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NEUE GESCHICHTEN, NEUE PERSPEKTIVEN


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Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 12.10.2022
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Bildquelle: Bücher, Ausgabe 6/2022

WOLE SOYINKA: Die glücklichsten Menschen der Welt Übersetzt von Inge Uffelmann Blessing, 656 Seiten, 24 Euro

A. IGONI BARRETT: Blackass Übersetzt von Venice Trommer InterKontinental, 296 Seiten, 22 Euro

Drei große literarische Preise gingen im Jahr 2021 an Autoren vom afrikanischen Kontinent: Der Südafrikaner Damon Galgut hat für „Das Versprechen“ den Man Booker Prize bekommen. Abdulrazak Gurnah aus Tansania den Literaturnobelpreis. Und der senegalesische Autor Mohamed Mbougar Sarr den Prix Goncourt. Es könnte ein kurzes Aufflackern von Aufmerksamkeit für Literatur aus Afrika sein – doch auch in diesem Jahr gibt es interessante und vielfältige Bücher von diesem Kontinent.

Es ist eine Sensation: Nach fast 50 Jahren hat Wole Soyinka einen neuen Roman geschrieben. Der erste Autor vom afrikanischen Kontinent, der jemals den Nobelpreis erhalten hat, rechnet in seiner politischen Satire Die

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... mit seiner Heimat Nigeria ab, mit der er sich lebenslang auseinandergesetzt hat. Nun erzählt er von zwei Männern, die sich einst im Studium in England kennengelernt und einen Freundschaftsbund gegründet haben, um Nigeria voranzubringen. Mittlerweile sind sie um die 60 Jahre alt und ernüchtert, halten aber weiterhin an ihrem Ziel fest. Dann kommen sie einem geheimen Netzwerk auf die Spur, das vor keinem brutalen Geschäft zurückschreckt.

Im Mittelpunkt von Soyinkas mühsamen, aber lohnenswerten Roman steht das Land Nigeria mit all seinen Übeln, mit der Gewalt, Korruption, Skrupellosigkeit, den Intrigen, Terrorbanden und religiösen Sekten. Auch in A. Igoni Barretts böser Farce Blackass geht es um das Leben in Nigeria, insbesondere in der Metropole Lagos. Dort wacht Furo Wariboko am Morgen eines wichtigen Vorstellungsgesprächs auf und stellt fest, dass er auf einmal weiß ist – bis auf sein Hintern, der ist weiterhin Schwarz. Und Furo weiß, dass er als Weißer in Lagos ganz andere Chancen hat. Also stiehlt er sich aus seinem Elternhaus davon, bekommt einen guten Job und begegnet schließlich einem Schriftsteller namens Igoni, der nach ihrem Treffen hinter Furos Geheimnis kommt, aber selbst seine Identität verändert. „Blackass“ ist ein rasantes und witziges Spiel um physische und psychische Transformationen, weniger als großer Roman wie „Die glücklichsten Menschen der Welt“ als vielmehr als originelles, böses Formenspiel angelegt.

DER KAMPF UM SELBSTBESTIMMUNG

„Blackass“ ist Barretts erster Roman in deutscher Übersetzung. Eine weitere neue Stimme aus Nigeria ist Abi Daré, die bereits 2021 in ihrem Romandebüt Das Mädchen mit der lauternen Stimme vor allem sprachlich interessant die berührende Geschichte der 14-jährigen Adunni erzählt hat, die zwangsverheiratet wird, aber trotz Missbrauch und Unterdrückung für ein selbstbestimmtes Leben und Bildung kämpft. Zwangsehen stehen auch im Mittelpunkt des Romans Die ungeduldigen Frauen von Djaïli Amadou Amal, er spielt im Norden Kameruns und erzählt von den drei Musliminnen Ramla, Hindou und Safira. Die 17-jährige Ramla wird auf Geheiß ihres Onkels mit einem 50-jährigen einflussreichen und wohlhabenden Geschäftsmann verheiratet. Fortan muss sie sich nicht nur ihrem Ehemann, sondern auch dessen Erstfrau Safira unterordnen. Safira leidet unter der Kränkung, dass sie ihren Ehemann mit einer jüngeren, gebildeteren Frau teilen muss und tut alles, um Ramla zu schaden. Ramlas 17-jährige Halbschwester Hindou wird ebenfalls gegen ihren Willen verheiratet: sie muss einen alkohol- und drogenabhängigen Cousin ehelichen, weil die Männer der Familie glauben, die Ehe werde ihn zur Vernunft bringen. Hindou wird von ihm brutal misshandelt – aber das wird ihr angelastet.

