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NEUCHÂTEL INTERNATIONAL FANTASTIC FILM FESTIVAL


deadline - das Filmmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 82/2020 vom 05.08.2020
Artikelbild für den Artikel "NEUCHÂTEL INTERNATIONAL FANTASTIC FILM FESTIVAL" aus der Ausgabe 82/2020 von deadline - das Filmmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: deadline - das Filmmagazin, Ausgabe 82/2020

Aufgrund der anhaltenden Covid-19-Pandemie und der damit verbundenen Auflagen hatte sich das Neuchâtel International Fantastic Film Festival (NIFFF) für eine Online-Sonderausgabe der von Genrefans und Cineasten innig geliebten Veranstaltung entschlossen.

Vom 3. bis 11. Juli zeigte das NIFFF in Zusammenarbeit mit der Schweizer VoD-Plattform Cinefile eine vielfältige Selektion mit internationalen und Schweizer Premieren.

Die Selektion 2020 erhebt nicht den Anspruch, eine virtuelle Synthese des üblichen NIFFF-Angebots zu sein. Vielmehr soll damit neben der Liebe zum Film der unermüdliche Willen des Teams ...

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... unter Beweis gestellt werden. Denn wie wir alle wissen, leiden insbesondere Kultur und Künstler unter den Auswirkungen der Pandemie. Dem Organisationsteam war es daher wichtig, ein neuartiges Festival-Erlebnis für diese Zeit zu schaffen.

Alle Filme waren exklusiv in der Schweiz zugänglich und auf 1.000 Views beschränkt. Sie laufen in der Originalfassung mit deutschen/ französischen Untertiteln.

Das Filmangebot des diesjährigen NIFFF erlaubte es wieder einmal, in die wunderbare Welt des Films abzutauchen. Etwa in wilde Gewässer mit SEA FEVER von der Irin Neasa Hardiman oder in den Albtraum SCHLAF von Michael Venus aus Deutschland. Ein Interview mit Regisseur Joe Begos über seinen Exploitationfilm VFW könnt ihr in der DEADLINE #81 und hier auf den folgenden Seiten einen kleinen Reminder finden.

Ebenfalls im Programm sind die dystopische Romanze POIS-SONSEXE, AV: THE HUNT von Emre Akay (Weltpremiere) und CHASING DREAM von Hongkong-Meister Johnnie To. Eine Europapremiere kündigt sich mit der nihilistischen Romanze DINNER IN AMERICA an, aus Japan ist die Musical-KomödiE DANCE WITH ME von Yaguchi Shinobu (ROBO- G, SURVIVAL FAMILY) zu sehen. Musikalisch wird es auch beim Sci-Fi-Lusttraum BLOOD MACHINES von Seth Ickerman. Denn für den Soundtrack ist Synthwaverider CARPENTER BRUT verantwortlich.

(CHRISTIAN DAUMANN)

BREAKING SURFACE

Regie: Joachim Hedén / Norwegen, Schweden, Belgien 2020 / 82 Min. Darsteller: Moa Gammel, Madeleine Martin Produktion: Jonas Sörensson, Julia Gebauer

In vielen Genres hat sich der schwedische Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Joachim Hedén bereits bewiesen, doch mit seinem neuen Werk BREAKING SURFACE betritt er Neuland, stellt die Geschichte doch seinen ersten Ausflug ins Thrillergenre dar. Dem Thema seiner Vorgängerfilme, zerbrochene oder gestörte menschliche Beziehungen, bleibt er dennoch treu und lässt seine zwei Hauptfiguren in einer Extremsituation wieder zueinanderfinden.

Im Zentrum stehen die Schwestern Ida (Moa Gummel) und Tuva (Madeleine Martin), die wie in jedem Winter gemeinsam auf eine Tauchtour gehen. Als es über ihnen zu einem Steinschlag kommt, ist Tuva am Boden des Sees eingequetscht, und nun liegt es an Ida, ihrer Schwester zu helfen sowie ihr Kindheitstrauma zu überwinden, dass sie Tuva einmal im Stich gelassen hat. Viel Zeit bleibt ihr nicht, denn jeder Tauchgang zehrt an ihren Kräften, und zudem geht ihrer Schwester langsam, aber sicher die Luft aus.

Die Weite der Natur ist trügerisch, wird sie doch für die beiden Figuren des Films zu einer gefährlichen Falle, die sie und ihre Beziehung auf eine harte Probe stellt. Das minimale Setting optimal nutzend, erzählt Hedén von einem spannenden Wettlauf gegen die Zeit und gegen die Angst zu versagen, wobei er sich insbesondere auf seine zwei tollen Darstellerinnen verlassen darf, die ihre Rollen als Schwestern, die sich schon seit langer Zeit fremd geworden sind, sehr glaubhaft spielen, denn eigentlich erzählt Hedén eine Familiengeschichte über verlorenes Vertrauen, über Ängste und darüber, was es heißt, für den anderen da zu sein.

BREAKING SURFACE ist ein sehr spannender Beitrag zum Genre Survivalthriller, der mit guten Darstellern sowie guten, glaubwürdigen Dialogen aufwarten kann. Als Zuschauer fiebert man jede Sekunde mit diesen zwei Frauen mit, die gegen die Zeit und die eigenen Ängste ankämpfen müssen.

