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NATURSCHUTZ FREUND UND HELFER IN DER MONGOLISCHEN STEPPE


Spektrum der Wissenschaft - epaper ⋅ Ausgabe 7/2018 vom 23.06.2018

Die Wiedereinführung eines traditionellen Herdenschutzhundes soll der Überweidung in der mongolischen Steppe Einhalt gebieten: Der Bankhar, der in der Ära sozialistischer Planwirtschaft fast ausgestorben ist, verteidigt Ziegen und Schafe gegen Raubtiere und bringt die Nomaden dazu, sich mit kleineren Herden zu begnügen.


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Bildquelle: Spektrum der Wissenschaft, Ausgabe 7/2018

Jason Overdorf ist Journalist in Neu-Dehli (Indien) und berichtet über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Asien.

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► Die zerklüfteten Ausläufer des Altaigebirges ziehen sich in das verbuschte Grasland der südlichen Gobi hinein. Diese abgelegene mongolische Region – zwei Tagesreisen von der Hauptstadt Ulan-Bator und mehr als 100 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt – stellt mit hungrigen Wölfen und Schneeleoparden sowie strengen Wintern eine raue Heimat für die hier lebenden Hirten dar. Einer von ihnen ist der 57-jährige Otgonbayar, ein wettergegerbter Nomade mit einer Herde von mehr als 1000 Kaschmirziegen und zwei Dutzend Schafen, die er vom Motorradsattel seiner chinesischen 100-Kubik-Maschine aus hütet.

»Die Wölfe waren in diesem Winter schrecklich«, erzählt Otgonbayar an einem Frühlingstag 2016, während seine Frau einen verbeulten Aluminiumtopf mit russischen Keksen und anderen Süßigkeiten herumreicht. »Ohne meine Hunde wären meine Verluste aber noch viel größer gewesen.« Gerade ein paar Tage zuvor hatten Wölfe vier seiner Tiere getötet; normalerweise können sie pro Saison 50 oder auch mehr reißen.

Seit den 1990er Jahren haben Hirten wie Otgonbayar ihre Herden gewaltig vergrößert, um so Einbußen durch Raubtiere und raues Wetter auszugleichen. Dies führte jedoch zur Überweidung der Steppe und damit zu einem Teufelskreis aus immer größeren Herden und immer stärkerer Umweltzerstörung. Jetzt will ein amerikanischer Unternehmer namens Bruce Elfström dieses Muster durch ein seit Jahrtausenden bekanntes Haustier durchbrechen: den einheimischen Herdenschutzhund Bankhar. »Es galt, die altbewährten Hunde, die schon die Großväter der heutigen Hirten hielten, zu finden, zu züchten und sie den Menschen zurückzugeben. Denn ohne Angst vor Raubtieren brauchen die Leute nicht mehr so viele Ziegen, und die Steppe kann sich wieder erholen«, beschreibt Elfström sein Ziel.

Bis zum Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft in den 1990er Jahren diktierte in der Mongolei die sozialistische Planwirtschaft, wie viele Tiere ein Hirte aufziehen darf. Maßnahmen wie ein regelmäßiger Weidewechsel verhinderten eine Übernutzung, und die Regierung sorgte dafür, dass auch Schäfer in entlegenen Gebieten ihr Fleisch und ihre Wolle vermarkten konnten. Beim Übergang zur Marktwirtschaft löste sich dieses System auf. Die Regierung privatisierte die Herden, doch das Weideland blieb Allgemeingut. Die Hirten fühlten sich dadurch ermuntert, ohne Rücksicht auf die Umwelt immer mehr Tiere aufzuziehen. Gleichzeitig stieg im prosperierenden China der Bedarf nach Kaschmir, erklärt die Doktorandin Zara Morris-Trainor von der schottischen University of Aberdeen, die den Einfluss des Handels auf die Schneeleoparden der Mongolei untersucht.