ABI DARÉ: Das Mädchen mit der lauternen Stimme Übersetzt von Simone Jakob Eichborn (2021), 368 Seiten, 22 Euro

MAX LOBE: Vertraulichkeiten Übersetzt von Katharina Triebner-Cabald Akono, 268 Seiten, 20 Euro

DJAÏLI AMADOU AMAL: Die ungeduldigen Frauen Übersetzt von Ela zum Winkel Orlanda, 176 Seiten, 18 Euro

Es ist Geduld, die allen drei Frauen gepredigt wird: Sei geduldig, unterwirf dich deinem Mann, ertrage alles klaglos. Das sagen nicht nur die Männer, das sagen auch die Frauen. Solidarität unter ihnen sucht man vergeblich. Weil alle drei Frauen zur selben Familie gehören, macht Djaïli Amadou Amal die Strukturen sichtbar, in der diese Frauen leben: die Töchter fügen sich, um ihre Mütter zu schützen. Die Mütter fügen sich, um ihren Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen. Djaïli Amadou Amal schildert die Leben dieser Frauen, die voller brutaler Gewalt stecken. Und es ist umso schockierender, dass dieser Roman teils auf ihren Erlebnissen beruht.

DANK DER VERGANGENHEIT SICH SELBST VERSTEHEN

Kamerun ist auch der Handlungsort von Max Lobes Roman Vertraulichkeiten. Er wurde dort 1986 geboren, mit 18 Jahren ist er in die Schweiz gegangen. In seinem Roman reist sein Ich-Erzähler Max Lobe nun nach Song Mpeck, ein Ort zwischen Douala an der Küste und der Hauptstadt Yaoundé. Dort will er sich mit der alten Ma Maliga treffen, die ihm von den „Vorkommnissen“ erzählen wird – so nennen die Menschen in Kamerun die Ereignisse während des Unabhängigkeitskrieges in den 1950er Jahren, über die kaum gesprochen wird. Ma Maliga aber erzählt von ihrem Aufwachsen, von ihrer Mutter, die für die Unabhängigkeit war, von ihrem Vater, einem „Bleistift-Intellektuellen“, der als Lehrer an einer Schule der Franzosen arbeitete. Von ihren Begegnungen mit Ruben Um Nyobè, dem Gründer der Unabhängigen Partei UPC, der von der französischen Armee ermordet wurde und noch heute verehrt wird. Zwischen diesen Kapiteln sind Überlegungen in kurzen Sätzen von Max, in denen er seine Erfahrung dieses Landes und Gedanken über seine Identität festhält. Es ist ein nachdrückliches literarisches Gespräch zwischen einer alten Frau, die ihr Dorf nicht verlässt, und einem jungen Mann, der in Europa lebt – und es ist die Geschichte Kameruns aus der Perspektive einer Frau.

YARA NAKAHANDA MONTEIRO: Schwerkraft der Tränen Übersetzt von Michael Kegler Haymon, 280 Seiten, 22,90 Euro

LEILA ABOULELA: anderswo, daheim Übersetzt von Irma Wehrli Lenos, 238 Seiten, 25 Euro

SABAH SANHOURI: Paradise Übersetzt von Christine Battermann Schiler & Mücke, 168 Seiten, 24 Euro

Max Lobe will verstehen, woher er kommt. Genauso geht es der Ich-Erzählerin Vitoria in Yara Nakahanda Monteiros Schwerkraft der Tränen. In Angola geboren wurde sie im Alter von noch nicht einmal zwei Jahren von einer Freundin ihrer Mutter ihren portugiesischen Großeltern übergeben, die Angola angesichts der Gewalt des Unabhängigkeitskrieges verlassen wollten. Vitoria ist also in Portugal aufgewachsen, doch in ihr war stets eine Sehnsucht – nach der Mutter und nach einem Land, das sie gar nicht kennt.