(RoUvEN LINNARZ)

SPANNENDER, INTENSIVER KAMPF UMS ÜBERLEBEN

DETENTION

Regie: John Hsu / Taiwan 2019 / 102 Min. Darsteller: Gingle Wang, Meng-Po Fu, Jing-Hua Tseng, Cecilia Choi Produktion: Lee Lieh, Lee Yao-Hua

Taiwan 1962. Es herrscht Ausnahmezustand. Die chinesische Regierung diktiert das Leben der Inselbewohner unter ihrer White-Terror-Verwaltung. Dissidenten und Oppositionelle werden verfolgt, gejagt und hingerichtet. Ungeachtet dessen organisieren einige Schüler und Lehrer an der Greenwood High School einen geheimen Buchklub, in dem systemkritische sowie unabhängige Schriften untereinander getauscht und vorgelesen werden. Ein Fehler würde alle Beteiligten in den Tod reißen. Als die beiden Schüler Fang und Wei mitten in der Nacht in der Schule aufwachen und diese nicht verlassen können, beginnt ihr ganz persönlicher Albtraum. Verfolgt von Geistern und übernatürlichen Wesen, ergründen die beiden die Wahrheit, die dazu geführt hat. Sie durchleben eine surreale Reise über Schuld, Verrat und das Streben nach Freiheit. Basierend auf dem gleichnamigen Videospiel ist DETENTION ein vielschichtiger Genremix, der die Horrorelemente in ein tiefgründiges politisches Drama hüllt. Der Horror dient hier nicht nur als Element der Unterhaltung, sondern wird zu einem metaphorischen Träger über die gewalttätige Unterdrückung bis in das Jahr 1987. Dieses Stilmittel ist nicht nur eine Entscheidung für ein Genre, vielmehr betont Regisseur John Hsu, wie essenziell wichtig künstlerische Freiheit ist. Die Choreografie aus Lichtstimmung, Kamerafahrten und dem Sounddesign fügt sich passend in die Atmosphäre der damaligen Zeit. Zudem wird durch die Erzählstruktur in Akten und Rückblenden eine Geschichte nacherzählt, die sich erst am Ende zusammenfügt und nicht vorhersehbar inszeniert wird. In China boykottiert, in Taiwan ein großer Erfolg, ist DETENTION weit mehr als ein reiner Fingerzeig auf die aktuelle politische Situation, sondern er ist zusätzlich eine Erinnerung daran, dass Freiheit nicht für alle Menschen etwas Selbstverständliches ist.

(OLAF KUZNIAR)

TIEFGRÜNDIGER HORROR ÜBER DIE FREIHEIT. WICHTIG!

CHASING DREAM

Regie: Johnnie To / Hongkong, China 2019 / 118 Min. Darsteller: Jacky Heung, Keru Wang, Shao Bing, Ma Qing, Wu Yitong, Zhao Ying Produktion: Milkyway Image

Genreüberschreitend und energiegeladen: CHASING DREAM ist ein Film über zwei Außenseiter, die die Härte des Lebens zueinanderführt. Der junge Boxer Tiger (Jacky Heung) und das junge Rundengirl Cuckoo (Keru Wang) sind auf den ersten Blick eher aus völlig verschiedenen Welten. Doch durch ihre beider Schuldenprobleme finden sie einen Weg, zusammenzuarbeiten, und bauen somit eine besondere wie intensive Beziehung zueinander auf. Johnnie To (EXILED) sprengt mit seinem neuen Film gleich mehrere Genregrenzen, und das so intensiv gefühlvoll wie nur möglich. CHASING DREAM beginnt als schlichte Krimikomödie und mausert sich langsam zu einer vielschichtigen Mischung aus Drama und RomCom. Selbst das Musicalgenre wird gegen Ende hin noch eindrucksvoll zelebriert. Nicht immer gelingt der Übergang reibungslos, aber To inszeniert seinen Film mit einem zügig voranschreitenden Pacing, sodass dies kaum auffällt. Ein Film von einem Träumer über Träumer und für Träumer, das ist CHASING DREAM. Der Film gibt uns einen intensiven Einblick in das Innenleben sowie in das nach außen vorgetragene Leben der beiden Hauptfiguren. Egal wie gegensätzlich die beiden auch sind, tragen sie im Inneren doch denselben Schmerz, und bei ihren Lebensweisen sind sie sich auch näher als auf den ersten Blick gedacht. CHASING DREAM kann man durchaus auch als eine Art Hommage an die beiden Grundpfeiler des Hongkong-Kinos sehen. Er huldigt den beiden Zugpferden Martial Arts und der Popmusik und vermischt dies zu einem einzigartigen Filmerlebnis. Natürlich spielt auch wieder das Essen eine wichtige Rolle, und man wird nicht darum herumkommen, verdammt hungrig aus dem Film zu gehen. Hauptdarsteller Jacky Heung (LEAGUE OF GODS) und Hauptdarstellerin Keru Wang (YOUTH) werden nicht nur im Film zu einem eingespielten Team, sondern wirken auch vor der Kamera so, als würden sie schon ewig miteinander schauspielern. Die Chemie zwischen den beiden ist herausragend und ihre jeweilige Darstellung ihrer Figuren über jede Kritik erhaben. CHASING DREAM ist bestimmt nicht Johnnie Tos bester Film, aber absolut einen Blick wert und der Beweis für seinen kreativen Abwechslungsreichtum.

