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NATURPHANOMEN: EISIGE WELTEN


Terra Mater - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 10.10.2019

Die landschaftsprägenden Eismassen der Gletscher sind zu sichtbaren Ikonen der Klimakrise geworden. Fünf Personen erzählen, wie sie die Veränderung erleben – ein Porträt der schwindenden Schönheiten, die manche als Lebewesen verstehen.


Artikelbild für den Artikel "NATURPHANOMEN: EISIGE WELTEN" aus der Ausgabe 6/2019 von Terra Mater. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Terra Mater, Ausgabe 6/2019

Faszinosum Eis
Am Ende einer Gletscherzunge – wie hier am Taschachferner in den Otztaler Alpen – bildet sich aufgrund von Schmelzwasser eine halbrunde Offnung, das Gletschertor. Aus dem Bauch des Gletschers fliest im standigen Strom die sogenannte Gletschermilch.

1. Der Forscher: DAS EIS ALS GROSSES FREILUFTLABOR

Der erste Mai sollte ein Traumtag werden. Wolkenloser Himmel, ...

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... ein kleines bisschen Neuschnee, wenig Wind. Gut so, denn wenn man einen der fuhrenden Glaziologen Osterreichs treffen will, muss man schon einmal hinauf auf über 3.000 Meter. Auch wenn unten im Tal, etwa im Sudtiroler Vinschgau, bereits die Apfelbaume bluhen: Hier oben in den Otztaler Alpen ist noch tiefster Winter und die Landschaft unter einer meterdicken Schneeschicht verborgen. 3,82 Meter, um ganz genau zu sein, und Rainer Prinz interessiert jeder Zentimeter davon.

Sie zu lokalisieren ist in der Praxis gar nicht so einfach. Wir sind dazu mit den Tourenskiern auf das „Hintere Eis“ gestiegen, stehen genau auf der Grenzlinie von Nord- und Sudtirol, vor uns ein Panorama der Extraklasse. Von hier oben betrachtet, sieht man schwarze Punkte über das flirrende Weis des Hintereisferners ziehen, wie Ameisen, die über ein riesiges Bettlaken spazieren. Die meisten Ameisen bilden eine Strase in Richtung Weiskugel, mit 3.738 Metern Osterreichs vierthochster Berg und an diesem Feiertag entsprechend begehrtes Gipfelziel bei Alpinisten.

Nur zwei winzige Punkte in der Mitte des Gletschers reisen aus dem Pilgerstrom aus, verschwinden manchmal ganz, tauchen wenig spater wieder an der Oberflache auf. Erst aus der Nahe betrachtet, entdeckt man den mannstiefen Schacht, aus dem alle paar Sekunden eine Schaufelladung Schnee nach oben fliegt, mit unserem gesuchten Glaziologen darin. „Ab zwei Meter Tiefe wird das Schaufeln exponentiell anstrengender“, sagt Rainer Prinz und wischt sich den Schweis von der Stirn. „Exakt 3,82 Meter sind es hier bis zum Eis. Das Schneeschaufeln fangt bei uns Gletscherforschern erst im Mai an. Gut, dass wir den ganzen Winter Zeit zum Üben hatten.“

Grund für die glaziologische Schwerarbeit ist die Massenbilanz, die Rainer Prinz mit seinem Team am Institut für Atmospharen- und Kryospharenwissenschaften der Universitat Innsbruck jahrlich für den Hintereisferner erstellt. Alle 20 vertikalen Zentimeter wird ein Rohrchen mit Schnee gefullt und gewogen. Die Dichte von Schnee reicht von 100 (lockerer Pulverschnee) bis 900 (festes Eis) Kilogramm pro Kubikmeter. „Auf die gesamte Gletscherflache extrapoliert, wissen wir dann, wie viel Wasser hier über den Winter gespeichert wurde.“ Jedes Jahr wird bilanziert, und das bereits seit über 60 Jahren, die zweitlangste Messreihe weltweit. Der Schneeschacht ist gleichzeitig ein konserviertes Witterungsprotokoll: Bei 3,5 Metern identifiziert Prinz eine kleine gelbliche Schicht, „das ist Schnee vom letzten Oktober, vermischt mit Saharastaub. Da gab’s einen grosen Sturm mit Uberschwemmungen in Oberitalien“, erinnert sich der Forscher.