Kurz entschlossen verlässt sie daher ihren Verlobten kurz vor der Trauung und macht sich auf den Weg nach Angola. Sie will ihre Mutter finden, sie will sie und das Land kennenlernen, das ihre Mutter mehr geliebt hat als ihre Tochter. Sie kommt bei einer Tante unter, erkundet das Nachtleben, bekommt Kontakt zu einem General, der ihr möglicherweise helfen könnte, und begegnet einer Frau, die ihre Mutter kannte. In Portugal ist sie Schwarz, in Angola ist sie weiß – in beiden Ländern wird sie ihre Ruhelosigkeit nicht los, die sich in der drängenden Sprache widerspiegelt. Sie raubt ihr den Schlaf, treibt sie immer weiter – und tatsächlich wird sie am Ende ihrer Mutter nähergekommen sein. Aber ein Happy End ist es nicht. Das wäre nicht möglich in einem Land, in dem die Spuren des Krieges allgegenwärtig sind.

Von der Sehnsucht nach einer Heimat, die es nicht mehr gibt, erzählt auch Leila Aboulela in ihrem berührenden Erzählungsband anderswo, daheim. Aboulela wurde in Kairo geboren, ist in Khartum im Sudan aufgewachsen und als Mitte 20-jährige nach Schottland gezogen. Diese Migrationsbewegungen, das Wandeln zwischen Ländern und Kulturen durchziehen ihre Kurzgeschichten. Sie erzählt von schwierigen Romanzen zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen, wie fremd einem die Heimat und das neue Leben sein können, Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern und bewegt sich stets an den Bruchstellen von Kulturen und Religionen.

DEN EIGENEN WEG FINDEN

Einige der Protagonisten in Leila Aboulelas Geschichten müssen erst den Mut aufbringen, ihren eigenen Weg zu gehen. Diesen Mut hat Tambudzai Sigauke in der Romantrilogie von Tsitsi Dangarembga schon von Kindesbeinen an. In dem ersten Teil „Aufbrechen“ hat sie im Rhodesien der 1960er Jahre das Dorf ihrer Eltern verlassen und ein Stipendium für das Internat Young Ladies’ College of the Sacred Heart erhalten, das von weißen Nonnen geführt wird. Im dritten Teil „Überleben“ fragt sich die erwachsene Timbu, wo ihr Leben die falsche Richtung eingeschlagen hat. Nun ist der zweite Teil in deutschsprachiger Übersetzung erschienen: Verleugnen erzählt von Timbus Zeit im Internat und ihren ersten Berufsjahren. Sie will unbedingt daran festhalten, dass diese Schule ihr eine gute Zukunft ermöglicht – trotz des Bürgerkrieges, trotz der unverhohlenen Trennung zwischen Schwarzen und weißen Schülerinnen. Es ist schmerzhaft zu lesen, wie Tambu sich stets selbst überzeugt, dass die Weißen gut sind und nur das Beste wollen, sich von sich selbst zunehmend entfremdet und sich der kolonialistische Blick in sie einschreibt. Sie schaut verächtlich auf die anderen Schwarzen Schülerinnen, versucht sich von ihnen fernzuhalten und sehnt sich doch nach Gemeinschaft. Aber in einer kolonialistischen, sexistischen und korrupten Gesellschaft reicht Mut alleine nicht aus, um ein zufriedenes Leben zu führen.

Es ist eine beeindruckende Trilogie einer beeindruckenden Autorin. Seit zwei Jahren läuft gegen Tsitsi Dangerembga in Simbabwe ein Gerichtsverfahren, weil sie sich einer friedlichen Demonstration angeschlossen und auf einem Plakat Reformen gefordert hat. Ihr drohen mehrere Jahre Gefängnis. Nicht nur daran wird deutlich, dass Dangarembgas Einfluss über die Literatur hinausreicht.