Der Kollaps der Sowjetunion 1991 ließ den bilateralen Handel zusammenbrechen und führte die Mongolei in eine größere Abhängigkeit von China. Fast über Nacht setzten die Nomaden, die traditionell gemischte Herden aus Kamelen, Ziegen, Pferden, Schafen, Rindern und Yaks gehalten hatten, verstärkt auf Kaschmirproduktion mit immer größeren Ziegenherden. Die spitzen Hufe der Tiere beschädigen zunehmend die oberste Bodenschicht und fördern so die Winderosion. Lag der Anteil an Ziegen früher unter 20 Prozent, bildeten sie 1996 schon ein Drittel von etwa 29 Millionen domestizierten Weidetieren. 2015 war die Ziegenpopulation bereits auf fast 24 Millionen bei einer Gesamtzahl von 56 Millionen Stück Vieh angestiegen.

Die mongolischen Wüstengebiete wachsen im gleichen Ausmaß. Seit 1996, als die Mongolei dem Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung beitrat, verdreifachte sich der Anteil der von Desertifikation bedrohten Gebiete auf etwa 260 000 Quadratkilometer – ein Sechstel der Landesfläche. Bis zu 80 Prozent des Schadens sind auf Überweidung zurückzuführen, wiesen Wissenschaftler von der Oregon State University 2014 anhand von Satellitenbildern der Vegetation nach.

Töten aus Rache

Im gleichen Zeitraum verschwanden durch unkontrollierte Jagd und Zerstörung des Lebensraums 75 bis 90 Prozent der Beute von Wölfen und Schneeleoparden. Die Raubtiere mussten daher ihre Nahrung beim Vieh der Nomaden suchen. Zusätzlich häuften sich die als Dsud bekannten Winterstürme, denen Millionen von Herdentieren erlagen. Mangels ausreichender Versicherungen nahmen die Nomaden die Dinge selbst in die Hand: In guten Zeiten vergrößerten sie ihre Herden in der Hoffnung, im Frühling wenigstens ein paar Schafe und Ziegen übrig zu haben; in schlechten trieben sie ihre Tiere auf engem Raum zusammen, um sie besser schützen zu können. Beide Strategien verstärken das Problem der Wüstenbildung.

Hilflos den Stürmen, dem Schnee und der Klimaveränderung ausgesetzt, richtet sich die Wut vieler Hirten gegen die Raubtiere. Zuverlässige Daten über die Folgen gibt es kaum, aber immerhin 14 Prozent der befragten mongolischen Hirten gaben 2002 zu, Schneeleoparden aus Rache für gerissenes Vieh getötet zu haben. Experten wie Bayarjargal Agvaantseren, der in der Mongolei die Arbeit des Snow Leopard Trust koordiniert, halten solche Vergeltungsmaßnahmen für eine der Hauptbedrohungen der großen Katzen. Aber auch Wölfe geraten ins Fadenkreuz. »Manche Kommunen organisieren immer noch jährliche Wolfsjagden«, sagt Agvaantseren. Naturschutzbiologen sehen schwarz für die Zukunft beider Arten in der Mongolei.

Der kräftig gebaute Bankhar wirkt durchaus beeindruckend. Sein dichtes Fell schützt ihn vor den extremem Temperaturen, die in der mongolischen Steppe vorherrschen.


Als Herdenschutzhund lebt ein Bankhar mit den Weidetieren zusammen. Daher verteidigt er seine Herde auch gegen äußere Gefahren etwa durch Wölfe oder Schneeleoparden.


Bruce Elfström glaubt, helfen zu können. 2013 entwickelte er ein Programm, das den Verlust an Weidetieren reduzieren und dabei gleichzeitig Beutegreifer schützen soll. Schlüssel hierzu ist der Bankhar, ein großer schwarzbrauner mongolischer Hund. Das Mongolian Bankhar Dog Project gründete in der Nähe von Ulan-Bator ein Zuchtund Trainingszentrum und brachte die Hunde zu Nomaden, deren Herden stark von Beutegreifern bedroht sind. Zu den ersten Teilnehmern des Projekts gehört Otgonbayar. »Sobald das Projekt läuft, wollen wir es den Mongolen übergeben, damit überall im Land Zuchtzentren entstehen «, erklärt der 51-jährige Elfström, der im Osten der USA eine Geländewagen-Fahrschule betreibt.

