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NEUE FORMENWELT : HEIDRUN TH. GRIGOLEIT


Trödler - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 12.07.2019

Im magischen Jahr 2019 – dem Bauhaus-Jubiläum – wurde im April die erste Ausstellung aus Dieter Högermanns Sammlung eröffnet: Der passionierte Berliner Sammler, Designhistoriker und Museumskurator hat diese Sonderausstellung durch die Schenkung seiner umfangreichen Sammlung an die Stiftung leuchtenburg ermöglicht. Sachlich, zeitlos, funktional – zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum präsentieren die Porzellanwelten leuchtenburg nun noch bis zum 31. oktober die große Schau unter dem Titel „Die neue Formenwelt – Design des 20. Jahrhunderts aus der Sammlung Högermann”.


„Gute Form”

Die Präsentation zeigt ...

Artikelbild für den Artikel "NEUE FORMENWELT : HEIDRUN TH. GRIGOLEIT" aus der Ausgabe 8/2019 von Trödler. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Trödler, Ausgabe 8/2019

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... Porzellandesign aus der Bauhauszeit sowie davon inspiriertes Porzellan der Nachkriegszeit in sechs Ausstellungsabteilungen. Im Zentrum stehen Spitzenstücke der „guten Form”, deren Designer und ihre außergewöhnlichen Geschichten aus den 1930er-/ 40er-Jahren, den 1950er-/60er-Jahren bis hin zu jungen Formen der 1970er-/80er-Jahre. Die Porzellan- und Produktgestaltung in der frühen DDR ist ebenso Thema wie bekannte Hotelporzellane aus Weiden und Colditz. Die Ausstellung umfasst zudem bisher noch nie gezeigte Design-Highlights sowie ausgewählte Ikonen des Produktdesigns von Designerinnen und Designern wie Marguerite Friedlaender, Gerhard Marcks, Trude Petri, Walter Gropius, Wilhelm Wagenfeld, Heinrich Löffelhardt, Raymond Loewy, Horst Michel, Margarete Jahny, Erich Müller und vielen anderen. Sie alle waren von der Bauhausidee geprägt, entwickelten jedoch selbstbewusst eigene moderne, ästhetische und funktionale Formen, die an den jeweiligen gesellschaftlichen und technischen Anforderungen ihrer Zeit orientiert waren. Noch heute prägen die Erfolge ihrer Entwürfe bekannte Porzellanhersteller wie Rosenthal, Fürstenberg, KPM Berlin oder Arzberg.

Dieter Högermann

Der Sammler Dieter Högermann, Jahrgang 1934, gehörte zu jener Generation, die nach schweren Kriegserlebnissen im Kindesalter und einer Schulausbildung in der Kriegs- und Nachkriegszeit den Weg ins Berufsleben finden mussten. Als einziger Sohn wurde er am 4. Mai 1934 in der Ortschaft Wellentrup in Lippe-Detmold geboren. Ein Jahr später zog seine Mutter mit ihm nach Halberstadt in den Vorharz. Dortwuchs er hauptsächlich bei seinen Großeltern auf. Im Sommer 1952 schloss er die Schule mit dem Abitur ab und kam kurz darauf 1953 nach Westdeutschland, das man vor dem Mauerbau noch bereisen konnte. Dort musste er sein Abitur ein zweites Mal ablegen, denn das Ost-Abitur wurde nicht anerkannt. Es folgten einige Studiensemester an der Universität in Braunschweig im Fach Biologie. Nach verschiedenen Gelegenheitstätigkeiten war er unter anderem beim Schulbuchverlag Westermann in Braunschweig als Lektor tätig. Nach seinem Umzug nach Berlin wurde er im Februar 1967 bei der renommierten Kunstbuchhandlung Wasmuth an der Hardenbergstraße angestellt und war als Antiquar mit dem Verkauf und Ankauf von kunsthistorischer Fachliteratur bis Juni 1970 betraut. Dort machte er auch die Bekanntschaft mit dem angehenden Museumsdirektor Karl-Heinz Bröhan, der einen erfahrenen Lektor und Kenner auf dem Gebiet der Kunstgeschichte suchte. Auch Högermanns Kenntnisse in der Buchherstellung und die Fähigkeit, Texte zu schreiben und zu redigieren, waren gefragt. Für Bröhan war Högermann der Mann der Stunde. Mit ihm gelang 1973 die Gründung des vorerst privaten Museums in Dahlem, das in den Räumen einer Villa angewandte Kunst des Jugendstils und Art déco präsentierte. Schon damals war Högermann für sämtliche Bereiche zuständig: Kunsterwerbungen, dem Verfassen wissenschaftlicher Katalogtexte und der Erstellung von Dienstplänen für das Museumspersonal. Im Herbst 1983 zog das Bröhan-Museum nach Charlottenburg um und erhielt dann ab 1996 den Namenszusatz „Landesmuseum für Jugendstil, Art Déco und Funktionalismus”. Von 1973 bis 2001 erschienen von Högermann betreute Bestandskataloge zur Glaskunst, zur Kunst der 20er- und 30er-Jahre sowie zur Metall- und Porzellankunst. Diese umfangreichen Kataloge sind zu (vergriffenen) Referenzwerken für Kunsthandel und Sammlungen geworden.