(THOMAS P. GROH)

EIN FILM VOLLER ENERGIE UND LEBEN

JUMBO

Regie: Zoé Wittock / Frankreich, Belgien, Luxemburg 2020 / 93 Min. Darsteller: Noémie Merlant, Emmanuelle Bercot, Bastien Bouillon, Sam Louwyck Produktion: Anaïs Bertrand, Gilles Chanial, Annabella Nezri

Die junge Jeanne ist eher von der schüchternen Sorte, im Gegensatz zu ihrer lauten und extrovertierten Mutter Margarette, bei der sie lebt. Jeanne fängt einen Job als Nachtwächterin im nahe gelegenen Freizeitpark an und wird fortan von ihrem Chef Marc umworben, was nur Margarette zu freuen scheint, nicht aber ihre Tochter. Diese findet eher Gefallen an der neuen Hauptattraktion des Parks mit Namen Jumbo, einem luftigen Fahrgeschäft, für das sie ernsthafte Gefühle entwickelt. Als sie ihrer Mutter die seltsame Beziehung beichtet, reagiert diese erst mit ungläubiger Ablehnung, hält aber schlussendlich zu Jeanne, vor allem, als sie vermehrt Spott und Ablehnung ausgesetzt ist. In ihrem Debüt JUMBO richtet die Belgierin Zoé Wittock ihr Augenmerk auf eine ungewöhnliche Love- und Coming-of-Age-Story. Die unbedingte Objektliebe mag nicht nur für die Augen und Ohren der Mutter gewöhnungsbedürftig sein. Doch trotz aller skurriler Momente, die vor allem mit der Lust auf dem Fahrgestell einhergehen - Wittock nimmt ihre Figuren (vor allem Noémie Merlant und Emmanuelle Bercot als diverses Mutter-Tochter-Gespann spielen sehr gut) in jeder Sekunde ernst, und so zweifelt man auch die ernsthaften Gefühle, die Jeanne für ihren Jumbo entwickelt, nie an. Letztendlich appelliert dieser wunderbare Film, der auf seine ganz spezielle merkwürdige Art und Weise zu verzaubern weiß, an Toleranz und Mitgefühl - nicht nur für ein Mädchen auf Identitätssuche, sondern für jeden von uns, der ist, was er ist, und liebt, wen oder was er liebt.

(SARAH STUTTE)

HERZERWäRMENDE oDE füR vERSTäNDNIS

AV: THE HUNT

Regie: Emre Akay / Türkei 2020 / 90 Min. Darsteller: Billur Melis Koç, Ahmet Rifat Sungar, Adam Bay Produktion: Emre Akay, Diloy Gülün, Tolga Topcu

Irgendwo in der Provinz Antalya: Die junge Ayşe und ihr Freund Fırat haben gerade nur Augen füreinander, als Ayşes Ex Sedat die Wohnung überfällt. Der Polizist, von dem sich Ayşe zwar getrennt hat, der aber eine Scheidung nicht akzeptieren will, erschießt Fırat, woraufhin Ayşe verletzt flieht. Da sie von ihrer Familie keinerlei Unterstützung erfährt, weil sie als »gefallene Ehefrau« deren Ehre beschmutzt hat, stiehlt sie aus dem elterlichen Bauernhaus Geld sowie das Auto ihres Vaters und macht sich auf den Weg nach Istanbul. Doch der skrupellose Sedat ist ihr schon - unter anderem mit Ayşes Bruder Ahmet im Schlepptau - auf den Fersen. Eine tödliche Hetzjagd quer durch die Wälder und Canyons im türkischen Südwesten beginnt, in deren Verlauf Ayşe den Spieß umdreht und von der Gejagten zur Jägerin wird. Regisseur Emre Akay inszeniert einen hochspannenden Survivalthriller mit einer wild entschlossenen Kämpferin, die keine Sekunde daran denkt, sich in ein System einzufügen, das sie ihrer Freiheiten beraubt. Wie weit diese Unterdrückung geht, verdeutlicht Akay in kleinen, umso erschütternder wirkenden Alltagsszenen, in denen Ayşe - authentisch bis ins Mark verkörpert von Schauspielerin Billur Melis Koç - auf der Suche nach Hilfe immer wieder fortgejagt und im Stich gelassen wird. Die bissige Kritik an einer von Männern dominierten Gesellschaft, in der Frauen entmenschlicht und zum Abschuss freigegeben werden, ist überdies in großartige Landschaftsaufnahmen verpackt, wie beispielsweise die beeindruckende Kocain-Höhle. Definitiv ein NIFFF-Highlight in diesem Jahr.

(SARAH STUTTE)

BEWEGEND WEIL ERSCHRECKEND AKTUELL

THE TWENTIETH CENTURY

Regie: Matthew Rankin / Kanada 2019 / 90 Min. Darsteller: Dan Beirne, Sarianne Cormier, Louis Negin, Brent Skagford, Catherine St-Laurent, Mikhaïl Ahooja Produktion: Ménaïc Raoul, Gabrielle Tougas-Fréchette

Toronto 1899: Der junge William Lyon Mackenzie King kandidiert in einem skurrilen Wettbewerb für das Amt des Premierministers. Dieser umfasst Disziplinen wie den eigenen Namen in Schönschrift in den Schnee pinkeln oder so viele Robbenbabys wie möglich totschlagen. Zwar kämpft King wie ein Löwe, trotzdem stiehlt ihm am Schluss der Schönling Bert Harper die Show - und sein Mädchen. Fortan stolpert King auf der Suche nach Liebe und Erfolg durch eine phantasmagorische Welt, in der klirrender Winter herrscht. In seinem Spielfilmdebüt THE TWENTIETH CENTURY zeichnet Regisseur Matthew Rankin auf amüsant-respektlose Art und Weise die ersten Karriereschritte des später langjährigen kanadischen Premierministers Mackenzie King nach. Voller Idealismus und Stolz wird dieser King von Rankin der Lächerlichkeit preisgegeben, samt schweren ödipalen Problemen, einer Tendenz, sich in jedes Mädchen zu verlieben, das mit ihm spricht, und einer ausgeprägten sexuellen Obsession für zerfetztes, stinkendes Schuhwerk. Das satirische Fantasy-Biopic, offensichtlich inspiriert durch den Humor und die Retro-Ästhetik eines Guy Maddin, sprüht nur so vor Einfallsreichtum: ob ejakulierender Kaktus oder expressionistische Bühnenbilder und Reminiszenzen an zahlreiche Klassiker wie THE LADY FROM SHANGHAI während eines Finales im Spiegelkabinett, das natürlich auf Schlittschuhen spielt. Am Ende wissen wir viel über die »Canucks«, was nicht in den Geschichtsbüchern steht und im Film in einem Satz treffend zusammengefasst wird: »Kanada ist nur ein gescheiterter Orgasmus nach dem anderen.«