Bankhars gab es früher überall in der mongolischen Steppe. In Anspielung auf ihr Furcht erregendes Naturell lautet der traditionelle mongolische Gruß: »Halte deinen Hund fest.« Hunde sind die einzigen Tiere, denen Mongolen Namen geben. Zahlreiche Sagen und Legenden – einschließlich des Gründungsmythos der Mongolei, der die Abstammung von Dschingis Khan auf einen blaugrauen Wolf und eine weiße Hirschkuh zurückführt – zeugen von der Auffassung traditioneller Nomaden, nach der Mongolen und ihre Hunde aus dem gleichen Holz geschnitzt seien, erklärt der Anthropologe Gaby Bamana, der als Gastwissenschaftler an der niederländischen Universität Groningen forscht.

Trotz ihrer kulturellen Bedeutung gibt es seit der kommunistischen Zeit kaum noch Bankhars. Als Symbol für Unabhängigkeit passten die wilden territorialen Hunde nicht zur damaligen Ideologie mit staatseigenen Herden, in denen nur sieben Tiere pro Person als Privatbesitz erlaubt waren. In den 1930er Jahren waren bei Moskauern sogar Bankhar-Felle äußerst beliebt. Kreuzungen wie jene mit dem Deutschen Schäferhund, der in den 1940er Jahren während des Baus der Transsibirischen Eisenbahn ins Land kam, sowie mit Haushunden der über 100 000 sowjetischen Soldaten, die in den 1960er Jahren in die Mongolei gezogen waren, veränderten zusätzlich den Genpool der ursprünglichen Bankhar-Population. So lässt sich heute kaum noch ein reinrassiger Bankhar finden. Das von Schäferhundzüchtern bevorzugte Einkreuzen von Jagdtrieben beeinträchtigte zusätzlich die Eignung als Beschützer von Weidevieh.

Durch die Zwangskollektivierungen, die den Einsatz der Hunde lähmten, ging auch das traditionelle Wissen verloren. Nur wenige Hirten, die mit ihren Familien in der Steppe leben, erinnern sich noch daran, wie man Herdenschutzhunde züchtet oder dressiert.

Bestens angepasst an das raue Klima der Steppe

Warum setzt dann Elfström ausgerechnet auf den Bankhar? Schließlich gibt es immer noch auf der ganzen Welt andere Herdenschutzhunde, wie etwa den Owtscharka im Kaukasus, den Anatolischen Hirtenhund in der Türkei oder den Pyrenäenberghund in Westeuropa (siehe »Herdenschutzhunde in Europa«, S. 36). Warum importiert man nicht einfach diese Tiere in die Mongolei?

Da wären zunächst biologische Gründe zu nennen. Genauso wie andere Herdenschutzhunde entstand der Bankhar nicht durch sorgfältige Zucht wie etwa die Deutsche Dogge oder der Golden Retriever. Vielmehr entwickelte sich die Rasse durch eine Kombination aus natürlicher und künstlicher Selektion: Die besten Individuen gediehen, wohingegen die Nomaden die nutzlosen nicht fütterten und diejenigen ausmerzten, die Weidetiere jagten oder töteten. Heraus kam ein Hund, der Nutztiere unter harten Bedingungen zu beschützen vermag.

Mit einer Schulterhöhe zwischen 65 und 80 Zentimetern und einem Gewicht zwischen 40 und 60 Kilogramm sind Bankhars besonders gut an die Herausforderungen der mongolischen Steppe angepasst, wo die Temperaturen im Sommer auf bis zu 40 Grad Celsius ansteigen und im Winter auf minus 45 Grad fallen können. Unter ihrem zotteligen Haarkleid, das sich fast wie Kaschmir anfühlt, sitzt ein dickes Unterfell, das sie winters wie sommers vor extremen Temperaturen schützt. Mitunter vergraben sich die Tiere auch, um der Hitze zu entkommen. Zusätzlich fressen Bankhars vermutlich auf Grund eines langsameren Stoffwechsels weniger als gleich große Hunde – ein entscheidender Vorteil in einer Gegend, wo viele Familien nur wenig abzugeben haben.