Der Hintereisferner wird ahnlich gut überwacht wie ein Patient auf der Intensivstation. Tagliche Messungen mit dem Laserscanner, Webcams, Wetterstationen, Schneeschachte, Massenbilanz – mittels Hightech-Ausrustung werden zudem die Messungen und Methoden verfeinert, die Modelle global angewandt. Für die Forscher ist die Gegend ein einmaliges riesiges Freiluftlabor. „Solche Daten über einen derart grosen Zeitraum sind weltweit fast einzigartig“, meint Prinz nicht ohne Stolz in der Stimme. Nur deuten alle Daten darauf hin: Der Patient liegt im Sterben.

DIE GLETSCHER VERÄNDERN SICH

Warum uns das alle etwas angeht, erschließt sich erst nach Sonnenuntergang – und nach erledigter Arbeit in der kleinen Biwakschachtel der Uni Innsbruck. In exponierter Lage am Grat hoch über dem Gletscher ist sie seit 1966 das Refugium der jeweiligen Wissenschaftler. Ein kleines Matratzenlager gibt es hier, die Gaslampe flackert, auf dem Herd kochelt ein Kilo Spaghetti gemachlich Richtungal dente . Rainer Prinz kommt mehrmals im Jahr hier herauf, immer bepackt mit einem schweren Rucksack voller Messins trumente, Proviant, der obligatorischen Flasche Rotwein für den Abend. Gezeichnet vom Schneeschaufeln über den ganzen Tag hinweg unter intensiver Hohensonne, wird erst bei einem Glas Merlot klar, worum es ihm wirklich geht: „Den Gletschern ist es ziemlich egal, ob sie schmelzen oder nicht. Die Auswirkungen treffen vor allem uns Menschen. Nur leider fehlt es oft am Verstandnis für den groseren Zusammenhang der Dinge, für das System. Was uns die Gletscher zeigen, sind zeitverzogerte Alarmleuchten.“

70%
DES SÜSSWASSERS der Welt ist in Gletschern (inkl. Polregionen und Gronland) gespeichert. Sie sind nach den Ozeanen die grosten Wasserspeicher der Erde.

1/3
DES ANSTIEGS DER MEERESSPIEGEL ist auf die weltweite Gletscherschmelze zuruckzufuhren.

10m
NEUSCHNEE sind notwendig, um 1,11 Meter Gletschereis zu erzeugen.

0,1
g/cm3 DICHTE besitzt frisch gefallener Schnee, Gletschereis kommt auf eine Dichte von 0,9 g/cm3.

Glaziologische Schwerarbeit
Fast vier Meter tief ist der Schacht, den Rainer Prinz mit seinem Team der Uni Innsbruck jedes Jahr in den Hintereisferner schaufelt. Sinn ist die Erstellung der Massenbilanz.


3.000 Meter über dem Meer
Hier liegen die Messstationen der Forscher am Hintereisferner, die seit Jahrzehnten wichtige Klimadaten akribisch protokollieren. Die Wartung der feinen Instrumente ist entsprechend aufwendig.


Dass sich das globale Klima rapide verandert, ist mittlerweile tausendfach belegt. DassHomo sapiens der Hauptverursacher dieser Erwarmung ist, ebenso. Selten ist diese Veranderung so greifbar, so gut sichtbar wie an den gewaltigen Eismassen, die sich mit einem bisher ungesehenen Tempo zuruckziehen. Zwei Drittel seines Volumens hat der Hintereisferner seit 1850 eingebust; seit rund 30 Jahren ist die Gletscherschmelze in den Alpen zu 100 Prozent menschengemacht.

„Die Gletscher sind zu Ikonen des Klimawandels geworden“, meint Prinz. „Neben den Eisbaren. Wenn wir so weitermachen wie bisher, prophezeien uns alle Messungen und Modelle, dass wir in 100 Jahren weitgehend eisfreie Alpen haben werden. Die Pyrenaen sind doch auch ohne Gletscher wunderschon – oder nicht?“, kommentiert er die Entwicklung durch seine nuchtern-wissenschaftliche Brille. Und wird nach einem weiteren Schluck Merlot doch emotional: „Je mehr wir über Gletscher wissen, desto mehr werden wir uns mit ihnen verbunden fuhlen. Schafft es die Menschheit, den Temperaturanstieg auf weniger als 2 °C zu begrenzen, konnen wir ein Drittel des heutigen Eisvolumens der Alpen retten. Schaffen wir das nicht, gibt es keinen Weg, sie wieder zuruckzuholen.“ Denn neben der Biodiversitat und den Wasserspeichern schmilzt mit den Gletschern vor allem eines: ein einzigartig-asthetisches Naturwunder, das uns Menschen und unseren Lebensraum seit Jahrtausenden pragt.