(SARAH STUTTE)

O CANADA, O CANADA

COMRADE DRAKULICH

Regie: Márk Bodzsár / Ungarn 2019 / 95 Min. Darsteller: Lili Walters, Zsolt Nagy, Ervin Nagy, Szabolcs Thuróczy, Móni Balsai, Alexandra Borbély Produktion: Csaba Pék, Attila Tőzsér

Im Ungarn der 70er-Jahre wird der Vampir Fábián (Ervin Nagy), der aus dem imperialistischen Westen in die Volksrepublik zurückkehrt, von der ungarischen Geheimpolizei ausspioniert, um an das Geheimnis der ewigen Jugend zu gelangen. Ausgerechnet die Spionin Maria (Lili Walters), die auf ihn angesetzt wurde, verliebt sich in ihre Zielperson (oder Zielmonster?). Durch die aufkeimende Liebe zu Fábián und dessen kompliziertes Leben sowie durch den Druck ihrer Arbeit wird ihr Leben allmählich auf den Kopf gestellt. Sie muss sich zwischen einem Monster und dem ausbeuterischen Regime entscheiden. Nur stellt sich die Frage, wer hier das wahre Monster ist. Aus der durchaus skurrilen Grundidee entwickelt sich eine romantische Vampirgeschichte. Regisseur und Drehbuchautor Márk Bodzsár (HEAVENLY SHIFT) vermischt in seinem satirisch angehauchten Film eine herzerwärmende Liebesgeschichte mit den klischeebeladenen Zutaten aus Vampir- und Spionagefilmen. Daraus entstand ein hoch unterhaltsamer und ideenreicher Genremix, der gefühlvolle Momente mit klamaukigen Nuancen verfeinert. Der Film ist vollgepackt mit vielen Anspielungen, Zitaten und prangert unterschwellig manche gegenwärtige Entwicklung an. Durch die kommunistische und paranoide Geheimpolizei parodiert COMRADE DRAKULICH die immer mehr aufkeimende Zuneigung der Gesellschaft in der heutigen Zeit, überwacht zu werden. Darüber hinaus weiß Márk Bodzsár, wie man Genres und Ideen reibungslos vermischt, ohne dem zügigen Pacing zu schaden. COMRADE DRAKULICH ist eine schwarze Komödie mit einzigartiger Prämisse und liebenswerten Figuren. Die prächtig aufgelegten Hauptdarsteller Ervin Nagy (KINCSEM) und die wundervolle Lili Walters (NO PLACE LIKE ON THE ROAD) trumpfen mit all ihrem Können auf. Ein erfrischendes Erlebnis, ihnen beim Turteln zuzusehen. Die liebevolle und charmante Umsetzung macht aus dem verdrehten Stoff eine runde Sache, der man gerne seine Zeit schenkt. Erfrischend anders und zu jedem Zeitpunkt unterhaltsam.

(THOMAS P. GROH)

EIN WILDER UND HUMORVOLLER FILM-TRIP - CHAPEAU

POISSONSEXE

Regie: Olivier Babinet / Frankreich, Belgien 2019 / 88 Min. Darsteller: Gustave Kervern, India Hair, Ellen Dorrit Petersen, Okinawa Valérie Guerard, Alexis Manenti Produktion: Anne Pernod-Sawada, Masa Sawada, Valérie Bournonville, Joseph Rouschop

Und noch eine herrlich verschrobene Perle! In der Komödie von Olivier Babinet sucht der Wissenschaftler Daniel Luxet (toll: Gustave Kervern) in nicht allzu ferner Zukunft paarungs- und fortpflanzungswillige Fische, denn der Natur geht es schlecht, und die Ozeane wirken wie Unterwasserfriedhöfe. Doch die Fische wollen nicht so wie er, und auch privat stehen die Sterne in Sachen Liebe und Geborgenheit nicht gut für den einsamen Meeresbiologen, der sich neben einer Frau selbst unbedingt Nachwuchs wünscht. In einem depressiven Moment entdeckt er zusammen mit der pinkhaarigen Lucie einen seltsamen Fisch, den sie Nietzsche tauft und der fortan bei Daniel im Aquarium wohnt. Dann beginnt aber alles schräge Formen anzunehmen: Hinter Daniels Internetbekanntschaft verbirgt sich nicht die erhoffte Auserwählte, und Nietzsche fängt plötzlich an zu reden und erklärt dem verdutzten Biologen, dass er lieber frei schwimmen als in seinem Büro herumdümpeln will. So befreit sich auch Daniel nach und nach von seinen Ängsten, stellt sich dem Leben und findet endlich sein Glück. Romantik gepaart mit einem Schwung ökologischer Verantwortung und einer Kelle entlarvender stereotyper Männlichkeit (selig sind die Zeugungsfähigen) - die Ingredienzen des genauso humorigen wie poetisch-ernsten POISSONSEXE funktionieren überraschend gut miteinander. Dabei tragen die liebenswert-schrulligen Charaktere, die sich in einer Welt, die sie nicht mehr verstehen, nach Zärtlichkeit sehnen, genauso wie der exotische Axolotl Nietzsche die gleiche Botschaft: Erst die Vielfalt (in welcher Form auch immer: Sexualität, Gattungen, Arten) des Planeten, die erhalten und geschätzt werden muss, verwandelt diese Welt in einen Ort der Träume und Möglichkeiten.