Einem extremen Klima könnten zwar andere zentralasiatische Herdenschutzhunde wie der Owtscharka ebenfalls trotzen; dem stehen jedoch kulturelle Vorbehalte gegenüber. Jahrzehntelange sowjetische Einmischung haben die Mongolen argwöhnisch gegenüber ausländischen Beratern gemacht. Besonders skeptisch reagieren sie, wenn ihnen irgendwelche Amerikaner, die anscheinend eine Ziege nicht von einem Schaf unterscheiden können, etwas beibringen wollen. Dagegen ist der einheimische Bankhar für die Mongolen immer noch von großer Bedeutung: Traditionalisten sind davon überzeugt, dass der von ihnen geradezu verehrte Hund Kontakt zur Geisterwelt hat; moderner eingestellte Hirten betrachten Bankhars als kraftvolles Symbol ihrer Nation. »Jeder will einen Bankhar«, betont Elfström. Zudem: Lassen sich die Hirten über das Bankhar-Projekt erreichen, reagieren sie vielleicht auch gegenüber anderen Schutzbemühungen aufgeschlossener.

Mit DNA-Tests stöberten Elfström und sein Team die wenigen Exemplare reinrassiger Bankhars auf und konnten daraus mittlerweile mehr als 60 Tiere aufziehen und an Hirten übergeben. Erste Daten des noch in der Anfangsphase laufenden Projekts belegten nach Elfströms Angaben einen Rückgang der von Räubern gerissenen Nutztiere um 90 bis 95 Prozent. Mittlerweile interessieren sich auch Non-Profit-Organisationen wie der Snow Leopard Trust und die Wildlife Conservation Society (WCS) für das Programm. So half die WCS 2016 dabei, drei Familien in einem Gebiet der Gobi mit einem starken Raubtierdruck durch Wölfe mit sechs Hunden zu versorgen, erzählt Onon Bayasgalan, WCS-Naturschützerin in der Mongolei. »Wenn sich die Bankhars bei diesen Hirten bewähren, wollen wir noch mehr Familien Hunde geben. In Zukunft könnten wir auch in anderen Gegenden mit dem Bankhar-Projekt zusammenarbeiten.«

Die Naturschützer hoffen, dass ein Erfolg die Hirten auch für andere Projekte begeistert wie zum Beispiel für »nachhaltiges Kaschmir«. Dabei sollen die Nomaden kleinere Herden halten, um qualitativ hochwertige Wolle zu produzieren, die sie dann für einen höheren Preis verkaufen könnten. Die Zuweisung eines Welpen gilt bereits als informelle Belohnung für ausgewählte Hirten wie Otgonbayar, dessen Weideland in der Nähe eines Schutzgebiets für Schneeleoparden liegt. Sobald Elfström beweisen kann, wie effektiv die Hunde Beutegreifer abschrecken, möchte er weitere Anreize für die Hirten anbieten, um sie vom Töten der Raubtiere abzuhalten.

Die Umsetzung des Projekts erwies sich allerdings als Hindernislauf: 2016 zwangen Umweltauflagen der Mongolei, das Zuchtzentrum in den Norden des Landes in die Nähe des Hustai-Nationalparks zu verlagern, was einem Neuanfang des Projekts gleichkam. Dann verlor das Team durch einen Unfall ihren zuverlässigen Geländewagen, mit dem sie Hunde und Ausrüstung transportiert hatten. Und auch wenn die Hirten Bankhars haben wollen, erweist sich das Trainingsprogramm immer wieder als schwierig. Um die Welpen zu Herdenschutzhunden zu erziehen, müssen sie zwischen der 6. und 13. Woche mit dem Weidevieh zusammen aufwachsen, damit sie eine Bindung zu den Ziegen und Schafen aufbauen. Das ist zwar nicht kompliziert, erfordert aber die Bereitschaft der Hirten, sich strikt an die Regeln zu halten.

Zudem ist die Zusammenarbeit mit dem Snow Leopard Trust zum Stillstand gekommen. Trotz einiger Fortschritte lassen sich laut Gustaf Samelius, dem stellvertretenden wissenschaftlichen Direktor der Stiftung, kaum Hunde aus Elfströms Bankhar-Projekt unterbringen, da alle Nomaden in den Gebieten, in denen die Organisation arbeitet, bereits Hunde besitzen. »Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, scheinen alle mit ihren eigenen Hunden glücklich zu sein«, sagt Samelius.