730.000
km2 bedecken die rund 200.000 Gletscher auf unserem Planeten. Die weltweite Gletscherflache ist damit etwa so gros wie Deutschland, Danemark und Polen zusammen.

7.000
METER PRO JAHR fliest der Jakobshavn Isbra auf Gronland und ist damit der dauerhaft am schnellsten fliesende Eisstrom der Welt.

46,8
METER PRO TAG bewegte sich der Jakobshavn Isbra 2012, die groste je gemessene Fliesgeschwindigkeit des Gletschers. Der Hintereisferner bewegt sich mittlerweile rund funf Meter pro Jahr.

LEBENDES SYSTEM GLETSCHER

Wie entsteht eine Gletscherspalte, wie schnell bewegt sich das Eis, wie schwer wiegt Schnee?

2. Die Hüttenwirtin: DAS EIS ALS NACHBAR

Susanne Gleirscher und ihre Sulzenauhutte in den Stubaier Alpen. Die Postkarte zeigt den Stand des Sulzenauferners vor gut dreisig Jahren, im Hintergrund der reduzierte Jetztstand.


Susanne Gleirschers Nachbar zieht jedes Jahr ein Stuck weiter weg von ihr. Was nicht an Susannes Art liegt – die ist offenherzig und ehrlich –, sondern daran, dass ihr Nachbar aus Eis gebaut ist. Der Sulzenauferner gehort zu den grosten Gletschern in Tirol und ist beinahe vom ganzen Stubaital aus sichtbar – er verleiht der Landschaft ihre alpine Pragung. Susanne bewirtschaftet seit sechs Jahren das gleichnamige Alpenvereinsschutzhaus zu seinen Fusen, die idyllische Sulzenauhutte auf 2.191 Meter Meereshohe.

„Vom Kuchenfenster siehst genau auffiaufn Ferner, und wenn nit viel los is, schaut ma scho viel rauf – und macht sich so seine Gedanken“, sagt Gleirscher. Sie ist lange genug hier oben, um eine Veranderung zu bemerken: Seit ihrem sechsten Lebensjahr verbringt sie jeden Sommer am Berg; schon ihre Eltern haben die Hutte bewirtschaftet, ihr Ururgrosvater war bereits der Grundeigentumer. „Meine Oma erinnert sich daran, dass die Gletscherzunge fruher sogar bis unterhalb der Hutte gereicht hat. Heute sind es eineinhalb Stunden Fusmarsch bis zum Eis“, erzahlt Gleirscher. Damit veranderte sich auch die Klientel der Huttengaste. Fruher kamen primar Hochtourengeher mit Gletscherausrustung, auch Ausbildungskurse wurden regelmasig hier veranstaltet. Heute sind es vorwiegend Wanderer in leichten Trekkingschuhen, die auf dem Stubaier Hohenweg unterwegs sind. „Wir mussten sogar den Normalweg auf das Zuckerhutl sperren, unser prominentester Gipfel hier. Zu wenig Eis, zu viel Steinschlag. Gaste, die vor zehn oder zwanzig Jahren schon einmal hier waren, konnen das oft gar nicht glauben, die sind regelrecht geschockt.“

Die Alpengletscher hatten um 1850 ihre letzten Hochststande. Seitdem sind sie auf dem Ruckzug, und in den letzten Jahren wurde das Tempo immer rasanter. Im Falle des Sulzenauferners ist die Veranderung besonders anschaulich: Dort, wo fruher das „ewige Eis“ das Tal bedeckte, ist ein See entstanden, gespeist vom Schmelzwasser des Gletschers. Und just diese veranderte Landschaft bereitet der Huttenwirtin Kopfzerbrechen.