(SARAH STUTTE)

EIN fISCH NAMENS NIETZSCHE

BLOOD MACHINES

Regie: Seth Ickerman / Frankreich 2019 / 50 Min. Darsteller: Elisa Lasowski, Anders Heinrichsen, Christian Erickson, Natasha Cashman, Joëlle Berckmans, Noémie Stevens Produktion: Rebhi Barqawi, Frédéric Fiore, Pedro Germán López Meza, Alexis Perrin, Uneeb Qureshi, Mike Shema

Zwei Space-Trucker stranden auf einem Planeten und brechen Streit mit einer Gruppe Frauen vom Zaun. Mann packt seine Wumme aus, Frau entfesselt den Geist aus der Maschine. Der Beginn eines Ausflugs ins audiovisuelle Wunderland.

Mit seinem Musikvideo zu »Turbo Killer« tauchte Seth Ickerman die treibenden Beats von Synthwave-Gigant CARPENTER BRUT aka Franck Hueso in eine eigenwillige Reizüberflutung. Mit BLOOD MACHINES kommt nun die Fortsetzung, an der Ickerman (Regie, Drehbuch, Schnitt, Produktionsdesign) und Hueso (Musik) erneut gemeinsam gearbeitet haben. Mit 50 Minuten sind die über Kickstarter kofinanzierten BLOOD MACHINES je nach Betrachtungsweise ein kurzer Film oder ein langes Musikvideo

In dessen artifiziell schimmernder Melange aus Pink, Grün und Dreck prallen technische und organische Welten aufeinander, hier Sinnbild für Mann und Frau. Eine galaktische Fruchtbarkeitsgöttin übt Vergeltung an den misogynen Patriarchen. Was nach feministisch angehauchter Rachegeschichte klingt, zeichnet eher ein reaktionäres Geschlechterporträt, das den weiblichen Körper fetischisiert und den männlichen Protagonisten zum unerträglichen Arschloch macht. Der Plot ist jedoch wie das Schauspiel nur Beiwerk, denn BLOOD MACHINES funktioniert viel besser als Fest für Augen und - natürlich - Ohren. Dennoch ist der ambitionierte Griff nach den Sternen einer Space Opera spürbar.

Das Design der bezahnten Raumschiffe und des weiblichen Bordcomputers dürfte Fans von Hans Ruedi Giger einen biomechanischen Traum bescheren, direkt zu Beginn brennt sich ein Explosionsballett in die Netzhaut. VHS-Schlieren verstärken die Künstlichkeit der Bilder, die sich auch als Hommage an das Genrekino der 1980er verstehen. Dann schießen die vor Outrun-Ästhetik triefenden Neonfarben über den Bildschirm, eingebettet in die vertrauten Klangwelten von CARPENTER BRUT, die gleichermaßen Action wie Atmosphäre schaffen. Wenn sich das Bandlogo als strahlende Insignie erhebt, ist klar, wo die Musik spielt. Schöner Trip.

(CHRISTIAN DAUMANN)

KRAFTVOLLE BILDER MIT FAMOSEM KLANG OHNE GESCHICHTE

VFW

Regie: Joe Begos / USA 2019 / 92 Min. Darsteller: Stephen Lang, William Sadler, Martin Kove, Fred Williamson, George Wendt Produktion: Josh Ethier, Amanda Presmyk, Dallas Sonnier

VFW ist ’ne Kneipe für alle Veterans of Foreign Wars. Stephen Lang mixt die Getränke, und der Rest der Bande trinkt, schnackt den ganzen Tag und fühlt sich im tiefen blauen und roten Licht der Spelunke sichtlich wohl. Bis ein Mädel einen Haufen Drogen von einem Verrückten klaut und in das Etablissement flüchtet. Der setzt ein Kopfgeld aus, und jetzt kommen alle zugedrogten Freaks der Umgebung wie Heuschrecken über die Kneipengänger. Die Soldaten müssen wieder kämpfen. Ein letztes Mal.

VFW ist schöne handgemachte Splattereffekte, coole Typen, mehr Carpenter- Vibes als alle letzten Carpenters zusammen und ein wummernder Gedächtnisscore zum Verknallen. Allerdings ist VFW auch schlecht zusammengeschnitten und zu lang. Dennoch hat dieser kleine Film mehr Herz als alle letztjährigen Blockbuster zusammen, und dieses Engagement, einen solchen Film mit viel Schmackes zu drehen, kann nur unbedingt begrüßt werden. In der DEADLINE #81 könnt ihr ein großes Special inkl. eines Interviews mit Regisseur Joe Begos zur VÖ von Capelight finden.