NEUE FEMINISTISCHE STIMMEN

Tsitsi Dangarembga ist eine der Autorinnen vom afrikanischen Kontinent, die sich in ihrem Werk und ihrem Wirken beständig auch mit feministischen Themen beschäftigt. Tatsächlich hieß es lange, Feminismus sei unafrikanisch und vom Westen her importiert, erzählt Jennifer Nansubuga Makumbi im Rahmen des African Book Festival in Berlin, wo sie ihr Buch Die erste Frau vorgestellt hat. Darin erzählt sie von der Teenagerin Kibule, die in Uganda in den 1970er Jahren bei ihren Großeltern auf dem Land aufwächst. Sie will unbedingt herausfinden, wer ihre Mutter ist. In ihr ist nämlich ein schrecklicher Verdacht entstanden: Wollte ihre Mutter nichts mit ihr zu tun haben, weil sie gemerkt hat, dass sie verflucht ist? Bei ihrer Suche nach der Wahrheit erfährt sie mehr über die Geschichte der Frauen ihrer Familie und wird vor allem in Natur- und Schöpfungsmythen unterwiesen, die die Naturkraft und Selbstbestimmung des weiblichen Körpers feiern.

Doch das reicht nicht aus, um die Situation der Frauen zu verbessern. Kibules Großvater ist ein fortschrittlicher Mann. Er weiß, dass es vor allem ökonomische Abhängigkeit ist, die Frauen in schlechten Ehen hält, deshalb will er den Frauen seiner Familie Landbesitz hinterlassen. Aber nicht nur die Männer der Familie sind dagegen, auch die Frauen können sich – wie bei Djaïli Amadou Amal – nur schwer von der Vorstellung lösen, dass andere Frauen nicht ihre Gegenspielerinnen sind.

Nördlich von Uganda ist der Sudan und dort spielt Sabah Sanhouris bissiger politischer Roman Paradise. Bereits 2019 – also vor dem Sturz vom Omar Al-Baschir – ist das Buch auf Arabisch erschienen und deshalb in dieser sehr islamistischen Zeit zu verorten. Das zeigt sich beispielsweise an geschickt gesetzten Seitenhieben: Die titelgebende Agentur Paradise ist in der Märtyrer-Imram-Imram-Straße in Khartum. Aber durch den Krieg im Südsudan gibt es mittlerweile so viele muslimische Märtyrer, dass niemand weiß, wofür er gestorben ist. In dieser Agentur hat die Anfang 30-jährige Autorin Salam einen neuen Job: Sie schreibt für die Kund:innen der Agentur Szenarien für deren Selbstmord. Diese führen sie dann aus und werden dabei von einem Kameramann gefilmt. In verschiedenen Perspektiven entwirft Sanhouri Szenen mit der Autorin, dem Kameramann, aber auch den Kund:innen dieser Agentur. Zu ihnen gehört die Ärztin May, die für ihren Mann sogar ihren Beruf aufgegeben hat, aber für ihn war dieser Schritt zu spät. Er schlägt und demütigt sie, sie schafft es kaum mehr, das Bett zu verlassen. Glücklich wird ohnehin keine der Frauen in diesem Roman – auch Salam hat ihren letzten Freund verlassen, weil er sie nicht verstehen konnte –, eigene Ziele und Wünsche sind in dieser Gesellschaft nicht zu verwirklichen.

„Paradise“ und „Die erste Frau“ sind nur zwei Beispiele für feministische Romane aus Ostafrika – sie machen deutlich, dass Frauen weltweit unterdrückt werden. Die konkrete Ausgestaltung der Mechanismen und der Kampf gegen sie mögen sich unterscheiden. Aber wo immer Frauen unterdrückt werden, so Makumbi, sei feministisches Denken unausweichlich.