Vor zwei Jahren prasselte im Sommer besonders viel Regen auf den Ferner, wahrscheinlich losten sich dadurch grosere Eisbrocken. Der See entlud sich eines Augustabends mit ganzer Gewalt, eine Flut aus Tonnen von Steinen bahnte sich ihren Weg Richtung Hutte, „es hat g’rumpelt, dass das Haus g’wackelt hat“, erinnert sich die Huttenwirtin. Nur durch Gluck blieb die Hutte verschont, das E-Werk und die Versorgungsleitungen allerdings nicht. Zehn Tage musste die Sulzenauhutte geschlossen bleiben, die Reparaturen dauerten bis in den Herbst. Mittlerweile ist der See wieder gut gefullt, an Regentagen schleicht sich auf der Hutte ein mulmiges Gefuhl ein. „Wir mussen uns mit den Umstanden arrangieren“, meint Gleirscher pragmatisch.

Von der sonnigen Terrasse aus, auf der unsere Gastgeberin ihre Geschichte erzahlt, hort man an diesem Sommertag die Vogel trallern. Gleirscher: „Wahrend meiner Kindheit herrschte hier Stille. Unten im Tal freute ich mich immer am meisten auf das Gezwitscher.“

Im Verlauf der Klimaveranderung sind Singvogel zu neuen Huttengasten geworden.

Aus Eis wird Wasser. Der machtige Sulzenauferner reichte vor 70 Jahren bis zur Hutte hinunter, jetzt sind es gut eineinhalb Stunden Fusmarsch bis zum Gletscher.


Das Skigebiet Stubaier Gletscher im Sommer. Im Winter tummeln sich tausende Skifahrer auf weisen Pisten, im Sommer werden die Eisreste durch riesige weise Vliese geschutzt.


Flüssiges Eis
Durch geografische Eigenheiten entstand am Hintertuxer Gletscher auf 3.200 Metern eine permanente Gletscherhohle samt unterirdischem See im Eis. Sogar mit einem Boot kann man hier fahren und, wer denn so will, auch schwimmen.


3. Der Unternehmer: DAS EIS ALS TOURISTENATTRAKTION

Roman Erler ist der Entdecker und Betreiber des Natureispalastes am Hintertuxer Gletscher, einer eisigen Wunderkammer.


Eigentlich beginnt alles mit einem einzigen grosen Zufall. Ein kleiner Spalt, nicht einmal zwei Meter breit, genugt, um Roman Erlers Aufmerksamkeit zu fesseln. „Ich war gerade mit einer Gruppe am Ruckweg vom Olperer, da is mir der Schlitz neben der Piste Nummer funf aufgefallen. Am nachsten Tag bin ich dann gleich no amal rauf.“ Eine neue Offnung im Eis ware sonst eigentlich nichts Ungewohnliches auf einem Gletscher, Spalten gibt es am Hintertuxer Gletscher im Tiroler Zillertal zuhauf. Uberall, nur eben nicht auf der Piste Nummer funf. Bis jetzt.

Roman Erler, grosgewachsen, weiser Bart, strenger Blick, ist ein von Grund auf neugieriger Mensch. Im Sommer zieht es ihn in abgelegene Taler, die sonst keiner durchwandert, er sucht dort nach Barenknochen und seltenen Mineralien. Im Winter begleitet er als Bergfuhrer Gaste auf den Olperer, den hochsten Berg der Tuxer Alpen in Tirol, organisiert Spaltenrettungen mit der Bergrettung. Uber 200 Tage im Jahr verbringt er jenseits der 3.000-Meter-Grenze, und genau darum fallt ihm dieser kleine Spalt auf. Zwei Eisschrauben sind schnell platziert, der Klettergurt übergestreift, und Roman Erler seilt sich kurzerhand ab, hinunter in das kalte schwarze Loch. Was ihm damals, vor über zehn Jahren, im Lichtkegel der Stirnlampe entgegenglitzert, lasst ihn bis heute nicht mehr los.