SYLVIO CONSTABEL)

FÜR ALLE, DIE JOHN CARPENTERS FILME VERMISSEN

SCHLAF

Regie: Michael Venus / Deutschland 2020 / 101 Min. Darsteller: Sandra Hüller, Gro Swantje Kohlhof, Marion Kracht, August Schmölzer, Max Hubacher Produktion: Verena Gräfe-Höft, Christian Cloos

Von den Geistern früherer Zeiten werden nicht nur die Protagonisten in DETENTION heimgesucht, sondern auch Mutter und Tochter in Michael Venus’ Debütspielfilm SCHLAF. Die Flugbegleiterin Marlene (bravourös wie immer: Sandra Hüller) quälen seit Jahren heftige Albträume, in denen sie drei tote Männer sieht, die in einem Bergdorfhotel Selbstmord begangen haben. Als sie dasselbe Hotel in einer Anzeige wiedererkennt, reist sie dorthin, in den »Sonnenhügel« nach Stainbach. Dort erleidet sie auf ihrem Zimmer einen Anfall und fällt in ein starreartiges Wachkoma. Ihre 19-jährige Tochter Mona (ebenfalls sehr gut: Gro Swantje Kohlhof) fährt ihr hinterher, auch um zu ergründen, was es mit dem ausgestorbenen Hotel, dem seltsamen Besitzer-Ehepaar und dem jagdfanatischen Dorf auf sich hat. Der Heimat-Horror nach dem gemeinsamen Drehbuch von Michael Venus und Thomas Friedrich entfaltet sich im deutschen Hinterland langsam - dafür aber umso heftiger. Das dunkle Geheimnis, das hierbei enthüllt wird, verstört als Wendepunkt des Films zutiefst, und interessanterweise wird das vergangene Unrecht nur gesühnt, wenn die Lebenden sich mit den Toten verbünden. SCHLAF zieht uns unaufhörlich mit sich in den Abgrund und lässt uns mit mehr Fragen als Antworten zurück - zum Glück, den selber denken ist erlaubt. Die verstörende und düstere deutsche Genre-Perle ist aber nicht nur aufgrund ihrer quälend-unheimlichen Szenerie reizvoll und stimmig, sondern auch eine originelle Parabel zu Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsorientierung.

(SARAH STUTTE)

ZUHAUSE IST ES NICHT AM SCHÖNSTEN

HITMAN: AGENT JUN

Regie: Choi Won-sub / Südkorea 2020 / 110 Min. Darsteller: Kwon Sang-woo, Jung Joon-ho, Hwang Woo-seul-hye, Lee Ji-won Produktion: Gu Tae-jin, Jang You-joung

Lebe deinen Traum. Wer kennt diese Devise nicht - und wer hat sich nicht schon vorgenommen, sie auch in die Tat umzusetzen? Halt ganz so, wie es auch Jun tut, als er beschließt, sein altes Leben hinter sich zu lassen und seinem Traum von einer Karriere als Comiczeichner zu folgen. Dumm nur, dass Jun in Wirklichkeit der beste Geheimagent von Südkorea ist und daher seinen Tod vortäuschen muss, um seinen Traum zu leben. 15 Jahre später hat sich dieser Traum jedoch in einen Albtraum verwandelt, da Jun als Comiczeichner keinen Erfolg hat, unter dem Pantoffel seiner herrischen Frau steht und auch mit seiner pubertierenden Tochter seine liebe Mühe hat. Als er eines Tages beschließt, einen Comic zu zeichnen, der auf seiner eigenen Vergangenheit als Agent basiert, landet er damit zu seiner Überraschung einen landesweiten Hit. Doch damit fangen die Probleme erst an, da alte Kameraden und Feinde dadurch wieder auf ihn aufmerksam werden. Was folgt, ist eine aberwitzige Mixtur aus Komödie, Action- und Animationsfilm, welche aus HITMAN: AGENT JUN eine überaus kurzweilige Angelegenheit macht. Dies, da der Humor stets pointiert ausfällt, die Action angenehm knackig daherkommt und die eingestreuten Animationsszenen der Inszenierung eine ungemeine Frische verleihen, welche den Film aus der Masse anderer Actionkomödien hervorstechen lässt. (NANDo RoHNER)

UNTERHALTSAMER GENREMIX

SEA FEVER

Regie: Neasa Hardiman / Irland, USA, Schweden, Großbritannien, Belgien 2019 / 95 Min. Darsteller: Hermione Corfield, Jack Hickey, Olwen Fouéré, Dougray Scott, Connie Nielsen Produktion: Deidre Levins, John McDonnell

Allein schon der Gedanke, ohne Orientierung und den Gezeiten ausgeliefert zu sein, wird wahrscheinlich für viele Menschen eine Horrorvorstellung sein. Sollte dem so sein, wird man wohl einen weiten Bogen um den neuen Film von Regisseurin Neasa Hardiman machen müssen, denn genau ein solches Szenario steht im Zentrum von SEA FEVER. Ausgehend von der Vorstellung, eine Geschichte zu erzählen, die »traumähnliche Elemente « aufweist und »große Themen« anspricht, landete Hardiman, wie sie selbst sagt, bei einer Mischung aus Science-Fiction und Horror, die auf hoher See spielt und ihre Figuren einer Bedrohung aussetzt, die schleichend um sich greift und bei der man nicht weiß, ob man nicht schon zu ihrem Opfer geworden ist.

Aufgrund ihrer Forschungsarbeiten über das Verhalten bestimmter Fischarten begleitet die Meeresbiologin Siobhán (Hermione Corfield) ein Fischerschiff bei seiner Ausfahrt aufs Meer. Von der Aussicht, eine Rothaarige an Bord zu haben, sind Freya (Connie Nielsen) und ihr Mann Gerard (Dougray Scott) zwar nicht begeistert, doch ihre finanzielle Situation lässt sie derlei Seemannsaberglauben schnell vergessen. Als Gerard, ohne jemand anderem etwas davon zu sagen, eine Kursänderung vornimmt, steckt ihr Schiff auf einmal fest, gefangen von, wie sich bei einem Tauchgang herausstellt, den langen Fangarmen eines tintenfischartigen Meeresbewohners. Nach einiger Zeit können sie sich zwar aus dessen Griff befreien, aber nicht ohne ein unwillkommenes Geschenk mit an Bord zu haben. Der Schleim der Kreatur steckt nämlich voller Parasiten, die sogleich in den Seeleuten gute Wirte finden, welche sie von innen verspeisen.

