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Netzwerk der Gentlemen


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Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 02.05.2022

DRAMATURGIE

Artikelbild für den Artikel "Netzwerk der Gentlemen" aus der Ausgabe 5/2022 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

SIMONE SANDRONI Während der Pandemie kam alles zum Stillstand. Trotz der Angst, unsere Arbeit nicht machen zu können, dachte ich, dies sei ein guter Moment, um etwas „Unregelmäßig-Ungewöhnliches“ zu denken. Ich rief Roberto Scafati an: „Wir müssen etwas tun – ein Duett?“ Er antwortete: „Aber wir beide? Lass uns die jungen Leute zum Tanzen bringen.“ Ich entwarf die ersten rudimentären Linien für das Konzept und den Austausch.

ROBERTO SCAFATI Uns fiel Stijn Celis ein. Der brachte uns beim Tanzfestival Saar unter. Der beste Rahmen für die Sichtbarkeit des Projekts und zugleich am herausforderndsten für ihn selbst. Dann holten wir noch Iván Pérez mit ins Boot. Der meinte, selbst zu tanzen sei keine gute Idee – aber mit den Compagnien könnte es eine werden.

SIMONE SANDRONI Wir beschlossen, auf eine sonst der freien Szene vorbehaltene Art, über Kunst und Tanz nachzudenken. Ein Problem zu ...

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... kreieren – und dann zu sehen, was dabei herauskommt. Wohlwissend, dass wir auf die Stärke und Organisationsmöglichkeiten der im positiven Sinn altehrwürdigen Staats-und Stadttheater bauen können.

STIJN CELIS Die erste Idee war, unsere Ensembles zu tauschen. Ab Herbst 2020 trafen wir uns dann via Zoom und begannen, uns ein Konzept zu überlegen.

IVÁN PÉREZ Wir sprachen mit den Dramaturgen an unseren Häusern und prüften die Machbarkeit, unsere Einfälle unter einen Hut zu bringen, um zuerst maximal je drei, später fünf Interpreten aus jeder Compagnie zusammenzubringen …

STIJN CELIS … auch auf einem logistischen und praktischen Level. Das bedeutete eine lange Vorbereitung und war eine für uns alle sehr bereichernde Erfahrung. Es gab viel Zeit, die anderen Theater, deren Infrastrukturen und Arbeitsweisen kennenzulernen. Ein Experiment – und es liegt in der Natur eines Experiments, Risiken einzugehen. Letztlich traten wir die Reise den Tänzern zuliebe an, als eine Feier der Verbundenheit unter den Ensembles. Und um dem Publikum das breite Spektrum innerhalb einer großen Tanzlandschaft hierzulande bewusster zu machen. Rückblickend für alle Beteiligten eine reine Win-win-Situation.

„Den Abend zeichnet Schlichtheit aus. Das wiederum lenkt den Fokus auf die Tänzer und auf die Choreografien. Die Kostüme sind wichtig, das Licht bildet ein unterstützendes Element.“

Iván Pérez

„4 x 4“ – so der wohlüberlegt griffige Titel des inhaltlich von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ getragenen Tanzabends – ist mehr als eine organisatorische Meisterleistung im durch Corona eingeschränkten Probenbetrieb mit unberechenbaren Planungsschwierigkeiten. Der Clou bestand von Anfang an im gegenseitigen Vertrauen, mit tänzerischen Mitteln etwas loszutreten und Bewegung in die vermeintlich starre Staats-und Stadttheaterszene zu bringen.

IVÁN PÉREZ Ich kam erst 2018 nach Deutschland. Als ich den Anruf von Stijn erhielt, mitzuwirken, haben mich diese Gentlemen in ihr Netzwerk aufgenommen. Das war eine unheimliche Unterstützung für mich als Neuling unter den deutschen Tanzspartenleitern. Mein Wunsch bestand darin, Stijn drei meiner Leute zu überlassen. Als ich 21 und bei IT Dansa in Barcelona engagiert war, habe ich eine meiner besten Kreationen mit ihm erlebt – sehr intim in der Art, wie er arbeitete. Das wollte ich meinen Tänzern in diesem Projekt auch ermöglichen.

Die Hauptarbeit musste in der letzten Spielzeit bewältigt werden, als an den Theatern noch strenge Coronaauflagen herrschten. Choreografieren ging nur auf Abstand. Weil Scafati seine fünf Interpreten aus der Saarbrücker Truppe nicht nur separiert tanzen lassen wollte, sparte er sechs Minuten aus. Die zarte Kristallisation seiner Paare und Gruppen, die mit der entfesselten, sich auftürmenden Kraft von Lawinen über die Bühne rauschen, verleihen dem Stück jetzt einen soghaften finalen Höhepunkt. Gefolgt von dem kurzen Schlussmoment, in dem alle 18 Tänzerinnen und Tänzer gemeinsam nach vorne an die Rampe laufen.

SIMONE SANDRONI Wir wollten diese Einheit schaffen. Iván schlug vor, „Die vier Jahreszeiten“ zu machen. Ich war überrascht, denn das hätte ich nie von ihm erwartet.

IVÁN PÉREZ Mich beschäftigte die Logistik dieser Zusammenarbeit – und wie wir beim Kreieren mit einer anderen Compagnie ohne zu viel Konfusion unsere jeweils eigenen Handschriften respektieren können. Da kam mir die Vivaldi-Idee. Und plötzlich hatten wir Klarheit, den Ausgangspunkt und das perfekte „Regenschirmmodell“ für unser Projekt.

