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Neue Hoffnung bei Lungenkrebs


Hörzu Gesundheit - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 15.11.2019

Erst wird der Tumor enttarnt, dann hebeln Antikörper seine Strategie aus:Immuntherapie revolutioniert die Medizin


Artikelbild für den Artikel "Neue Hoffnung bei Lungenkrebs" aus der Ausgabe 4/2019 von Hörzu Gesundheit. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Hörzu Gesundheit, Ausgabe 4/2019

VERÄSTELT
Ähnelt einem umgedrehten Baum: die Lunge mit ihren Verzweigungen und Bläschen


Lungenkarzinom – eine schlimme Diagnose. Die meist bedeutet: Ein Teil des Organs muss entfernt werden. „So eine Operation ist immer ein großer Eingriff mit bleibenden Folgen“, sagt Dr. Niels Reinmuth, leitender Arzt der Abteilung Thorakale Onkologie an der Asklepios-Fachklinik für Pneumologie und Thoraxchirurgie in Gauting bei München. Obwohl heute gewebeschonend operiert wird und minimalinvasive ...

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... Eingriffe mit nur kleinen Schnitten möglich sind, fehlt den Patienten anschließend doch ein halber oder ganzer Lungenflügel. Der verbleibende Lungenteil kann den Verlust teilweise kompensieren, doch jede Operation bleibt ein großer Eingriff. Auch auf Chemotherapie und Bestrahlung kann man danach nicht verzichten. Doch es gibt einen Quantensprung in der Behandlung von Lungenkrebs, der immerhin tödlichsten Krebsart. Es ist ein völlig neuer Ansatz: Nicht der Tumor wird behandelt, sondern das Immunsystem.

Neue Waffen fürs Immunsystem

Normalerweise erkennt das Immunsystem die Tumorzelle, da sie anders aussieht. Manche Tumorzellen tarnen sich jedoch, sodass sie nicht mehr als Feinde erkannt werden. Die neuen Therapien schalten mit Antikörpern einige dieser Tarnmechanismen aus, sodass die abwehrerprobten T-Zellen des Immunsystems den Tumor wieder bekämpfen. Für die Entdeckung dieses Mechanismus bekamen die Wissenschaftler James Patrick Allison und Tasuku Honjo 2018 den Medizin-Nobelpreis. In der Erklärung des Nobel-Komitees wurden ihre Erkenntnisse als Meilenstein im Kampf gegen Krebs bezeichnet. Auch die Asklepios-Klinik setzte die Immuntherapie zumindest bei nicht kleinzelligen Lungenkarzinomen bereits seit 2012 in Studien ein – und mittlerweile in der täglichen Praxis.

Anders als eine Chemotherapie zielt die Immuntherapie nicht direkt auf den Krebs. Stattdessen bewirkt sie, dass die Immunzellen die Krebszellen erkennen, angreifen und zerstören. Idealerweise werden dabei gesunde Körperzellen nicht geschädigt. Passiert es doch, können sehr unterschiedliche Nebenwirkungen auftreten. Wichtig ist, diese möglichst früh zu erkennen. Das erfordert die Erfahrung des Arztes. „Die Immuntherapie ist eine Revolution“, formuliert es Reinmuth, der inzwischen täglich damit arbeitet. „Und sie funktioniert gerade auch bei Rauchern.“ Zurzeit wird weltweit daran geforscht, welche der Mutationen des Tumors – sogenannte Neoantigene – sich besonders als Ziel für eine Immuntherapie eignen.