Hermann Gretsch, 1382 Arzberg, 1930-31

Marguerite Friedlaender, Teegedeck Hallesche Form, KPM, 1940

Die Sammlung

Parallel zum Berufsleben baute Högermann seine eigene qualitätvolle Sammlung über Design der Nachkriegsjahre auf, dazu eine erlesene Fachbibliothek mit klassischer Weltliteratur, Kunstgeschichte, Literatur über Architektur und Design. Im Jahr 2001, nach drei Jahrzehnten engagierter Tätigkeit als wissenschaftlicher Kurator und Verwaltungsleiter am Bröhan-Museum endete seine Museumslaufbahn mit der Pensionierung nach einer Auseinandersetzung und Missverständnissen, die ungeklärt blieben und ihn wohl gekränkt haben. Von Vorteil waren seine Kontakte zu Kollegen anderer Sammlungen und Museen, die ihn als Kunstkenner schätzten. Die Ausstellung „Rundum Form” über den Designer Wolf Karnagel kuratierte er im Jahr 2000 im Leipziger Grassi-Museum und im Stilwerk Berlin. Eine Tätigkeit als Sachverständiger beim führenden Münchner Auktionshaus Quittenbaum folgte.

wohn- und Tischkultur

Högermanns umfangreiche Privatsammlung ist im Wesentlichen auf den Bereich der Wohn- und Tischkultur bezogen. Speziell in den Bereichen Porzellan- und Glasdesign dürfte es kaum einen vergleichbar kohärenten Bestand in Museums- oder Privatbesitz geben. „Das Schaffen von Hermann Gretsch, dem neben Wagenfeld bedeutendsten deutschen Designer der 30er-Jahre, von seinem Nachfolger Heinrich Löffelhardt, dem meist ausgezeichneten Porzellan- und Glasgestalter der Nachkriegsepoche, von Wolf Karnagel und Hans-W. Seitz ist ziemlich komplett vorhanden. Dem deutschen Design vom geistigen Hintergrund her am nächsten steht das Design der skandinavischen Länder, in den 50er- und 60er-Jahren führend in der Welt. Es bildet neben dem deutschen Design den zweiten Schwerpunkt der Kollektion,” so hat Högermann 2006 seinen Sammlungsbestand selber beschrieben. Dabei sammelte er häufig verschiedene Dekors einer Serviceform – etwa Rosenthal „Form 2000” oder „Polygon”, denn ihnfaszinierte das Verhältnis von Form und Dekor. Högermann sammelte aber auch Verkaufsprospekte von Serienporzellanen mit Informationen über das Warenangebot, Preise, Größen und Dekors. Gut gestaltete Verpackungen, etwa von Rosenthal, warf er nicht weg, sondern bewahrte sie ebenfalls mit Inhalt auf, da sie eine Einheit bilden.
Sogar Regale der Porzellanhersteller Rosenthal und Thomas, die aus Haushaltswarengeschäften stammen, kamen in seine Sammlung. Ihm war klar, dass sie wertvolle zeittypische Merkmale besaßen und sich als Dokumente hervorragend eigneten.

Oben: Raymond loewy, richard S latham, Form e, rosenthal 1954, Dekor Bele Bachem

Raymond Loewy, Form 2000, rosenthal, 1954

Hermann Gretsch, Vasengruppe, Arzberg, 1937

Elsa Fischer-Treyden, Vase, rosenthal, 1979, Dekor wolf Bauer

Jasper Morrison, Service Moon, rosenthal, 1997

Wolf Karnagel, Form Plus, rosenthal, 1976

Wolf Karnagel, Mokka Service Stambul, KPM, 1967

Modernes Design

Kennzeichnend für seine Sammlung ist jedoch sein Interesse für die Anfänge des modernen Designs: Die Sammlung beginnt mit einer puristischen Doppelschale von Christopher Dresser (1834-1904), gefertigt um 1880 in England, und endet mit aktuellen Gestaltungen der Gegenwart. Nach der von Högermann abgewerteten Postmoderne – weit entfernt vom Funktionalismus des von ihm verehrten Designers Dieter Rams – schätzte er Entwürfe von Jasper Morrison (*1959) und Konstantin Grcic (*1965) mit ihrem Minimalismus und Purismus als Rückkehr zur Form. Für Thomas entwarf Grcic 2003 die Geschirrserie „Coup”, erstmals mit einer Thermoskanne anstelle einer konventionellen Kaffeekanne.