BEWEGUNG ALS HEIMAT

Den Kongo gebe es eigentlich gar nicht mehr, hat Fiston Mwanza Mujila bei seinem Auftritt auf dem African Book Festival gesagt. Kriege und die Profitinteressen multinati- onaler Konzerne haben das Land zerrissen. Deshalb sei es der Tanz, der die Menschen im Kongo zusammenbringe und -halte, er sei die einzige Heimat. In seinem Roman wird nun der titelgebende Tanz der Teufel in der südkongolesischen Stadt Lubumbashi getanzt. Es sind die 1990er Jahre in Zaire – so hieß der Kongo damals noch. Straßenkinder schnüffeln Klebstoff, der kongolesische Geheimdienst zieht seine Fäden, einige Mutige – oder Verzweifelte – gehen ins bürgerkriegsgeplagte Angola, um nach Diamanten zu suchen. Und mittendrin ist der Schriftsteller Franz aus dem österreichischen Sankt Pölten.

JENNIFER NANSUBUGA MAKUMBI: Die erste Frau Übersetzt von Alakati Neidhardt InterKontinental, 532 Seiten, 26 Euro

TSITSI DANGAREMBGA: Verleugnen Übersetzt von Anette Grube Orlanda, 306 Seiten, 24 Euro jugendlichen Leser:innen.

AUCH FÜR JUGENDLICHE

Bisher ist Malla Nunn vor allem mit ihren Kriminalromanen in Erscheinung getreten, nun erscheint mit „Ist die Erde hart“ ein Buch über die Kindheit ihrer Mutter: Die 16-jährige Adele Joubert besucht im Swasiland 1965 ein Internat für Kinder, die wie sie mixed raced sind – und stößt dort auf allerhand Herausforderungen, als sie aus der Clique der beliebten Mädchen verstoßen wird. Man erfährt viel über das Leben in der damals noch britischen Kolonie Swasiland und die gesellschaftlichen Hierarchien – und das Buch eignet sich auch für jugendlichen Leser:innen.

MALLA NUNN: Ist die Erde hart Übersetzt von Else Laudan Ariadne, 304 Seiten, 24 Euro

FISTON MWANZA MUJILA: Tanz der Teufel Übersetzt von Katharina Meyer & Lena Müller Zsolnay, 288 Seiten, 25 Euro

VERA E. GERLING, BIRGIT NEUMANN, EVA U. PIRKER (HRSG.): Timescapes – aller-retour – Erzählungen aus afrikanischen Kontexten Düsseldorf übersetzt, Band 10 C.W. Lekse, 280 Seiten, 18 Euro

TIGRINISCHE GEDICHTE

Im November 2022 erscheint bei Wunderhorn der Lyrik-Band „Ich bin am Leben“ von der Journalistin Yirgalem Fisseha Mebrahtu aus Eritrea. Sie saß sechs Jahre ohne Anklage und Gerichtsverfahren im Militärgefängnis Mai Serwa, bis ihr 2018 die Flucht nach Uganda gelang. Ein Großteil der Gedichte sind während und nach ihrer Haft geschrieben worden.

YIRGALEM FISSEHA MEBRAHTU: Ich bin am Leben Übersetzt von Kokob Semere, Miras Walid, Mekonnen Mesghena; Nachdichtung von Hans Thill Wunderhorn, 80 Seiten, 22 Euro

Dieser großartige Roman spielt vor allem nachts und wird von dem Rhythmus der afrikanischen Rumba vorangetrieben. Es ist ein einziger Rausch, in dem sich vor allem die Männer verlieren – die wenigen Frauenfiguren bleiben oberf lächlich. Zugleich verhandelt er die spannenden Fragen nach Identität und wer über wen schreiben darf. Ist Mujila, der schon lange in Graz lebt, teilweise auch auf Deutsch schreibt, ein österreichischer oder ein kongolesischer Autor? In seinem Roman gibt es österreichische literarische Traditionen und Verweise, dennoch ist dieses Buch ein Roman aus dem Kongo.