Individuelles Therapiepuzzle

Das genetische Profil des jeweiligen Lungenkarzinoms lässt sich anhand einer molekulargenetischen Analyse der individuellen Tumorzellen erstellen. Dies passiert in spezialisierten Laboren, die Zelltypen und Untergruppen von Immunzellen erfassen. Eine komplizierte Analyse – aber den neuen Leitlinien entsprechend hat jeder Patient mit nicht kleinzelligem Lungenkarzinom im fortgeschrittenen oder metastasierten Stadium Anspruch auf so eine Tumoranalyse. „Wir untersuchen, ob sogenannte Treibermutationen vorhanden sind. Dann erfolgt oft eine zielgerichtete Behandlung mit Tabletten. Wenn der Tumor damit jedoch nicht behandelbar ist, machen wir mit der Kombination aus Chemotherapie und Immuntherapie gute Erfahrungen“, so Dr. Reinmuth. „Es werden ständig neue relevante molekulare Veränderungen bekannt, spezifische Therapien entwickelt und zugelassen. Daher gibt es immer kompliziertere molekulare Tests“, so der Mediziner. Er empfiehlt Patienten, sich für die Analyse in einem durch die Deutsche Krebsgesellschaft zertifizierten Zentrum vorzustellen (siehe Kasten S. 46).

Privatdozent Dr. Niels Reinmuth
Der Pneumologe und Onkologe ist leitender Arzt der Abteilung Onkologie an derAsklepios-Klinik für Pneumologie und Thoraxchirurgie in München-Gauting


90 % der Männer und bis zu60 % der Frauen, die an Lungenkrebs erkranken, warenRaucher
Robert Koch Institut Zentrum für Krebsregisterdaten 2017


TÜCKISCH
Bis ein Lungentumor endlich bemerkt wird, hat er meist schon gestreut


GENAU HINGEHÖRT
Das Stethoskop ist das erste Diagnose-Instrument bei Atembeschwerden


LUNGENSPIEGELUNG
Bei der Bronchoskopie wird ein Endoskop über die Nase zu den Bronchien geführt


Die Therapie bei Lungenkrebs ändert sich gerade fundamental. Ein Patient mit nicht kleinzelligem Karzinom und Metastasen hat eine mittlere Lebenserwartung von vier Monaten. Mit Chemotherapie liegt sie bei zehn bis 14 Monaten. In Kombination mit der Immuntherapie oder anderen personalisierten Therapien kann sich der Zeitraum inzwischen sogar verdreifachen.

Krebszellen mit Tarnkappen

Grundsätzlich erkennt das Immunsystem abweichende Zellen und vernichtet sie. Dazu müssen sie aber deutlich vom gesunden Gewebe abweichen. Nicht alle Krebszellen zeigen so eindeutige Merkmale. Zudem verändern Tumorzellen sich ständig. Sie können Ausweichstrategien entwickeln, indem sie sich unsichtbar für das Immunsystem machen oder die Immunreaktion hemmen. Das ist der Grund, weshalb eine allgemeine Stärkung des Immunsystems zur Krebsbekämpfung in der Regel nicht ausreicht. Immuntherapien nutzen das körpereigene Immunsystem, um Krebs zu bekämpfen. Es gibt Tumorarten, die auf eine Immuntherapie kaum ansprechen. Der nicht kleinzellige Lungenkrebs gehört jedoch zu den Krebsformen, die häufiger Tumorantigene ausbilden und daher für die Immuntherapie geeignet sind. Erst wenige Immuntherapien sind bereits zur Behandlung von Krebspatienten zugelassen. „Überwiegend werden sie für Betroffene mit fortgeschrittener Erkrankung eingesetzt“, erklärt Dr. Reinmuth. „Doch da sie so effektiv sind, laufen jetzt zahlreiche Studien für alle Stadien, auch an unserer Klinik.“

So läuft die Immuntherapie ab

Im gesunden Immunsystem aktivieren sogenannte Checkpoints die T-Zellen, um Krankheitserreger zu zerstören und andererseits überschießende Reaktionen gegen körpereigene, gesunde Zellen zu verhindern. Manche Krebszellen können sich so verändern, dass sie die Checkpoints nutzen, um die Immunzellen auszuschalten. So hemmen sie die T-Zellen und können sich ungehindert ausbreiten.