Riesige Stalagmiten, Perleis an der Decke, Wabeneis an den Wanden: Roman Erler war eingetaucht in eine Welt, die er heute Natureispalast nennt. „Erst amal hab i schlucken mussen. Normalerweise sind Gletscherhohlraume sehr kurzlebig, die sind heute mal offen und morgen schon wieder zu. Aber das war eine richtige Hohle, keine ordinare Gletscherspalte“, erinnert sich Erler. Tatsachlich hat sich am Hintertuxer Gletscher auf 3.200 Meter Seehohe eine Gletscherhohle gebildet. Das Eis ist hier am Fels festgefroren und bleibt aufgrund geografischer Besonderheiten von dem fliesenden Teil des Gletschers getrennt, „seit zehn Jahren hat sich das keinen Zentimeter bewegt“. Durch diesen Umstand hatte das Wasser genugend Zeit und Muse, sich in bizarrste Eisskulpturen zu verwandeln und sein geheimes Innenleben preiszugeben. „Wir sind hier tief im Gletscher, 35 Meter über uns ziehen die Skifahrer ihre Kurven. Aber was unter der Piste liegt, das ahnt da oben keiner“, sagt Erler.

Wer eintritt in diese Welt, muss kein Glaziologe sein, um sich für das Eis zu faszinieren. Es ist einer der wenigen Orte, an denen man einen Gletscher von innen bestaunen kann, ganz ohne Bergfuhrerausbildung: Roman Erler betreibt den Natureispalast als kommerziell touristische Sehenswurdigkeit. Wichtiger als der Nettoerlos ist ihm aber eines: „Die Leute mussen mit eigenen Augen sehen, wie faszinierend diese Welt aus Eis ist. Nur wer deren Schonheit gesehen hat, wird sich auch Gedanken darüber machen, wie wir sie erhalten konnen.“

4. Der Bergführer: DAS EIS ALS EXISTENZGRUNDLAGE

Horst Fankhauser kennt die Gletscher um die Franz-Senn-Hutte in den Stubaier Alpen wie kein Zweiter. Das Foto illustriert den Ruckgang des Alpeiner Ferners zwischen den 1930er-Jahren und 2019 (gr. Bild).


Der Mann, der mit den Murmeltieren spricht!“, hort man die ironische Selbstbeschreibung Horst Fankhausers herüberschallen, als er mit der Sicherheit eines Seiltanzers über die klobigen Steine des Gerollfelds balanciert. Dann ertont kurz darauf aber doch ein schriller Pfeifton, das Warnsignal der dicken Alpinnager, und die massigen braunen Fellknauel wuseln zu ihren Bauen. Obwohl sie ihn eigentlich gut kennen mussten, den Horst: Der Tiroler ist seit etlichen Jahrzehnten hier oben unterwegs, sommers wie winters, und das trotz seiner 75 Jahre keinen Schritt langsamer.

Horst Fankhauser fuhrt uns heute zu einem seiner Lieblingsplatze, dorthin, „wo man den Gletscher richtiggehend spurt, ohne dabei am Eis zu stehen“. Mit dabei hat er eine historische Postkarte, die den Stand des Alpeiner Ferners vor neunzig Jahren abbildet und die damals vom gleichen Standort aufgenommen wurde. Etwas wehmutig blicken Fankhausers Augen unter den buschigen Brauen in die Kamera, als wir das Vergleichsfoto aufnehmen, wobei er sich dann doch zu einem Lacheln durchringt: „Eigentlich musst i jetzt traurig schauen, aber des kann i gar nit.“

Horst Fankhauser ist eine leibhaftige Bergsteiger-Legende. Er war über dreisig Jahre Huttenwirt auf der nahen Franz-Senn-Hutte in den Stubaier Alpen, Bergfuhrer-Ausbildner und bestieg quasi so nebenbei zwei Achttausender. Es gibt wohl keinen, der mit den Gipfeln, Gletschern sowie den Murmeltieren hier oben mehr verbunden ist, die Veranderungen der Landschaft emotionaler miterlebt hat. „Fur mich andert sich ein Weltbild“, meint Fankhauser. „Seit gut zehn Jahren galoppiert das Tempo, da kannst direkt zuschauen, wie die Gletscher schmelzen.“ Für Bergfuhrer wie ihn wandelt sich auch der Arbeitsplatz gravierend. Durch den Gletscherschwund und das zunehmende Auftauen des Permafrosts werden viele Wege akut steinschlaggefahrdet oder gleich ganzlich unpassierbar, „auf die Wildgratscharte mussten wir vor acht Jahren sogar einen Klettersteig bauen“, erklart Fankhauser, und fugt hinzu: „und mittlerweile schon drei Mal nach unten verlangern.“ Viele der ehemals klassischen Nordwand-Eistouren in der Gegend sind mittlerweile unbegehbar.