ROBERTO SCAFATI Doch allein mit der Originalmusik – pro Teil rund 12 Minuten – oder Max Richters Neuorchestrierung hätte eine abendfüllende Vorstellung nicht funktioniert. Deshalb haben wir Komponisten beauftragt, die Sätze gezielt für unsere Produktion zu bearbeiten.

Ein forscher Versuch unter Freunden, der aufgegangen ist – in einem höchst energetischen Werk, das choreografisch divers zu unterhalten vermag und weder Ironie noch dunkle, eindringliche Zwischentöne scheut. Dabei wirkt das Stück mit seiner frappant unaufgeregt ineinanderfließenden Abfolge der vier Teile „Frühling“ (SIMONE SAN­ DRONI mit dem Ballett des Theaters Trier), „Sommer“ (IVÁN PÉREZ mit dem Ensemble TANZ Bielefeld), „Herbst“ (STIJN CELIS mit dem Dance Theatre Heidelberg) und „Winter“ (ROBERTO SCAFATI mit dem Saarländischen Staatsballett) wie aus einem Guss. Spuren von Konkurrenz oder dem Wettstreit unterschiedlicher Compagnien, deren Chefs oder Protagonisten sich womöglich zu übertrumpfen suchen, finden sich keine. Ganz im Gegenteil.

IVÁN PÉREZ Den Abend zeichnet Schlichtheit aus. Das wiederum lenkt den Fokus auf die Tänzer und auf die Choreografien. Die Kostüme sind wichtig, das Licht bildet ein unterstützendes Element.

STIJN CELIS Wir entschieden uns für einen Lichtdesigner: Andreas Rehfeld. Er war der Letzte, der zum Projekt dazustieß. Bei der technischen Einrichtung Anfang März hatte er den meisten Druck. Tags darauf begannen die ersten Bühnenproben, und alle Beteiligten trafen zum ersten Mal aufeinander.

IVÁN PÉREZ Man konnte beobachten, wie schüchtern die Tänzer anfangs im Umgang miteinander waren. Das legte sich jedoch schnell, und sie wurden sich der Chancen und Dimension des Vorhabens bewusst.

Die vier spartenleitenden Choreografen Pérez (seit 2018/19 in Heidelberg), Sandroni (seit 2015/16 in Bielefeld), Scafati (seit 2018/19 in Trier) und Celis (seit 2014/15 in Saarbrücken) haben durch ihre risikobereite

ZUM STÜCK

„4 x 4“ ist ein theaterübergreifender Ballettabend zur Musik „Die vier Jahreszeiten” von Antonio Vivaldi,

Max Richter und anderen. Dabei kooperierten die vier Ensembles von TANZ Bielefeld (Leitung: Simone Sandroni), Dance Theatre Heidelberg (Leitung: Iván Pérez), dem Ballett des Theaters Trier (Leitung: Roberto Scafati) und dem Saarländischen Staatsballett in Saarbrücken (Leitung: Stijn Celis). Nach der Uraufführung am 11. März am Saarländischen Staatstheater ist die Produktion an allen beteiligten Theatern zu sehen.

Zusammenarbeit erstmals aufführungspraktisch eine Brücke nicht nur zwischen Mitgliedern ihrer Wirkungsstätten, sondern über vier Bundesländer hinweg geschlagen. Nach der Premiere am Saarländischen Staatstheater – dem größten der vier involvierten Häuser – ist der 70-Minüter an jedem der beteiligten Theater zu sehen. Die Idee sollte Schule machen!

STIJN CELIS Den Tänzern verlangte es einiges ab. Außerdem kamen letzte Woche noch meine und in Heidelberg Iváns verschobene Spielzeitpremieren hinzu.

IVÁN PÉREZ „4 x 4“ ist eine Extraproduktion. Wir haben unsere Intendanten überzeugt, sie zu realisieren. Der kreative Prozess war kurz und eine sehr intuitive, spontane Zusammenarbeit mit den Tänzern. Nun gehen diese während des regulären Spielbetriebs auf Tour. Das wird die Einschätzung des deutschen Theaterwesens verändern.

Als Auftaktveranstaltung des 4. Tanzfestivals Saar war die Uraufführung am 11. März prominent platziert und gipfelte in einem zu Recht heftig umjubelten Erfolg. Der Fokus des Publikums wurde von einer sonst nie zusammen auftretenden Crew hochmotivierter Interpreten ganz auf den Kreislauf des Lebens, dessen Abhängigkeit von den Elementen der Natur und das Menschsein an sich gelenkt. Bemerkenswert hoffnungsstiftend für eine Produktion, die vor dem Hintergrund einer einschneidenden Pandemie begonnen und mitten im Spannungsfeld einer weiteren Krise – dem sich explosiv entwickelnden Ukrainekrieg – fertiggestellt wurde.

IVÁN PÉREZ Das Projekt lief, künstlerisch gesprochen, immer unter „low ambition“: niedrige Erwartungen, kein Bühnenbild, weil die Theater unterschiedlich groß sind. Offenheit – das war der richtige Ansatz. Wir wussten, das kann schiefgehen. Deshalb blieben wir vorsichtig. Jetzt erwuchs etwas Kraftvolles daraus, und ich habe das Gefühl, dass wir viel weiter gekommen sind, als wir je erwartet hätten.

ROBERTO SCAFATI Hoffen wir, dass es Nachahmer geben wird.