Eindeutige Identitäten gibt es so wenig wie eindeutige Geschichten – gerade auf einem Kontinent mit brutaler Kolonialgeschichte und willkürlichen Grenzziehungen. Davon erzählt auch der sehr empfehlenswerte Erzählungsband Timescape aller-retour. In ihm sind von sechs Schriftsteller:innen – unter ihnen Jennifer Makumbi – jeweils zwei Erzählungen versammelt, die sich mit der Zukunft und dem Vergessen beschäftigen, und sowohl im Original wie in Übersetzung abgedruckt. Das unterstreicht noch einmal die Vielfalt der Erzählungen.

DAS ENGAGEMENT EINZELNER

Entstanden ist der Band in Zusammenarbeit mit der Kölner Literaturreihe „stimmen afrikas“, die im September 2022 bekanntgegeben hat, dass sie im kommenden Jahr einen übersetzten Auszug aus Margaret Busbys bahnbrechenden Anthologie „New Daughters of Africa“ veröffentlichen wird. Das ist ein weiterer Beleg dafür, dass es vor allem dem Engagement kleiner, unabhängiger Verlage zu verdanken ist, dass vielfältige Literatur vom afrikanischen Kontinent in deutscher Sprache erscheint. Seit 2011 gibt es bereits im Wunderhorn Verlag die Reihe AfrikAWunderhorn, in der seither über 25 Romane, Reportagebücher und Lyrikbände erschienen sind. Der Orlanda Verlag hat seit 2019 die Reihe „afrika bewegt“. Seit 2020 gibt es den Akono Verlag, der voriges Jahr u.a. Wayétu Moores „Sie wäre König“ über den Gründungsmythos von Liberia herausgebracht hat. Im August 2022 war der Verlagslaunch von Interkontinental – sie haben das African Book Festival initiiert und betreiben in Berlin eine Buchhandlung. Drei Titel erscheinen dort im Herbst. Es bleibt zu hoffen, dass dies nur ein langer Auftakt ist für weitere Autor:innen von diesem Kontinent, die in deutschsprachiger Übersetzung erscheinen. Literatur hat die Macht, uns Kulturen und Regionen näherzubringen, endlich die Geschichten zu erzählen, die längst hätten erzählt werden müssen. Aber dafür müssen sich auch die Leser:innen öffnen für neue Perspektiven, neue Arten des Erzählens.

Sonja Hartl ist Jury-Mitglied des Litprom-Weltempfängers und taucht regelmäßig ein in literarische Welten fernab von Nordamerika und Europa

DEKONSTRUKTION VON MYTHEN

Obwohl Afrika die westliche Mode bereits seit Langem inspiriert, entwickeln afrikanische Designer:innen im 21. Jahrhundert eine neue Ästhetik, die einen kontinentalen Anspruch zum Ausdruck bringt – auf Wiederaneignung der Kultur und die Erfindung einer eigenen kreativen Sprache. Sie zelebrieren ein Crossover der Künste wie Kenneth Ize, der seine Designs für die Arise Fashion Week in Lagos mit einem Werk der nigerianischen Künstlerin Fadekemi Ogunsanya bedruckt (o.r.). Sie upcyceln im Geiste ihrer Ahnen und erschaffen so nachhaltige Mode wie Selly Raby Kane (u.r.), die Elemente der senegalesischen Kultur zu grafischen Puzzles zusammenfügt. Mit ihrer Kollektion „17, rue Jules Ferry“ ehrt sie die Tradition der Baye Fall, die vor allem zur Herstellung ihrer Kleider auf Spenden aus ihrer Gemeinschaft angewiesen sind und ihre Ndiakhass-Tuniken aus einem Flickenteppich bunter Stoffreste fertigen. Und nicht zuletzt übersetzt diese neue Generation Traditionen wie die der Batakaris aus Ghana in ihre Modewelten – wie Marché Noir, dessen Designer Amah Ayivi aus den europäischen Secondhandbergen in Togo coolste Couture anfertigt (o.l.).

EMMANUELLE COURRÈGES: Atemberaubende Mode aus Afrika Übersetzt von Kai Kilian, Gerstenberg, 240 Seiten, 45 Euro