Diese Behauptung frustriert Elfström besonders. Ausnahmslos handele es sich um Streuner oder Kreuzungen, die nicht als Herdenschutzhunde aufgezogen worden sind, sagt er. Sie schreckten zwar Raubtiere ab, wenn sie nachts bellen, sobald sich ein Schneeleopard dem Pferch nähert. Man kann sich aber nicht darauf verlassen, dass sie das Vieh auf der Weide beschützen, weil sie an die Familie und nicht an die Tiere gebunden sind. Sie folgen eher den Hirten zurück in die Jurte, statt über ihre Herde zu wachen.

»Viele Wissenschaftler glauben immer noch, alle Hunde seien gleich«

Trotz der Aussage von Samelius, dass kein Bedarf für Hunde bestünde, schickt das Bankhar-Team seine Welpen ebenfalls in die Gebiete, in denen der Snow Leopard Trust aktiv ist – wenn vielleicht auch nicht zu den Familien, die angeblich mit ihren eigenen Vierbeinern zufrieden sind. Manchmal bezeichnen Hirten ihre untrainierten Kreuzungen aus Stolz oder Loyalität als Bankhars. Doch wenn sie erst einen richtigen Bankhar aus dem Zuchtprojekt kennen gelernt hätten, so Elfström, »verwandeln sich ihre Hunde urplötzlich zu einer Promenadenmischung, und sie wollen unsere«.

»Viele Leute, darunter auch Wissenschaftler, glauben immer noch, alle Hunde seien gleich – trotz der Schwemme an Publikationen, die das Gegenteil beweisen«, meint Elfström. »Hirten wissen, dass Bankhars nicht irgendwelche Hunde sind.« Wie Forscher beweisen konnten, wirken sich ähnliche Herdenschutzhunde in Afrika, Australien, Europa und dem westlichen Teil der Vereinigten Staaten durchaus positiv aus: Rassen wie derPyrenäenberghund oder der Anatolische Hirtenhund konnten die Weideviehverluste durch Geparden, Kojoten, Dingos, Füchse, Bären und Wölfe reduzieren oder völlig verhindern. In Namibia führte die Einführung von ungefähr 450 Anatolischen Hirtenhunden in den letzten zwei Jahrzehnten dazu, dass Geparde fast keine Nutztiere mehr reißen. Dies wiederum setzte dem Töten von jährlich mehr als 1000 dieser großen Katzen ein Ende. In der Mongolei, wo die Schutzbemühungen für Beutegreifer noch in den Kinderschuhen stecken, könnten die Auswirkung ähnlich dramatisch sein, glaubt Elfström.

Wenn das Projekt genug Hunde züchten kann und ausreichend Nomaden findet, die sie richtig dressieren, sollten Tötungen aus Rache deutlich abnehmen. Bei anderen erfolgreichen Programmen wie Cheetah Outreach in Südafrika haben sich Farmer vertraglich verpflichtet, keine Geparden zu töten – und die Vergeltungsmaßnahmen gingen tatsächlich stark zurück. Ein Impfprogramm des Snow Leopard Trust in Pakistan wiederum zeigt, dass die Farmer durch verringerte Herdenverluste auch weniger Tiere halten: Mit Hilfe des Programms sanken die Herdengrößen um 17 Prozent.

Doch selbst wenn Elfström einige Hirten überreden kann, ihre Herden zu verkleinern, bleibt das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, solange nicht weitere Maßnahmen zum Schutz der mongolischen Steppe und ihrer Bewohner greifen. Glücklicherweise entstehen bereits solche Programme. So wirbt die Firma Sor Cashmere in Ulan-Bator für Kaschmir aus Kamel- oder Yakwolle, weil diese Tiere weniger Umweltschäden als Ziegen verursachen. Und die Wildlife Conservation Society arbeitet mit Hirten und Bergbauunternehmen zusammen, um Projekte zur ökologischen Schadensminimierung ins Leben zu rufen und nachhaltiges Ziegenkaschmir zu fördern.