Ostasien

Minimalismus in der Gestaltung lenkte Högermanns Augenmerk auch nach Ostasien, nach Japan und Korea. In den Arbeiten des in Norddeutschland lebenden Südkoreaners Kap-Sun Hwang (*1963), besonders in seiner mit dem „Red Dot Design Award” ausgezeichneten für Fürstenberg 2003 entworfenen Schalenserie „QI” lag die gestalterische Verwandtschaft zur klassisch-zeitlosen Formgestaltung, zum Urbino-Service von Trude Petri (1929, KPM) praktisch auf der Hand. Der Kern seiner Sammlung, Deutsches Porzellan- und Glasdesign, erfuhr im Laufe der Jahre Erweiterung auch in anderen Sparten des Produktdesigns – mit Bestecken, Feuerzeugen, Radio- und Fernsehgeräten, Uhren, Küchenwaagen, Kaffeemühlen, Toastern, Espressomaschinen, Heizlüftern, Ventilatoren, Stühlen und Thermoskannen.

Bestandskatalog

Fast drei Jahrzehnte hatte Högermann mit den Mammutprojekten der Bestandskataloge des Bröhan-Museums zu tun. Seit Anbeginn war er selber Autor vieler Textbeiträge – etwa Firmengeschichten. 2007 erschien seine Publikation „Gute Formen bei Tisch, Porzellandesign von Hans-Wilhelm Seitz” parallel zur Ausstellung im Stadtmuseum Jena. Bestechend sind die ästhetisch anspruchsvollen Fotos von Porzellanen und ein hervorragendes Layout, auf das Högermann sehr viel Wert legte. Er beschäftigte sich mit der Angewandten Kunst, dem Kunstgewerbe, der Kunstindustrie und dem Produktdesign. Seine „Designgeschichten” sind auch in loser Folge im „Sammler Journal” erschienen. Dabei konzentrierte er sich stets auf die sogenannte „Gute Form” und die Funktionalität eines Gegenstandes, wie sie der Deutsche Werkbund propagierte. Viele Jahre vergingen mit der Suche nach geeigneten Städten und Häusern, mit Gesprächen in den Kulturverwaltungen, mit der Anfertigung von Fotos für einen Katalog (Fotos von Wini Sulzbach), mit der Aufstellung unterschiedlichster Konzepte und Kalkulationen. Noch im Herbst 2011 betreute er die Ausstellung „Die zeitlose Form – Porzellan- und Keramikentwürfevon Hermann Gretsch (1895-1950)” im Keramik-Museum Berlin und war Verfasser der Ausstellungsbroschüre mit Firmenporträts und Markenverzeichnis. Da war ihm eine schwere Krankheit schon sehr anzusehen. Dieter Högermann starb am 1. Oktober 2012 in Berlin.

Bananenkisten

„1100 Boxes of Högermann”, so lautete der Arbeitstitel der Ausstellung. Gemeint waren Bananenkartons, die eine zweite Bestimmung zur Aufbewahrung und Transport für seine umfangreiche Designsammlung erhalten haben. Ihre nahezu gleiche Größe, egal ob es sich um Kartons der Marken „Banabana”, „Estrella Bananas”, „Consul” oder „Excelban” handelt, machte sie stapelbar – eine bei Sammlern bewährte Eigenschaft. Raumhoch füllten sie lange ein Berliner Depot, dann seit 2012 Räume im thüringischen Kahla. Das Auspacken hat Monate gedauert. Zu006D-Vorschein kamen bekannte und unbekannte Schätze aus Porzellan, Glas, Metall und Kunststoff – alles Produktdesign der ersten Güte. In einem Katalog zur Ausstellung kommt der verstorbene Dieter Högermann dann auch selber zu Wort: Unveröffentlichte Textbeiträge von ihm wurden hier verwendet und lassen den Sammler persönlich sprechen.

Ausstellung und Katalog

„Die neue Formenwelt – Design des 20. Jahrhunderts aus der Sammlung Högermann”. Porzellanwelten Leuchtenburg, noch bis zum 31. Oktober, www.leuchtenburg.de. Gleichnamiger Ausstellungskatalog 2019, 208 Seiten, reich bebildert, kostet 15 Euro.

Trude Petri, Tafelservice urbino, KPM, 1930

Kap-Sun Hwang, Schalensatz QI, Fürstenberg, 2003

Leipziger Studentin beim Sichten der Bananenkisten Quelle: Friedhelm Berger


Fotos: Porzellanwelten Leuchtenburg