Spätestens wenn die Besatzung gefangen ist auf hoher See und man nicht weiß, wer schon von den Parasiten befallen wurde und wer nicht, werden die Vorbilder von Hardimans Film selbst dem Gelegenheitskinogänger mehr als deutlich vor Augen geführt. Die um sich greifende Paranoia und Verzweiflung sowie die klaustrophobisch engen Innenaufnahmen verweisen auf Klassiker des Genres wie DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT oder ALIEN. Erzählerisch wie auch formal weicht Hardimans Film kaum von diesen ab, was zwar immer noch gut zu unterhalten weiß, aber leider nicht wirklich originell ist. Zumindest die Seeaufnahmen, die Unterwasserbilder und die guten Darsteller machen SEA FEVER zu einem durchaus ansehnlichen Genrevertreter.

(ROUVEN LINNARZ)

SOLIDES SPANNUNGSKINO, ABER SONST KAUM WAS NEUES

VHYES

Regie: Jack Henry Robbins / USA 2019 / 72 Min. Darsteller: Mason McNulty, Rahm Braslaw, Kerri Kenney, Mark Proksch, Courtney Pauroso Produktion: Delaney Schenker, Tim Robbins, Susan Sarandon, Aaron Katz

Die Freude beim 12-jährigen Ralph ist groß, als ihm zum Weihnachtsfest 1987 eine Videokamera geschenkt wird. Zusammen mit seinem besten Kumpel Josh filmt er fortan alles, was ihm vor die Linse gerät: Kämpfe mit seinen Spielzeugdinosauriern oder Feuerwerksexplosionen. Dann kommt er auf die Idee, die Kamera an den Fernseher anzuschließen und wahllos tumbe TV-Inhalte aus den 80ern aufzuzeichnen: von absurden Werbespots bis zu verbotenem Late-Night-Zeugs inklusive lesbischer Aliens, die sich für illegale Einwanderer starkmachen. Leider hat Teenie Ralph für seine ersten experimentellen Videodreh-Gehversuche aber keine leere Kassette in den Rekorder gelegt, sondern ausgerechnet das Hochzeitstape seiner Eltern. So wird der Jahre zurückliegende schönste Moment des Paares überspielt oder - besser gesagt - ergänzt durch substanzlosen TV-Nonsens, der passenderweise die Brüchigkeit einer Beziehung widerspiegelt, die ihr Ende erreicht zu haben scheint. Die packend-absurde TV-Collage ist der erste Spielfilm von Jack Henry Robbins (Sohn von Tim Robbins und Susan Sarandon, die auch noch kurz auf der Leinwand erscheinen) und wurde von diesem absichtlich rüttelig-schüttelig auf VHS und Betamax gedreht. Dem prärevolutionären Selbstdarstellungsmedium also, lange vor Social Media. Der nostalgische Charme von VHYES sitzt dabei nicht nur im Material, sondern entfaltet sich vor allem in der liebenswürdig-ironischen Nachbildung der diversen Fernsehinhalte wie den legendären Aerobic-Kursen, Einkaufsshows und merkwürdigen Amateur-TV-Kuriositäten eines prägenden Jahrzehnts.

SARAH STUTTE)

BACK TO THE 80TIES

DINNER IN AMERICA

Regie: Adam Rehmeier / USA 2020 / 106 Min. Darsteller: Emily Skeggs, Kyle Gallner, Nick Chinlund, Pat Healy Produktion: Ben Stiller, Bull Blumenthal, Stephen Braun

Erwachsen werden heißt, sich der Gesellschaft zugehörig zu fühlen und akzeptiert zu werden für das, was man ist: ein individuelles Wesen. Simons (Kyle Gallner) und Pattys (Emily Skeggs) Leben bedeutet hingegen, tagtägliche Demütigung zu erfahren. Die konservative Provinz im Mittleren Westen hat für die beiden anscheinend keinen Platz. Simon, ein Draufgänger, Drogendealer und Sänger einer Punkband, lebt sein Leben ganz im Sinne des Nihilismus. Probleme mit der Polizei und Auseinandersetzungen mit Menschen in seinem Umfeld bestimmen seinen Tagesverlauf. Pattys Leben hingegen spielt sich im Verborgenen ab. Ihr unscheinbares Auftreten wird zum Gegenstand des permanenten Spotts. Ihre einzige Zuflucht aus der Erniedrigung findet sie in der Punkmusik. Als eines Tages Simon wieder vor der Polizei flüchten muss, ist es Pattys naive Art, die beide, so unterschiedlich sie wirken, zueinanderführt. Was als Mittel zum Zweck beginnt, wandelt sich zunehmend in eine romantische Liebesgeschichte, in der Unterschiede viele Gemeinsamkeiten haben. Die erst zweite Regiearbeit von Adam Rehmeier lebt von einer äußerst glaubwürdigen und zugleich bizarren Inszenierung, in der die filmischen Kontraste sowie die beiden Protagonisten perfekt harmonieren. Die ersten 20 Minuten lassen den Zuschauer noch am Konzept zweifeln, alles wirkt überdreht und erinnert an nicht verwendete Szenen aus dem Film NAPOLEON DYNAMITE. Übersteht man diese Hürde, entfesselt der Film sein eigentliches Potenzial: das Zusammenspiel von Emily Skeggs und Kyle Gallner. Die Leichtigkeit ähnelt A STAR IS BORN, was auch an einer der schönsten Musiknummern der vergangen Jahre liegen kann. DINNER IN AMERICA ist skurril und warm zugleich, urkomisch und gleichzeitig gesellschaftskritisch, ein Punkfilm und eine romantische Komödie in einem.

