Weisheit der Wölfe“. In den Seminaren (Termine: wohllebenswaldakademie.de) will Wohlleben Menschen seinen Wald zeigen. Ihn erlebbar machen. So auch an diesem Tag. „Wenn ein Baum einsam ist, bildet er weniger Blätter aus“, erzählt er uns. Ein Blick nach oben in die lichte Krone, und wir sehen es. „Wenn Bäume Stress haben, riecht es.“ Wir spazieren an Douglasien vorbei und nehmen plötzlich einen würzigen Duft wahr. „Wenn Bäume älter werden, bekommen sie tiefe Falten.“ Wir lassen unsere Hände über schrundige Rinde gleiten. Wohlleben verleiht den Bäumen in seinen Schilderungen menschliche Züge – und erntet damit den Spott mancher Kollegen und Wissenschaftler. Nur: Würden wir die Natur verstehen, wenn er uns ihre komplexen Vorgänge in einer trockenen Wissenschaftssprache ohne Emotionen erklärte?

Eher nicht. So aber hören wir ihm intensiv zu. Und erfahren: „Wo wir stehen, findet gerade ein Generationskonflikt statt. Am liebsten würden die Jungbuchen schneller wachsen, aber die Baummütter, die sie über Wurzeln mit Nährstoffen versorgen, lassen das nicht zu.“ Ihre dichten Blätterdächer schlucken rund 97 Prozent des Sonnenlichts. Sie fordern Geduld von ihren Nachkommen. Denn je langsamer die wachsen – im Schnitt zehn Zentimeter in 10 Jahren –, desto widerstandsfähiger und langlebiger sind sie. Bäume stehen für die Entdeckung der Langsamkeit.

Ganz schön nachahmenswert. Zeitdruck, Zeitmangel, Zeitnot kennen wir alle. Und deren Folgen auch: Erschöpfung, Leerlauf, wachsende Sehnsucht nach Entspannung. Hier sind wir richtig. Denn, ja: Wald fühlt sich gut an. „Wenn er intakt ist, senkt er den Blutdruck“, weiß der Experte. Doch der Ausflug, den er mit uns macht, zielt nicht nur auf Stressreduktion, sondern auch auf persönliche Veränderung. „Nur wer die Bäume kennt, wird sie schützen“, so sein Credo. Er lädt uns zu einem Gedankenspiel ein: Was, wenn wir Bäume künftig wie alte Elefanten betrachten? Mit Empathie und Ehrfurcht?

Bäume haben Gefühle. Und eineSprache

Bäume können nicht fliehen. Also entwickelten sie Strategien, um sich gegenseitig zu warnen: vor Wind, Hitze, Schädlingen, Krankheit. Sie „sprechen“ miteinander. „Wie das denn?“, will eine Besucherin wissen. „Über Duftgase, freigesetzt durch bittere Gerbstoffe, die sie etwa bei einem Käferangriff in Rinde und Blätter pumpen. Und über elektrische Signale, die von Pilzen verbreitet werden“, erklärt Wohlleben. Tief greift er mit den Händen in den Waldboden, hebt einen Haufen Erde hoch und zeigt uns darin hauchdünne weiße Fäden. „Ein Teelöffel enthält mehrere Kilometer Pilzfäden.“ Wie Glasfaserleitungen des Internets, auch „Wood Wide Web“ genannt.

Tiefer geht’s in den Wald. Wieder querfeldein. Weich federt der Boden unter den Füßen. Bei manchem Teilnehmer wandert die Furcht mit – etwa vor Zecken. „Es gibt doch gerade so viele, oder?“, ruft jemand. Wohlleben hat auf jede Frage aus der Runde eine Antwort: „Ja, das liegt an den unnatürlich großen Mengen von Rehen, Wildschweinen und Hirschen, hervorgerufen durch Wildtierfütterung.“ In keinem Land herrsche eine so hohe Wilddichte wie in Deutschland. Und im Frühjahr fresse das Wild die Buchentriebe. Deshalb freut er sich insgeheim, dass der Wolf nun mancherorts auftaucht – und den Wildbestand reguliert. Er zitiert ein altes russisches Sprichwort: „Wo der Wolf ist, da wächst der Wald.“

Dass es keinen Grund gibt, dieses menschenscheue Beutetier zu fürchten, wissen wir inzwischen. Seit dem Vortrag von Elli Radinger am Vormittag sind wir unser „Rotkäppchen-Trauma“ los. Zu präsent sind uns noch ihre Fotos, Kurzfilme und Geschichten über Wolfsbegegnungen und -beobachtungen aus den vergangenen 30 Jahren ihrer Forschung. Geschichten, die exemplarisch stehen für Werte wie Familiensinn, Vertrauen, Geduld, Gerechtigkeitsempfinden, Führungsqualität. Wölfe sind uns offenbar nicht nur sehr ähnlich, wir können auch viel von ihnen lernen. Natürlich sehen wir am Nachmittag keinen Wolf in der Eifel. Zum Bedauern aller.

Der Wald: eine starkeGemeinschaft

Zu unseren Füßen ein breiter Moosring. Der Förster geht in die Knie, wischt Laub beiseite. „Kratzen Sie mal vorsichtig“, fordert er eine Teilnehmerin auf. Hartes Holz kommt hervor. Der knorrige Rest eines Buchenstumpfs, schon Jahrhunderte nicht mehr Baum. Der lebt noch, staunen wir. Wie kann das sein? „Er wird von den umgebenden Buchen über die Wurzeln mit Zuckerlösung versorgt.“ Wohlleben spricht schmunzelnd von „Nachbarschaftshilfe“.

An seiner Seite entfalten sich die Bäume als soziale Wesen, die ihre Nahrung teilen, andere hochpäppeln und sich gegenseitig beschützen. Sein Resümee: „Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Weil sie dies intuitiv wissen, gleichen Bäume Schwächen und Stärken untereinander aus.“ Darin steckt die versteckte Botschaft: Die Natur ist unser Lehrmeister.

Noch ein Blick auf die alten Buchen, dann kehren wir zurück in den Ort. Wir alle haben neue Erkenntnisse. Und nun auch ein neues Naturbewusstsein? Die meisten nicken. Also doch.