»Wir wollen, dass die Hirten stärker umherziehen. Wir wollen, dass sie Herden mit unterschiedlichen Tieren halten. Wir wollen nicht, dass sie immer mehr Tiere haben müssen, um die Verluste auszugleichen«, sagt Elfström. »Dafür müssen wir mit anderen Nichtregierungsorganisationen zusammenarbeiten. Wir können nicht alles allein machen.«

QUELLEN

Bamana, G.: Dogs and Herders: Mythical Kinship, Spiritual Analogy, and Sociality in Rural Mongolia. In: Sino-Platonic Papers 245, S. 1–18, 2014

Hilker, T. et al.: Satellite Observed Widespread Decline in Mongolian Grasslands Largely due to Overgrazing. In: Global Change Biology 20, S. 418–428, 2014

WEBLINK

www.bankhar.org

Das Mongolian Bankhar Dog Project unterstützt die Wiedereinführung des Bankhars bei mongolischen Hirten.

AUF EINEN BLICK: RÜCKKEHR EINES HERDENSCHUTZHUNDES

1 Mongolische Hirten halten immer größere Ziegenund Schafherden, um Viehverluste durch Klimaveränderungen und Beutegreifer auszugleichen. Dies führt zu Bodenzerstörungen durch Überweidung.

2 Früher besaßen die Nomaden Bankhars, die als Herdenschutzhunde das Vieh gegen Wölfe und Schneeleoparden verteidigten. Das Wissen um diese traditionelle Hunderasse ist inzwischen fast verloren gegangen.

3 Das Mongolian Bankhar Dog Project will den Hund durch Neuzüchtungen wieder einführen. Trotz Anfangserfolgen erweist sich die Umsetzung des Programms als schwierig.

Herdenschutzhunde in Europa

Weltweit setzten Hirten traditionell Hunde ein, um ihre Herden zu schützen. Auch in Europa waren Herdenschutzhunde seit der Domestizierung von Schafen und Ziegen verbreitet. Die nahezu komplette Ausrottung von Beutegreifern wie Wolf, Bär und Luchs sowie veränderte Weidebedingungen durch die Intensivierung des Ackerbaus erforderten neue Aufgaben für die Hunde: Gefragt war nun ein Arbeitstier, das zusammen mit dem Schäfer seine Herde führt.

SolcheHütehunde , die ab dem 18. Jahrhundert gezüchtet wurden, unterscheiden sich grundsätzlich vonHerdenschutzhunden : Erstere sind auf den menschlichen Hirten fixiert und treiben auf Kommando auf Grund ihres Jagdinstinkts die Herde zusammen; gegenüber Raubtieren erweisen sie sich jedoch meist als unterlegen. Herdenschutzhunde wachsen dagegen schon als Welpen in ihrer Herde auf und bauen somit eine engere soziale Bindung zu den Schafen oder Ziegen als zum Hirten auf. Entsprechend agieren sie selbstständig und verbellen jeden, der sich ihrer Herde zu sehr nähert. Die Hirten brauchen hierfür mindestens zwei, bei größeren Herden auch bis zu vier Hunde.

Das Wissen um die Herdenschutzhunde geriet in Europa nahezu in Vergessenheit; in Deutschland wurden sie im 20. Jahrhundert praktisch nicht mehr eingesetzt. In abgelegenen Regionen konnten sich jedoch bestimmte Rassen halten. So entstand in Italien durch eine Kreuzung von Hunden aus der Maremma und den Abruzzen derMaremmano (Cane da Pastore Maremmano Abruzzese, siehe Bild). In den französischen Pyrenäen passt derPyrenäenberghund (Patou des Pyrénées) auf seine Herde auf. Das spanische Gegenstück heißtPyrenäen-Mastiff (Mastín del Pirineo). In Ungarn hat sich derKuvasz bewährt, in Polen derTatra-Hirtenhund (Polski Owczarek Podhalanski). Und aus dem Kaukasus stammt derKaukasische Owtscharka .

Seitdem es in Deutschland wieder Wölfe gibt, werden Herdenschutzhunde auch bei uns interessant. Entsprechende Projekte laufen etwa in Sachsen, Brandenburg und Bayern.

Andreas Jahn

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Unser Online-Dossier zum Thema finden Sie unterwww.spektrum.de/ t/hunde-und-katzen


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