(OLAF KUZNIAR)

PUNK-ROMCOM. SKURRIL UND HERZLICH.

KHUN PHAEN BEGINS

Regie: Kongkiat Khomsiri / Thailand 2019 / 138 Min. Darsteller: Jade-Angelica Fromento, Supakorn Kitsuwon, Mario Maurer, Yongwaree Ngamkasem Produktion: Kongkiat Khomsiri, Weerapat Tembundit

Die thailändische Fantasy-Liebes-Action-Komödie KHUN PHAEN BEGINS kommt direkt zu Beginn mit einem großen Feuerwerk an (nicht ganz gelungenen) CGI-Effekten und zwei ungeschickten, aber liebenswerten Tollpatschen daher. Keaw (Mario Maurer - tatsächlich Thai, auch wenn der Name das nicht vermuten lässt) hat keine Ahnung, wie seine Kindheit war, und versucht sich mit seinem Kumpel mit kleinen Gaunereien über Wasser zu halten. Bis zu dem Tag, an dem er auf Pim (Yongwaree Ngamkasem) und Chang (Philip Thinroj) trifft. Die beiden erkennen ihren alten Spielkameraden und Freund direkt wieder, und so kann das Umwerben von Pim beginnen. Denn während Keaw als Kind mit ihr verbandelt war, hält nun Chang um ihre Hand an.

Zu diesem Strang gesellt sich dann noch der weitaus interessantere mit dem stark mystischen Einschlag. Keaw trifft zufällig auf Master Det (Supakorn Kitsuwon), der ihn dann in die sogenannte Pran-Magie einweist. Keaw beweist dabei erstaunliches Talent, was einen sogar vom unglaublich schlecht animierten Hilfsgeist in Form eines kleinen dicken Jungen ablenkt. Der ist mal animiert, mal aus Fleisch und Blut und bietet mehr als genug Material für die eine oder andere Slapstickeinlage.

Gerade in Bezug auf Humor ist KHUN PHAEN BEGINS oftmals etwas drüber - zu kindlich und slapstickhaft kommt er daher, und Fremdschämen ist so programmiert. Hinzu kommt zwar noch eine durchaus wirre Geschichte, die versucht, mehrere Handlungsstränge irgendwie miteinander zu verknüpfen. Zwischendurch wird dann noch gesungen, und am Ende des Tages laufen die Fäden irgendwie zusammen.

Dennoch geht von KHUN PHAEN BEGINS eine gewisse Faszination aus, da man vor allem deswegen dranbleibt, weil man wissen möchte, wie das ganze Durcheinander eigentlich zusammenpasst, und weil die Charaktere echt sympathisch sind.

Wenn man Lust hat auf mittelgute CGI-Effekte gepaart mit einer nicht ganz stringenten Geschichte und Einblicke in südostasiatisches Mystik-Gebaren, so ist KHUN PHAEN BEGINS durchaus sehenswert! (SARAH SCHINDLER)

LIEBE, MYSTIK UND SLAPSTICKEINLAGEN

BENEVOLENT BA

Regie: Diffan Sina Norman / Malaysia 2020 / 9 Min. Darsteller: Lydiawati, Mustapha Kamal, Kuben Mahadevan, Syed Irfan, Mia Sabrina, Anwar Hadi Produktion: Diffan Sina Norman, Arzuan Annuar

Im malaysischen Kurzfilm BENEVOLENT BA geht es im Grunde um das Schlachten einer Ziege. Nicht mehr und nicht weniger. Allerdings stellt das die muslimische Familie und den vegetarischen Lieferanten vor größere Herausforderungen als zunächst gedacht. Begleitet von ständigem Donner und der Auseinandersetzung mit der (rituellen) Tötung von Tieren kulminiert das »Spektakel« an einer Landstraße mitten im Nirgendwo Malaysias in einem Ende biblischen Ausmaßes.

Solide bebildert erzählt der Film in der knackigen Zeit von neun Minuten von den Vorbereitungen der Schlachtung und den Querelen, mit denen sich vor allem das Oberhaupt der Familie, die Mutter, herumschlagen muss. Der vegetarische Lieferant möchte das Tier nicht schlachten, und auch aus der Familie findet sich niemand, der bereit dazu ist, der Ziege die Kehle zu durchschneiden. Tja, was nun?

Schlussendlich findet sich jemand, und das mysteriös angehauchte Drama erreicht seinen Höhepunkt. Allerdings ist es schwer nachzuvollziehen, wo nun das eigentliche Problem lag, und auch der Sinn der Transformation, ohne zu viel spoilern zu wollen, erklärt sich nur, wenn man sich vorher ein wenig mit Religiosität, Ritual und mystischem Spiritismus der Region auseinandersetzt. BENEVOLENT BA funktioniert also ohne Vorkenntnisse oder Erklärung nur bedingt. Setzt man sich allerdings ein wenig mit den Hintergründen auseinander, entfaltet er aber durchaus seine Wirkung.

(SARAH SCHINDLER)

DEFINITIV NICHTS FÜR TIERLIEBHABER!