DIREKTER WEG
In speziellen Zentren werden Immunzellen dem Patienten per Infusion verabreicht


Hier setzt die Immuntherapie mit Checkpoint- Inhibitoren an. Dabei erhalten Patienten im Labor hergestellte Eiweißmoleküle – monoklonale Antikörper – als Infusion. Diese Immun-Checkpoint-Hemmer docken an die Rezeptoren der T-Zellen an und verhindern so die von den Tumorzellen veranlasste Unterdrückung der Immunantwort. Mehrere der Moleküle sind zur Therapie bereits zugelassen, auch für andere Krebsarten (siehe links).

„Eine alleinige Therapie mit einem Checkpoint- Inhibitor kommt für etwa 30 Prozent der Patienten mit metastasiertem, nicht kleinzelligem Lungenkrebs in Betracht“, berichtet der Lungenkrebs-Experte. „Bei ihnen ist die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs der Immuntherapie so groß, dass auf eine Chemotherapie verzichtet werden kann.“ Patienten erhalten die Antikörper ein- bis zweimal im Monat als Infusion über eine Vene. Die Nebenwirkungen sind oft weniger dramatisch als bei der Chemotherapie, sie können aber auch Entzündungen der Lunge oder des Darms, Ausschläge oder Juckreiz hervorrufen und sogar ein Absetzen nötig machen. Ohne Wartezeit geht es leider nicht: Bis eine Wirkung eintritt, vergehen mehrere Wochen.

@ lifeline.de/lungenkrebs/
ErsteAnzeichen und Beschwerden, die auf ein Bronchialkarzinom hinweisen

54.000 Patienten
erhalten in Deutschland pro Jahr die Diagnose Lungenkrebs. Meist handelt es sich um das nicht kleinzellige Karzinom

Spitzen- Zentren
Individuelle Therapien und molekulare Diagnostik finden Patienten in zertifizierten Zentren. Infos: nngm.de (Lungenkrebs), oncomap.de

Welche Therapie ist die richtige?

Neue Säule neben Chemo, Bestrahlung und Operation ist die Einwirkung aufs Immunsystem

Formen der Krebs-Immuntherapie

Vor allem die sogenannten Checkpoint-Inhibitoren eröffnen ganz neue Möglichkeiten. Nicht nur bei Lungenkrebs, auch bei bestimmten Formen von schwarzem Haut- und Darmkrebs, Blasen- und Nierenzellkarzinom.

Immun-Checkpoint-Hemmer Manche Tumore schalten das Immunsystem aus, indem sie mit dem Protein PD-1 für den programmierten Zelltod, der die Arbeit des Immunsystems hemmt, zusammenarbeiten. Die Wirkstoffe Nivolumab, Pembrolizumab, Atezolizumab und Durvalumab sind in der Lage, das Immunsystem wieder einzuschalten. Ein Biomarkertest prüft, ob entsprechende Oberflächenstrukturen auf den Krebszellen vorhanden sind. In den neuen Leitlinien zur Lungenkrebsbehandlung wird empfohlen, dass alle Patienten mit nicht kleinzelligem Lungenkarzinom darauf getestet werden. Seit wenigen Monaten ist erstmals ein Checkpoint-Inhibitor für Brustkrebs verfügbar (Atezolizumab).

CAR-modifizierte T-Zellen Bei den chimären Antigen-Rezeptoren (CAR) handelt es sich um synthetische Moleküle, die individuell für einen Patienten im Labor hergestellt werden. Per Gentransfer werden sie in die T-Zellen im Körper eingebaut und sollen sie aktivieren, den Tumor zu bekämpfen. In Europa sind zwei CAR-T-Produkte zugelassen bei Blut- und Lymphknotenkrebs (siehe S. 48). Die Therapiemöglichkeiten sind aber noch stark begrenzt.

Therapeutische Krebsimpfung Es gibt noch keine Zulassungen für diese Therapieform. Die Strategie zielt darauf ab, Patienten Bestandteile ihres eigenen Tumors zu injizieren, um das Immunsystem zum Angriff zu stimulieren. Untersucht wird noch, ob sie in Kombination mit Immun-Checkpoint-Inhibitoren wirkt.


FOTOS: ARBANAS/GETTY IMAGES

FOTOS: GETTY IMAGES (2), ALAMY