Mit einem Blick auf den zuruckgezogenen Alpeiner Ferner meint Fankhauser: „Irgendein schlauer Mann hat einmal gesagt: ‚Alles hat seine Zeit.’ Das trifft wohl auch auf die Gletscher zu. Wenn uns Gaste auf der Hutte fragen, wie wir dem Klimawandel begegnen, dann sag i immer: Wir pflanzen jetzt Palmen an und machen einen Golfplatz auf.“

Rückschau
Die landschaftspragenden Eisriesen sind bedingt durch den Klimawandel weltweit auf dem Ruckzug. Für Bergfuhrer wie Horst Fankhauser bedeutet dies ein verandertes Arbeitsumfeld: Viele der Touren seiner Jugend sind heute nicht mehr kletterbar.


5. Der Gletscherfotograf: DAS EIS ALS GESAMTKUNSTWERK

Blau. Es sind vor allem die facettenreichen Schattierungen dieser Farbe, die es ihm angetan haben. „Vom fast durchsichtigen Hellblau über sattes Turkis bis hin zu Stahlblau – im Eis findest du alle Tonungen. Für mich ist das die schonste Farbe, die ich kenne“, schwarmt Robbie Shone. Er zahlt zu einer Handvoll Spezialisten weltweit, auf deren Visitenkarte die Berufsbezeichnung „Hohlenfotograf“ gedruckt steht. Und die muss man sich erst mal hart erarbeiten: Uber 15 Jahre lang kroch Robbie durch die meist schlammigen Hohlen seiner Heimat England, die Kamera immer im Anschlag. Und wer die Insel kennt, wird verstehen, dass der primare Farbton dort eine Mischung aus Matschbraun und Steingrau ist. Umso faszinierter war Robbie, als er mit seinem Umzug nach Innsbruck vor funf Jahren das Blau der Gletscher für sich entdeckte.

Wie schnell sich das Eis zuruckziehen kann, hat der Fotograf zum ersten Mal am Gorner- und Aletschgletscher bei Zermatt in der Schweiz mit eigenen Augen gesehen. An vier aufeinanderfolgenden Jahren nahm Shone an Expeditionen teil, um dort die tiefen Gletschermuhlen zu fotografieren. Jedes Jahr waren die Veranderungen noch deutlicher sichtbar, das Eis hatte sich zum Teil hunderte Meter weit zuruckgezogen. „Ich konnte einfach nicht glauben, dass es so schnell gehen kann. Und dass der Mensch der groste Treiber dieser Beschleunigung ist.“

Alle Fotos dieser Geschichte stammen von Robbie Shone selbst. Viele Male ist er dafur über ein ganzes Jahr Richtung ewiges Eis ausgeruckt, und der Autor darf beeindruckt berichten: Shone kann sich eine geschlagene Stunde mit einem einzigen Eiszapfen beschaftigen, hat dabei dutzen de Male den Blickwinkel verandert, die Blitze versetzt, Objektive gewechselt – bis der Zapfen in seiner ganzen Erhabenheit eingefangen ist.

Es ist genau diese Faszination für die Schonheit des Eises, die Shone antreibt: „Die Gletscher sind die letzten sichtbaren Zeichen einer vergangenen Welt, der Eiszeit. Den Gedanken, dass unsere Enkelkinder diese Formen und Farben moglicherweise gar nie zu Gesicht bekommen werden, kann ich nicht ertragen. Wir mussen die Schonheit bewahren.“ Sein Mittel zum Zweck ist die Kamera.

Robbie Shone
dokumentiert leidenschaftlich die Veranderung der Gletscher. Die Fotos dieser Geschichte sind seine und sensibilisieren für die fragile Schonheit des Eises.


FOTOS:ROBBIE SHONE

ILLUSTRATION:MANUEL BORTOLETTI

ZUSATZFOTO: SIMON SCHÖPF

ZUSATZFOTO: SIMON SCHÖPF

FOTO: COLIN RONALD